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Drinnen oder draussen?

Nachdem so viele Schweizer Kinder andauernd «drinnen» waren, macht unser Kolumnist, Gerhard Spitzer, Mut für «draussen»

Bild:© MNStudio/Shutterstock.com

Trotz viel ländlicher Idylle oder mittlerer Kleinstadt-Atmosphäre in der unvergleichlichen Schweiz gibt es auch hier das gleiche Problem wie überall: Die Kinder und Jugendlichen sitzen mehr «drinnen» als «draussen»! Aktuell vor allem, weil die allermeisten Schweizer Schulkinder im Zuge der Corona-Massnahmen der letzten Monate Hunderte endlose Arbeitsstunden an häuslichen Bildschirmen hinter sich gebracht haben und es noch immer tun (müssen). Nicht selten haben Kinder sogar wesentlich mehr zwangsverordnete, ungesunde Bildschirm-Arbeitsstunden zu absolvieren als deren zum Homeoffice verdonnerten Eltern.

Ein Fakt, der mit den Verantwortlichen durchaus sehr kritisch zu hinterfragen wäre.
Doch es liegt ja nicht nur daran! Auch ohne diese Ausnahmesituation finden sich unter Schweizer Kindern immer mehr mit der Lizenz zum «Stubenhocker»!

Couch-Potato?

Genauso wie bei Erwachsenen gibt es natürlich auch bei Kindern viele sehr unterschiedliche Wesensarten, wenn es um ganz persönliches Freizeitverhalten geht.

Beispielsweise gibt es auch in der Schweiz das sogenannte «Couch-Potato-Kind», welches sich mit Vorliebe und ziemlich ausdauernd auf weichen Liegepolstern im heimischen Wohnzimmer fläzt. Bei diesem Freizeittyp sind Motivations- und Bewegungspotenzial ausserhalb der genannten wohnlichen Lokalität kaum vorhanden. Nicht so toll! Kein wirklich gesundes Kinderleben, liebe Leute!

Doch eine andere Gruppe macht mir ohnehin noch ein bisserl mehr Sorgen: Das sind die «Hardcore-Computer-Junkies». So nenne ich sie jedenfalls liebevoll. Diese gehören zu einer neuen Risikogruppe, die sich aufgrund der schon vorhin beschriebenen Arbeitssituation wahrscheinlich gerade vervielfacht.

Kinder, die bisher doch viel lieber auf «Tatsch-Screen», «Tabletten-Kompjuter» und Co. verzichtet haben, werden sich in diesen Zeiten wohl sehr schnell an die neuen Bildschirm-Daueraufenthalte gewöhnt haben.

Neue Zeit?

Der zehnjährige Alexander aus Rapperswil, zum Beispiel! Dessen Vater, Paul, beschwert sich beim Beratungsgespräch, dass: «… mein Sohn gar nicht mehr aus seinem Zimmer herunterkommt, weil er nach Erledigung der vielen Ufzgi andauend weiter mit seinem Computer spielt!» Es sei doch nicht zu glauben, dass man die Kids heutzutage so schwer ermutigen könne, noch etwas anderes zu tun. «Aber gut», meint Papa Paul am Ende seiner Anklage gegen das herrschende Kinder-Establishment noch huldvoll, «so ist halt die neue Zeit! Ohne diese Dinge geht es offenbar nicht mehr! Damit muss man halt leben!»
Wirklich, Paul? Muss man das?

Neue Ära?

Schon sind wir beim «Ratgeberabschnitt» angekommen, liebe Freunde meiner Kolumne. Doch schon der allererste Ansatz ist sehr schwer zu schlucken. Aber nachdem wir derzeit ohnehin viel Ungewöhnliches gewohnt sind, versuchen wir es …

«Lieber Paul», beginne ich vorsichtig, «wenn Ihnen das Computerverhalten ihres Alexander bereits unheimlich geworden ist, sollten Sie gleich am ersten Tag nach der sehr bedenklichen Homeoffice-Ära Ihren eigenen Computer, das Tablet und vielleicht sogar Ihr smartes Immer-dabei-Gerät so gut als möglich einpacken und ab dann wirklich nur noch im Notfall nutzen! Mit anderen Worten: Leben Sie Ihrem Buben konsequent vor, dass Sie Ihr eigenes Leben nicht vollkommen von all den Geräten bestimmen lassen! Bei intakter Basisbeziehung kann sich das massiv auf das Grundverhalten Ihres geliebten Kindes auswirken!»

Neue Kämpfe?

So, jetzt ist eine erste Annäherung gegen «drinnen» erreicht. Nun fehlt nur noch die Motivation für «draussen» …
Papa Paul bringt den Kern der Sache mit seiner nächsten Frage auf den Punkt: «Wie bekämpfe ich dieses Suchtverhalten aber unmittelbar bei meinem Sohn?»

«Gar nicht!», versetze ich und sorge damit sichtlich für Verblüffung. «Der Kampf gegen Computer, Handy und Co. bewirkt mit ziemlicher Verlässlichkeit das genaue Gegenteil. Hier geht es eher um neue Motivation! Ihr Sohn braucht erstmal einen – oder mehrere – wirklich gute Gründe, um motiviert genug zu sein, überhaupt aus seinem Zimmer herauszukommen!»

Neuer Plan

Also, her mit einem neuen Plan, am besten einen mit einer gehörigen Portion kindgerechtem Abenteuer-Feeling! Mein Vorschlag, passend zur Jahreszeit: «Planen Sie doch bitte ab jetzt wirklich regelmässige Vater-und-Sohn-Sack-und-Pack-Abenteuer, hinaus in die regionalen Wälder rund um Rapperswil … am besten gleich über Nacht. Verpacken Sie doch Ihr neues Outdoor-rundum-Paket einfach spannend genug. Vielleicht sogar als ‹geheime Mission›, oder ‹Sternenreise›. Das kommt bei einem Zehnjährigen sicherlich bestens an! Das Wichtigste daran ist aber, dass Sie, lieber Paul sich selber von dem neuen Plan begeistert zeigen! Dann werden Sie staunen, wie schnell Ihr Sohnemann seine Freizeitprioritäten in Richtung Luft, Licht, Sonne und Sternenhimmel verschiebt!»

Also los, liebe FamilienSPICK-Fans! Ausrüstung besorgen, karge, aber herzhafte Kaltverpflegung einpacken, mindestens eine Outdoor-Nacht einplanen und die alles entscheidende Frage stellen: «Wo, mein Schatz, ist dir unsere gemeinsame Äktschn lieber? Drinnen oder draussen?» Achten Sie jetzt genau auf das Mienenspiel Ihres Kindes!

Sie werden es mögen!

Top-Tipps

  • Sie sind mit dem neuen computerorientierten Feizeitverhalten Ihres Kindes nicht einverstanden? Überprüfen Sie bitte zu allererst Ihre eigenen Verhaltensmuster.
  • Daraus ergibt sich auch Positives! Seien Sie versichert: Solange Ihre Beziehung intakt ist, wird sich Ihr Kind für jede Beschäftigung begeistern, für die Sie selbst Begeisterung zeigen.
  • «Bekämpfen» Sie nicht ständig das Fehlverhalten, sondern zeigen Sie sich lieber ehrlich erfreut, wenn es einmal nicht passiert: «Schön, dass du heute so viel draussen warst!»
  • Wenn Sie dennoch «einschreiten» möchten, formulieren Sie doch probeweise auch Ihre Forderung positiv: «Ich freue mich, wenn du wieder für uns da bist!»; «Ich bin sicher, dass du das Tablet gleich ausschaltest!»
  • Verpacken Sie gemeinsame Aktionen in spannende Namen, wie: «Geheimmission Dschungel»; «Survival-Challenge»; «Schnickschnack-Abenteuer».
  • Bleiben Sie auch in Zeiten wie diesen Ihrem Kind gegenüber konsequent positiv eingestellt und machen Sie «neugierige Pläne» für die Zeit danach.
  • Lassen Sie bitte auch mal Ihr Kind alternative Low-Cost-Freizeitvorschläge ausarbeiten.
Bild: © Gerhard Spitzer / Foto: Walter Dormaier

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