Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Prüfungsängsten und Lernblockaden. Die Gründe dafür liegen oft im eigenen Perfektionismus und gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Eltern können ihren Kindern helfen, indem sie deren Selbstwertgefühl stärken und die Noten relativieren.
Wenn die Prüfung zum Albtraum wird
Prüfungen und Klausuren sind der häufigste Stressfaktor für Kinder und Jugendliche, wie die Jugendstudie von Pro Juventute 2026 ergeben hat. 38,2 Prozent der Befragten geben an, dass sie durch Prüfungen und Klausuren häufig sehr gestresst sind. Mädchen und junge Frauen sind mit 46,8 Prozent mehr von Prüfungsängsten betroffen als Jungs bzw. junge Männer mit 30,1 Prozent. Somit steht dieser Faktor bei den Jugendlichen an erster Stelle aller abgefragten Stressoren. Wir haben uns mit Gabriela Heimgartner, Lerncoach und Präsidentin von Schule und Elternhaus Bern, über die Ursachen unterhalten. Zudem wollten wir wissen, wie man als Eltern und Lehrpersonen auf solche Ängste reagieren kann.
Mit zunehmendem Alter
Prüfungsängste und Lernblockaden nehmen laut Gabriela Heimgartner im Laufe des Alters zu. «Während in den ersten Jahren der Primarschule, die Kinder noch unverkrampft mit Tests umgehen, nimmt die Prüfungsangst mit zunehmendem Alter, bis hin zur Universität, zu.» Sobald die Selektion in der Schule an Bedeutung zunehme, und mit ihr die Benotung der Schulleistungen sowie der damit verbundene Druck auf die Schülerinnen und Schüler, häufen sich offenbar auch Ängste vor Prüfungen. Häufig verstärke sich diese Tendenz bei Übergängen wie Klassenwechsel, dem Eintritt in die Oberstufe oder dem Übertritt ins Gymnasium. Das bedeutet nicht, dass ein Kind «schlecht» ist, sondern dass die Anforderungen gestiegen sind und bisherige Strategien nicht mehr genügen. Ohne stabiles Selbstwertgefühl und gezielte Strategien könne dadurch die Prüfungsangst verstärkt werden.
Angst, nicht zu den Besten zu gehören
Was überrascht: Laut Gabriela Heimgartner sind oft jene Kinder und Jugendlichen von Prüfungsängsten und Lernblockaden betroffen, die über gute bis sehr gute Schulnoten verfügen. Doch weshalb fürchten sie sich dann vor Prüfungen? «Hier spielt der Perfektionismus eine wichtige Rolle», erklärt der Lerncoach. «Sie haben Angst, nicht zu den Besten in der Klasse zu gehören und keine Sechs zu schreiben.» Nicht selten seien bei den Betroffenen auch innere Glaubenssätze im Spiel, die Leistung mit Identität verknüpfen. Oder sie glaubten, nur wertvoll und liebenswert zu sein, wenn sie die entsprechenden Leistungen erbringen. Prüfungen greifen somit direkt den Selbstwert dieser Menschen an. Hinzu kommen Ängste im Sinne von: «Wenn es nicht klappt, ist alles vorbei.» Die Betroffenen sehen keine sichtbaren Alternativen beispielsweise zum Gymnasium und setzen sich entsprechend unter Druck. Zudem fehlt – besonders bei ausländischen Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern – das Wissen über das Schweizer Bildungssystem mit seinen verschiedenen Bildungswegen.
Der Einfluss der sozialen Medien
Ein weiterer starker Einflussfaktor ist laut Gabriela Heimgartner der familiäre und gesellschaftliche Einfluss. Oft würden die Eltern den erwähnten Perfektionismus unterstützen und den Druck auf das Kind verstärken. Hinzu kommen die sozialen Medien: «Auf diesen Plattformen ist der Perfektionismus omnipräsent. Gezeigt wird nur, was perfekt ist», berichtet Gabriela Heimgartner. Kinder und Jugendliche seien für solche Botschaften besonders empfänglich. Ängste vor Prüfungen und Blockaden beim Lernen drücken sich, je nach Schülerin oder Schüler, unterschiedlich aus. Die Lernberaterin berichtet, dass Kinder, die einem Fach besonders gut sind, aber etwa in Mathe Mühe haben, das schlechte Fach vermeiden und an Prüfungen wie blockiert sind. «Daraus entsteht jedoch ein Teufelskreis. Durch die Lernblockade im betroffenen Fach verschlechtern sich die Schulleistungen meist zusätzlich.» Dieses Verhalten könne bis zur Schulabstinenz führen. Auf der körperlichen Ebene machen sich Prüfungsängste oft in Form von Bauchschmerzen bemerkbar.
Richtig lernen
Richtiges und effizientes Lernen mindert das Risiko von Prüfungsangst. Dauerndes Lernen ohne Pausen überlastet das Gehirn und reduziert die Aufnahmefähigkeit. Folglich ist das «gelernte» Wissen im Prüfungsfall nicht mehr richtig abrufbar. Gabriela Heimgartner empfiehlt, nach einer halbstündigen Lernphase eine Pause einzubauen und diese zum Beispiel mit Musikhören, Sport, Malen, Handarbeit oder Ausruhen zu füllen. Nicht empfehlenswert sei hingegen die Ablenkung am Bildschirm, weil dadurch das Gehirn das Gelernte nicht richtig verarbeiten könne. Und schliesslich geht es nicht ohne ausreichend Schlaf, um am nächsten Morgen in der Schule aufmerksam und präsent zu sein.
Mut und Ausdauer loben
Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler unter Prüfungsängsten leiden? «Es braucht eine grundlegende Änderung in der Fehlerkultur zu Hause wie auch in der Schule», betont Gabriela Heimgartner. Das bedeutet: Eltern sollten ihre Kinder nicht nur loben, wenn sie Bestleistungen erbracht haben und alles «perfekt» machen. Besser sei es, den Mut und die Ausdauer der Kinder zu loben. «Im Zentrum sollte die Individualität des Kindes stehen.» Kinder lernen im Umgang mit Stress und Druck weniger durch Erklärung als durch Beobachtung. Wenn Eltern zu eigenen Fehlern stehen, Herausforderungen offen annehmen und konstruktive Strategien vorleben, kann dies für Kinder ein wertvolles Lernfeld für den eigenen Umgang mit Belastung sein.
Wenn Eltern ihre Kinder überbehüten
Genauso schädlich ist ein überbehütendes Verhalten der Eltern, das darauf ausgerichtet ist, dem Kind jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen und es bei den kleinsten Konflikten zu schützen. Kindern wird dadurch die Erfahrung verunmöglicht, Fehler zu machen, dass sich Anstrengung lohnt und sie selbst fähig sind, Schwierigkeiten zu bewältigen und Probleme zu lösen. Gabriela Heimgartner rät den Eltern, ihre Kinder beim Lernen zu motivieren, statt zu korrigieren. Oft sei es sogar besser, wenn externe Personen wie Grosseltern oder eine Nachhilfelehrperson diesen Part übernehmen. Kindern, die zu Perfektionismus tendieren, stellt Gabriela Heimgartner gerne Fragen wie: Welche Note wirst du an der nächsten Prüfung schreiben? Was denkst du, würde auch die Note Vier reichen? Was würde dann passieren? «Ich versuche, den Kindern klarzumachen, dass sie auch mit einer Note Vier gute Menschen sind und über wertvolle Qualitäten verfügen.»
Lernstrategien entwickeln
Manchmal brauchen betroffene Schülerinnen und Schüler externe Hilfe, um ihre Prüfungsängste und Lernblockaden zu überwinden bzw. besser mit ihnen umzugehen. Als Lerncoach analysiert Gabriela Heimgartner die Gründe für die Prüfungsängste. Weiter entwickelt sie mit der Schülerin oder dem Schüler geeignete Lernstrategien; dazu gehört ebenso das passende Timing beim Lernen – denn: Je früher man mit dem Lernen beginnt, umso entspannter und strukturierter kann man am Lernstoff arbeiten. Der Lerncoach empfiehlt, Lernziele zu setzen und nach einer Woche Bilanz zu ziehen. Danach sollte man sich auf jene Lerninhalte konzentrieren, die man noch nicht kann. «All dies hilft, die Selbstsicherheit aufzubauen. Sie ist die Grundlage für einen erfolgreichen Umgang mit Prüfungen.» Auch die Arbeit an der inneren Stimme, den eigenen Gedanken, gehört dazu. Sätze wie «Das kann ich nicht» werden umprogrammiert hinzu: «Ich schaffe das.»
wNoten relativieren
Das Setzen von realistischen Zielen und Zwischenzielen hilft, besser mit Herausforderungen wie auch Rückschlägen umzugehen. Manchmal müssen Noten auch relativiert werden, denn ihre Bedeutung für das Leben wird gerade von Eltern, Kindern und Jugendlichen oft überschätzt. Gabriela Heimgartner empfiehlt den Eltern, die Prüfungen mit ihren Kindern stets nachzubesprechen. Und warum nicht ein gemeinsames Glace- Essen in Aussicht stellen – sei es als Belohnungs- oder Trost-Glace …