Gruppendruck gehört zum Aufwachsen dazu. Kinder vergleichen sich, wollen dazugehören und fürchten das Aussenseitertum. In unserer digitalen Welt hat sich der Druck jedoch verstärkt – über den Umgang mit dem Gruppendruck der digitalen Welt.
Aber alle anderen dürfen schon!
Ich erinnere mich noch gut an die Pausen während meiner Primarschulzeit. In den 90er-Jahren war der Gameboy das Statussymbol schlechthin. Fast jedes Kind in meiner Klasse hatte einen – und ich wollte natürlich auch einen. Während die anderen ihre Tetris-Rekorde verglichen oder sich gegenseitig Super Mario zeigten, stand ich daneben und versuchte cool zu wirken. «Meine Eltern meinen, ich brauche das nicht», höre ich mich damals sagen. Innerlich fühlte ich mich ausgeschlossen. Es war nicht der Gameboy selbst, der mich verletzte, sondern das Gefühl, nicht mit meinem Freundeskreis dabei zu sein.
Heute, Jahrzehnte später, stehe ich auf der anderen Seite. Und wieder begegnet mir dieselbe Szene, nur in neuer Form. Diesmal geht es nicht um einen grauen Kasten mit Pixelgrafik, sondern um Smartphones, soziale Medien und Gruppenchats. «Aber alle anderen dürfen schon!», sagt das Kind – und ich höre mein jüngeres Ich darin mitschwingen.
Gruppendruck in digitaler Verpackung
Gruppendruck gehört zum Aufwachsen dazu. Kinder vergleichen sich, wollen dazugehören und fürchten das Aussenseitertum. In unserer digitalen Welt hat sich der Druck jedoch verstärkt: Ein Gruppenchat entscheidet darüber, ob man zu einer Geburtstagsparty eingeladen wird. Ein Handyfoto kann über Stunden Gesprächsthema sein. Likes und Emojis sind die neue Währung der Zugehörigkeit.
Für Eltern ist das ein Dilemma: Einerseits wollen wir unsere Kinder schützen – vor Cybermobbing, ständiger Ablenkung und unkontrollierter Bildschirmzeit. Andererseits wissen wir, dass soziale Integration wichtig ist. Niemand möchte, dass das eigene Kind aussen vor bleibt. So haben Eltern schon in diversen Umfragen angegeben, dass sie ihrem Kind ein erstes Handy besorgt haben, damit es nicht ausgeschlossen wird – keine sehr pädagogische Überlegung.
Den Gruppendruck sichtbar machen
Der erste Schritt im Umgang mit diesem Spannungsfeld besteht darin, den Gruppendruck zu benennen. Kinder spüren ihn sehr stark, können ihn aber oft nicht in Worte fassen. Eltern können helfen, indem sie Fragen stellen wie:
- «Was macht dir am meisten Angst, wenn du nicht dabei bist?»
- «Geht es dir mehr um das Gerät, oder um das, was deine Freunde damit machen?»
- «Wie würdest du dich fühlen, wenn ihr stattdessen etwas anderes gemeinsam macht?»
Solche Gespräche geben Kindern die Möglichkeit, zwischen dem eigentlichen Bedürfnis (Zugehörigkeit) und dem vermeintlichen Mittel (Smartphone, Social Media) zu unterscheiden.
Was hier ebenfalls hilfreich sein kann, ist die Relativierung und Einordnung solcher Situationen und Gefühle des Ausgeschlossenseins: Wie wichtig ist mir das Mitmachen wirklich? Was passiert, wenn ich da nicht mitmache? Hier geht es stark um Gefühle der Verlustangst oder das FOMO (Fear of missing out – die Angst, etwas zu verpassen). Welche Strategien gibt es, um mit diesem Gefühl umzugehen oder sich abzulenken?
Werte und Grenzen klar vermitteln
Eltern dürfen und sollen Werte vorleben und ihre Haltung vertreten. Wenn ein Smartphone zum Beispiel erst ab einem bestimmten Alter erlaubt ist, sollte diese Grenze klar und konsistent kommuniziert werden. Wichtig ist dabei, das «Nein» nicht nur als Verbot zu präsentieren, sondern als Entscheidung, die aus Fürsorge getroffen wird: «Wir wollen, dass du dich auf die Schule konzentrieren kannst und deine Freizeit vielfältig erlebst – dafür ist es noch zu früh mit einem eigenen Smartphone, da dieses Gerät dich eben von diesen Sachen ablenkt.»
Kinder verstehen Grenzen leichter, wenn sie merken, dass dahinter Werte stehen: Sicherheit, Gesundheit, Zeit für echte Begegnungen.
Dabei dürfen wir als Eltern nicht vergessen, auch ehrlich zu prüfen, wie wir selbst mit Gruppendruck umgehen. Wie oft kaufen wir ein neues Gerät, «weil alle das haben»? Wie oft fühlen wir uns gezwungen, auf Nachrichten sofort zu reagieren? Kinder beobachten uns genau – und lernen an unserem Beispiel.
Strategien gegen den Druck
Doch was hilft konkret, wenn das eigene Kind immer wieder mit dem «Aber alle anderen dürfen schon»-Argument kommt?
Eltern können ihren Kindern helfen, mit digitalem Gruppendruck umzugehen, indem sie zunächst Vergleiche relativieren. Denn «alle» dürfen selten wirklich alles – oft sind es nur ein paar wenige, die besonders sichtbar sind oder den Ton angeben. Es hilft, Kindern zu zeigen, dass die Wahrnehmung in solchen Situationen oft verzerrt ist. Gleichzeitig ist es wichtig, empathisch zu bleiben: Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, ist real und schmerzhaft. Wer dieses Gefühl anerkennt, vermittelt Verständnis, ohne sofort nachgeben zu müssen.
Ebenso entscheidend ist, dass Kinder Rückendeckung spüren. Sie brauchen die Sicherheit, dass sie zu Hause aufgefangen werden, auch wenn sie einmal nicht mitmachen oder gegen den Strom schwimmen.
Zuletzt ist jede Familie anders und in jeder Familie werden andere Werte und somit auch andere Regeln gelebt. Manche Familien essen vielleicht vor dem TV, trinken Cola beim Abendessen oder gehen jede Woche mehrmals in McDonald᾿s. Andere Familien gehen jeden Abend spazieren oder eine Fahrradtour machen, andere spielen gemeinsam ein Spiel und in wieder anderen beschäftigt sich jeder für sich mit seinem Bildschirm. In unserer Familie versuchen wir uns an unseren gemeinsamen Werten zu orientieren.
Soziale Integration ohne digitale Dauer-Berieselung
Die gute Nachricht: Es gibt kreative Wege, Kindern soziale Teilhabe zu ermöglichen, ohne ihnen sofort ein vollwertiges Smartphone in die Hand zu drücken.
- Tablet statt Smartphone: Ein Tablet zu Hause kann den Zugang zu einem Klassenchat ermöglichen, ohne dass das Kind das Gerät überallhin mitnimmt. So ist es eingebunden, aber nicht permanent online.
- Familienaccount: Ein gemeinsamer Messenger- oder Chat-Account, der von Eltern und Kind zusammen genutzt wird – z. B. an einem Familien-Handy oder -Tablet – für die Kommunikation mit der Schulklasse, Freunden oder Vereinen. Das Kind hat Zugang, aber die Eltern behalten den Überblick.
- Übergangsmodelle: Eine Smartwatch oder ein «Einsteigerhandy» ohne Social-Media-Apps, aber mit Anruffunktion, kann Sicherheit bieten, ohne gleich die volle Online-Welt zu öffnen.
- Offline-Treffen fördern: Wer selbst Spieleabende, Bastelnachmittage oder kleine Ausflüge organisiert, schafft Begegnungen, die nicht an Bildschirmzeit gebunden sind.
- Vereinsaktivität fördern: Viele Vereine bieten diverse Angebote für Kinder, um Gemeinschaft zu erleben – sei es bei den Pfadfindern in der Natur, in einer Musikgesellschaft oder in einem Sportverein. Oder auch im Digital-Club, wo Kinder sicher Online-Kontakte mit Gleichaltrigen halten können (dazu weiter unten mehr …).
Wichtig ist ausserdem gemeinsam mit dem Kind Regeln auszuhandeln, etwa feste Online-Zeiten oder klare Grenzen bei der App-Nutzung. Wenn Kinder das Gefühl haben, an Entscheidungen beteiligt zu sein, wächst ihre Bereitschaft, sich an Absprachen zu halten, und ihr Selbstbewusstsein, sich auch in der digitalen Welt zu behaupten.
Fazit
«Aber alle anderen dürfen schon» – dieser Satz wird uns noch oft begegnen. Und ja, es ist schwer, die Balance zu halten zwischen Schutz und Teilhabe. Doch wenn wir unseren Kindern zeigen, dass ihre Gefühle ernst genommen werden, ihnen Alternativen bieten und klare Werte vermitteln, helfen wir ihnen, gestärkt mit Gruppendruck umzugehen.
So wie ich damals auf dem Schulhof ohne Gameboy meinen Platz finden musste, werden auch heutige Kinder Wege finden, dazuzugehören. Der Unterschied: Heute finden sich in der digitalen Welt auch Möglichkeiten zur Unterstützung für Eltern.
Genau dafür gibt es den Digital-Club für Kinder: ein wöchentliches Zoom-Treffen, in dem Kinder mit Gleichaltrigen digitale Abenteuer erleben, spielerisch Medienkompetenz aufbauen und Fragen stellen dürfen, die sie wirklich beschäftigen – wie etwa: «Warum darf ich kein Handy haben, obwohl alle anderen schon dürfen?»
So müssen Eltern nicht jeden Konflikt allein austragen, sondern können sich darauf verlassen, dass ihr Kind Verständnis, Wissen und Sicherheit gewinnt. Melde dein Kind jetzt gleich im Digital-Club an unter