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Willkommen in Absurdistan – Eltern im Ausnahmezustand?

Glosse über Pandemie-kompatible Verhaltensbesonderheiten

Bild: © Gerhard Spitzer / Foto: Walter Dormaier

Lebensrezept?

Corona-Prophylaxe? Gut! Braves Verhalten? Ziemlich gut! Vernunft im aktuell «hochgradig tödlichen» Alltag? Sehr gut! In puncto Vernunftbonus ist die Schweiz zahlreichen anderen Regionen einen guten Schritt voraus. Lobenswert, übrigens! Beispielsweise uns gegenüber, hier in Österreich. Schlimm, was hier so alles verboten war und spannenderweise immer noch ist! Aus Angst vor Ansteckung!  Aber: Sind Angst und vielleicht sogar Panik ein gutes pädagogisches Lebensrezept?

Lassen wir dazu einen grossen Denker zu Wort kommen:

ANGST KANN UNS ZWAR DAVOR BEWAHREN, DAS UNRECHTE ZU TUN, ABER SIE BRINGT UNS NOCH LANGE NICHT DAZU, DAS RECHTE ZU TUN!
Alfred Adler

Nun gehört es aber zu den Grundaufgaben von uns Eltern, unsere Kinder darauf vorzubereiten, irgendwie «das Rechte», will heissen, das Richtige zu tun! Aber wenn wir unserem lieben Nachwuchs jetzt gerade vorleben, dass die maximale Portion Angst im Leben darin zu bestehen hat, von irgendjemandem tröpfchenweise angesteckt zu werden, wird ihn diese kategorische Vermeidungshaltung in die «richtige Lage» für genügend Lebenskompetenz versetzen?

Von Herzen?

Möglicherweise ist es ja alles gut, was man bisher so unternommen hat. «Alles ist möglich», so sagt man! Aber ich habe ein wenig Zweifel, ob man vor Einsatz all der doch recht ordentlichen Massnahmen wirklich aus tiefstem Herzen daran gedacht hat, was unser daraus resultierendes Verhalten mit den naturgemäss empfindsamen, unentwegt lernenden Herzen unserer Kinder anrichten könnte!

Ich muss es nochmals betonten: Vorbildhaft, dass man in der Schweiz als Krisenmassnahme auch den gesunden Menschenverstand mitwirken lässt! Aber wenn man so in die Landschaft schaut, sieht man diesen dennoch erstaunlich oft aussetzen. Wenn so ein «Verstandes-Aussetzer» aber akkurat dann abläuft, während Kinder in der Nähe sind, dann, liebe Leute, macht das nun wiederum mir ein klein wenig Angst!

Wie, liebe Freunde von FamilienSPICK,, das glauben Sie noch nicht so recht? Dann folgen Sie mir doch mutig bei drei Kurzausflügen nach Absurdistan… Kopfschütteln erlaubt!

Absurdistan, die Erste – Rückwärtsgang

In einer MIGROS irgendwo bei Zürich: An einem Ende des Zwanzigmeter-Ganges: Ich! Am anderen erscheinen folgende Akteure: Ein Hamsterkauf-überladenener Einkaufswagen, eine junge Mutter und ein etwa fünfjähriges Mädchen. Letzteres verdient gleich auf den ersten Blick einen Dreifach-Bravsein-Bonus: Erstens: Die Kleine hält sich artig am Gestänge des Wagens fest.

Zweitens: Das Girl ist superstill! Kein handelsüblich-kindgerechtes Kleines-Mädchen-Geplapper.

Drittens: Gipfel der «Bravheit»: Prinzesschen trägt eine Maske! Das winzige Gesichtchen ist von dem Stoffteil nahezu voll ausgebucht, da der Fetzen flächendeckend für Erwachsene zugeschnitten ist. Absurdistan passiert, als die gute Frau, noch mehr als 15 Meter von mir entfernt, mit panischem Blick zuerst mich anvisiert und dann entsetzt auf ihr Kind schaut. Sofort unterbricht Mom ihren Schiebeprozess und schaltet den Panik-Rückwärtsgang ein. Das eigentlich noch immer vorwärtsstrebende Kleinkind bekommt es jetzt mit Muttis gut gehegter Muskelkraft zu tun, als sie Kind mitsamt Wagen mit sich zerrt und aus der Regalzeile entschwindet. Noch lange höre ich die Kleine, aus dem falschen Gang zu mir herüber quengeln. Das Kind kennt sich ganz offensichtlich grade gar nicht mehr aus. Genau wie ich! Was war das denn? Panik für zwei? Kindgerechte Corona-Prophylaxe? Ich beruhige mich: «Ist sicher nur ein Einzelfall!» Aber: leider nicht: Noch in derselben Stunde erlebe ich drei nahezu identische Szenen!

Absurdistan, die Zweite – Spaziergang

Neulich kommt mir zwischen Gärten in der Nähe von Rapperswil eine Frau mit einem etwa achtjährigen Buben entgegen. Was mir schon von Weitem auffällt, ist der ängstliche Blick der Mutter! Doch der folgende Aktionismus erwischt mich dann doch eiskalt: Als wir einander auf ohnehin schon zweieinhalb Metern Abstand begegnen, grapscht die Gute nach ihrem Kind und drückt sich selbst und den Jungen dermassen fest an einen Zaun, dass der sich deutlich verbiegt. Ängstlich beobachten mich Mutter und Kind, bis ich endlich vorbei bin. Puuh – Glück gehabt!  Ich frage mich: «Gehts noch?»

Tja! Ist halt ein schweres Los, so eine potenzielle Virenschleuder zu sein! Und der arme Bub weiss das jetzt auch … Wie sich das für mich angefühlt hat und wahrscheinlich für tausende andere in ähnlicher Lage, haben mich die beiden allerdings nicht gefragt! Doch es kommt noch dicker …

Absurdistan, die Dritte – Strafgang

Mama Sonia aus Chur klingt am Handy verzweifelt: «Unser Benni weint andauernd seit dem, was gestern passiert ist! Bitte helfen Sie uns!»
Bennis unglaubliches Corona-Erlebnis: Der quirlige Neunjährige hat genug vom Herumsitzen daheim. Er sehnt sich nach seinem besten Freund, Jonathan. Der wohnt nur fünf Häuser weiter in der Siedlung. Jonathans Familie ist mit Bennis Leuten schon seit gut 15 Jahren eng befreundet. Beste Ausgangsdaten, würde ich mal sagen. Doch die Enddaten sind schon viel weniger «bestens». Bennis Besuch bei seinem Kumpel endet nämlich nach kaum einer halben Stunde auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens! Als die beiden ahnungslosen Freunde einander mit freudigen Umarmungen begrüssen, findet der Vater Jonathans nichts Lustigeres zu tun, als kurzerhand die Polizei anzurufen! Ja! Richtig gelesen! Keine Rücksprache mit den alten Freunden gegenüber. Bürgerpflicht-Erfüllung vom Feinsten! Kollateralschäden inkludiert

Und die kommen dann auch zustande, als der heulende, nicht Epidemie-kompatible Benni wenig später tatsächlich nach nur neunzig Metern Fahrstrecke, gut versorgt mit einer gehörigen Standpauke, von den Beamten der fassungslosen Mutter zurückgeliefert wird. Das ist doch mal gute Arbeit, Leute!

Seit zwei Tagen sitzt der solchermassen abgestrafte und völlig verschreckte Knabe also daheim und heult sich die Seele aus dem Leib. Er versteht die Welt nicht mehr. Aber wir natürlich schon, denn formal gesehen, hat Jonathans Papa ja nur seine panische Pflicht getan.

Sicher, ein wahrlich bizarres Beispiel, aber ich gebe zu bedenken: Es ist authentisch und wirklich so passiert!

Ob solche Verhaltensauswüchse noch als «diszipliniert» und unter der Kategorie «gesunder Menschenverstand» durchgehen? Vor allem aber: Sollten wir nicht vor allen Handlungen, die wir setzen, auch an die Wahrnehmung unserer Kinder denken? Darf und soll man die eigene Freiheit immer aufgeben, um sich und seine Kinder dann in vermeintlicher Sicherheit wiegen zu können?

Ein anderer grosser Denker …

WENN DU DIE FREIHEIT AUFGIBST, UM SICHERHEIT ZU GEWINNEN, WIRST DU AM ENDE BEIDES VERLIEREN.
Benjamin Franklin

Schlussplädoyer

An manch eine gebotene Sache dürfen und sollen auch Eltern sich durchaus halten, aber denken Sie daran: Irgendwann ist der ganze Spuk sicherlich Geschichte und wir dürfen dann unseren Kindern erklären, warum die eine oder andere verquere Aktion dringend nötig gewesen ist!

Doch was spricht dagegen, schon jetzt ein wenig mehr Entspannung zuzulassen? Gar nichts! Denn auch Entspannung trägt zur allgemeinen Familien-Gesundheit bei. Gönnen Sie sich also gemeinsam etwas Leichtigkeit, auch im Umgang mit noch so schwierigen Episoden.

Sie werden es mögen!

Zur Person

Gerhard Spitzer, Heilpädagoge und Verhaltensforscher, Erfolgsautor und Seminar-Kabarettist, schreibt regelmässig und exklusiv für den FamilienSPICK, um seinen reichhaltigen «kindgerechten» Erfahrungsschatz zum Thema Erziehung mit Eltern, Lehrern oder einfach Interessierten zu teilen. Und das stets mit einem Augenzwinkern, denn: «Wenn man Spass an einer Sache hat, dann nimmt man sie auch ernst.» (Gerhard Uhlenbruck)