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Von Schwächen und Stärken

Unser Kolumnist, Heilpädagoge Gerhard Spitzer, betrachtet manch eine «schriftliche Schwäche» aus dem bewährten Blickwinkel der Kinder.

Bild: © Dean Drobot/Shutterstock.com

Nachdenkpause

Begriffe wie «Legasthenie», «Dyskalkulie» oder die immer mehr um sich greifende «Lese-Rechtschreibstörung» (LRS), neuerdings durch das etwas sperrige Wort «Dyslexie» ersetzt, sind überall in der Schweiz umgangssprachlich durchaus präsent.
Doch wie sprechen, oder besser gesagt, «denken» Kinder eigentlich darüber? Der mit LRS diagnostizierte Steffen und die dreizehnjährige Pia eröffnen uns unbewusst sehr (ent)spannende «Denkwege» …

Gut genug?

Der neunjährige «lese- und rechtschreibschwache» Steffen aus Rapperswil muss, weil als solcher hochoffiziell zertifiziert, pünktlich bei seinem wöchentlichen Legasthenie-Training einchecken. Damit ists aber noch nicht getan: Obendrein hat er noch Termine mit einer Ergotherapeutin und macht auch seine Aufwartung bei Kleingruppen-Stündchen zwecks «Sensorischer Integration»!
Da man aktuell davon ausgeht, dass es sich bei Legasthenie um eine «neurobiologische Störung» handelt, die eine beeinträchtigt Wahrnehmungsverarbeitung verursacht, ist es doch sicherlich gut, wenn man so umfassend betreut wird wie Seffen, oder?
Vroni, die alleinerziehende Mama, ist jedenfalls sehr zufrieden und Steffens Lehrer sind jetzt auch viel beruhigter. Dabei zeigt mir ein vergleichender Blick auf die Schulhefte, dass der gute Bub aktuell auch nicht viel schöner schreibt oder signifikant «richtiger» als früher! Aber das scheint jetzt nichts mehr auszumachen. Offenbar denken alle: «Mit längerer professioneller Begleitung wirds schon werden!»
Zufriedenheit allenthalben!

Steffen allerdings wirkt im Einzelgespräch alles andere als zufrieden, ja sogar ein wenig traurig. Beim Spaziergang zwischen den Gärten stellt der Junge dann kurz und bündig fest: «Weisch? I bsueche do en Kurs! Aber i bi sowieso nie gued gnueg für mis Mami!»
Noch Fragen?

Nachteilsausgleich?

Bitte verstehen Sie mich nicht miss! Ich plädiere nicht grundsätzlich dafür, nützliche medizinische / therapeutische Hilfsa nsätze zu reduzieren. Es gibt sie, um manch einen massiven Leidensdruck aufzufangen. Gut so! Aber aus Sicht des Heilpädagogen darf und muss ich zur Achtsamkeit aufrufen: Es sollte nicht geschehen, dass für manche Kinder jener Leidensdruck erst verursacht wird, der dann im Zuge eines Nachteilsausgleichs um jeden Preis «behandelt» werden muss. Steffen und zahllose andere Kinder haben durchaus das Recht, auch bei weniger gutem Schrift-und Rechtschreibbild «gut genug» für ihre wichtigsten Bezugspersonen sein zu dürfen. Oft ist das alleine schon Heilprozess genug für kleine «LRS-ler».

Klar: Kinder beschweren sich nur selten über «heilsame» Programme, die ihre Bezugspersonen für sie fahren. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle liebevoll-klärende Hinweise: «Mein Schatz! Du bist für mich, egal ob mit oder ohne Kurs, immer gut genug!»

Baden in Lauten, früher

Pia aus Zürich ist schon immer ein Plappermäulchen gewesen! Schon als Vierjährige hat sie endlose «geheime Geschichten» kreiert und stundenlang vor den Eltern rezitiert. Auch eine bis heute unentschlüsselt gebliebene «Elbensprache» hat sie erfunden. Bis heute scheint sie geradezu in Lauten «baden» zu wollen! Bis zu ihrem achten Lebensjahr – dem Jahr, in dem sie mir vorgestellt worden ist – hat sie sich allerdings beharrlich geweigert, zu schreiben! Vom «Rechtschreiben» ganz zu schweigen.
Den damals verzweifelten Eltern habe ich dazu geraten, die kleine Elbin versuchweise noch eine Zeit lang geduldig weiterhin Geschichten erzählen, vor allem aber «hören» zu lassen, anstatt sie unter schreibtechnischen Druck zu setzen oder gleich eine «vorsorgliche Therapie» anzustreben. Ab diesem Zeitpunkt sind Hörbücher zu Pias Erlebensmittelpunkt geworden. Mit immer grösserem sprachlichem Wortschatz ist das hochkreative, geheimnisvolle Erzählen, Ausschmücken, Nacherleben und bildhafte Darstellen zu ihrer zweiten Natur geworden! Vielleicht ist es aber auch schon immer ihre Natur gewesen? Wer weiss? Schön für mich, das erlebt zu haben! Doch mit dem Schreiben haben wir dem Mädchen, dank Privatschule, ausreichend Zeit lassen können.

Baden in Schrift, heute

Pia ist heute 13 Jahre alt und «badet» auf einmal mit rührender Begeisterung in Schrift! Erstaunlich, nicht? Aktuell schreibt sie am liebsten in Reimen. Und siehe da: In ihren pfiffigen Vierzeilern tauchen kaum noch Rechtschreibfehler auf! Ein Wunder? Nein, nur das vorangegangene, geduldige Zulassen der eigentlichen «Hingabe» eines Kindes an die gesprochene, intensiv gelebte Welt der Laute, nicht die Welt der Schrift. Für manch ein junges Wesen kann da ein ganzes Universum dazwischenliegen! Für unsere Pia ist das wohl so gewesen! Deshalb hat sie dann auch sehr gerne und verblüffend schnell den «Anschluss» an die anderen gefunden.

Eingesargte Sprache?

Klar wollen alle Eltern, dass ihre Kinder zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ganz bestimmte Schriftzeichen beherrschen. Schön und gut! Aber wir sollten dabei bitte nicht vergessen, dass auch unsere hübschen «As», «Bs» und «Cs» bloss erfundene Symbole sind, für die eben nicht jedes Kind exakt zur selben Zeit bereit sein kann.

Der grosse Rudolf Steiner hat unsere Schrift deshalb einmal die «Welt der eingesargten Sprache» genannt und damit klar postuliert, dass man Kindern eigentlich immer ausreichend Zeit für ihre innere Bereitschaft zum Annehmen «fremder Schriftsymbole» lassen müsse. Druckvolles Beibringen ist dabei eher hinderlich und bringt zahllose Eltern nur allzu oft auf einen letzten Ausweg: Therapie! Der Kreis hat sich geschlossen.

Schlussplädoyer

Die Praxis hat Erstaunliches gezeigt: Die Diagnose Legasthenie trifft erstaunlich häufig jene Kinder, welche man als sprachlich «überdurchschnittlich begabt» bezeichnen kann! Gerade diese grossen Geister können sich oftmals lange Zeit nicht mit unseren selbst gemachten Schriftzeichen abfinden. Vielleicht einfach deshalb, weil sie völlig unbewusst schon lange ihre ganz eigenen Symbole kreiert haben? Eine spannende Frage, die vielleicht erforscht werden sollte!

Regt das alles nicht zum Nachdenken an, liebe Freunde von FamilienSPICK? Ich hoffe es jedenfalls von Herzen!
Daher meine ich, dass in vielen Fällen die nur allzu oft gehörte Aussage «Mein Kind wird nie ordentlich schreiben lernen!» überdacht werden darf!

Sollten auch Sie vielleicht irgendwann Gelegenheit haben, Ihr Kind darin zu fördern, wofür es sprachlich wirklich «brennt», dann tun Sie es bitte und verlieren Sie dabei ruhig ein wenig Zeit, denn …

Sie werden es mögen!

Bild: © Gerhard Spitzer / Foto: Walter Dormaier

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