Artikel / Themen

Vegan von Anfang an?

Vegetarische und veganer Ernährung bei Säuglingen und Kleinkindern – was Fachstellen empfehlen.

Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind nicht nur eine Zeit des rasanten körperlichen Wachstums, sondern bilden auch das unverzichtbare Fundament für die spätere psychomotorische Entwicklung und das lebenslange Essverhalten. In dieser sensiblen Phase legen Art und Zusammensetzung der Nahrung den Grundstein für Gesundheit, Vitalität und die Prävention zukünftiger Erkrankungen. Vor diesem Hintergrund stellen sich immer mehr Eltern, die sich selbst vegetarisch oder vegan ernähren, die brennende Frage: Ist es empfehlenswert, auch ihre Kinder rein pflanzlich zu ernähren? Die Antwort auf diese Frage ist komplex und erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen elterlichen ethischen Überzeugungen und den biologischen Bedürfnissen eines wachsenden Organismus.

In der Schweiz ist die Debatte aktueller denn je, da die Zahl der Menschen, die sich bewusst pflanzlich ernähren, kontinuierlich steigt. Fachpersonen im Gesundheitswesen werden daher zunehmend mit konkreten Fragen zu diesem Thema konfrontiert. Um Eltern eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten, hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) unter der Leitung von Dr. med. Pascal Müller im Auftrag des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) umfassende Handlungsleitlinien1 erarbeitet. Diese Leitlinien spiegeln den aktuellen Stand der Forschung und die Konsenspositionen der führenden Schweizer Instanzen wider.

Die klare Empfehlung der Fachwelt: Die Optimierte Mischkost

Die Botschaft der zuständigen Behörden und Fachgesellschaften ist unmissverständlich klar. Die Eidgenössische Ernährungskommission (EEK), die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE), die SGP und das BLV empfehlen für Säuglinge, Kleinkinder, aber auch für ältere Kinder und Erwachsene eine «Optimierte Mischkost» (OMK). Diese Ernährungsform, oft als omnivore Ernährung bezeichnet, kombiniert pflanzliche und tierische Lebensmittel in einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Weise. Sie gilt als der sicherste Weg, um den Organismus mit allen notwendigen Energie- und Mikronährstoffen zu versorgen. Die fünf zen-tralen Botschaften dieser Ernährung – Wasser trinken, Gemüse und Früchte essen, regelmässig essen, mit allen Sinnen geniessen und abwechslungsreich essen – sind in der bekannten Schweizer Ernährungsscheibe zusammengefasst, die kostenlos auf der Website der SGE verfügbar ist.

Eine rein vegane Ernährung wird nicht empfohlen

Eine rein vegane Ernährung, bei der alle Lebensmittel tierischer Herkunft ausgeschlossen werden, wird von keiner der genannten Fachorganisationen für die Schwangerschaft, die Stillzeit oder das Säuglings- und Kleinkindalter empfohlen. Der Grund dafür liegt in der naturgegebenen Einschränkung der Lebensmittelauswahl. Für Kinder, die sich in einer Phase höchster Wachstumsdynamik befinden, ist das Risiko von Mangelerscheinungen bei kritischen Makro- und Mikronährstoffen besonders hoch. Zu den am stärksten gefährdeten Nährstoffen gehören:

  • Vitamin B12: Ein Mangel kann zu schweren neurologischen Schäden führen.
  • Langkettige Omega-3-Fettsäuren (DHA/EPA): Entscheidend für die Gehirnentwicklung.
  • Eisen, Zink, Jod und Kalzium: Unverzichtbar für Blutbildung, Immunsystem, Schilddrüsenfunktion und Knochenwachstum.
  • Vitamin D und Riboflavin: Wichtig für das Knochensystem und den Energiestoffwechsel.

Ein Defizit dieser Nährstoffe kann nicht nur das körperliche Wachstum hemmen, sondern auch zu irreversiblen neurologischen Entwicklungsstörungen führen. Eine vegane Ernährung in diesem Alter ist daher nur dann vertretbar, wenn sie extrem sorgfältig geplant, lückenlos supplementiert und in regelmässigen Abständen durch qualifizierte Fachpersonen klinisch überwacht wird.

Die vegetarische Alternative: Ein sicherer Kompromiss?

Im Gegensatz zur rein veganen Kost wird eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung – also eine Kost, die Milchprodukte und Eier einschliesst – von den Experten als sicherer angesehen. Diese Ernährungsform kann in der Regel fast alle Nährstoffe liefern, die ein heranwachsender Organismus benötigt. Dennoch auch hier gilt es, auf bestimmte Punkte zu achten:

  • Eisen und Omega-3-Fettsäuren: Auch bei vegetarischer Ernährung kann die Zufuhr dieser Stoffe zu niedrig sein. Gezielte diätische Massnahmen sind erforderlich.
  • Vitamin B12: Durch den regelmässigen Konsum von Milchprodukten und Eiern kann der Bedarf in der Regel gedeckt werden, ohne dass eine zusätzliche Supplementierung nötig ist.
  • Omega-3-Fettsäuren: Da der Gehalt in Algen gering ist und diese aufgrund variabler Jodgehalte und möglicher Schwermetallbelastungen für die Kinderernährung ungeeignet sind, sollten ALA-reiche pflanzliche Quellen wie Baumnüsse (in pürierter oder gemahlener Form), Chiasamen, Leinöl, Leindotteröl oder Rapsöl täglich konsumiert werden.
  • Proteinquellen: Geeignete Alternativen zu Fleisch sind Eier, Hülsenfrüchte, Tofu, Käse und – für Kinder über einem Jahr – auch Quorn.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Supplementierung von Vitamin D. Unabhängig von der gewählten Ernährungsform muss dieses Vitamin in den ersten drei Lebensmonaten supplementiert werden, da die natürliche Zufuhr durch die Sonne in der Schweiz oft nicht ausreicht.

Strikte Regeln für die vegane Umsetzung

Falls sich Eltern dennoch bewusst für eine vegane Ernährung entscheiden, müssen sie eine Vielzahl von Massnahmen ergreifen, um das Risiko kritischer Bedarfszustände zu minimieren. Der Verzicht auf tierische Lebensmittel erfordert eine noch grössere Vielfalt bei den pflanzlichen Lebensmitteln. Täglich müssen Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, Nüsse, Samen, Kerne und Vollkorngetreide konsumiert werden, um den Wegfall von Fleisch, Fisch, Milchprodukten und Eiern zu kompensieren.

Besonders wichtig ist es, keine weiteren Einschränkungen vorzunehmen. Ein zusätzlicher Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel, Sojaprodukte oder gekochte Speisen (wie bei einer Rohkosternährung) würde das Risiko von Mangelzuständen stark erhöhen. Aufgrund des geringen Magenvolumens kleiner Kinder ist es essenziell, nährstoffdichte Lebensmittel in jede Mahlzeit zu inte-grieren. Dazu gehören Musse aus Nüssen, Samen und Kernen, Hülsenfrüchte, Getreideflocken, Öle, Weizenkeime oder Hefeflocken.

Die Supplementierung von Vitamin B12 ist bei einer veganen Ernährung ab dem Säuglingsalter absolut obligatorisch und muss lebenslang erfolgen. Auch hier sollten Eltern nicht zögern, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Verantwortungsvolle Entscheidungen treffen

Grundsätzlich gilt: Eine Fehl- oder Mangelernährung kann durch jede Form einer einseitigen oder ungenügenden Nahrungszufuhr auftreten, unabhängig davon, ob es sich um eine omnivore, vegetarische oder vegane Kostform handelt. Allerdings ist das Risiko einer Mangelernährung und der daraus resultierenden negativen Konsequenzen auf Wachstum und neurologische Entwicklung umso grösser, je jünger das Kind ist und je stärker die Ernährung eingeschränkt wird.

Eltern, die sich für eine vegetarische oder vegane Ernährung entscheiden, sollten sich daher unbedingt von einer erfahrenen Kinderärztin oder einem Kinderarzt sowie von einer qualifizierten Ernährungsfachperson begleiten lassen. Regelmässige klinische Kontrollen sind unverzichtbar, um Mängel frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Für detaillierte, konkrete Empfehlungen rund um die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern bietet das Merkblatt «Ernährung von Kindern» der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) eine hervorragende Ressource, das kostenlos unter www.sge-ssn.ch/unterlagen heruntergeladen werden kann.

Letztendlich ist die Entscheidung für eine bestimmte Ernährungsform eine persönliche, die jedoch mit gros-ser Verantwortung verbunden ist. Nur durch fundiertes Wissen, sorgfältige Planung und professionelle Begleitung kann sichergestellt werden, dass auch Kinder, die vegetarisch oder vegan ernährt werden, optimal wachsen und sich gesund entwickeln können. Die Fachwelt bleibt dabei klar: Die optimierte Mischkost ist der Goldstandard, und jede Abweichung davon erfordert höchste Vorsicht und Disziplin.

 

Referenz:
1 Pädiatrie Schweiz: Handlungsanweisungen vegetarische vegane Ernährung (11.03.2020). Abrufbar unter www.paediatrieschweiz.ch. Zuletzt eingesehen am 30.06.2026