Handys bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen die Gesellschaft, Politik und Forschung seit Jahren. Spätestens seit dem Handyverbot an Schulen in diversen Kantonen ist dieses Thema wieder ins Rampenlicht gerückt. Manche begrüssen ein Verbot, andere setzen auf Eigenverantwortung und klare Regeln.
Soll die Schule zur Handy-freien Zone Werden?
Smartphones haben in kurzer Zeit den Alltag und die Lebenswelt von Jugendlichen erobert und durchdrungen. Im Jahr 2010 besass weniger als die Hälfte der 12‐ bis 19-Jährigen in der Schweiz ein Smartphone, 2014 waren es bereits 95 Prozent. Für nahezu alle Jugendlichen ist das Smartphone nicht aus ihrem Leben wegzudenken und hat als multifunktionaler Begleiter eine grosse Bedeutung in ihrem Alltag. Weil alle ein Smartphone haben, finden die Beziehungen zu einem relevanten Teil über Chats und Nachrichten statt. Besonders wichtig: die WhatsApp-Gruppen etwa für alle Schulinfos. Kein Smartphone zu haben, ist für Jugendliche keine realistische Alternative. Die meisten Jugendlichen wüssten nicht, wie sie ihren Alltag ohne Smartphone bewältigen sollten. Wie sich die rasante und flächendeckende Verbreitung sowie die intensive Nutzung von Smartphones auf die Jugendlichen auswirken, ist noch wenig erforscht.
Der Kanton Aargau war der erste
Das Thema «Jugendliche und ihr Umgang mit digitalen Medien und insbesondere Smartphones» erhält derzeit grosse öffentliche Beachtung. Dazu beigetragen hat unter anderem das Handyverbot in diversen Kantonen. Seit dem Schulstart am 11. August 2025 sind Handys im Aargau bis zur neunten Klasse verboten. Der Aargau ist der erste Deutschschweizer Kanton, der ein solches Verbot umsetzt. Mittlerweile sind Handys an Schulen auch in den Kantonen Wallis, Waadt und Nidwalden verboten. Die Kantone Schwyz und Zürich hingegen haben sich gegen ein solches Verbot ausgesprochen. Das Berner Kantonsparlament hat im September zwar einen Vorstoss zur rechtlichen Klarheit überwiesen, aber gleich wieder abgeschrieben. Einig war man sich gemäss einem Bericht der «Berner Zeitung», dass Kinder vor schädlichen Einflüssen durch Smartphones geschützt werden müssen. Bereits seit 1999 gilt in der Stadt Zürich auf Primar- und Sekundarstufe ein Handyverbot. Elektronische Geräte wie Mobiltelefone dürfen im Schulhaus und auf den Aussenanlagen nur zu schulischen Zwecken benutzt werden. Ohne ausdrückliche Erlaubnis müssen die Geräte ausgeschaltet und nicht sichtbar versorgt sein. Im Nachbarland Frankreich ist das Handy längst durch ein nationales Gesetz von den Schulen verbannt. Und in Australien sollen sich Jugendliche unter 16 bereits nicht mehr bei Tiktok und Co. anmelden dürfen.
Schulen gehen eigene Wege
Einzelne Schulen wie zum Beispiel die Schule Munzinger in Bern gehen eigene Wege. Die Jugendlichen an der Schule Munzinger in Bern «parkieren» ihre Mobiltelefone morgens in einer hölzernen Box mit zahlreichen Fächern. Die Lehrerin oder der Lehrer schliesst die Geräte im Klassenzimmer im Schrank ein, verwahrt sie hinter blickdichten Türen. Da bleiben sie bis um 12 Uhr. Nach der Mittagspause kommen sie wieder in die Garage. Immer mehr Schulen im Kanton Bern überlegen sich solche oder ähnliche Lösungen. Weil es anders einfach nicht mehr geht. Das stellt Franziska Schwab vom Lehrpersonenverband Bildung Bern gegenüber dem «Bund» fest. «Die Geräte saugen die ganze Aufmerksamkeit ab», sagt sie. Auch in den Kantonen Luzern und Solothurn etwa sollen die Schulen selber entscheiden können, wie sie mit Handys an der Schule umgehen wollen. Für die Urner Volksschule gilt: Die Nutzung des Smartphones soll nicht pauschal verboten, sondern verantwortungsvoll begleitet werden, wobei die geltenden Zuständigkeiten der einzelnen Schule zu respektieren sind.
Stufengerechte Regeln statt Pauschallösungen
Die Reaktionen auf Handyverbote an Schulen sind unterschiedlich. Aus der Sicht von Pro Juventute beispielsweise sollten Schulen weiterhin die Möglichkeit haben, eigenständig bedarfsgerechte Lösungen zu erarbeiten, um einen verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Geräten im Unterrichtsalltag zu schaffen. Dabei empfiehlt Pro Juventute die Kinder und Jugendlichen in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen. Digitalisierung mache zudem auch vor dem Schulhaus nicht halt. Gleichzeitig existieren in den meisten Schweizer Schulen seit Jahren stufengerechte Regeln für den Umgang mit digitalen Geräten. Beispielsweise eine eingeschränkte Nutzung während bestimmter Zeitfenster oder an bestimmten Örtlichkeiten. Aus Sicht von Pro Juventute brauche es keine Pauschallösungen, sondern differenzierte Regelungen, die die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen stärken.
Verantwortungsvoller und reflektierter Umgang
Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) hält ein generelles Verbot von Smartphones sowie anderer digitaler Geräte wie Smartwatches und Tablets an Schulen nicht für sinnvoll. Vielmehr plädiert er für individuelle, stufengerechte Regelungen, die von Lehrpersonen und Schulleitung gemeinsam entwickelt werden. Ziel sollte es sein, den Schülerinnen und Schülern einen verantwortungsvollen und reflektierten Umgang mit Smartphones zu vermitteln. Positive Aspekte sollen genutzt und negative durch geeignete Massnahmen reduziert werden, wobei der pädagogische Einsatz im Vordergrund steht. Hinzu kommt: An den meisten Schulen existieren laut LCH bereits entsprechende Regelungen, festgehalten in Schul- und Disziplinarverordnungen. Beispielsweise müssen Smartphones vor Unterrichtsbeginn an einem sicheren Ort deponiert werden und bleiben je nach Schule auch während der Pausen dort. Bei Bedarf können sie im Unterricht schnell wieder genutzt werden. Die konkreten Regeln variieren je nach Schulhaus und Schulstufe und sollten sich an den spezifischen Bedürfnissen der Schule orientieren. Sie werden im Schulhausreglement festgehalten. Der LCH empfiehlt, diese Regeln in einem partizipativen Prozess mit den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten und regelmässig zu überprüfen. Dies fördere die Akzeptanz und Einhaltung. Schulen sollten eine Kultur etablieren, die Lernen und soziale Interaktion in den Mittelpunkt stellt und digitale Technologien als unterstützende Werkzeuge betrachtet.
«Eine trügerische Lösung»
Befürworter von handyfreien Schulen stützen sich oft auf die Argumente des US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt. In seinem Buch «Generation Angst» vertritt er die These, dass die Nutzung von Social Media psychische Probleme bei Jugendlichen verursache und verstärke, weil die direkte Interaktion und freies Spiel dadurch beeinträchtigt würden. Andere Expertinnen und Experten – wie zum Beispiel Laurent Sedano von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – finden, generelle Handyverbote seien keine nachhaltige Lösung, man müsse Regeln und Verbote diskutieren, sonst verhindere man das Lernen. «Verbote sind eine trügerische Lösung», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW, gegenüber SRF. Denn: «Man hat dann den Eindruck, das Problem sei erledigt. Das kann aber eine Illusion sein.» Jugendliche würden nicht nur auf sozialen Medien kommunizieren, sondern auch auf Messenger oder in Games. Ein Risiko eines Verbots sei daher, dass Jugendliche dann in Räume wechseln, wo Erwachsene noch weniger mitbekommen würden, was läuft.
«Durchwegs positive Erfahrungen»
Der Vorstand von Schule und Elternhaus Schweiz (S&E) ist laut Marcel Meichtry überzeugt, dass die strikte Lösung des Kantons Aargau, während des Schulunterrichts sämtliche Handys und ähnliche digitale Geräte generell zu verbieten, die richtige Lösung ist. So müsse nicht jede Schule für sich selber entscheiden, wie sie diese Thematik handhaben soll. Für einmal ist eine direktive Entscheidung für alle Schulen eines Kantons sehr sinnvoll. «Die Erfahrungen im Kanton AG sind», so der Eindruck von Marcel Meichtry, «durchwegs positiv.» Die Lösung sei von den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten sehr begrüsst worden. Mittlerweile hätten sich auch die Schülerinnen und Schüler – nach anfänglichem Unverständnis – gut mit der neuen Situation abgefunden. «Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Schülerinnen und Schüler wissen um den positiven Umstand, nun nicht ständig vom Handy oder ähnlichen digitalen Geräten abgelenkt zu werden und sich so besser auf den Unterricht und die Wissensvermittlung und den Schulstoff konzentrieren zu können», ergänzt Marcel Meichtry. Der Unterricht gestalte sich ruhiger – entsprechend steigen die Schulleistungen während der Schulstunden. Beim Erledigen der Hausaufgaben oder beim Lernen zu Hause hingegen bestehe immer noch die Gefahr, durch das Handy oder ähnliche digitale Geräte gestört zu werden. «Hier sind dann jeweils die Eltern und Erziehungsberechtige gefordert», gibt Marcel Meichtry zu bedenken.