Wie Kinder im Lager spielerisch lernen, Food-Waste zu vermeiden.
Jedes Gramm zählt
Habt ihr den Bananenschalen-Tee probiert?» Die Kinder der Jubla Schaffhausen müssen nicht lange überlegen. Vor ein paar Tagen gab es ihn an einem der kühleren Abende ihres zweiwöchigen Zeltlagers direkt unter den Mythen im Kanton Schwyz. Hergestellt wurde er aus den Schalen von Bio-Bananen, deren Früchte zuvor für Riz Casimir verwendet worden waren. Verfeinert mit etwas Zimt sorgte das ungewöhnliche Getränk nicht nur für wohlige Wärme, sondern für viele neugierige Gesichter und spannende Gespräche. Auch Tage später wird im Lager noch davon erzählt. Denn genau solche Ideen gehören zur Restlos Geniessen Challenge. Die Jubla Schaffhausen ist eines der Schaffhauser Lager, die dieses Jahr an der vom Kanton und der Stadt Schaffhausen unterstützten Umsetzung der Challenge teilnehmen. Während zwei Wochen tüfteln die Lagerküche und die rund 120 Kinder gemeinsam daran, Lebensmittel möglichst vollständig zu verwerten und Food-Waste zu vermeiden. Dabei entstehen immer wieder überraschende Rezepte und so mancher Aha-Moment.
Ein gemeinsames Ziel verbindet alle
Nach jeder Mahlzeit werden die Lebensmittelreste gewogen. Das Resultat verschwindet aber nicht einfach in einer Tabelle. Im Esszelt hängt ein grosses Poster, auf dem die Resultate Tag für Tag eingetragen werden. Besonders motivierend: Ein einfaches Bewertungssystem mit Äpfeln zeigt auf einen Blick, wie gut das Lager unterwegs ist. Wer weniger als 50 Gramm Lebensmittelreste pro Person verursacht, erhält die Bestnote von drei Äpfeln.
Die Kinder verfolgen gespannt, wie sich ihr Lager entwickelt. Wird es heute wieder für drei Äpfel reichen? Haben wir weniger Reste als gestern?
«Ich finde, es macht mega Spass und es ist interessant zu sehen, wie viele Essensreste weggeworfen werden», erzählt eine Teilnehmerin.
Der spielerische Ansatz hat einen ernsten Hintergrund. In der Schweiz werden in den Haushalten durchschnittlich über 240 Gramm Lebensmittel pro Person und Tag weggeworfen, obwohl ein grosser Teil davon vermeidbar wäre. Mit dem Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung verfolgt auch der Bund das Ziel, Food-Waste deutlich zu reduzieren. Gerade zu Hause ist es jedoch schwierig, Gewohnheiten nachhaltig zu verändern.
Genau hier setzt die Restlos Geniessen Challenge an. Kinder und Jugendliche erleben unmittelbar, welchen Unterschied ihr eigenes Verhalten machen kann. Statt mit erhobenem Zeigefinger setzt die Challenge auf gemeinsames Erleben, Ausprobieren und Erfolgserlebnisse.
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt sich bereits nach wenigen Tagen. «Wir sind sehr überrascht, wie die Kinder mitfiebern und wie engagiert auch die Küche dabei ist», erzählt Lagerleiterin Hanna Schudel.
Mit Erfolg: Noch nie fielen im Lager der Jubla Schaffhausen so wenige Lebensmittelreste an wie in diesem Jahr.
Die Lagerküche wird zum Ideenlabor
Die Challenge verändert nicht nur das Verhalten der Kinder, auch in der Küche entstehen täglich neue Ideen. Aus Dingen, die sonst oft im Abfall landen würden, werden plötzlich spannende Zutaten.
Kartoffelschalen verwandeln sich in knusprige Chips. Aus Gemüseabschnitten entsteht eine Bouillon, die für das Tomaten-Risotto verwendet wird. Und die Schalen der Bio-Bananen finden als wohltuender Tee an den kühlen Lagerabenden eine zweite Verwendung.
Die Kinder entscheiden zwar nicht über den Menüplan. Sie werden aber zu neugierigen Testerinnen und Testern der kreativen Resterezepte. Oft staunen sie selbst, wie gut vermeintliche «Abfälle» schmecken können.
«Das Thema Food-Waste ist mega präsent. Vielen ist gar nicht bewusst, was wir alles verändern können, wenn wir uns Food-Waste einmal bewusst machen», sagt Hanna Schudel.
Auch in anderen Lagern entstehen überraschende Ideen.
«Beim Kochen hat es zu vielen kreativen Lösungen geführt, wie der eine Tomatenschnitz noch verwertet werden kann. Einige Äpfel wurden zu Apfelmus, Tomaten von den Burgern fanden ihren Platz in einem Sugo mit den Hackfleisch- und Zwiebelresten zusammen», erzählt Delia Büchenbacher von der Sekundarschule Arlesheim.
Bei der Sekundarschule Binningen wurden übrig gebliebene Spaghetti nach einem Abendprogramm zusammen mit Brotresten und verschiedenen Dips angeboten. «Alles wurde restlos gegessen», berichtet Lehrerin Chantal Ruberti.
Die Beispiele zeigen: Oft braucht es keine aufwendigen Rezepte. Ein wenig Kreativität genügt, um aus Resten etwas Neues entstehen zu lassen.
Lernen, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt
Je länger das Lager dauert, desto selbstverständlicher wird der bewusste Umgang mit Lebensmitteln. Die Kinder beginnen automatisch, kleinere Portionen zu schöpfen, und holen sich lieber ein zweites Mal Nachschlag.
«Man soll lieber zweimal schöpfen und nicht zu viel auf einmal nehmen», sagt ein Teilnehmer.
Eine andere Teilnehmerin der Jubla Schaffhausen ergänzt: «Es gibt Menschen, die haben zu wenig Essen auf dieser Welt. Deshalb sollte man lieber weniger schöpfen und dafür nochmals nehmen.»
Niemand hält dazu einen Vortrag. Die Erfahrungen entstehen ganz von selbst, beim gemeinsamen Kochen, Essen und Erleben.
Auch Lehrpersonen aus der ganzen Schweiz beobachten diese Entwicklung.
«Die Teilnahme an der Challenge hat bei den Kindern enorm viel ausgelöst. Sie achteten darauf, wie viel sie schöpften, und wollten möglichst keinen Food-Waste verursachen. Tolle Aktion!», erzählt Andrea Thierstein von der Primarschule Rüderswil.
Caroline Grossenbacher von base4kids ergänzt: «Es war interessant zu sehen, wie viele Kinder bewusst auf Food-Waste achteten. Ich denke, dass die Kinder durch die Teilnahme an der Challenge sensibilisiert wurden und sie das in ihr weiteres Leben mitnehmen.»
Besonders eindrücklich bleibt Chantal Ruberti ein Schüler in Erinnerung: «Es war schön zu beobachten, wie aufmerksam die Schülerinnen und Schüler darauf geachtet haben, keine Lebensmittel unnötig wegzuwerfen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Schüler, der seinen Teller jeweils so sauber ‹abgeleckt› hat, dass wirklich nichts mehr zu sehen war.»
Auch Delia Büchenbacher erzählt von einem Erlebnis, das sie überrascht hat: «Ein Schüler hatte am Abend nur den halben Burger aufgegessen. Er war bereit, beim Frühstück die Reste noch aufzuessen. Das hat mich erstaunt.»
Was im Lager beginnt, geht zu Hause weiter
Die Challenge endet mit dem letzten Lagertag, ihre Wirkung jedoch oft nicht.
«Ich werde meinen Eltern sagen, dass wir Teil der Challenge waren und dass ich zu Hause auch darauf achten möchte, weniger Essen wegzuwerfen», erzählt eine Teilnehmerin aus dem Jubla-Lager.
Genau das ist das Ziel der Restlos Geniessen Challenge. Kinder und Jugendliche sollen dort erreicht werden, wo Essgewohnheiten entstehen, beim gemeinsamen Planen, Kochen und Essen. Was sie im Lager spielerisch erleben, soll später auch zu Hause oder in der Schule selbstverständlich werden.
Und manchmal sind es gerade die kleinen Veränderungen, die den grössten Unterschied machen. Eine kleinere erste Portion. Ein kreatives Restemenü. Eine selbst gemachte Bouillon aus Gemüseabschnitten. Oder die Erkenntnis, dass sogar aus den Schalen einer Bio-Banane noch etwas Feines entstehen kann.
Wenn Kinder erleben, dass nachhaltiges Handeln nicht Verzicht bedeutet, sondern Spass machen kann, entstehen Gewohnheiten, die weit über die zwei Lagerwochen hinausreichen. Genau deshalb setzt die Challenge auf gemeinsames Erleben statt auf Verbote – und zeigt, dass jedes gerettete Lebensmittel zählt.