Familie, Erwerbsarbeit und Haushalt unter einen Hut zu bekommen, bedeutet für viele Familien in der Schweiz eine echte Herausforderung. Die ultimative Lösung für die Betroffenen gibt es nicht.
Zwischen hohen Erwartungen, knappen Ressourcen und permanenter Überforderung
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Herausforderung, welche die ganze Familie betrifft – egal ob man zu zweit erzieht, alleinerziehend ist, in einer Patchwork-Familie lebt oder selbstständig arbeitet. Eine Patentlösung, wie alle Aufgaben zwischen Familie, Haushalt und Beruf zu bewältigen sind, gebe es nicht, heisst es vonseiten der Pro Juventute, die Schweizer Stiftung zur Förderung und Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und ihrer Familien. Laut der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zum Aspekt «Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Schweiz und im europäischen Vergleich» besteht sowohl für erwerbstätige Eltern mit Kindern unter 15 Jahren als auch für Erwerbstätige, die sich um pflegebedürftige ältere Kinder oder andere erwachsene Familienmitglieder kümmern, ein hoher Bedarf an Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Rund 36 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren haben aktuell mindestens eine regelmäs-sige Betreuungsaufgabe für Kinder oder erwachsene Familienmitglieder. Das entspricht 1,9 Millionen Personen. Die Reduktion der Arbeitszeit ist die meist unvermeidbare Konsequenz der Kinderbetreuungspflichten der Frauen in Österreich und der Schweiz (39 bzw. 38 Prozent).
Frauen erledigen den Hauptteil der Arbeit
Die familienergänzende Kinderbetreuung – seien es Grosseltern, Nachbarn, Kindertagesstätten, Horte, Tagesfamilien, schulergänzende Betreuung oder Tagesschulen mit Vor- respektive Nachschulbetreuung – gilt heute als eine wichtige Voraussetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gut zwei Drittel der Familien nehmen eine oder mehrere dieser Betreuungsformen in Anspruch. Die Angebote der Kinderbetreuung sind jedoch oft nicht in genügender Anzahl vorhanden oder an die Arbeitszeiten angepasst; manchmal werden sie von Eltern aus finanziellen Gründen nicht oder nur beschränkt genutzt. Je nach Alter und Anzahl der Kinder kann der Zweitverdienst jedoch durch die Mehrausgaben wieder aufgebraucht werden. Frauen erledigen auch heute noch den Hauptteil der Arbeit zu Hause. Daher fühlen sie sich eher überlastet, wenn sie erwerbstätig sind.
Keine ultimativen Lösungen ohne Verzicht
«Wenn so viele Eltern die Kombination von Familie, Beruf und Haushalt als kräftezerrende Herausforderung erleben, liegt die Vermutung nahe, dass sich die Lebensbereiche gar nicht miteinander vereinbaren lassen», sagt Daniel Huber, ehemaliger Geschäftsleiter der schweizerischen Fachstelle «UND Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen». Die Fachstelle berät Männer und Frauen bei ihrer privaten und beruflichen Alltagsorganisation, hilft bei der Umsetzung einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung und ist Ansprechpartner in Fragen beruflicher Weiterentwicklung. Gleichzeitig unterstützt sie Betriebe, die bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf schaffen wollen. Daniel Huber plädiert: Weg vom Perfektionismus und von allzu hohen Ansprüchen an sich selbst wie auch an Hobbys, Partnerschaft usw. Die vorhandene Zeit lasse sich nicht strecken. Deshalb gehe es nicht, ohne irgendwo abzuspecken und auf Dinge zu verzichten.
Fünfteiliges Familienmodell
Die Fachstelle UND hat ein fünfteiliges Familienmodell entwickelt – mit dem Ziel, die Vereinbarkeit der fünf Lebensinhalten Ich, Beruf, Gemeinwohl, soziale Beziehungen und Haushalt zu verbessern. Dem Lebensinhalt «Beruf» kommt dabei insofern eine besondere Bedeutung zu, da er für die meisten die materielle Grundlage bildet. Die Lebensinhalte stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen zueinander. Sie können erfolgreich nebeneinander existieren, einander gegenseitig bereichern und ergänzen, dazu dienen, Belastungen im jeweils anderen Bereich zu kompensieren, und sie können zueinander auf verschiedene Arten in Konflikt stehen.
Folgende fünf Fragen, entwickelt von der Fachstelle UND, helfen Familien mit Kindern, ihre aktuelle Situation zu analysieren und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen:
1) Finanzen: Was ist der realistische Mindestbedarf?
- Welche Fixkosten sind nicht verhandelbar (Miete, Krankenkasse, Steuern, Betreuung)?
- Welche Ausgaben sind variabel (Freizeit, Ferien, Essen ausser Haus)?
- Welche Kostenfallen gibt es bei Pensensänderungen (z. B. höhere Betreuungskosten, Steuereffekte, Wegfall von Zuschüssen)?
2) Werte: Was ist im Familienalltag am wichtigsten?
- Welche drei Dinge sollen im Alltag «gut» laufen (z. B. gemeinsame Abendessen, Zeit draussen, Ruhe am Wochenende)?
- Was darf bewusst einfacher werden (z. B. Haushaltstandard, Social-Termine, Perfektion bei Znüni)?
3) Betreuung: Welche Mischung passt zu uns und unserem Kind?
- Welche Betreuung ist verlässlich erreichbar (Kita, Tagesfamilie, schulergänzende Betreuung, Familie, Nachbarschaft)?
- Was braucht euer Kind aktuell (Eingewöhnung, Bindung, Ruhe, klare Übergänge)?
4) Job & Karriere: Welche Phase ist dran – und für wen?
- Ist gerade Stabilität wichtiger oder Entwicklung?
- Welche Aufgaben im Job sind zeitkritisch (Sitzungen, Projekte, Pikettdienst)?
- Welche Flexibilität ist realistisch (Gleitzeit, Jahresarbeitszeit, Homeoffice, Teilzeit)?
5) Energie & Erholung: Wer ist wann am Limit?
- Wie viele echte Erholungsstunden hat jede Person pro Woche?
- Welche Zeiten sind «nicht verhandelbar» (Sport, Therapie, Schlaf, Freundschaften)?
Wenn es zu viel wird: Warnzeichen & Hilfe
Überlastung darf nicht als ein persönliches Versagen gedeutet werden, sondern in erster Linie als ein Signal, dass Anforderungen und Ressourcen derzeit nicht zusammenpassen. Besonders nach Geburt, bei Schlafmangel oder bei chronischem Stress steigt das Risiko für Erschöpfung und psychische Beschwerden. Folgende Warnzeichen sollte man ernst nehmen: Schlafstörungen trotz Müdigkeit, erhöhte Reizbarkeit und emotionale Taubheit, man hat das Gefühl, nur noch zu funktionieren, Konflikte eskalieren schneller, körperliche Symptome ohne klare Ursache nehmen zu – zum Beispiel Kopf- oder Bauchschmerzen, Herzklopfen usw. Was können Betroffene in solchen Fällen tun? Empfohlen wird, die Prioritäten zu senken und sich für ein bis zwei Wochen auf einen vordefinierten «Minimalbetrieb» mit Essen, Schlafen und den Kernaufgaben im Beruf zu konzentrieren. Weiter lohnt es sich, auf eine punktuelle externe Unterstützung wie Putzhilfe, Einkaufslieferung oder Babysitting zurückzugreifen. +
Linktipps:
Fachstelle UND Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen: www.und-online.ch
Informations- und Beratungszentrum Frau und Arbeit: www.frac.ch
Frauenzentralen der Schweiz: www.frauenzentrale.ch
Pro Juventute, die Schweizer Stiftung zur Förderung und Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und ihrer Familien: www.projuventute.ch
Stellungnahme von Schule und Elternhaus Schweiz:
Negative Langzeitfolgen immer noch vor allem weiblich
Während dieser Ansatz, der Eltern konkret vor allem bei den akuten Herausforderungen der Vereinbarung von Familie und Arbeit unterstützt, bleiben die langfristigen und gesamthaft strukturellen Konsequenzen vor allem für die Frau ein ungelöstes Problem. Schule und Elternhaus Schweiz (S&E) nimmt eine zunehmende Spaltung unter den Eltern wahr: in jene, welche die Care-Arbeit von Anfang an auslagern und lieber die Kosten in Kauf nehmen, um ihre langfristige Karriere zu sichern – und jene, bei denen durch den Erwerbsverzicht das Sozialhilferisiko etwa im Falle einer Trennung auf das Doppelte steigt. «Ich vermute, dass die junge Generation von Frauen sich zunehmend gegen das Kinderkriegen entscheiden wird, da es für sie schlichtweg keine faire Perspektive für eine gleichwertige, gesellschaftliche Wertschätzung wie die Vollzeitarbeit darstellt», resümiert Claudia Castro aus dem Vorstand von S&E.
Wichtiger Wirtschaftsfaktor
Nur wenn ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinde und beispielsweise ein vergleichbares Modell wie der Erwerbsersatz beim Militärdienst zumindest thematisiert werde, um die Zeit zu kompensieren, die Eltern bzw. Mütter für die Betreuung und die zunehmend vermisste Erziehung aufwenden, könne überhaupt von einer echten Vereinbarung von Beruf und Familie gesprochen werden. Dazu gehörten nicht nur finanzielle Aspekte wie die Fortzahlung der AHV oder die Einzahlung in die 2. und 3. Säule, sondern auch das gesellschaftliche Verständnis, dass das Grossziehen zukünftiger Generationen nicht nebenbei passiert, sondern ein mindestens so wichtiger Wirtschaftsfaktor ist wie die Einwanderung. (S&E)