Artikel / Themen

So entwickeln sich Mahlzeiten nicht zum Machtkampf

Der Wunsch nach Perfektion stand bei Katharina Fantl ganz oben – und die Ostschweizerin rutschte in eine Essstörung. Heute gibt sie in ihrem Buch anderen Eltern Tipps, wie sie einen entspannten Umgang zum Thema Essen am Familientisch erreichen können. Da sollte weniger der Brokkoli im Fokus stehen, sondern Vertrauen.

Bild: © gpointstudio/shutterstock.com

Sie waren viele Jahre als Fitness- und Personaltrainerin tätig. In dieser Zeit entwickelten Sie eine Essstörung. Viele dürfte dieser Umstand verwirren – sind doch Fitnesstrainer sehr auf gesunde Ernährung bedacht? Oder ist genau das der springende Punkt?

In der Tat habe ich die Fitnessbranche eher als ungesunde Branche erlebt – was auf den ersten Blick natürlich widersprüchlich wirkt, da es eine Branche ist, die auf Gesundheit spezialisiert ist. Viele Trainer sind sehr von einem Wunsch nach «Perfektion» getrieben. Zur damaligen Zeit war ich Teil davon. Ich dachte, wenn ich vor einer Gruppe stehe und Kurse halte, darf ich keinen Makel haben, nicht angreifbar sein. Ich muss perfekt dem Bild einer Aerobic-Trainerin entsprechen. Bei mir führte das dazu, dass ich mir alles angeblich Ungesunde verboten habe, ich habe mich kasteit, bis ich es nicht mehr aushalten konnte und dann umso mehr über die Stränge schlug. Auch propagierte Programme, wie beispielsweise Cheat Days, man hält sich mehrere Tage an eine strikte Diät und darf dann an einem bestimmten Tag so viel essen, wie man möchte, halte ich für sehr problematisch, da sie mit einem natürlichen Essverhalten nichts zu tun haben und der Auslöser für Essstörungen sein können. Insgesamt ist die Branche natürlich sehr verwoben mit der Diätindustrie. Aus heutiger Sicht halte ich das für schädlich, da man verlernt, auf sein Inneres zu hören. Stattdessen jagt man neuesten Trends hinterher, die möglicherweise zu dem, was der Körper wirklich braucht, nicht passen.

Sie wünschen sich für Ihre drei Jungs einen anderen Umgang mit dem Thema. Wie gestaltet sich Ihr Familientisch? Worauf legen Sie Wert?

Direkt am Familienesstisch ist für mich wichtig, dass ich mir Mühe gebe – es gelingt mir auch nicht immer –, frisch und abwechslungsreich zu kochen. Damit ist dann mein Job als Mutter beim Thema Ernährung quasi erledigt. Meine Jungs dürfen frei entscheiden, wovon sie wie viel essen möchten. Bei uns ist auch nichts verboten. Süssigkeiten sind zugänglich. Ich vertraue darauf, dass die Kinder sich auf sich und ihre Körperintelligenz verlassen können. Nun ist ein Aspekt an dieser Stelle aber ganz wichtig. Der Ansatz funktioniert nur, wenn Kinder körperlich und seelisch im Gleichgewicht sind. Das heisst, für mich ist es schon wichtig, achtsam zu sein, ob beispielsweise Süssigkeiten zum Ventil für unerfüllte Bedürfnisse werden. Wenn Kinder aus Traurigkeit, Frustration oder Langeweile essen, darf ich als Mutter davor nicht die Augen verschliessen.

Kinder sind oftmals heikle Esser. Die Mahlzeiten entwickeln sich zum Machtkampf. Wie geht man das Thema als Eltern am besten an?

Machtkämpfe entstehen dann, wenn wir als Eltern etwas anderes wollen als die Kinder. Wenn mein Kind beispielsweise Brokkoli ablehnt, ich aber möchte, dass es den Brokkoli isst. In vielen Fällen entstehen diese Kämpfe, weil wir als Eltern verunsichert sind und in Sorge, dass sich unsere Kinder nicht richtig entwickeln oder krank werden, wenn sie nicht die von uns als wichtig erachtete Menge an Gemüse essen. Hier ist ein erster Schritt, darauf zu vertrauen, dass ihr Körper sich holt, was er braucht. Unsere Körperintelligenz ist eine wundervolle Gabe. Wir können nicht nur Hunger und Sättigung spüren, sondern auch Appetit und Bekömmlichkeit. Wenn Kinder sich gut spüren, zeigt ihnen ihr Körper, was er gerade benötigt. Das Spannende ist: Wenn wir den Druck herausnehmen, kommt meistens wieder eine natürliche Neugier zutage, die aufgrund der Kontrolle, die wir ausgeübt haben, verloren gegangen war. Plötzlich probieren die Kinder ganz freiwillig und lernen so Schritt für Schritt eine immer breitere Auswahl an Lebensmitteln kennen.

In der Theorie hört sich das für die meisten Eltern einfach an, locker an das Thema heranzugehen. In der Praxis sieht es häufig anders aus. Gibt es eine spezielle Übung, die man im Alltag anwenden kann, um aus dem Kreislauf herauszukommen?

Was aus meiner Sicht wirklich hilft, sind positive Affirmationen, also positive Sätze, die wir uns immer wieder sagen, um aus den eigenen eingefahrenen Mustern herauszufinden. Ein Beispiel: Manche Eltern machen sich Sorgen, wenn ihr Kind nicht frühstücken möchte. Dahinter steht die Angst, dass das Kind sich dann in der Schule nicht konzentrieren kann oder Kreislaufprobleme bekommt. Der Glaubenssatz ist also: «Wenn mein Kind nicht frühstückt, bekommt es in der Schule Probleme. Und ich als Mutter/Vater bin dafür verantwortlich, dass es gute schulische Leistungen zeigt.» Wenn Eltern darüber reflektieren, stellen sie fest, dass ein neuer Glaubenssatz für die ganze Familie hilfreich sein kann. Dieser könnte heissen: «Wenn mein Kind eine freie, selbstbestimmte Entscheidung treffen darf, lernt es am meisten über seine Bedürfnisse. Ich als Mutter/Vater helfe meinem Kind also am meisten, wenn ich ihm vertraue.» Wenn dann morgens die Angst hochkommt und man am liebsten seine gewohnten Sätze sagen würde, hilft es, durchzuatmen und sich seinen neuen Glaubenssatz zu vergegenwärtigen und diesen als positive Affirmation zu formulieren. Man sagt sich selbst also beispielsweise «Ich darf meinem Kind vertrauen» und lässt unkommentiert geschehen, dass es ohne Frühstück das Haus verlässt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Sorge, wenn ein Kind nicht frühstückt, quasi immer unbegründet ist. Entweder kommt das Kind tatsächlich ohne Frühstück gut zurecht oder aber es stellt in der Schule fest, dass der Hunger so gross wird, dass es von sich aus entscheidet, dann doch – zumindest eine Kleinigkeit – zu frühstücken.

Sie haben ein Buch zum Thema «Dein Kind isst besser, als du denkst» geschrieben. Was dürfen die Leser davon erwarten?

Ich habe das Buch zusammen mit meiner Co-Autorin Julia Litschko geschrieben. Wir haben in den letzten Jahren viele berührende Erfahrungen mit Eltern gemacht, die wir auch zum Teil im Buch aufgreifen. Denn alle Eltern wollen für ihr Kind ein natürliches, gesundes Essverhalten. Viele wissen nur nicht, wie sie es umsetzen können. Das Buch klärt auf über das Thema Körperintelligenz und darüber, welches unglaubliche Wunderwerk wir mit unserem Körper geschenkt bekommen. Es lohnt sich, ihm zu vertrauen. Wir beschreiben, was aus unserer Sicht gesellschaftlich schiefläuft und welche Faktoren es unseren Kindern erschweren, auf sich selbst zu vertrauen. Wir geben natürlich auch ganz pragmatische Tipps für den Familienesstisch. Das Buch erhält zusätzlich einen Fragebogen, durch den man herausfinden kann, wo in der eigenen Familie möglicherweise der Schuh drückt und was man ganz konkret dagegen tun kann. Auch auf das wichtige Thema «emotionales Essen» gehen wir natürlich ein.

Welche Rückmeldungen geben Ihnen die Eltern?

Wir haben sehr viel Herzblut in unser Buch gesteckt. Umso mehr freuen wir uns über das positive Feedback, das wir erhalten. Auch im Coaching mit Eltern ist es für uns natürlich das grösste Kompliment, wenn Eltern beschreiben, dass es keine Tränen mehr am Esstisch gibt, wie Kinder, die durch Diäten in Verzichtgefühlen gefangen waren, wieder Hunger und Sättigung wahrnehmen lernen, wie Eltern beschreiben, dass ihre Kinder ein Eis mit den Worten «Ich bin satt» zurückgeben, wie das Gemüse auf einmal neugierig probiert wird, ganz ohne Druck. Wie Kinder ein gutes Körpergefühl entwickeln und dadurch eine sehr gute Chance haben, ein Leben lang ein natürliches Essverhalten zu behalten und nicht in Essstörungen abzugleiten. Wenn wir spüren, dass wir Eltern auf den Weg gebracht haben, dass Kinder im Vertrauen zu sich selbst aufwachsen, dann empfinden wir das als das grösste Geschenk.