Fast alle Jugendlichen bewegen sich Tag für Tag auf sozialen Medien. Die digitale Welt eröffnet neue Möglichkeiten für Austausch, Information und Teilhabe – und birgt aber auch Risiken. Susanne Stronski, Vorstandsmitglied von pädiatrie schweiz, sagt, was im Umgang mit sozialen Medien entscheidend ist.
Zwischen Vernetzung und Verletzung
E s sind bemerkenswerte Zahlen, die Susanne Stronski auftischt. Fast drei Stunden pro Tag verbringen hiesige Jugendliche laut Studien heute durchschnittlich online, an Wochenenden noch mehr. 98 Prozent der Jugendlichen brauchen Messenger-Apps, 80 Prozent haben schon mal Online-Games gespielt – und die Hälfte davon hat in diesem Umfeld Mikrotransaktionen getätigt.
Was manchen Jugendlichen wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, verbinden Erwachsene mit Sorgen: Schaden die sozialen Medien der Gesundheit unserer Kinder? Und wie schützen wir sie davor?
Soft-Nachteile – und die grösseren Gefahren
Susanne Stronski ist Kinderärztin, früher war sie Oberärztin in der Kinderklinik des Inselspitals Bern und Leiterin des Gesundheitsdienstes der Stadt Bern. Bei pädiatrie schweiz, der landesweiten Organisation für Kinderärzt:innen, ist sie heute zuständig für den Bereich Sozialpädiatrie, für Fragen zur Gesundheit von Kindern unter Berücksichtigung ihres sozialen Umfelds. Sie gehört zu einer Arbeitsgruppe, die von pädiatrie schweiz beauftragt wurde, evidenzbasierte kinderärztliche Empfehlungen für den Umgang mit Social Media zu erarbeiten.
Kinderärzt:innen ist längst bewusst, dass die sozialen Medien einen Fixpunkt darstellen in unserem sozialen Leben. Im Praxisalltag sind sie häufig mit Auswirkungen der Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen konfrontiert und versuchen, die oft verzweifelten Eltern zu befähigen, ihre Kinder vor Gefahren zu schützen. Praktisch alle Familien haben Zugang zum Internet, praktisch alle Jugendlichen haben ein Smartphone. Und: Praktisch alle nutzen Messenger-Dienste, dazu kommen Plattformen wie TikTok oder Instagram. Susanne Stronski sagt, soziale Medien seien weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht, denn: Sie eröffnen Chancen – Chancen auf Informationen, auf neue Netzwerke und soziale Teilhabe. Besonders wertvoll sind digitale Räume für Jugendliche aus Minderheiten oder mit einem Gefühl der Isolation. «Dort haben sie die Möglichkeit, Unterstützung zu finden und Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennenzulernen», sagt Stronski.
Aber: Soziale Medien vernetzen – und verletzen. Es gibt die Nachteile, etwa: Der Aufenthalt im Internet braucht Zeit – bloss auf welche Kosten? Entwicklung ist nur möglich, wenn Kinder die Welt sinnlich erleben und reale Beziehungserfahrungen machen. Social-Media-Erfahrungen bezeichnet Susanne Stronski als «zweidimensional», sinnliche Erfahrungen und die Pflege von «3D-Beziehungen» fänden nicht statt. Jüngere Kinder lernten erst mit realen Erfahrungen, Räume zu erfassen, Stimmungen wahrzunehmen und einzuordnen – bei zu viel Social-Media-Konsum «fehlt da etwas», sagt Stronski, «und bei den Jugendlichen nur schon Zeit für den Schlaf». Jede Stunde mit dem Smartphone ist eine Stunde weniger für Bewegung, Begegnung und Lernen. Betreffend Schlaf gibt’s noch die Crux mit der Bildschirmstrahlung, die das Schlafhormon Melatonin hemmt. Die Empfehlung: vor dem Zu-Bett-Gehen mindestens eine Stunde lang keinen Bildschirm-Kontakt. Zudem begünstigt das lange Starren auf den Bildschirm, vor allem aber der fehlende Aufenthalt im Tageslicht die Entwicklung von Kurzsichtigkeit. Immer wieder eine Pause einzulegen und in die Ferne zu schauen, entlastet die Augen. Aufenthalt am Tageslicht vermindert nachweislich das Risiko für Kurzsichtigkeit.
Was ein «härterer» Nachteil ist: Cybermobbing. Mindestens ein Viertel der Jugendlichen hat laut Untersuchungen bereits Erfahrungen damit gemacht – als Betroffene oder auch als Beteiligte. Wer gemobbt wird, mobbt oft auch selber. Anders als beispielsweise auf dem Pausenplatz fehlen im digitalen Raum oft die Kontrollmechanismen. In der digitalen Welt fallen viele Schranken, und das Mobbing geht auch zu Hause digital weiter. Für Beleidigungen oder Ausgrenzungen sind rund um die Uhr Türen und Tore offen, mit potenziell grossem Publikum.
Die Kunst der Verführung
Ein weiteres Problem sieht Stronski in den verführerischen Mechanismen der Plattformen. Soziale Netzwerke seien keine gemeinnützigen Angebote. Algorithmen analysieren das Verhalten der Nutzenden; sie entscheiden mit, welche Inhalte Jugendliche sehen, welche Themen ihre Aufmerksamkeit erhalten. Und sie fördern suchtähnliche Verhaltensweisen: Belohnungen oder neue Nachrichten erschweren den Ausstieg.
Aus einem «kurzen Reinschauen» wird rasch über eine Stunde. Beiträge auf sozialen Plattformen sind in der Regel kurz, oft emotional und reisserisch. Die Konzentrationsfähigkeit der Konsumierenden leidet erwiesenermassen, Studien zeigen einen Abfall der schulischen Leistungen ab über einer Stunde Freizeit-Bildschirmgebrauch pro Tag. Zudem löst der andauernde Vergleich mit irrealen, übertriebenen «Idealen» unter Umständen grossen Druck und Selbstzweifel aus, ausgerechnet in einem prägenden Alter, in dem die Jugendlichen eine wichtige Entwicklungsphase durchmachen und ihre Identität zu finden versuchen. Auch Challenges, Fehlinformationen und die Preisgabe privater Informationen sind problematisch.
Wie also schützen wir die Gesundheit unserer Kinder vor den negativen Auswirkungen der sozialen Medien? Stronski kennt und nennt die Zahl aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation: «Rund 10 Prozent der Jugendlichen erfüllen Kriterien für eine Störung im Umgang mit sozialen Medien.» Dabei geht es nicht bloss um eine hohe Nutzungsdauer. Entscheidend ist, ob andere Lebensbereiche vernachlässigt werden oder ein Kontrollverlust entsteht. Doch nicht alle reagieren gleich. Wer psychisch stabil ist und ein unterstützendes Umfeld hat, verarbeitet digitale Erfahrungen oft besser. Jugendliche mit bestehenden Belastungen haben ein höheres Risiko für negative Auswirkungen.
Zentral ist deshalb der Aufbau von Medienkompetenz. Menschen müssen befähigt werden, Informationen kritisch einzuordnen, Risiken zu erkennen und digitale Angebote bewusst zu nutzen. Angesichts neuer Technologien wie KI wird diese Kompetenz immer wichtiger. Gefordert seien sowohl Schulen als auch Eltern, sagt Stronski. Medienbildung sollte verankert werden, von der frühen Kindheit bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Angesichts der potenziellen Auswirkungen weist Stronski darauf hin, dass der ungeregelte Zugang zu Social-Media-Plattformen zum Wohl der Heranwachsenden idealerweise hinauszuzögern ist, bis sie eine gewisse Reife erreicht haben. Jugendliche sollten frühzeitig auf mögliche Risiken vorbereitet sein, dazu zählen etwa Aufforderungen, Nacktfotos zu verschicken, ungewollter Kontakt mit pornografischen oder Gewaltdarstellungen, Cybergrooming. Wichtig ist auch, dass Jugendliche ein Verständnis erlangen für die möglichen Konsequenzen der eigenen Aktivitäten im digitalen Raum und für rechtliche Aspekte. Nicht zuletzt sieht Stronski auch die Plattformbetreiber und die Politik in der Verantwortung, Kinder und Jugendliche besser zu schützen.
Für Familien empfiehlt Stronski klare Regeln. Etwa: sicher keinen Social-Media-Account für Jugendliche unter 13 Jahren (besser nicht unter 14 bis 16 Jahren) und danach für etwa zwei Jahre eine Nutzung nur unter enger Begleitung durch Erwachsene*. Denn: Wer soziale Medien nutzt, soll darüber reden können, auch über negative Erfahrungen. Weil es eben genau so ist: dass soziale Medien weder grundsätzlich gut noch schlecht sind; und dass der entscheidende Punkt darin liegt, wie sie junge Menschen nutzen – und mit welcher Unterstützung.
* Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses war die Empfehlung von pädiatrie schweiz noch in Bearbeitung.
Weiterführende Links
www.paediatrieschweiz.ch/eltern/#kinder-und-jugendliche
www.projuventute.ch/de/eltern/internet/medien-und-gesundheit
www.kinderschutz.ch/themen/sexualisierte-gewalt/sexuelle-entwicklung-und-digitale-sexualisierte-gewalt/schutzstrategien/plattformen-apps

Mehr zum Thema im Jubiläums-Podcast
pädiatrie schweiz, die landesweite Organisation für Kinderärzt:innen, feiert heuer das 125-jährige Bestehen. Im Zentrum des Jubiläumsjahres steht eine Podcast-Reihe, «Stark für Kinder – Podcast zum Kindswohl». Das Gespräch mit Susanne Stronski fand im Rahmen dieser Serie statt; es ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.