Gehör in Gefahr

Unsere Welt wird immer lauter. Verkehrs- und Industrielärm beeinträchtigen uns im Alltag ebenso wie die Dauerberieselung durch Musik. Von Letzterer sind vor allem Kinder und Jugendliche stark betroffen.

Was echte Ruhe ist, kennen inzwischen immer weniger Menschen. Überall rattert, poltert, kracht und dröhnt es. Mobilität wird in unserer Gesellschaft grossge-schrieben, und wir alle profitieren davon. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist eine Umweltbelastung mit Abgasen - und Lärm. Dieser Lärm kann unsere Lebensqualität zum Teil stark beeinträchtigen. Noch schädlicher für unser Gehör ist jedoch Lärm in Form von lauter Musik, der wir uns freiwillig aussetzen. Vor allem Kinder und Jugendliche sind dadurch gefährdet.

Kopfhörer im Dauereinsatz
Ab einem gewissen Alter gewinnt Musik für Kinder und Jugendliche immer mehr an Bedeutung. Mit ihren musikalischen Vorlieben werden sie einerseits Teil einer Gemeinschaft von Fans und andererseits grenzen sie sich von Gleichaltrigen mit einem anderen Geschmack ab. Kinder und Jugendliche hören bewusst andere Musik als ihre Eltern, und zwar am liebsten laut, um ganz in ihre Welt abzutauchen. Spielen sie ihre CDs auf einer Stereoanlage ab oder schliessen sie den MP3-Player an Boxen an, können wir Eltern eingreifen, wenn wir merken, dass sie es mit der Lautstärke übertreiben. Um diese Ermahnungen zu umgehen, weichen Kinder und Jugendliche gerne auf den Gebrauch von Kopfhörern aus. So kehrt vordergründig Ruhe ins Haus ein. Das Problem ist nur, dass die Kids ihre Musik mit Kopfhörern nicht leiser drehen, sondern meist noch lauter. Mit bösen Folgen für das Gehör.

Doch nicht nur die Lautstärke, sondern auch die Dauer des Musikkonsums spielt eine Rolle für die Gefährdung des Gehörs. Wegen ihrer handlichen Grösse kann man MP3-Geräte überall mitnehmen und damit ständig Musik hören: unterwegs, in der Schulpause, beim Hausaufgabenmachen, abends vor dem Schlafengehen im Bett. So summieren sich über den ganzen Tag gesehen schnell einmal einige Stunden Hörzeit. Dank der Kopfhörer kann man die Musik so laut einstellen, wie man will, ohne die Umgebung gross zu stören. Kleine Stöpselhörer, die in jedem Hosensack Platz haben, sind zwar praktisch, aber sie dichten in der Regel schlecht ab. Um bei solchen Hörern die Geräusche der Umgebung ganz auszublenden, drehen Jugendliche ihre Musik oft sehr laut auf. Und wir Eltern merken nichts davon.

Nicht so laut!
Doch nicht jede Art von Lärm muss unbedingt laut sein. Ein steter Tropfen aus dem Wasserhahn oder das Ticken einer Uhr ist relativ gesehen vielleicht nicht wirklich laut, kann uns aber trotzdem stören und ablenken. Darüber, was Lärm ist, entscheidet auch unser Geschmack. Für den einen ist das Läuten der Kirchenglocken ein schöner Klang, für den anderen ein Ärgernis. Wenn wir selber Lärm verursachen, nehmen wir das oft gar nicht wahr. Wenn aber unsere Nachbarin ausgerechnet dann ihren Staubsauger anlässt, wenn wir ein Nickerchen machen wollen, dann erzeugt sie in unseren Ohren Lärm.

Darüber, was Lärm ist, kann man sich streiten, Lautstärke hingegen lässt sich objektiv überprüfen. Dabei wird der Schalldruck, also der Druck, mit dem die Luft unser Trommelfell zum Schwingen bringt, gemessen. Die Masseinheit dafür ist Dezibel (dB). Bei der Bestimmung des Schalldruckpegels wird dem Messinstrument ein Filter (A) vorgeschaltet, der die anatomischen Eigenschaften des menschlichen Ohrs aufweist. Daraus entsteht die Masseinheit dB(A). Gemäss Suva bewegt sich eine normale Unterhaltung in Zimmerlautstärke um 60 dB(A), starker Strassenverkehr erreicht einen Wert um 80 dB(A). Unerträglich laut ist ein Düsentriebwerk beim Start mit 140 dB(A) und Knallkörper, mit einem Wert knapp unter 160 dB(A). Die durchschnittliche Schmerzgrenze eines Erwachsenen liegt bei 120 dB(A). Bei einem Wert von 140 dB(A) tritt eine irreversible Schädigung des Gehörs ein, die weder mit Medikamenten noch durch eine Operation behoben werden kann.

Wie laut darf denn Musik sein, ohne einen Hörschaden zu hinterlassen? Experten geben an, dass Kinder einen Grenzwert von 65 dB(A) ertragen, Jugendliche von 70 und Erwachsene von 75 dB(A), gemessen über eine Dauer von 24 Stunden. Bei einem Rockkonzert bewegt sich der Schalldruckpegel allerdings schnell einmal zwischen 95 und 105 dB(A), in Discos zwischen 90 und 100 dB(A) und bei MP3-Geräten gibt es eine grosse individuelle Spannbreite zwischen 70 und 110 dB(A).

Wie bitte?!
Hörverlust durch Lärmeinwirkung macht sich in der Regel dadurch bemerkbar, dass hohe Töne nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Weil der Hörverlust schleichend einsetzt, bleibt er am Anfang oft unerkannt. Erst wenn auch tiefere Frequenzen davon betroffen sind, wie sie in der sprachlichen Kommunikation vorkommen, merkt man, dass etwas nicht stimmt. Besteht ein Verdacht auf Hörverlust, sollte man sich für einen Hörtest beim Arzt anmelden. Eine ungefähre Angabe vermitteln Hörtests, die man online machen kann (siehe Box). Bei einem Drittel der Hörgeschädigten aufgrund von übertriebener Lautstärke tritt Tinnitus ein. Damit bezeichnet man ein chronisches Ohrensausen, das von den Betroffenen als störend empfunden wird, weil das Geräusch nicht einfach abgestellt werden kann - auch nachts nicht, wenn man schlafen möchte.

Hörverlust ist leider längst keine Randerscheinung, die nur ältere Menschen
betriftt. In Deutschland soll schon jeder vierte junge Mann einen Hörschaden haben aufgrund von zu lauter Musik an Konzerten, Discos und aus MP3-Geräten. In der Schweiz sind etwa 600000 Personen von Hörverlust betroffen, darunter immer mehr Kinder und Jugendliche, dazu kommen noch etwa 300000 Menschen, die an Tinnitus leiden. Wo Menschen leben, entsteht Lärm, und es ist unmöglich, ihm ganz zu entfliehen. Aber es lohnt sich, vermehrt auf unser Gehör zu achten. Es ist der direkte Schlüssel zur Sprache und damit für das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen. Schwerhörigkeit kann isolieren und einsam machen - dessen sind sich Kinder und Jugendliche nicht bewusst, wenn sie ihren MP3-Player auf volle Lautstärke stellen. 

Online-Hörtests: 
Die Website des Schweizer Hörsystem-Herstellers Phonak will auf vielfältige und interaktive Art das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für das Thema Hören und Hörverlust fördern. 

Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.hear-the-world.com

 Infos Links:
laermorama.ch - Interaktive Plattform zum Thema Lärm mit vielen spannenden Infos nicht nur für Erwachsene, sondern vor allem auch für Kinder und Jugendliche.

Die Suva engagiert sich in der Lärmbekämpfung in der Freizeit und bietet unter anderem eine CD «Audio Demo 3» an mit 99 Hördemonstrationen (Bestellnr. 99051). Weitere Informationen zum Thema und Unterrichtsmaterial für Schulen findet man bei suva.ch.

Tinnitus-Hörproben findet man auf earplugs.ch

erstellt von Nadia Fernandez