Wie Kinder zum Wort kommen

Miteinander reden, sich verstehen, lernen sich mitzuteilen, zuhören, gehört werden, sich begegnen - all das gehört zu unseren elementaren Bedürfnissen und ist die Basis für uns alle, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Deshalb: Sprache und damit auch die Sprachförderung geht uns alle an.

Können Sie sich vorstellen, sprachlos zu sein? Sich nicht ausdrücken zu können,
was Sie fühlen, was Sie denken, was Sie wollen? Eben! Sprache geht uns alle an - ohne Sprache geht gar nichts! Sprache ist eine wichtige Schlüsselkompetenz für unser Mitwirken am gemeinschaftlichen Leben. Wir wollen uns mitteilen, verstanden und gehört werden. Das Thema  Sprachförderung ist in aller Munde. Denn eine gemeinsame Sprache ist Voraussetzung für eine gelungene Integration. Beispielsweise die Integration von fremdsprachigen Kindern in Schule und Kindergarten. Aber auch die Integration von Erwachsenen ins Berufsleben. Wer eine Sprache - oder auch mehrere Sprachen - beherrscht, ist klar im Vorteil. Moderne Menschen sprechen heute jedoch nicht nur eine sogenannte Einzelsprache wie Deutsch, Französisch, Englisch oder Japanisch usw., von denen es weltweit laut National Geographic 6912 verschiedene gibt, sondern in regem Gebrauch sind auch Gebärdensprachen, Zeichensprachen, Szene- oder Jugendsprachen sowie geschriebene Sprachen wie SMS-Sprachen, Chat-Sprachen usw. Doch was ist überhaupt die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung der Sprache? Miriam Dittmar und ihr Team führen im Babylabor des psychologischen Instituts der Universität Zürich seit über vier Jahren Studien mit Kleinkindern durch und erforschen wie Babys sprechen lernen. «Wir möchten wissen, wie Babys und Kleinkinder die Ereignisse und Handlungen, die sie tagtäglich um sich herum beobachten mit der an sie gerichteten Sprache zusammenbringen », erklärt Studienleitern Dr. Miriam Dittmar. «Müssen Kinder erst Sprache haben, um Zusammenhänge zu verstehen oder ist es umgekehrt: Ermöglicht erst das Verstehen eines Zusammenhangs, ihn auch in Sprache zu fassen?» Solchen Fragen ist die Forscherin auf der Spur und erhofft sich durch die Beobachtung der Kopf- und Augenbewegungen neue Erkenntnisse, um ein Bild von der komplexen Entwicklung des menschlichen Denkens und Sprechens zu gewinnen.

Lust zu kommunizieren ist angeboren
Jedes Kind kommt mit der Lust zu kommunizieren auf die Welt. Danach ist es unsere Aufgabe, diese Freude und natürliche Neugierde zu erhalten und auch zu fördern. Forscher wissen, dass das Kind schon mit Erfahrung in der Sprache zur Welt kommt, der es im Mutterleib ausgesetzt war. War die Umgebung zweisprachig, fühlt es sich von beiden Sprachen angeregt. Nach der Geburt ist es von Sprache umgeben und so setzt sich die Spezialisierung auf das Sprechen fort. Die Artikulationsorgane entwickeln sich und gleichzeitig sammelt das Kind das Rüstzeug, um dann gegen Ende des ersten Lebensjahres die ersten Wörter zu lernen und schliesslich - wenn es ungefähr eineinhalb Jahre alt ist - diese auch selbst zu  formulieren und auszusprechen. Was für eine Freude für die Eltern, wenn das Brabbeln des Babys auf einmal Sinn ergibt. Viele Eltern empfinden das als wahres Wunder!

 

Von Lauten zu Worten
«Bereits die Allerkleinsten sind vom Gesicht des sprechenden Gegenüber angezogen », sagt Dr. Miriam Dittmar. «Sie beobachten Augen und Mund beim Zuhören und bewegen dabei schon mit ungefähr drei Monaten die Zunge im Mund und die Lippen. Zwar noch ohne einen Laut hervorzubringen, doch Forscher nehmen an, dass sie das bereits nachahmen.» Mit etwa 8 Wochen beginnen die Kinder Wohlbefinden mit «Gurren» auszudrücken, mit etwa 16 Wochen «spielen» sie mit Vokalen. Auch das Schreien der Babys wurde
im Detail untersucht: Normalerweise handelt es sich um eine pulsierende Abfolge im Sekundentakt mit einer winzigen Pause zum Luftholen - bei jedem Schrei vibrieren die Stimmbänder stark und die Stimmhöhe geht im Takt von hoch nach tief, der Mund ist geöffnet wie für spätere Vokale. Konsonanten kommen nicht vor. Beim Schreien lernen Babys, den Luftstrom durch den Mund zu regulieren. Dr. Miriam Dittmar: «Etwa im Alter von zwanzig bis dreissig Wochen - der ersten Lallphase - spielt das Kind mit Lauten. Es hört sich selbst und übt! In diesem Alter können Säuglinge schon stimmhafte von stimmlosen Konsonanten unterscheiden, also pa von ba, denn sie hören genau hin! Im Alter von 25 bis 50 Wochen - der zweiten Lallphase - werden Lautsegmente aneinandergehängt. Wörter wie ababababa oder dadadada entstehen. Später kommen schwierigere Laute wie s oder sch hinzu und die Länge der Silben, Rhythmus und die Melodie nähert sich langsam der Sprache an.» Erwachsene können jetzt Wörter in diesem Lallen entdecken. Mütter fühlen sich natürlich von mamamama angesprochen, aber diese Lautfolge entsteht ganz einfach aus dem Luftstrom bei geöffnetem Mund. Es entsteht der Vokal a, der beim Schliessen der Lippen unterbrochen wird, sodass ma-ma-ma-ma entsteht. Es ist also kein Wunder, dass in beinahe 500 Sprachen die Wörter, die «Mutter» bedeuten, sich ähneln.

Sprechen ist mit Hören verbunden
Sprechen ist untrennbar mit Hören verbunden. Durch zuhören wie andere Menschen sprechen, erfährt das Kind wie Wörter klingen und später auch wie Sätze konstruiert sind. Es ahmt Töne und auch die Betonung nach. Fördern Sie das, indem Sie in jeder Situation möglichst oft mit ihrem Kind sprechen, singen, vorlesen: Die Forschung zeigt, dass Kinder von Eltern, die extrem viel mit dem Kind reden einen höheren IQ haben als andere Kinder. Ihr Vokabular ist vielfältiger als das von Kindern, die wenig verbale Stimulation hatten. Damit können Sie bereits in der Schwangerschaft beginnen, so dass sich Ihr Kind an Ihre Stimme gewöhnt.

Sprachförderung im Alltag
Sprachförderung gelingt dann gut, wenn alle Bezugspersonen in der Erziehung der Kinder aktiv zusammenarbeiten. Das beginnt im Elternhaus, setzt sich fort in Horten, Kindertagesstätten, Spielgruppen und Kindergärten und geht schliesslich weiter in der Schule. Sprachförderung ist eine umfassende und anspruchsvolle Aufgabe - für uns alle! In unserer sprachlichen Kommunikation bieten wir Erwachsenen uns möglichst als positives Vorbild an, so dass Kinder von uns nachahmend lernen können. Auch für die Sprachförderung gilt es, die Kinder da abzuholen, wo sie stehen. Jede Altersgruppe hat dabei andere Bedürfnisse, doch allen gemeinsam ist: Sprache soll Spass machen! Besser zusammen lachen, als alles richtig machen!

Schwierigkeiten beim Spracherwerb?

Für Eltern ist es nicht einfach zu beurteilen, wann eine Auffälligkeit beim Sprechenlernen ihres Kindes noch im «normalen» Rahmen der Entwicklung ist
und wann gegebenenfalls eine Störung der Sprachentwicklung vorliegt. Auf der
Webseite von www.kindersprache.ch sind alle Arten von Schwierigkeiten beim
Spracherwerb detailliert beschrieben. Auch finden Eltern zum jeweiligen Störungsbild ein Tonbeispiel. Zahlreiche Förderideen und Tipps sind ebenfalls auf dieser Seite zu finden. Wenn Sie verunsichert sind und/oder den Verdacht haben, Ihr Kind könne unter einer oder mehreren der dort beschriebenen Schwierigkeiten leiden, so kontaktieren Sie eine Logopädin oder einen Logopäden und lassen Sie sich persönlich beraten. Eine Abklärung ist auch dann angezeigt, wenn ein Kind im Alter von zwei bis drei Jahren nur einzelne Wörter oder im Alter von drei bis vier Jahren in schwer verständlicher Weise spricht, wenn es stark stottert und/oder wenn es sprachliche Äusserungen nur unvollständig versteht. Adressen von Fachstellen und weiterführende Informationen finden Sie ebenfalls über www.kindersprache.ch.

Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen betreffen nicht nur Kleinkinder beim
Spracherwerb, sondern auch grössere Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene. Mehr zum Thema Sprachentwicklung und Sprachauffälligkeiten sowie Tipps für Interessierte auch über www.logopaedie.ch, oder www.sprachpraevention.ch.

Was Eltern machen können, um den Spracherwerb ihres Kindes zu fördern:
Quelle: www.kindersprache.ch

Die unterstützende Elternsprache
Das Kind knüpft seine ersten Kontakte zu den Eltern. Diese ersten Erfahrungen sind die «Wiege der Sprache». Eltern fördern die Sprache ihrer Kinder meist instinktiv richtig. Hier einige Grundsätze:

Kinder brauchen Nähe
Zuwendung und Blickkontakt gehören immer zu einem Gespräch. Das gilt für kleine und grosse Kinder - und für Erwachsene ebenso. Babys hören in nahen Situationen - beim Stillen, Füttern, Baden, Wickeln usw. - besonders gut zu.

Babystimme - Babysprache
Die überspitzte «Babystimme» macht Sinn.
Das Baby wird auf die Sprachmelodie aufmerksam und beginnt sie nachzuahmen. «Babysprache» ist niedlich und natürlich für ein Baby, ein kleines Kind (ab 18 Monaten) ist aber zu alt dafür. Sprechen Sie dann lieber mit einfachen Worten als in «Baby-Kauderwelsch» mit Ihrem Kind.

Lieder und Verse
Rhythmus, Betonung und Klang regen das Sprachgefühl an. Auch Krabbelverse und Reime sind hervorragende Mittel zur Sprachförderung.

Einer spricht, der andere hört zu
Machen Sie Pausen, wenn Sie mit Ihrem Kind sprechen. Warten Sie auf seine Reaktion. Zum Sprechen gehört der Wechsel: Nach dem einen ist der andere dran. Dies gilt auch, wenn Ihr Kind noch nicht sprechen kann. Seine Antwort besteht dann aus Lauten oder aus einem besonderen Gesichtsausdruck.

Geben Sie den Dingen Namen
Sagen Sie dem Kind den Namen des Gegenstandes,

den es sieht oder in den Händen hat. Erzählen Sie ihm, was Sie gerade vor seinen Augen tun, denken Sie laut. Das Kind lernt Worte, in dem es sie oft genug im gleichen Zusammenhang hört.

Lauschen Sie mit Ihrem Kind
Ermuntern Sie Ihr Kind zum Hinhören.

Lauschen Sie mit dem Kind der Rassel, der Klingel oder einfach den Geräuschen der Umwelt. Sorgen Sie dafür, dass das kleine Kind nicht ständiger «Geräuschberieselung » durch Radio und Fernsehen ausgesetzt ist. Das Kind versucht auch hier wichtige Geräusche herauszufiltern und kann damit überfordert werden.

Das Sprechen nicht abnehmen
Sobald Ihr Kind sich mitteilen kann, sollten Sie ihm nicht jeden Wunsch von den Augen ablesen. Geben Sie ihm Zeit und helfen Sie ihm, damit es Ihnen seinen Wunsch sagen oder zeigen kann. Hören Sie Ihrem Kind zu.Nehmen Sie Ihr Kind ernst, wenn es Ihnen etwas erzählen möchte. Sehen Sie ihm in die Augen. Lassen Sie ihm genügend Zeit. Zeigen Sie Interesse.

Verbessern - aber wie?
Es bringt nichts, wenn Ihr Kind ein Wort «noch einmal richtig sagen» soll. Das Kind wird das Wort richtig sagen, wenn es in seiner Entwicklung soweit ist.
Im schlimmsten Fall kann es durch das «richtig sagen sollen» unter Druck geraten. Wiederholen Sie stattdessen das Wort, das noch falsch ist, z.B.: Kind: «Fant!» Erwachsener: «Ja, ein Elefant!» Das Kind hört somit, wie das Wort richtig tönt. Es wird das Wort wie alle anderen aussprechen, wenn die Zeit dafür reif ist.

Das Sprachvorbild
Sprechen Sie deutlich und langsam.

Das Kind hat dadurch genug Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Und am Wichtigsten: Haben Sie Spass beim Sprechen! Was lustig ist, lernt man gerne. Kinder lernen voneinander - fördern Sie Kontakte mit Gleichaltrigen! Mit Ritualen (Gutenachtvers, Schlaflied, Tröstelied usw.) können Sie Ihrem Kind sowohl Sprache, als auch Sicherheit vermitteln.

Sie helfen Ihrem Kind wenn Sie:

  • Nicht kritisieren, sondern ermutigen und loben.
  • Nicht vergleichen, sondern akzeptieren.
  • Nicht «richtig sagen» lassen, sondern richtig wiederholen.
  • Nicht drängen, sondern Zeit lassen.
  • Nicht ins Wort fallen, sondern zuhören, aussprechen lassen und nachfragen.
  • Nicht üben, sondern miteinander spielen und sprechen.
  • Nicht zuviel aufs Mal, sondern klar und einfach sprechen.


Dies ist im Umgang mit allen Kindern wichtig. Gerade ein Kind, das Sprachprobleme hat, ist besonders darauf angewiesen, dass es nicht unter Druck gesetzt wird. Es soll etwas erzählen dürfen, ohne immer korrigiert zu werden.

erstellt von Christina Bösiger