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Grenzen setzen – wie Sie Ihrem Kind Halt geben, und sich selbst dabei wieder näherkommen

«Jetzt reicht’s.» Diesen Satz sagen viele Eltern. Oft genau dann, wenn sie innerlich schon viel zu lange über ihre eigenen Grenzen gegangen sind. Der Alltag mit Kindern kann intensiv sein. Lebendig, laut, wunderschön und manchmal auch einfach zu viel.

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Wir begleiten, trösten, organisieren, erklären, schlichten Konflikte und versuchen gleichzeitig, allem gerecht zu werden: den Kindern, dem Beruf, dem Haushalt, der Partnerschaft. Und irgendwo dazwischen verlieren viele Eltern etwas Entscheidendes – sich selbst. Nicht plötzlich. Sondern leise. Zwischen Verantwortung, Erwartungen und dem Versuch, allem gerecht zu werden. Vielleicht beginnt genau hier ein neuer Blick auf das Thema Grenzen. Denn Grenzen sind nichts, was Beziehung zerstört. Im Gegenteil. Sie schaffen Sicherheit, Orientierung und oft genau den Halt, den Kinder und auch wir Erwachsenen brauchen.

Kinder brauchen Grenzen, um sich sicher zu fühlen

Kinder brauchen Orientierung. Und sie finden sie dort, wo Erwachsene klar und verlässlich sind. Wenn Eltern ruhig Grenzen setzen, passiert etwas Wichtiges. Das Kind erlebt: Hier übernimmt jemand Verantwortung, hier gibt es Halt und hier bin ich sicher. Und trotzdem fällt genau das vielen Eltern schwer. Vielleicht, weil sie selbst sehr strenge Grenzen erlebt haben. Oder weil sie ihr Kind nicht enttäuschen möchten. Vielleicht auch, weil sie im Alltag längst erschöpft sind. Dann werden Grenzen oft erst dort gesetzt, wo sie schon lange überschritten wurden. Und genau dann klingen sie häufig härter oder gereizter, als wir eigentlich sein möchten. Doch Grenzen müssen per se nicht laut sein. Eine Grenze kann ruhig, liebevoll und gleichzeitig klar sein. Zum Beispiel: «Ich verstehe, dass du wütend bist. Und trotzdem bleibt es dabei.» Kinder müssen nicht immer einverstanden sein. Aber sie dürfen erleben, dass ihre Eltern Orientierung geben.

Die Grenze, über die kaum jemand spricht

Neben all den sichtbaren Aufgaben der Eltern, gibt es eine zweite Ebene, die unsichtbare Verantwortung. Wie das Mitdenken, vorausplanen, an alles denken, Gefühle auffangen, organisieren, immer funktionieren – nebst den Verpflichtungen im Haushalt, im Job oder im sozialen Leben. Dieser sogenannte Mental Load läuft oft wie ein Hintergrundprogramm dauerhaft mit. Besonders viele Mütter – aber zunehmend auch Väter – kennen dieses Gefühl. Es hört nie ganz auf. Wenn wir dauerhaft für alles und alle mitdenken, bleibt oft kaum noch Raum, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Und genau dort merken viele Eltern irgendwann nicht mehr, wann es eigentlich zu viel wird und wo Grenzen fehlen. Viele funktionieren nur noch. Sie organisieren, reagieren, begleiten, halten zusammen. Und oft identifizieren sie sich irgendwann fast nur noch über ihre Rolle: die Verantwortungsvolle, der Starke, oder die, die alles im Blick hat. Diese inneren Anteile sind nicht falsch. Sie haben uns oft lange geholfen. Schwierig wird es erst, wenn wir glauben, dass wir nur das sind. Dann wird aus Fürsorge langsam Überforderung. Aus Verantwortung Daueranspannung. Und aus Liebe zu anderen leise der Verlust der Verbindung zu uns selbst. Vielleicht ist genau das die stille Erschöpfung unserer Zeit: Dass wir permanent für alles erreichbar sind – ausser für uns selbst. Die Grenze beginnt oft nicht laut. Oft zeigt der Körper uns Grenzen früher als der Verstand. Durch innere Unruhe. Enge im Brustkorb. Gereiztheit. Müdigkeit. Das Gefühl, ständig angespannt zu sein. Viele Eltern haben gelernt, diese Signale zu übergehen. Bis der Körper irgendwann deutlicher wird. Grenzen beginnen deshalb oft nicht im Aussen. Sondern in dem Moment, in dem wir wieder lernen, uns selbst wahrzunehmen. Denn Grenzen bedeuten nicht, weniger zu lieben. Oft bedeuten sie zum ersten Mal, ehrlich zu sein. Kinder brauchen keine Eltern, die sich permanent aufopfern. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen, dass Selbstfürsorge, Klarheit und auch ein Nein Teil gesunder Beziehungen sind.

Grenzen beginnen im Inneren

Bevor wir Grenzen klar kommunizieren können, müssen wir sie überhaupt wieder wahrnehmen. Das beginnt mit einfachen Fragen: Was ist mir gerade zu viel? Wo sage ich Ja, obwohl ich eigentlich Nein meine? Was brauche ich wirklich? In meiner Arbeit erlebe ich oft, dass viele Menschen ihre eigenen Bedürfnisse lange gar nicht mehr wahrnehmen. Nicht weil sie keine hätten. Sondern weil sie so sehr damit beschäftigt sind, für andere da zu sein. Grenzen entstehen deshalb nicht zuerst im Aussen. Sondern in der Fähigkeit, sich selbst überhaupt wieder zu spüren. Dabei hilft der Blick nach innen. Nur dort können wir unsere eigenen Grenzen entdecken. Vielleicht ist ein liebevolles Nein manchmal ehrlicher als ein Ja, das nur aus Erschöpfung oder schlechtem Gewissen entsteht. Gandhi formulierte es einmal so: «Ein Nein, das aus tiefster Überzeugung kommt, ist besser als ein Ja, das nur ausgesprochen wird, um anderen zu gefallen.» Grenzen schützen deshalb nicht nur unsere Zeit. Sondern auch unsere emotionale Gesundheit. Und nicht jeder Mensch braucht dabei dasselbe. Manche Eltern merken sofort, wenn ihnen etwas zu viel wird. Andere spüren ihre Grenzen erst sehr spät, weil sie gewohnt sind, sich ständig anzupassen, sich zu übergehen oder für andere da zu sein. Nichts davon ist falsch. Entscheidend ist, wieder zu lernen, den eigenen inneren Signalen zu lauschen und zu vertrauen.

Kleine Schritte verändern mehr, als wir denken

Grenzen setzen bedeutet nicht, plötzlich alles perfekt zu machen. Es beginnt oft ganz klein. Vielleicht mit einem Satz wie: «Das schaffe ich heute nicht mehr.» Vielleicht damit, Hilfe anzunehmen. Aufgaben abzugeben – auch wenn andere sie anders erledigen würden. Oder sich selbst wieder wichtig zu nehmen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.

Zurück zu den eigenen Bedürfnissen

Leider wissen viele Eltern gar nicht mehr, was sie selbst eigentlich brauchen und was ihnen wirklich tiefe Freude bereitet. Deshalb kann eine kleine Übung helfen. Nehmen Sie sich einen Moment und schreiben Sie auf:

  • Was würde Ihnen im Alltag gerade wirklich guttun?
  • Wonach sehnen Sie sich?
  • Was fehlt Ihnen vielleicht schon lange und bereitet Ihnen Freude?

Das müssen keine grossen Dinge sein. Vielleicht so etwas wie eine Stunde Ruhe. Ein Abend ohne Organisation. Mehr Unterstützung. Zeit für Bewegung. Oder einfach das Gefühl, wieder bei sich selbst anzukommen bei einem bewussten Spaziergang. Oft beginnt Veränderung genau dort: wenn wir wieder lernen, unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Nehmen Sie sich jetzt einen Zettel und 10 Minuten Zeit, bevor Sie weiter lesen. Gönnen Sie sich diese Zeit für sich und starten Sie damit eine Veränderung. Dies ist unglaublich kraftvoll für Ihren Alltag und Ihre Gesamtstimmung.

Warum Grenzen auch Selbstfürsorge sind

Und manchmal beginnt Veränderung mit einer einfachen Frage: Wo wäre ein liebevolles Nein vielleicht längst wichtig? Überlegen Sie sich einmal, wo Sie im Alltag Ja sagen, obwohl Sie eigentlich Nein meinen. Wo Sie sich regelmässig übergehen. Und welche Verantwortung Sie vielleicht schon viel zu lange tragen. Meist spüren wir sehr klar im Körper das innerliche NEIN. Wie fühlt es sich bei Ihnen an? Wo nehmen Sie es wahr im Körper? Grenzen haben nichts mit Egoismus zu tun. Im Gegenteil. Sie sind oft das, was Beziehung überhaupt erst gesund macht. Denn Kinder lernen nicht nur durch das, was wir ihnen sagen. Sondern vor allem durch das, was wir ihnen vorleben. Wenn Eltern ihre eigenen Grenzen ernst nehmen, erleben Kinder, dass Bedürfnisse wichtig sind. Dass ein Nein keine Beziehung zerstört. Und dass Selbstfürsorge etwas Natürliches ist – kein Luxus. So lernen Kinder nicht nur, Rücksicht auf andere zu nehmen. Sondern auch, auf sich zu achten, auf ihre Bedürfnisse und sich selbst nicht zu verlieren. Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, perfekte Grenzen zu setzen. Sondern darum, wieder ganze Menschen zu sein. Menschen, die fühlen dürfen. Die Grenzen haben dürfen. Die Pausen brauchen. Die sich selbst wichtig nehmen. Denn genau dort lernen auch Kinder, was gesunde Liebe wirklich bedeutet: nicht sich ständig aufzuopfern. Sondern Verantwortung für die eigenen Grenzen, Bedürfnisse und die eigene Energie zu übernehmen.

Zur Person

Annemarie Preiss begleitet Frauen und Mütter, die viel leisten, viel tragen und sich dabei selbst verloren haben. Als Mutter und mit langjähriger Erfahrung im Corporate-Umfeld kennt sie den Druck, funktionieren zu müssen und allem gerecht werden zu wollen. Ihr eigener Burn-out führte sie zurück zu sich selbst – und heute begleitet sie Frauen dabei, aus Erschöpfung, Mental Load und Dauerfunktionieren auszusteigen. In ihrer Arbeit verbindet sie Nervensystemregulation, körperorientiertes Coaching und Bewusstseinsarbeit.
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