Die siebenjährige Nina steht vor dem Kiosk-Regal und überlegt lange: Kaugummi oder doch lieber den Schokoriegel, der mehr kostet? Ein paar Jahre später sitzt Nina am Küchentisch und rechnet aus, ob ihr Lehrlingslohn für das neue Handy-Abo und das Konzert am Wochenende reicht. Zwischen diesen beiden Szenen liegt ein langer Lernweg. Der Umgang mit Geld ist keine Fähigkeit, die plötzlich mit der Volljährigkeit da ist. Sie entwickelt sich Schritt für Schritt, von den ersten Franken im Sparschwein bis zur finanziellen Selbstständigkeit.
Fit fürs Leben: Was Kinder im Umgang mit Geld wirklich brauchen
Wie gut Kinder später mit Geld umgehen können, entscheidet sich nicht erst im Erwachsenenalter. Finanzkompetenz beginnt in der Kindheit – und vor allem zu Hause. Kinder lernen den Umgang mit Geld in erster Linie von ihren Eltern; durch das, was diese vorleben, besprechen und zulassen. Schule, Finanz-Apps oder Ratgeber können diese Rolle unterstützen, aber nicht ersetzen. Wie also können Eltern ihre Kinder bestmöglich auf diesem Weg begleiten?
Was Finanzkompetenz bedeutet …
Finanzkompetenz ist mehr als Kopfrechnen mit Franken und Rappen und das Wissen, wie Zinsen funktionieren. Kinder sollen lernen, selbstständig, verantwortungsbewusst und nachhaltig mit Geld umzugehen. Das sind viele grosse Worte in einem Satz und ein hoher Anspruch. Im Alltag ist aber genau das wichtig. Eine gute Geldentscheidung muss nicht nur heute aufgehen, sondern auch in ein paar Jahren noch stimmen und uns eine finanziell sichere Zukunft ermöglichen.
Damit Menschen im Umgang mit Geld gute Entscheidungen treffen können, braucht es drei Dinge: Wissen, Fähigkeiten und Einstellung. Wissen bedeutet, dass Kinder verstehen, wie Geld funktioniert. Sie wissen, wie ein Preis entsteht oder wie ein Konto funktioniert. Fähigkeiten meint die praktische Seite: Kinder können ihr Geld einteilen oder ein Sparziel verfolgen. Die Einstellung betrifft die Haltung gegenüber Geld: Was ist einem wichtig, und wie geht man mit Wünschen um, die man sich noch nicht leisten kann? Nur wenn diese drei Kompetenzen zusammenkommen, kann man so mit Geld umgehen, dass die Rechnung auch morgen noch aufgeht.
… und warum sie wichtig ist
Warum dieser Fokus auf Geld? Es geht nicht darum, Kinder zu kleinen Kapitalisten zu erziehen. Aber Finanzen sind ein wichtiger Teil unseres Alltags, der sich aktuell schnell verändert. Bargeld wird seltener, Twint, Kreditkarten oder Ratenzahlungen machen das Bezahlen bequemer, aber auch abstrakter, und es wird schwieriger, die Übersicht zu behalten. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Lage für viele Familien enger: Mieten, Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten steigen, während Werbung und soziale Medien ständig neue Konsumwünsche wecken. Wer in diesem Umfeld nicht gelernt hat, mit Geld umzugehen, gerät schnell in Schwierigkeiten. Und diese Schwierigkeiten sind selten harmlos: Schulden oder ein knappes Budget wirken sich auf fast alle Lebensbereiche aus, von der Wohnsituation bis zur Gesundheit. Genau weil Geld überall mitspielt, lohnt es sich, den Umgang damit früh zu lernen.
Die Funktionen von Geld – oder warum Sackgeld nicht reicht
Wofür ist Geld eigentlich da? Würde man die siebenjährige Nina fragen, würde sie vermutlich antworten, «um mir schöne Dinge zu kaufen». Das ist verständlich, aber eigentlich ein Problem. Über Generationen haben wir Kindern Sackgeld gegeben, damit sie sich damit «schöne Dinge» kaufen können. Auch das ist ein wichtiger Lernprozess und die Entscheidung, ob ich mir Kaugummi oder Schokoriegel kaufen soll, ist für eine Siebenjährige durchaus eine schwierige Entscheidung. Aber was lernen Kinder, wenn wir auch später Sackgeld nur für die angenehmen Dinge des Lebens ausgeben?
Die Realität ist ja doch etwas anders. Geld ist nicht nur für die Dinge, die wir uns kaufen wollen. Je älter man wird, desto mehr Geld geben wir aus, weil wir es müssen. Kaum jemand kauft gerne Reinigungsmittel oder neue Socken. Oder legt gerne Geld für Versicherungen und Steuern auf die Seite. Und trotzdem ist es wichtig. Genau das sollten wir Kindern beibringen.
Vereinfacht gesagt braucht man Geld für vier Dinge:
- Fixkosten: Dinge, die man sowieso bezahlen muss; wie Miete, Steuern oder Krankenkasse.
- Sparen: Geld auf die Seite legen; für Notfälle oder für etwas Grösseres.
- Zum Ausgeben: Geld, das man frei für sich nutzt; für Freizeit, Hobbys oder kleine Wünsche.
- Für andere: Geld, das man für andere ausgibt; Geschenke, Einladungen oder Spenden.
Sackgeld sollte deshalb bei älteren Kindern nicht nur zum Ausgeben da sein. Wer sein Geld schon als Kind in diese vier Bereiche einteilt, wird später weniger Mühe im Umgang mit Geld haben.
Konkret: Wie können wir unsere Kinder unterstützen
Lernen ist ein Prozess, das gilt auch für Finanzkompetenz. Budgetberatung Schweiz unterscheidet daher vier Lebensphasen. In jeder Phase stehen andere Entwicklungsschritte im Vordergrund. Etwas haben alle Phasen gemeinsam. Man lernt durch Erfahrung. Kinder sollen ausprobieren und Fehler machen dürfen.
Vorschule und Unterstufe: den Wert von Geld begreifen
In den ersten Schuljahren geht es um die Grundlagen. In diesem Alter werden zwei der wichtigsten Kompetenzen entwickelt. Das Unterscheiden von Wünschen und Nötigem sowie die Fähigkeit, Wünsche aufzuschieben und auf etwas zu sparen. Am besten lernen Kinder das durch eigenes Erleben:
- Mit Bargeld einkaufen lassen: Kinder bezahlen selbst und vergleichen Preise.
- «Verkäuferli» spielen: So üben sie Kaufen und Verkaufen spielerisch.
- Wollen und Brauchen unterscheiden, etwa beim gemeinsamen Erstellen einer Einkaufsliste oder bei Gesprächen über Wünsche der Kinder.
- Wünsche kurz aufschieben üben: Das erleichtert laut Studien auch später das Sparen.
- Schon früh Sackgeld geben: Bereits die Hälfte der Sechsjährigen in der Schweiz bekommt Sackgeld. Das ist eines der besten Lernfelder.
Mittelstufe: Geld einteilen lernen
Ab der dritten Klasse wird das Sackgeld zum eigentlichen Übungsfeld. Komplexere Konzepte wie digitales Zahlen oder Zinsen verstehen die meisten Kinder erst gegen Ende dieser Phase.
- Drei Gläser oder Kässeli nutzen: für Ausgaben, Sparen und Wünsche.
- Erste gebundene Ausgaben übernehmen lassen, etwa Kleider- oder Znünigeld.
- Ferien mit einem Budget gemeinsam planen.
- Teuer, günstig, billig: Vergleichen schärft das Gefühl für Preise und man kann diskutieren, ob die billigste Lösung wirklich immer die beste ist.
- Erste Erfahrungen mit Prepaid-Twint sammeln.
- Kleine Mini-Jobs ermöglichen, etwa Laub rechen oder die Katze der Nachbarn füttern.
Oberstufe: Das erste eigene Budget
Mit rund 12 Jahren wächst die Selbstständigkeit deutlich: Kinder können rechnen, haben ein Gefühl für Zeit und holen sich noch gerne Rat bei den Eltern. Der ideale Moment für mehr Verantwortung – und das eigene Konto.
- Grösseren, klar abgegrenzten Betrag übergeben, etwa für Kleider, Freizeit oder das Handy.
- Ein einfaches Budget führen lassen, auf Papier oder mit einer App.
- Ein Sparziel setzen, etwa für ein Fahrrad, macht langfristiges Sparen greifbar.
- Erstes eigenes Konto eröffnen. Bei Jugendkonten können die Möglichkeiten der Nutzung Schritt für Schritt ausgebaut werden.
- Regelmässig über Geld sprechen: Das macht Jugendliche nachweislich kompetenter.
Lehre und weiterführende Schule: Budgetieren wie Erwachsene
Mit der Lehre oder dem Gymnasium rücken Fixkosten wie Krankenkasse und Steuern in den Fokus. Jugendliche werden zunehmend finanziell unabhängig, die Eltern treten eher in den Hintergrund.
- Krankenkasse und Versicherungen erklären: Grundversicherung, Franchise, Prämienverbilligung – Haftpflicht und Hausratversicherung usw.
- Steuererklärung gemeinsam ausfüllen, auch wenn noch nichts geschuldet ist.
- Ein detailliertes Budget führen, inklusive Lehrlingslohn oder Nebenjobs.
- Selbstvertrauen stärken statt nur Wissen vermitteln: Manchmal braucht es etwas Rückenwind.
- Verantwortung zunehmend abgeben und nur noch auf Anfrage unterstützen.
Ohne Eltern geht es nicht
So unterschiedlich die Lernschritte in den vier Phasen auch sind: Die Eltern sind und bleiben wichtig. Kinder übernehmen zu grossen Teilen das Finanzverhalten, das sie zu Hause beobachten. Wer offen über Geld spricht und eigene Fehler und Schwächen im Umgang mit Geld zugibt, gibt seinen Kindern mehr mit als jede Erklärung im Schulunterricht.
Genauso wichtig sind offene Gespräche: Warum haben wir uns für dieses Produkt entschieden und nicht für ein anderes? Wie lange mussten wir dafür sparen? Wie treffen wir solche Entscheidungen? Solche Fragen prägen, wie sicher sich Kinder später im Umgang mit Geld fühlen.
Am meisten lernen Kinder aber, wenn sie selbst handeln dürfen: eigenes Sackgeld ausgeben, ein Sparziel verfolgen, auch mal eine Fehlentscheidung treffen und deren Folgen spüren. Eltern begleiten diesen Prozess am besten, indem sie schrittweise Verantwortung übertragen, Fehler zulassen und darüber sprechen. Finanzkompetenz wächst über Jahre, mit jedem Einkauf, jedem Sparziel und jedem Gespräch am Küchentisch.
Tipps in Kürze
- Klein anfangen: Schon im Kindergartenalter mit Bargeld einkaufen und Preise vergleichen.
- Wollen und Brauchen unterscheiden: Diese Übung begleitet Kinder durch alle Altersstufen.
- Verantwortung schrittweise übertragen: Vom Sackgeld über das eigene Budget bis zum Jugendkonto.
- Digitale Zahlungsmittel nicht vergessen: Twint und Co. gehören ab der Mittelstufe dazu.
- Offen über Geld sprechen: Über Ausgaben diskutieren und eigene Kaufentscheidungen erklären gibt Kindern früh einen Einblick.
Budgetberatung Schweiz
Der Dachverband Budgetberatung Schweiz ist eine Non-Profit-Organisation. Seit über 60 Jahren ist er als unabhängige Anlaufstelle auf Fragen rund um das Budget von Privatpersonen spezialisiert und bietet Beratung sowie kostenlose Hilfsmittel wie Budgetvorlagen, Budgetrechner und Budget-App.
Weiterführende Grafiken und Videos:
www.budgetberatung.ch/sackgeld