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Gesellschaft im Zwiespalt – sind Verbote bei der Mediennutzung von Kindern nötig oder kontraproduktiv?

Verbote prägen zunehmend die öffentliche Debatte: Handyverbote an immer mehr Schulen, Social-Media-Beschränkungen für unter 16-Jährige, die in Australien durchgesetzt und im EU-Raum stark diskutiert werden. Unter­stützen uns solche Massnahmen tatsächlich in der Medienerziehung oder können die Auswirkungen, wie manche Fachpersonen behaupten, sogar kontrapro­duktiv sein? Und was bedeutet das für Eltern?

© NDAB Creativity/Shutterstock

Als sich in mehreren Schulen auch im deutschsprachigen Raum die Handys vermehrt in einer Schublade oder Handybox statt in den Taschen der Schülerinnen und Schüler wiederfanden, war das eine Reaktion auf einen Alltag, den Lehrkräfte und Eltern immer öfter als unruhig, abgelenkt und überreizt beschreiben. Erste Evaluationen zeigen: Wenn das Smartphone aus dem Klassenzimmer verschwindet, verändert sich das Lernen und das Wohlbefinden von Kindern ebenfalls.

Solche Beobachtungen findet man heute an vielen Orten: von New York bis Sydney und auch in mehreren Regionen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs. Die Schulen berichten von besserer Konzentration, weniger Störungen, und selbst bei Umfragen unter Schülerinnen und Schülern sagt die Mehrheit aus, dass sie sich ohne Handy in Schule und Freizeit weniger gestresst oder gar frustriert fühlen.1

Und trotzdem bleibt allen klar, was Medienpädagogen immer wieder betonen: Ganz ohne digitale Geräte wird die Schule nicht auskommen. Schliesslich leben wir in einer digitalen Zeit und die Kinder müssen altersgerecht in diese Digitalisierung eingeführt werden. Die Debatte dazu nimmt gerade so richtig Fahrt auf und die einzelnen Positionen könnten spannender kaum sein.

Brauchen wir Verbote überhaupt?

Es gibt zahlreiche Studien, die negative Auswirkungen bestimmter digitaler Inhalte nahelegen, auch wenn der wissenschaftliche Nachweis eines eindeutigen Kausalzusammenhangs schwierig bleibt. Das erinnert an frühere Debatten rund um das Rauchen, als die Tabakindustrie entsprechende gesundheitliche Folgen lieber auf Umweltverschmutzung und Industrialisierung schieben wollte, statt ihre eigenen Produkte als Ursprung zu akzeptieren.

Und hier gibt es tatsächlich Parallelen: Die Tech-Industrie verfügt heute über eine der mächtigsten Lobbys weltweit. So geben die zehn grössten Digitalkonzerne laut LobbyControl mit rund 48 Millionen Euro mehr Geld für Lobbyarbeit in der EU aus als die zehn grössten Unternehmen der Pharma-, Finanz- und Automobilindustrie zusammen.2 Das zeigt, wie stark politische Rahmenbedingungen im Digitalbereich beeinflusst werden – und wie schwierig es ist, hier sachliche Diskussionen zu führen.

So wurde gerade kürzlich bekannt, dass der Meta-Konzern eine interne Studie gestoppt hat, als festgestellt wurde, dass Menschen sich ohne Social Media weniger einsam fühlten.3 Eine weitere Studie der Uni Leipzig zeigt anhand standardisierter Tests, dass Kinder mit mehr Bildschirmzeit eine signifikant schlechtere Konzentrationsleistung aufweisen.4

Es gibt hier immer mehr immer seriösere Studien, die einen Kausalzusammenhang zwischen erhöhtem Konsum elektronischer Medien und verschiedenen gesundheitlichen und emotionalen Auswirkungen aufzeigen. Daraus kann man definitiv ableiten, dass der Medienkonsum von Heranwachsenden, zumindest in Bezug auf bestimmte Inhalte, eingeschränkt werden sollte, Verbote also ein probates Mittel dazu wären. Zudem wissen wir, dass viele digitale Inhalte gezielt anziehende Reize einsetzen, die für das Belohnungszentrum des Gehirns von Heranwachsenden unkontrollierbar sind. Sie wirken oft genauso anziehend wie jede andere Verhaltenssucht und entsprechend liegt es nahe, solche Inhalte auch wie die entsprechenden Suchtmittel für eine junge Altersgruppe zu verbieten. Beim Online-Casino wird das längst so gehandhabt und wird kaum hinterfragt.

Sind solche Verbote technisch überhaupt umsetzbar?

Das Argument, eine verlässliche Altersverifizierung sei technisch nicht machbar, mag einige überraschen, scheint es doch beim Online-Casino sehr gut zu funktionieren. Wenn man, so wie ich als digitaler Nomade, in Ländern unterwegs ist, die strenge digitale Regeln oder sogar staatliche Überwachung haben, merkt man schnell, wie problemlos solche Systeme funktionieren können. Bei Online-Visa oder digitalen Einreisesystemen sind Alters- und Identitätsprüfung längst im Einsatz.

Dass westliche Plattformen angeblich «nicht können», was weltweit anderswo längst funktioniert, wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ein technisches Pro-blem und mehr wie ein wirtschaftliches Interesse. Solange die Lobby stark genug ist, lohnt es sich, vermeintliche Hürden aufzublähen. Und gerade Australien als Vorreiter strenger Social-Media-Verbote zeigt aktuell sehr eindrücklich auf, wie schnell Social-Media-Plattformen Mittel für eine sichere Altersüberprüfung finden, wenn ihnen Dutzende Millionen Strafgelder drohen. Andere Länder dürften von diesen Erfahrungen lernen.

Sind Verbote denn überhaupt rechtens?

Ich höre es immer mehr, dass in dieser Debatte die UN-Kinderrechtskonvention ins Feld geführt wird: Kinder hätten ein Recht auf digitale Teilhabe und ein Verbot von Social Media verletze dieses Recht. Doch dieselben Prinzipien gelten längst für andere Bereiche: Glücksspiele, Alkoholkauf, Tabakkonsum, Horrorfilme, pornografische Inhalte, Altersbeschränkungen in Games, Online-Casino oder im Kino – in all diesen Bereichen akzeptieren wir Altersgrenzen als legitimen Schutz, ohne darin einen Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe zu sehen.

Man könnte auch die Frage stellen: Wird eine verantwortungsvolle Teilhabe nicht erst durch eine gründliche Aufklärung ermöglicht? Wäre es in dem Fall nicht unverantwortlich, bis dahin die entsprechenden Inhalte frei zugänglich zu machen? Die soziale Teilhabe kann technisch gesehen auch anders erfolgen – auf Plattformen, die durch klare Identitätsprüfungen und kontrollierte Regelung auch entsprechend sicher sind für Minderjährige.

Können Verbote Eltern in der Medien­erziehung unterstützen?

Ein flächendeckendes Handyverbot an Schulen kann Gruppendruck entschärfen und somit Eltern entlasten. Sobald aber ein einziges Kind einer Klasse ein Smartphone besitzt und unreglementiert nutzen darf, sind alle anderen Kinder potenziell mitbetroffen. Wenn Eltern ihrem Kind aus Sorge strikt ein Handy verbieten, ist es möglicherweise sogar stärker gefährdet, weil es nicht auf die entsprechenden Risiken vorbereitet wurde.

Genau deshalb braucht es klare, einheitliche Regeln, die für alle gelten und nicht nur individuell in einzelnen Familien festgelegt werden. Verbote wirken hier nur, wenn sie konsequent, gemeinschaftlich und kontrolliert umgesetzt werden.

Zudem reden wir nicht von Totalverboten, sondern von Altersbeschränkungen für bestimmte Inhalte und für Geräte, die unkontrollierten Zugang zu solchen Inhalten ermöglichen. Aufklärung bleibt also weiterhin möglich und essenziell, genau wie in allen anderen Lebensbereichen, also z. B. im Suchtbereich oder auch in der sexuellen Aufklärung.

Aber Verbote bringen doch wenig, Kinder umgehen sie sowieso!

Dieses Argument hört man häufig. Doch ähnlich wie beim Jugendschutz für Alkohol und Tabak geht es nicht darum, eine lückenfreie Kontrolle zu erzielen, sondern Risiken substanziell zu reduzieren.

Zudem wird auch die Industrie reagieren: Wo ein Markt ist, entstehen Angebote. Geschützte Plattformen für Minderjährige sind eine realistische Zukunft, denn hier entstehen langfristige Kundenbindungen. Und ja, Umgehungsversuche wird es immer geben, doch mit alternativen Angeboten und wachsender Sensibilisierung von Eltern, Schulen und Pädagogen werden sie deutlich weniger werden. Auch das kennen wir aus der Sucht- und Jugendschutzprävention.

Fazit

Verbote und Altersbeschränkungen in der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen sind kein Allheilmittel, aber sie sind ein notwendiges Instrument, wenn Inhalte nachweislich schädlich sind und wenn gesellschaftliche Teilhabe auch auf anderen Wegen problemlos ermöglicht werden kann.

Entscheidend ist jedoch: Ein Verbot darf niemals das Gespräch ersetzen! Je klarer die Regeln, desto wichtiger ist es, mit Kindern und Jugendlichen darüber zu sprechen, warum es diese Regeln gibt. Genauso wie wir mit ihnen über Fast Food, Rauchen, Horrorfilme oder Alkohol reden, sollten wir zu Hause und in den Schulen auch digitale Risiken erklären – offen, ehrlich und altersgerecht. So entsteht nicht blinder Gehorsam, sondern echte gelebte Medienkompetenz.

1 Schulexperiment führt zu bewusster Handynutzung – noe.ORF.at
2 Lobbyausgaben der Digitalkonzerne explodieren | LobbyControl
3Konzern nennt methodische Mängel: Ohne soziale Medien weniger einsam? Meta stoppt Studie – ntv.de
4Performance on an attention test is positively related to reading but negatively related to watching TV and playing video games in children | BMC Pediatrics