Kinder spielen, malen, schreiben, bauen, lernen, entwickeln Ideen, finden Freunde, haben Spass, meistern neue Aufgaben und vieles mehr. Wenn sie dabei Schwierigkeiten haben, weiss die Ergotherapeutin Isolde Österreicher Rat.
Von Mimosen, Hasenfüssen und kleinen Tollpatschen
Isolde Österreicher: Gemeinsam mit dem Autor Klaus Ebenhöh und dem Illustrator Daniel Spreitzer haben Sie eine dreiteilige Buchreihe zu Schwächen in der Reizverarbeitung veröffentlicht.
Ja, genau. Jedes unserer drei Bücher haben wir Kindern mit besonderer Reizverarbeitung gewidmet. Im ersten Buch geht es um den tollpatschigen Bären Bummbumm, einen propriozeptiv unterempfindlichen Bären – er spürt sich selbst nicht gut. Im zweiten Buch ist Mimi die Heldin. Sie ist eine kleine Wildgans mit taktiler Überempfindlichkeit. Berührungen findet sie oft unangenehm. Mimi reagiert aufgrund einer andersartigen Reizverarbeitung im Gehirn auf Berührung, Druck, Temperatur oder Schmerz überempfindlich. Und im dritten Buch steht Leo im Mittelpunkt, der Angst hat vor Bewegung. Mit unseren Büchern möchten wir betroffenen Kindern und auch ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer andersartigen Reizverarbeitung und dass es Hilfe gibt.
Wie wirkt sich diese andersartige Reizverarbeitung im Alltag aus?
Der Alltag von Mimi und Leo ist von drei möglichen Verhaltensweisen geprägt: Furcht, Flucht oder Kampf. Aufgaben im Alltag versuchen sie zu kontrollieren und zu verstehen, damit sie ja nicht in ein mögliches Dilemma geraten. Unangenehmen Situationen gehen sie prinzipiell aus dem Weg. Mimis wirken auch manchmal sehr stark und kommandieren alle herum, doch im Kern sind sie Mimosen, die verstanden werden möchten. Bummbumms hingegen ist oft alles egal, da sie Berührungen ohnehin nicht so spüren.
Was stresst denn Kinder wie Mimi besonders?
Zum Beispiel das Gesichtwaschen, Zähneputzen, Frisieren, aber auch Essen mögen sie oft aufgrund der Konsistenz nicht. Bei der Kleidung stören Nähte, rutschende Socken werden zur Qual. Die Temperatur von Speisen und Getränken, aber auch die des Duschwassers muss stimmen. Ausserdem können sie sehr wehleidig sein und empfinden lieb gemeinte Gesten wie Umarmen oft als unangenehm.
Wie können Eltern kleinen Mimosen helfen?
In erster Linie muss man diesen Kindern vermitteln, dass man sie versteht. Trotzdem kann man ihnen nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Es hilft, zuerst einen tiefensensiblen Reiz zu setzen, d. h., das Gehirn vorzubereiten, um sie dann neue taktile Reize kennenlernen zu lassen. Beispielsweise die Arme mit einem klaren, flächigen, langsam stärker werdenden Griff angreifen und so massieren – und erst dann mit Seife waschen. Ein paar dieser Möglichkeiten werden im Buch vorgestellt.
Und wo liegt bei Bummbumm das Besondere?
Salopp formuliert: Der kleine Bär spürt sich nicht. In der Fachsprache heisst das propriozeptiv unterempfindlich. Er kann tiefensensible Reize im Körper, die über Sehnen, Muskeln, Gelenke, Faszien und innere Organe wahrgenommen werden, nicht so verarbeiten wie andere Kinder. Deshalb haben Kinder wie Bummbumm oft Probleme beim Erlernen von Abläufen – zum Beispiel bei grobmotorischen Aufgaben wie dem Laufen, bei feinmotorischen Aufgaben wie dem Sprechen oder bei Bewegungen, die Timing verlangen, dazu gehört etwa das Ballspielen. Es kann sich aber auch auf das Einhalten von Grenzen auswirken, zum Beispiel etwas im Malbuch innerhalb der Grenzen anmalen, auf der Zeile schreiben oder an Spielregeln halten.
Was kann man tun, damit Kindern wie Bummbumm das gelingt?
Ein Kind wie Bummbumm braucht intensivere Reize, also körperlich grössere Anstrengungen als andere Kinder – wie die Spiele im Buch. Denn erst dann bekommt das Kind das Gefühl, dass es auch wirklich trägt, hält, hebt oder zieht. Je öfter es das tut, desto schneller werden die richtigen Nervenverknüpfungen gebildet. Das Kind bewegt sich sicherer und nimmt eigene und fremde Körpergrenzen besser wahr.
Womit haben Kinder wie Leo zu kämpfen?
Sie haben Angst vor Bewegung. Da Bewegung mit Haltungsstabilität und dem Gleichgewichtssystem zu tun hat, können hier die Ursachen liegen. Das Gehirn hat dann Schwierigkeiten mit drehenden, linearen und/oder beschleunigenden Reizen. Das Kind braucht diese Fähigkeit aber, um im richtigen Moment mit einer angepassten Reaktion zu antworten. Konkret: sich beim Hinfallen abstützen oder drehende Reize für eine gewisse Zeit aushalten können. Im Alltag sind solche Kinder eher passiv und zeigen wenig Bewegungsvielfalt. Daher werden sie als ängstlich oder vermeidend wahrgenommen. Sie kommen beispielsweise auch spät ins Gehen und später machen ihnen Turnen, Skifahren oder Schwimmen keinen Spass.
Wie können solche Kinder unterstützt werden?
Wichtig ist, die Haltungsstabilität zu stärken, wenn es notwendig ist. Anschliessend werden dem Kind entsprechende Gleichgewichtsangebote gemacht, damit es die Verarbeitung dieser Reize erlernt und sich die Qualität der Bewegung verbessert. In der Ergotherapie biete ich diesen Kindern Gleichgewichtsreize in Verbindung mit tiefensensiblen Reizen an. Ich begleite und ermutige das Kind. Und spiele seinem Können entsprechend mit ihm. Es gewinnt so an Selbstvertrauen und lernt immer mehr Aufgaben, die mit Gleichgewicht zu tun haben.
Für wen habt ihr diese Trilogie geschrieben?
In erster Linie für alle Kinder, die sich in den Büchern wiederfinden. Sie sehen: Ich werde erkannt und ernst genommen, wie ich bin. Das ist wichtig! Wir bieten Lösungen an und geben Tipps. Die Bücher sollen Eltern, Pädagoginnen und Therapeutinnen in der Eltern-Kind-Beratung unterstützen. Aber letztlich sind die Bücher für uns alle, denn jeder von uns hat so seine Besonderheiten.
Wann ist Ergotherapie sinnvoll?
Wenn Ihr Kind beispielsweise:
- tollpatschig und ungeschickt ist,
- sehr wild oder sehr ängstlich ist,
- sich nur schwer konzentrieren kann,
- sich allein nicht beschäftigen kann,
- Schwierigkeiten in neuen/unvorhersehbaren Situationen hat,
- kaum Interesse an feinmotorischen Tätigkeiten zeigt (z. B. malen, schneiden, basteln),
- bei Alltagstätigkeiten übermässig viel Hilfe benötigt (z. B. anziehen, essen, Zähne putzen),
- schreibmotorische Schwächen aufweist (z. B. in Bezug auf Tempo, Schriftbild, Zeile einhalten),
- schon im Kleinkindalter wenige Bewegungsvariationen (robben, rollen, krabbeln) gezeigt hat.