pädiatrie schweiz, die landesweite Organisation für Kinderärzt:innen, feiert das 125-Jahre-Jubiläum: Der Präsident Nicolas von der Weid spricht über den Mangel an Kinderärzt:innen und strukturelle Probleme im Gesundheitswesen – und er sagt: «Wenn wir nichts unternehmen, stehen wir am Anfang eines grösseren Problems.»
«Kinder haben in unserem System weniger Bedeutung»
Herr von der Weid, 125 Jahre pädiatrie schweiz – was hat sich in dieser Zeit in der Kinder- und Jugendmedizin grundlegend verändert?
Früher stand die Behandlung von Krankheiten im Zentrum. Heute handelt es sich vielmehr um eine präventive Medizin, das Schwergewicht liegt auf Impfungen, auf Beratung und Stärkung der Eltern. Im weitesten Sinn begleiten wir auch Erziehung und Schulbildung. Eltern haben weniger Zeit für die Kinder als früher.
Das merken Sie?
Ja. Wir begegnen Erziehungs- oder schulische Fragen, zu denen wir auch Stellung nehmen müssen. Und vergessen wir nicht das Thema «mentale Gesundheit». Davon war auch schon vor der Covid-Pandemie die Rede – aber Covid hat die Scheinwerfer darauf gerichtet. 25 Prozent der Jugendlichen bekunden in dieser Hinsicht Probleme oder Sorgen – was enorm ist in einem im Prinzip reichen, ruhigen und friedlichen Land wie der Schweiz.
Kinderärzt:innen sind also viel breiter gefordert als früher.
Die niedergelassenen Kinderärzt:innen, die in einer Praxis und nicht in einem Spital tätig sind, arbeiten heute viel stärker vernetzt. Sie stehen im Austausch mit Schulen, Psycholog:innen, Therapeut:innen und anderen Fachpersonen. Zudem besteht ein Grossteil der Arbeit aus administrativen Aufgaben, was Zeit wegnimmt für die eigentliche medizinische Tätigkeit. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Eltern.
Ist es nicht auch so, dass Eltern oder Erziehungsberechtigte häufig verunsichert sind, weil sie im Internet herumgesucht und von «Dr. Google» eine Erstdiagnose erhalten haben?
Dr. Google ist ein schlechter Berater. Dagegen ist Telemedizin zu einer zunehmend besseren Lösung geworden. Diese telefonischen Erstberatungen werden immer häufiger auch von Kinderärzt:innen bedient. Diese Art von Angebot erachte ich als gute Antwort auf den Mangel an Kinderärzt:innen.
Dieser Mangel ist ein viel diskutiertes Thema.
Zu Recht. Immer mehr Eltern finden keine Praxis, weil die Mehrheit der niedergelassenen Kinderärzt:innen so überlastet ist, dass sie keine neuen Patient:innen aufnehmen. Dabei geht es nicht nur um die absolute Zahl der Kinderärzt:innen. Der Beruf hat sich verändert: Viele arbeiten Teilzeit, oft in Gruppenpraxen. Dadurch braucht es heute zwei oder drei Personen, um eine frühere Vollzeitstelle zu ersetzen.
Wie ernst ist die Situation wirklich?
Ich würde sagen: Wenn wir nichts unternehmen, stehen wir am Anfang eines grösseren Problems.
Was würde ein zunehmender Mangel konkret für Kinder und Familien bedeuten?
Die meisten Kinder sind gesund. Aber das Problem wird sich eher schleichend zeigen: bei der Qualität der Versorgung, bei der Begleitung von Familien und bei den sogenannten «weichen» Faktoren. Wenn weniger Kinderärzt:innen zur Verfügung stehen, bleibt weniger Zeit für Beratung, Prävention und individuelle Betreuung.
Und wie gelingt es, dass genügend gut ausgebildete Kinderärzt:innen und Hausärzt:innen zur Verfügung stehen?
Die Universitäten haben gemerkt, dass sie grundsätzlich mehr Ärzt:innen ausbilden müssen. Dieser Wandel läuft – und nun braucht es einen erhöhten Anreiz, dass sich die Studierenden nach dem Staatsexamen auch zur Weiterbildung im Bereich Pädiatrie entscheiden.
Wie wird dieser Anreiz geschaffen?
Es klingt vielleicht ein bisschen salopp, aber ein zentraler Punkt betrifft die Tarife: Kinderärzt:innen in der Grundversorgung verdienen deutlich weniger als die meisten Spezialist:innen. In den Tarifregelungen gibt es extrem grosse Unterschiede zwischen Neurochirurgie, Kardiologie oder Gynäkologie einerseits und Pädiatrie, Psychiatrie oder Hausarztmedizin anderseits.
Betreffend Regelung der Tarife ist die politische Ebene gefragt – eigentlich müssen wir fast fragen: Hat ein Kind weniger Wert als ein Erwachsener?
Kinder haben in unserem System strukturell weniger Bedeutung, weil sie wirtschaftlich nicht produktiv sind. Am anderen Ende des Lebenszyklus sind die Ärzt:innen in der Geriatrie von diesem Thema ähnlich betroffen. Lassen Sie es mich so sagen: Wir haben mit Populationen zu tun, die grundsätzlich unproduktiv sind – sie interessieren die Politik wenig, weil sie kosten und wenig bringen.
Trotz Herausforderungen: Warum ist «Kinderärzt:in» ein Traumberuf?
Kinder bringen oft eine natürliche Lebendigkeit und Spontanität mit – und die Eltern sind in der Regel sehr motiviert und wollen das Beste für ihr Kind. Dadurch ziehen alle am gleichen Strang, was die Arbeit sehr bereichernd macht. Zudem begleiten Kinderärzt:innen ihre Patient:innen oft vom Neugeborenen bis zum jungen Erwachsenen. Diese Möglichkeit, die Entwicklung eines Menschen mitzuerleben, aus Nähe und Distanz zugleich, macht den Beruf besonders spannend.

Jubiläum mit «Podcast zum Kindswohl»
pädiatrie schweiz, die landesweite Organisation für Kinderärzt:innen, feiert heuer das 125-jährige Bestehen. Im Zentrum des Jubiläumsjahres steht eine neue Podcast-Serie, «Stark für Kinder – Podcast zum Kindswohl». Sie beleuchtet Sonnen- und Schattenseite von Beruf und Branche – mit prominenten Gästen und drängenden Themen. Die Frage an die Ständerätin Flavia Wasserfallen lautet etwa: «Warum ist uns die Gesundheit von Kindern weniger wichtig als Hightech- Medizin?» Die Podcast-Folgen sind ab 11. Juni auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.