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Das «Ich» des Kindes stärken

Die Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugungen, Handlungen aufgrund eigener Kompetenzen ausführen zu können. Vier Faktoren tragen dazu bei, die Selbstwirksamkeit bei Kindern, Jugendlichen oder auch sich selbst zu fördern – das ist nötig, um unsere Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.

Bild: © Brian A Jackson / shutterstock.com

Der im letzten Jahr im Alter von 95 Jahren verstorbene kanadische Psychologe Albert Bandura prägte das psychologische Konzept der Selbstwirksamkeit und formulierte vier Faktoren, wie diese vor allem bei Kindern gefördert und gesteigert werden kann: «Erfolgserlebnisse», «stellvertretende Erfahrung», «verbale Überzeugung» und «körperliche und emotionale Empfindungen». Anja Nowacki von Gesundheitsförderung Schweiz ist Projektleiterin «Psychische Gesundheit Kinder und Jugendliche» und erklärt: «Laut Bandura sind eigene Erfolgserlebnisse der wichtigste Faktor zum Aufbau der Selbstwirksamkeit. Gemeint ist damit, dass man sich ein realistisches und doch herausforderndes Ziel setzt.» Wenn dann das Ziel erreicht wird, kann man einen Erfolg feiern. «Diese Erfahrung macht mich sicherer und gibt mir Selbstvertrauen, sodass ich das Gleiche oder etwas Neues ein anderes Mal viel schneller wage», fügt sie an. Mit dem Faktor «stellvertretende Erfahrung» ist das Nachahmen gemeint. Nowacki sagt: «Sehe ich beim Klettern eine Person vor mir die Wand hinaufklettern, kann mich dies dazu animieren, es auch zu versuchen; vor allem dann, wenn mir die Person ähnlich ist.» Der Faktor «verbale Überzeugung» meint die Ermutigung, etwas zu wagen, was man ohne Zuspruch vielleicht nicht wagen würde und mit «körperliche und emotionale Empfindung» ist die physische Gesundheit gemeint: «Fühlen wir uns fit und aufgeweckt und auch psychisch stabil, trauen wir uns mehr zu. Daher sind zum Beispiel Bewegung, genügend Schlaf, gesunde Ernährung und ein gutes Umfeld unterstützend», erklärt Nowacki.

Förderung der Selbstwirksamkeit

In der Familie kann die Selbstwirksamkeit der Kinder mit einem anregenden Umfeld, Zeit und Freiraum, um Neues auszuprobieren, gefördert werden. «Eltern und andere Kinder können ihnen dabei helfen – so viel wie nötig, so wenig wie möglich –, damit sie das Gefühl haben, es selbst zu schaffen», so Nowacki. Weiter sei es sinnvoll, soziale Situationen mit anderen Kindern zu ermöglichen, weil Kinder lernen, ihre Meinung in Konfliktsituationen zu äussern. Wichtig sei auch die Mitentscheidung, damit Kindern lernen, in gewissen Situationen selbst nach Lösungen zu suchen.

Und wie sieht das bei Jugendlichen aus? Nowacki gibt zu bedenken: «Die in der Pubertät erlebten wenig beeinflussbaren körperlichen, hormonellen und emotionalen Veränderungen können die Jugendlichen in ihrem Selbstwirksamkeitserleben stark herausfordern. Die Emotionen sind auf Berg- und Talfahrt, und die Körperformen verändern sich sprunghaft. Das kann die Erwartung dämpfen, sein Wohlbefinden beeinflussen zu können.» Jugendliche brauchen Unterstützung für die Selbstwirksamkeitserfahrung durch gesunde Verhaltensweisen. «Der achtsame Umgang mit Psyche und Körper beispielsweise fördert die Selbstwirksamkeit: Jugendliche, die eine breite Palette an Strategien haben, um abzuschalten und Energie zu schöpfen, fühlen sich wohler in ihrer Haut.»

Gut auch für die physische Gesundheit

Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen einer hohen Selbstwirksamkeit in jedem Lebensbereich, egal ob bei der Ausbildung, im Beruf, beim Sport oder in der Beziehung. Auch positive Effekte auf die Gesundheit sind belegt. Personen mit einer hohen Selbstwirksamkeit haben ein stärkeres Immunsystem und weniger Anzeichen für Depressionen. Menschen mit geringerer Selbstwirksamkeit haben häufiger die Überzeugung, in wichtigen Lebensbereichen machtlos zu sein. Nowacki ergänzt: «Eine hohe Selbstwirksamkeit ist aber auch wichtig für Verhaltensänderungen: Personen mit hoher Selbstwirksamkeit sind erfolgreicher im Aufbau neuer, gesunder Verhaltensweisen und darin, diese auch in schwierigen Situationen aufrechtzuerhalten.» Denn jemand werde ein neues Verhalten nur dann beginnen, wenn er oder sie sich das auch zutraue. Gerade deshalb sei es wichtig, dass Interventionen zur Änderung des Gesundheitsverhaltens die Selbstwirksamkeit berücksichtige und gezielt stärke.

Ähnliche Begriffe und Konzepte

«Selbstwirksamkeit» weist Ähnlichkeiten zu anderen gängigen Begriffen in der Psychologie auf: zum Beispiel Optimismus oder Kontrollüberzeugung. «Diese sind nicht einfach abzugrenzen», gibt Nowacki zu bedenken, «zumal man auch kritisch sagen könnte, dass ja alles dasselbe sei.» Denn auch das Vier-Faktoren-Modell von Bandura ist eine Vereinfachung der Realität und es ist schwer zu sagen, ob die Selbstwirksamkeit ausschliesslich diese vier Quellen hat und ob diese auf alle Personen oder Lebensbereiche gleichermassen zutreffen. Studien kommen in dieser Frage zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dazu Nowacki: «Da das menschliche Erleben und Verhalten komplex ist, wird es wohl auch nie eine einfache Beschreibung geben, die für jeden Menschen und jedes Verhalten zutrifft.»

Selbstüberschätzung und professionelle Hilfe

Kann denn eine erhöhte Selbstwirksamkeit nicht auch dazu führen, dass Kinder sich überschätzen? In Einzelfällen könne dies bestimmt zutreffen, meint Nowacki. Aber: «Im Durchschnitt werden Personen mit hoher Selbstwirksamkeit trotzdem mehr Erfolge feiern. Sie geben sich einfach mehr Chancen dafür, da sie nicht davor zurückschrecken, etwas Herausforderndes zu probieren. Fehler liegen unbedingt auch drin. Jemand, der sich aufgrund einer niedrigen Selbstwirksamkeit gar nicht erst traut, etwas anzupacken, gibt sich auch gar nicht erst die Chance, erfolgreich zu sein.»

Doch was, wenn alle Unterstützung nichts nützt und das Kind nicht an sich selbst glaubt oder es nicht wagt, Hindernisse zu überwinden? «Sobald das Kind stark unter psychischen Symptomen leidet und diese den Alltag stark beeinträchtigen oder normale Entwicklungsschritte verhindern, dann sind professionelle Hilfe oder abklärende Gespräche angebracht», rät Nowacki. Dazu kann man sich an lokale Familien- und Beratungsstellen wenden. Auch die Schulsozialarbeit, Schulpsychologinnen oder Schulpsychologen oder die Erziehungsberatung sowie private Psychologinnen und Psychologen können eine Möglichkeit sein.

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