Viele Mütter geraten zwischen Haus- und Familienaufgaben, Beruf und eigenen Ansprüchen zunehmend an ihre Grenzen – oft leise, oft lange unbemerkt. Burn-out ist kein individuelles Versagen, sondern ein Symptom unserer Zeit. Selbstfürsorge ist deshalb nicht Egoismus, sondern Schlüsselkompetenz – für Mütter, Familien und die Gesellschaft.
Warum Selbstfürsorge kein Luxus, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit ist
Zahlen und Erfahrungen zeigen: Burn-out betrifft Mütter überdurchschnittlich häufig. Neben den sichtbaren Aufgaben – Beruf, Haushalt, Kindererziehung – tragen sie oft die unsichtbare Last der Familienorganisation. Termine, Gefühle, Bedürfnisse aller im Blick zu halten, kostet enorme Energie. Viele Mütter funktionieren, bis Körper und Seele streiken: Schlafstörungen, Gereiztheit, das Gefühl von Leere. Mütter- und Väterberaterinnen erleben diese Erschöpfung hautnah. Sie sind oft die ersten, die die subtilen Warnsignale bemerken – etwa wenn eine Mutter kaum mehr Kraft findet, Freude zu empfinden, oder wenn sie ständig das Gefühl hat, nicht zu genügen.
Psychosomatische Signale des Dauerstresses
Rückenschmerzen, Migräne, Verspannungen im Kiefer, Verdauungsprobleme oder Atemenge in der Brust – häufig sind das körperliche Ausdrucksformen von dauerhaftem Stress und emotionaler Überforderung. Der Körper spricht, wenn Worte fehlen. Für berufstätige Mütter gilt das besonders: Sie halten viel aus, bis der Körper Grenzen setzt.
Burn-out ist kein individuelles Problem
Burn-out entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen und Erwartungen. Einer der Gründe: Frauen übernehmen nach wie vor den Grossteil der Haus- und Familienaufgaben. Auch wenn Gleichstellung politisch gefordert ist, sieht die Realität oft anders aus: Männer leisten im Durchschnitt zu Hause weniger, Mütter stemmen Beruf, Haus und Familie gleichzeitig. Die Frage «Macht der Mann das Gleiche?» führt schnell zum Kern des Problems. Solange Rollenbilder ungleich verteilt bleiben, tragen Frauen doppelt – mit der Gefahr, sich selbst zu verlieren. Burnout ist daher kein individuelles Scheitern, sondern ein Spiegel von Überlastung in unserer Gesellschaft und den Strukturen, in denen wir leben.
Gleichzeitig zeigen sich diese Dynamiken nicht nur im Aussen, sondern auch im Inneren vieler Frauen. Viele sind tief geprägt von einem Muster der Fürsorge: Der Blick geht nach aussen – zu den Bedürfnissen der Kinder, der Familie, des Umfelds.
Spätestens mit der Mutterschaft verstärkt sich diese Ausrichtung oft noch einmal. Fürsorge wird zur Selbstverständlichkeit – leise, konstant und nicht selten auf Kosten der eigenen Wahrnehmung. So kann der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen schleichend verloren gehen – nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt. Umso wichtiger ist es, sich dessen bewusst zu werden und den Blick wieder nach innen zu richten. Nicht als Korrektur, sondern als Rückverbindung zu sich selbst. Manchmal kann dabei auch ein neutraler Blick von aus-sen unterstützen – um klarer zu sehen, was wirklich gebraucht wird.
Zyklus, Natur und innere Rhythmen
Neben den äusseren Rollen gibt es innere Rhythmen, die leicht übergangen werden, allen voran der weibliche Zyklus. Frauen sind zyklische Wesen – mit Phasen voller Energie und Phasen, in denen Rückzug und Ruhe natürlich und notwendig wären. Das zeigt sich im Alltag ganz konkret: an Tagen, an denen alles schwerer fällt, weniger Energie da ist oder Rückzug gebraucht wird. Traditionell wussten Frauen um diese Zeiten. Heute wird jedoch häufig erwartet, dass sie – unabhängig vom weiblichen Zyklus – durchgehend gleich leistungsfähig sind: als Mutter, Partnerin und Berufstätige. Gerade die «innere Winterzeit» rund um die Menstruation lädt zum Innehalten ein. Würden Frauen sich bewusst auch nur einen Tag Rückzug erlauben, könnte dies bereits zur Entlastung beitragen und Burn-out vorbeugen. Hier darf ein Umdenken starten. Selbstfürsorge bedeutet daher auch, den eigenen Körper ernst zu nehmen – und zyklische Weisheit wieder bewusst in den Alltag zu integrieren.
Selbstfürsorge als Schlüsselkompetenz
Selbstfürsorge ist weit mehr als ein Wellnessprogramm. Sie bedeutet, die eigene Stimme zu hören, Grenzen zu setzen und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Aus der Psychosynthese hilft die Dis‑Identifikation: «Ich habe Gedanken und Gefühle – ich bin nicht meine Gedanken und Gefühle.» Eine einfache Möglichkeit, diese Rückverbindung zu vertiefen, ist die von mir kreierte «I AM»-Meditation. Sie unterstützt dabei, sich von Gedanken und Rollen zu lösen und sich wieder mit dem eigenen inneren Kern zu verbinden. Mehr dazu findest du weiter unten.
Ebenso zentral ist der Körper: Über ihn wird spürbar, was im Alltag oft übergangen wird. Schon wenige bewusste Atemzüge, eine Hand auf dem Herzen oder kleine achtsame Pausen können helfen, wieder bei sich anzukommen.
Entscheidend ist die Umsetzung im Alltag: kleine, realistische Schritte (z. B. zehn Minuten ungestörter Rückzug), klare Kommunikation und das bewusste Setzen von Grenzen.
Die Integration zyklischer Bedürfnisse wirkt zusätzlich entlastend: rund um die Menstruation bewusst weniger planen, Rückzug zulassen und Unterstützung organisieren. Eine vertiefende Begleitung dazu bietet meine Masterclass «Zyklische Superpower», in der Frauen lernen, ihre inneren Rhythmen bewusster zu verstehen und in ihren Alltag zu integrieren. Mehr dazu findest du weiter unten.
Gesellschaftliche Notwendigkeit statt Luxus
Wenn Mütter gut für sich sorgen, profitieren alle: Kinder erleben ein Vorbild für gesunde Grenzen und Emotionsregulation, Partnerschaften werden stabiler und partnerschaftlicher, und Arbeitgeberinnen und -geber erleben Mitarbeiterinnen, die klarer entscheiden und resilienter handeln. Selbstfürsorge ist damit keine private Laune, sondern eine Investition in Familiengesundheit, betriebliche Leistungsfähigkeit und soziale Stabilität – kurz: eine gesellschaftliche Notwendigkeit. In der Praxis bewährt sich ein Dreischritt: erstens als «Frühwarnsystem» Belastung wahrnehmen und ansprechen. Zweitens gezielt stärken – Haus- und Familienaufgaben partnerschaftlich verteilen, Grenzen legitimieren. Drittens alltagstaugliche Mikro‑Tools anwenden: kurze Atempausen, Mini‑Rituale und klare Absprachen.
Literaturangaben: WHO (ICD‑11): QD85 Burn‑out – «occupational phenomenon». – WHO (2022): Guidelines on mental health at work. – Roskam, I., Mikolajczak, M., et al. (2021): Parental Burnout around the Globe (Affective Science). – Criado Perez, C. (2019): Unsichtbare Frauen (Invisible Women). btb. – Gawdat, M., & Law, A. (2023): Unstressable: A Practical Guide to Stress‑Free Living. Bluebird. – Assagioli, R.: Psychosynthese – Grundlagen einer psychologisch‑spirituellen Entwicklung. – Sjöö, M. & Mor, B. (1987): The Great Cosmic Mother / auf Deutsch: Die Wolfsfrau – Frauenmythen und Kraftquellen. – Redmond, M. (1994): Roter Mond – Mythos und Magie des Menstruationszyklus.
Zur Person
Annemarie Preiss begleitet Frauen und Mütter dabei, wieder in Verbindung mit sich selbst zu kommen – und daraus Klarheit, emotionale Balance und echte Selbstführung zu entwickeln. Als Coachin und Psychosynthese-Therapeutin verbindet sie wissenschaftliches Wissen mit einem feinen Gespür für innere Prozesse. Ihr eigener Weg durch Erschöpfung und Neuorientierung prägt ihre Arbeit: authentisch, tiefgehend und nahbar. Neben ihrer Coachingarbeit begleitet sie Frauen auch in Frauenkreisen im AAKOO Raum in Basel – als geschütztem Raum für Austausch, Rückverbindung und innere Klärung. Sie schafft Räume, in denen Frauen sich selbst wieder hören – und daraus neue Klarheit, innere Ruhe und Selbstwirksamkeit entfalten.
Mehr Impulse und Begleitung: annemariepreiss.com
- Kostenlose «I AM»-Meditation zur Rückverbindung mit dir selbst: annemariepreiss.com
- Podcast «Laut & Leise» – für Frauen und Mütter zwischen Alltag, Tiefe und echter Veränderung: annemariepreiss.com/podcast/
- Vertiefung zum Thema Zyklusbewusstsein: Die Masterclass «Zyklische Superpower» kann jederzeit online und im eigenen Tempo gestartet werden.
- Frauenkreise in Basel (AAKOO Raum): annemariepreiss.com/frauenkreis/
- Inspirierende Artikel & Impulse im Blog: annemariepreiss.com/blog