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Das Rad und wie es die Welt verändert

Das Velo als Kulturgut, als Sportgerät und natürlich schlicht als Fortbewegungsmittel: Es ist nicht totzukriegen. Mit dem E-Bike hat es sogar zusätzlichen Schub erhalten. Höchste Zeit, mehr über das zu erfahren, was das Velo zu dem macht, was es ist: das Rad.

Bild: © PotatoTomato/shutterstock.com

Wenn es etwas scheinbar schon immer gegeben hat, nehmen wir es als selbstverständlich wahr. Was beim Rad natürlich alles andere als der Fall ist. Dessen Erfindung hat die Welt verändert. Nicht ohne Grund ist die Wendung «Das Rad neu erfinden» fester Teil unseres Sprachschatzes. Und mit dem «fünften Rad am Wagen» machen wir deutlich, was es braucht, um ins Rollen zu kommen – und was eben nicht. Aber wer hat es denn eigentlich erfunden, das Rad? Wie hat es sich entwickelt? Was hat es in verschiedenen Teilen der Welt bewirkt? Eine kleine Reise durch die Geschichte des Rads in sechs kurzen Etappen.

1 Wer hat damit angefangen?

Zumindest in der Wahrnehmung der restlichen Schweiz finden die Zürcher ja recht oft, dass sie der Nabel der Schweiz sind. Sind sie allenfalls auch derjenige der Welt? Haben sie sogar das Rad und damit in letzter Konsequenz auch das Velo erfunden? Na ja, fast. Jedenfalls war der Jubel gross, als in den 70er-Jahren am Zürichsee bei Ausgrabungen ein unerwarteter Fund auftauchte: Reste von Rädern und sogar von einer Radachse. Zum Leidwesen der Zürcher muss man aber festhalten, dass ähnliche Konstruktionen quer durch die Alpen oder in Süddeutschland oder Slowenien, aber auch im Nahen Osten gefunden wurden. Wir waren in der Schweiz, die damals natürlich noch nicht die Schweiz war, sicher bei den Leuten, wie die Funde zeigen, aber wer der echte Radpionier war und wo er wohnte, das lässt sich beim besten Willen nicht mehr eruieren – und ist vermutlich auch nicht besonders wichtig, weil das Rad ohnehin einen Siegeszug um die ganze Welt antrat.

2 Und ab wann war das Rad Trumpf?

Bleiben wir bei den Zürchern. Den Fund am Zürichsee konnte man zurückdatieren auf bis zu 3200 vor Christus. Das sorgte für Begeisterung bei den Archäologen, weil solche Entdeckungen immer Aufschluss über offene Fragen geben. Über 5000 Jahre vor der aktuellen Zeit gab es also bereits Räder. Belegt ist das übrigens auch durch Darstellungen von Rädern und Wagen gegen Ende des 4. Jahrtausends nach Christus. Legt man den Begriff «Rad» sehr grosszügig aus, ist die Erfindung sogar noch älter. Denn eine Töpferscheibe beispielsweise basiert auf dem gleichen Prinzip und war schon früher im Einsatz. Die Ägypter bewegten übrigens ebenfalls schon einiges früher schwere Lasten auf Rollen, statt sie zu schleppen. Aber diese verdienen den Begriff Rad wohl schwerlich.

3 Wie ging es weiter mit dem «Ur-Rad»?

Im Zürcher Fall waren die Räder aus Ahornholz und bestanden aus einer durchgehenden Scheibe. Das dürfte eine sehr frühe Form gewesen sein, denn diese Konstruktion war noch ziemlich limitiert, was die Anwendungen anging. Was an diesen Rädern angemacht war, musste sich gewissermassen mit dem Rad mitdrehen. Ein solches Vollscheibenrad war nicht geeignet, um beispielsweise eine Kutsche ins Rollen zu bringen. Das Velo war mit der vollen Scheibe auch noch in weiter Ferne. Wäre die Menschheit vor Tausenden von Jahren zu faul gewesen, das Rad weiterzudenken, würden wir heute noch laufen. Fundstücke aus Norddeutschland, den Niederlanden oder auch Dänemark zeigen aber, dass andere Gegenden der Welt etwa um die gleiche Zeit wohl schon weiter waren. Dort tauchten Räder auf, die mit runden Löchern ausgestattet waren, also eine Achse bilden konnten, um die sie sich drehten. Damit liess sich also ein Gefährt ausstatten.

4 Was konnte man damals mit einem Rad sonst noch machen?

Dumme Frage, weil ein Rad nur zur Fortbewegung dient? Nicht ganz. Vor fast 2000 Jahren wollte man bereits in der Lage sein, die Zeit zu messen, hatte aber noch nicht das heutige Wissen. Gelöst wurde das mit sogenannten Räderuhren. Gewichte, später eine Feder brachten den Mechanismus «ins Rollen», was ohne das Prinzip des Rads nicht möglich gewesen wäre, auch wenn es nun nicht gerade ein Velo war. Aber bis heute basieren viele unserer Uhren ja bekanntlich auf einem Räderwerk. Ganz zu schweigen von der industriellen Revolution, die allgemein stark auf der Idee «Energie setzt Rad in Bewegung» basierte.

5 War das Rad ein Selbstläufer?

Wir halten, wie das Sprichwort «Das Rad neu erfinden» zum Ausdruck bringt, die Erfindung des Rads für eine der grössten, die jeden begeistern müsste. Es gab aber da und dort durchaus Anlaufschwierigkeiten. Zum Beispiel auf dem amerikanischen Kontinent. Aus Mexiko ist überliefert, dass man mit dem Rad zunächst nicht viel anzufangen wusste. Der Grund: Das grösste Tier, das man dort zur treuen Gefolgschaft gemacht hatte, war der Hund. Und der eignet sich nun nicht unbedingt, um ihn vor einen schweren Karren zu spannen. Warum also hätten sie solche bauen sollen? Im alten Rom wiederum setzte man voll auf die Karte Rad und baute munter Pferdewagen und sogar ein entsprechendes Strassennetz. Als das Römische Reich unterging, kümmerte sich keiner mehr um diese Strassen, sie verfielen förmlich. Entsprechend sank auch die Lust, die Entwicklung von Wägen fortzusetzen.

6 Und was ist nun mit dem Velo?

Das Fahrrad, in der Schweiz fast schon poetisch Velo genannt, scheint uns aus heutiger Perspektive eine logische Folge der Erfindung des einzelnen Rads. Aber es ging vom einen zum anderen sehr lange. Wohl, weil sich den Menschen lange nicht erschloss, warum man ohne eine grosse Last oder mehrere Leute transportieren zu wollen, etwas konstruieren soll, das Bedürfnis fehlte schlicht. Es brauchte mal wieder das Genie eines Einzelnen, um eine Nachfrage zu entfesseln. Der Erfinder Karl Drais fuhr am 12. Juni 1817 unter grossem Interesse 14 Kilometer weit auf einem hölzernen Laufrad. Er brauchte knapp eine Stunde, war also recht schnell unterwegs. Danach lief es fast wie von selbst immer weiter vom einst beliebten Hochrad bis zum «normalen» Velo und der späteren Vielfalt an verschiedenen Modellen, vom Rennvelo übers Citybike bis zum Mountainbike. Bis nach dem 2. Weltkrieg waren die Stras-sen beherrscht von Velofahrern, dann verbreitete sich das Auto und diktierte auch die Art des Strassenbaus. Die Erdölkrise sorgte für ein Comeback des Velos. Und heute besitzen rund 65 Prozent der Schweizer Haushalte ein solches. Was bei uns «dagegen» sprechen könnte, unsere ziemlich anstrengende Topografie, das löst inzwischen bekanntlich das E-Bike.