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Nur wer mitmacht, kann mitreden

«Nur wer mitmacht, kann mitreden» – dieser Satz löst bei Eltern meist gemischte Gefühle aus. Einerseits ist da ein gewisses Verständnis. Gleichzeitig haben viele so gar keine Lust, sich auf die reizüberfüllten und eher gehaltlos wirkenden Medieninhalte ihrer Kinder einzulassen. Die anfängliche Offenheit weicht oft einer gewissen Distanz und kritische Gedanken lassen sich nur schwer zurückhalten. Wie gelingt es Eltern trotzdem, Zugang zur Gamingwelt ihrer Kinder zu finden und damit positive gemeinsame Medien-Erlebnisse zu kreieren?

© PeopleImages/Shutterstock

In meiner Jugend war ich ein gestandener Gamer. Besonders FIFA und GTA haben mein Aufwachsen begleitet und so manch einen Sonntag dominiert. Überzeugt von meinen versierten Gameerfahrungen habe ich mich vor Kurzem an den Minecraft-Abenteuermodus gewagt, nachdem mir einige Kinder begeistert davon erzählt hatten. Als ich jedoch bereits zum dritten Mal schon nach kürzester Zeit nicht einmal die erste Nacht überlebt hatte – ohne die geringste Ahnung, wie es zu dieser Misere kam –, musste ich frustriert zur Feststellung gelangen, dass heutige Games deutlich weniger selbsterklärend sind, als ich sie aus meiner Jugend in Erinnerung hatte.

So kann ich all die Eltern bestens verstehen, die mir sagen, dass sie in der Gamingwelt ihrer Kinder kaum mithalten können und das Mitmachen dadurch nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder gänzlich frustriert. Der Frust der Kinder ist insofern nachvollziehbar, da sie bezüglich unserer Unfähigkeit wohl ähnlich die Augen verdrehen, wie wir selbst bezüglich der Unbeholfenheit unserer Elterngeneration bei ihren Computerproblemen.

Die unterschätzten Vorteile des Mitmachens

Dennoch können gemeinsame digitale Erlebnisse viele Vorteile bringen. Wer aktiv mitmacht, wird schnell merken, dass die gemeinsame digitale Beschäftigung weit mehr ist als blosser Zeitvertreib. Es eröffnet Chancen auf mehreren Ebenen, die im Familienalltag sonst oft schwer zugänglich sind.

Kinder lernen stark über Beobachtung und am Modell der Eltern. Wenn Eltern mitspielen, werden sie automatisch zu Vorbildern im Umgang mit Erfolg und Misserfolg. Sie zeigen aber auch, wie man mit dem Frust am Ende der Medienzeit umgehen kann, geduldig bleibt oder auch einmal verliert, ohne gleich auszurasten.

Gleichzeitig entsteht Raum für echte Beziehung, wo oftmals eher Differenzen dominieren. Wer sich für die digitale Welt seines Kindes interessiert und bereit ist, daran teilzuhaben, signalisiert Wertschätzung und Vertrauen. Aus dem ständigen Gegeneinander wird plötzlich ein Miteinander. Kinder werden somit nicht mehr exponiert bezüglich digitaler Risiken und Gefahren, denn sie können uns alle gleich betreffen. Damit fällt es leichter, solche schwierigen Themen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe anzusprechen.

Und nicht zuletzt stärkt das Mitmachen die Medienkompetenz. Anstatt nur Regeln vorzugeben, erleben Kinder direkt, wie Inhalte eingeordnet werden können, wie man reflektiert spielt und wo Grenzen sinnvoll sind. Das gemeinsame Erleben schafft dabei eine ganz andere Gesprächsgrundlage als reine Verbote oder Diskussionen von aussen: Warum erhalten wir für alles eine Belohnung? Wieso werden uns immer neue Skins und einmalige Quests angeboten? Oder wie kann es sein, dass wir bei Kurzvideos immer die Zeit vergessen und so frustriert sind, wenn wir aufhören sollten? All das sind Fragen, die im gemeinsamen Erlebnis ganz natürlich entstehen.

Mitmachen als Sicherheitsfaktor

Die gezielte Begleitung kann auch zur Stärkung der Sicherheit und zur Ermächtigung einer verantwortungsvollen Mediennutzung beitragen, wie aus einem aktuellen Beispiel aus meinem Beratungsalltag ersichtlich wird: Eine Mutter einer elfjährigen Tochter hat mich letztens kontaktiert, weil ihre Tochter heimlich einen WhatsApp Kanal eingerichtet hat, auf dem sie Videos ihrer Turnkünste veröffentlicht. Auch wenn die Tochter ihr Gesicht auf den Videos unkenntlich macht, fragte mich die Mutter, ob das so tragbar sei und worauf sie achten sollte.

Natürlich gibt es hier einige Risiken zu beachten, wie Cybermobbing, Cybergrooming (Kontaktaufnahme durch Pädophile) und Veränderung oder gar Sexualisierung der Inhalte durch KI. Trotzdem wäre ein Verbot hier nicht zielführend, da es das Vertrauen zerstören und die Tochter wohl Wege finden würde, dieses Verbot zu umgehen – hat sie das bis anhin doch auch. Was ist hier also eine sinnvolle Lösung? Tatsächlich kann auch hier ein Miteinander, eine gezielte Begleitung und genaue Absprache, der Tochter den gekonnten Umgang mit all den Risiken näherbringen und somit ihre Medienkompetenz fördern.

Die enge Begleitung steigert zudem die Sicherheit und ermöglicht Kontrolle, denn damit können die Eltern Bedingungen setzen, Follower und Chat überwachen, Posts mitbestimmen und das reflektierte Hinterfragen anregen. So kann man jeden Post gemeinsam einschätzen und auf Fragen eingehen: Welchen Eindruck löst der Post bei unterschiedlichen Followern aus oder was genau ist das Ziel des Posts? Dazu kann man entsprechende Erfolgsfaktoren analysieren und sich bewusst machen, was einem hier wichtig ist und wie weit man für mehr Reichweite oder Follower gehen würde, ohne seine Integrität und die eigenen Werte und Normen zu verletzen.

Wie Mitmachen Kinder und Eltern gleichermassen begeistern kann

Wie können wir aber dennoch gemeinsame Medienerlebnisse schaffen, die sowohl für Eltern als auch für Kinder motivierend und gehaltvoll sind? Tatsächlich gibt es etliche solcher digitalen Erlebnisse, hier einige konkrete Beispiele für verschiedene Altersgruppen der Kinder (allesamt kostenlos und ohne Werbung oder In-Game-Käufe):

  • 6–8 Jahre, Multiverso: Lernspiel, in dem man per Rakete durch die Erdgeschichte reist und dabei Weltall und Erdgeschichte spannend erklärt bekommt.
  • 8–10 Jahre, Sherlock Phones: Unser Handy wurde von einem Virus befallen. In Minispielen, in denen wir unser Wissen über die digitale Welt und ihre Risiken erweitern, bekämpfen wir ihn.
  • 10–12 Jahre, Wo ist Goldi?: In unserer Schule geschehen eigenartige Sachen. Wir spüren unseren verschwundenen Klassenfisch Goldi auf, gehen Schockvideos auf die Spur und lernen dabei spielerisch den sicheren Umgang mit der digitalen Welt.
  • 12–14 Jahre, Die grosse Klima-Challenge: Echte Forscher nehmen uns mit an verschiedene Klima- Forschungsstationen rund um die Welt und sogar im Weltraum – es gibt viel zu entdecken und zu erfahren!
  • 14–16 Jahre, Tonis Escape: Unser Smart Home wurde gehackt! Wir müssen uns in einem Escape-Spiel wieder daraus befreien und den Hacker jagen. Dabei erfahren wir wichtige Sachen zum Thema Smart Home, KI, autonomes Fahren oder kritische Infrastrukturen.
  • Ältere Jugendliche, Erhard City: Wir sind für alle wichtigen Entscheidungen in einer kleinen Stadt verantwortlich und müssen zentrale Herausforderungen der modernen Zivilisation bewältigen, wie Globalisierung, Klimawandel, Altersvorsorge oder Wohnungsmangel.

Übrigens: Das Problem ist nicht, dass es zu wenig sinnvolle Games (sogenannte Serious Games) gibt, sondern dass zu wenig Eltern diese kennen. Deshalb habe ich die Goldene Digitalliste erstellt mit über 150 sinnvollen Apps, Games und Plattformen verschiedenster Kategorien. Hier kannst du dir diese holen.

Durch das Mitmachen profitieren beide Seiten

Zurück zu meinem Minecraft-Abenteuer: Bei der nächsten Gelegenheit habe ich die Kinder, die mir das Spiel so begeistert empfohlen hatten, gebeten, mir meinen Fehler zu zeigen. Nach einem kurzen Moment des Gelächters erklärten sie mir geduldig, wie man eine Festung baut und warum genau diese für das Überleben der ersten Nacht entscheidend ist.

Diesen Moment der vermeintlichen Schwäche habe ich bewusst genutzt und den Kindern gesagt, wie wertvoll es doch ist, dass wir uns in der digitalen Welt gegenseitig unterstützen können. Sie helfen mir dabei, mich in neuen Games und Inhalten zurechtzufinden, und ich kann ihnen zeigen, wie sie digitale Medien sinnvoll und sicher nutzen. So profitieren beide Seiten von den Erfahrungen der jeweils anderen Generation.

Diese Haltung halte ich für zentral und empfehlenswert für alle Eltern. Denn gerade in der Medienerziehung zeigt sich immer wieder: Nur wer mitmacht, kann mitreden! Und hätten wir unsere eigene Elterngeneration damals stärker einbezogen, müssten wir heute vielleicht nicht ganz so oft bei frustrierenden Computerproblemen aushelfen.