Schwangere benötigen eine Extraportion Folsäure

Während der Schwangerschaft ist eine vollwertige und mikronährstoffreiche Ernährung besonders wichtig, damit sich der Fötus optimal entwickeln kann. Zu seiner Versorgung erhöht sich das mütterliche Blutvolumen um ca. dreissig Prozent, die Zahl der roten Blutkörperchen wächst entsprechend und damit auch der Eisenbedarf. Während dieser sich relativ einfach über die Nahrung decken lässt, sieht es bei Folsäure (bzw. dem natürlich vorkommenden Folat) schon schwieriger aus.

Das wasserlösliche und sehr hitze- und lichtempfindliche Vitamin wird zum großen Teil bei Lagerung und Zubereitung zerstört, denn bis zu siebzig Prozent können dabei verloren gehen. Darin liegt sicherlich ein wesentlicher Grund für die unbefriedigende Folsäureversorgung nicht nur bei den meisten Frauen, sondern auch bei einem Großteil der Gesamtbevölkerung. Reine Folsäure existiert in der Natur nicht. Der überwiegende Teil der natürlichen Folsäure-Verbindungen liegt in Form von Polyglutamaten vor; diese müssen bei der Verdauung jedoch erst abgespalten werden. Die Bioverfügbarkeit von Nahrungsfolaten liegt daher nur bei etwa 50 bis 70 Prozent, während der Nahrung (z. B. in Müsli, Salz und Mehl) zugesetzte synthetische Folsäure bis zu 95 Prozent und Folsäure in Tablettenform fast bis zu 100 Prozent verwertet werden kann.

Folsäure selbst muss im Körper erst wieder über mehrere Schritte in eine biologisch aktive Folatform umgewandelt werden. Die quantitativ wichtigste ist mit einem Anteil von 98 Prozent das 5-Methyltetrahydrofolat oder kurz 5-MTHF. Für diese Umwandlung bedarf es eines bestimmten Enzyms, dessen Aktivität jedoch aufgrund einer Genmutation bei der Hälfte der Bevölkerung stark vermindert ist. Betroffene können aufgenommene Folsäure nicht vollständig in 5-MTHF umwandeln. In aller Regel wissen die Betroffenen nicht, ob sie diese Mutation haben oder nicht, und ein Test ist aufwändig und teuer. Deshalb ist es sinnvoll, zusätzlich zu Folsäurepräparaten 5-MTHF einzunehmen; es ist enzymunabhängig und besser verfügbar als Folsäure.1

Eine wesentliche Funktion hat Folat im Eiweißstoffwechsel, wobei es zusammen mit den Vitaminen B6 und B12 für den Abbau von Homocystein benötigt wird. Homocystein entsteht als Zwischenprodukt beim Abbau von Eiweissen und ist eine zytotoxische Aminosäure. Ein hoher Homocysteinspiegel gilt als eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kann die Blutgefässe schädigen.

Um über die Nahrung auf seine empfohlene Tagesdosis von 300 Mikrogramm Folat zu kommen, müsste ein Erwachsener beispielsweise mehr als ein halbes Kilo Spinat, mehrere Kilogramm Äpfel oder rund 750 Gramm Käse verspeisen. Als fleischhaltige Alternative käme Leber als folatreiche Kost in Frage. Eine solche Diät ist zwar prinzipiell möglich, erscheint aber dennoch nur schwer umsetzbar.

Der Mehrbedarf an Folat in der Schwangerschaft erklärt sich aus der Vergrößerung der Gebärmutter, der Anlage der Plazenta und der höheren Zahl der roten Blutkörperchen. Zudem benötigt der Embryo Folat für die Blutbildung und für die in grossem Umfang ablaufenden Zellteilungsprozesse.

Geradezu herausragende Bedeutung hat Folat in der Schwangerschaft jedoch für die Entwicklung des Gehirns und des Rückenmarks. Diese bilden sich aus dem Neuralrohr, das sich zwischen dem 22. und dem 28. Tag schließt, also bereits in der vierten Schwangerschaftswoche. Bei Folatdefiziten verläuft der Schluss häufig nicht vollständig. In der Folge kommt es dann zu mehr oder weniger gravierenden Fehlbildungen, wie spina bifida, das heißt, einem nicht vollständig geschlossenen Wirbelkanal, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder auch Herzfehlern. In schweren Fällen wird das Gehirn nicht vollständig ausgebildet (Anenzephalie), was immerhin etwa die Hälfte aller Neuralrohrfehlbildungen ausmacht. Davon betroffene Kinderüberleben die Geburt in der Regel nur um wenige Tage.

Auch bei verstärkter Zufuhr wird ein präventiv ausreichend wirksamer Folatspiegel in den roten Blutkörperchen erst nach zwei bis drei Monaten erreicht. Deshalb wird Schwangeren dringend empfohlen, spätestens vier Wochen vor der Empfängnis zusätzlich ca. 400 Mikrogramm Folsäure als Nahrungsergänzung einzunehmen. Mit der doppelten Menge kann ein adäquater Spiegel schon innerhalb vier Wochen aufgebaut werden. Frauen, die bereits ein Kind mit Neuralrohrdefekt haben, sollten vor einer erneuten Schwangerschaft präventiv Folsäure in Höhe von 4 mg pro Tag supplementieren. Ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen ihrer Kinder tragen auch sehr junge Mütter, deren Folatspeicher durch den Wachstumsschub in der Pubertät vermindert ist, sowie Frauen mit Mehrlings- und rasch aufeinander folgenden Schwangerschaften. Um dem Embryo rechtzeitig Folat zur Verfügung zu stellen, sollte deshalb zusätzlich zu einer entsprechenden Kost (Vollkornprodukte, Blattgemüse, Obst) Folsäure eingenommen werden, sobald ein Kind gewünscht wird.

Erfahrungsgemäss werden diese Empfehlungen jedoch nicht ausreichend umgesetzt. Die wenigsten Frauen beginnen rechtzeitig mit der Supplementierung, was unter anderem daran liegt, dass etwa die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant ist. Viele Frauen sind auch nicht über diese Zusammenhänge informiert und nehmen zwar Nahrungsergänzungsmittel zu sich – Folsäurepräparate werden aber früh genug nur von rund einem Drittel der Schwangeren eingenommen. Nicht wenige führen sich dabei ein Mehrfaches des mit 1.000 Mikrogramm täglichen Upper Limit Levels an Folsäure zu, das festgelegt wurde, um das Risiko der Maskierung eines Vitamin-B12-Mangels zu verringern.2 Zu dessen ersten Anzeichen gehören veränderte rote Blutkörperchen, was aber durch Folsäure verhindert werden und dazu führen kann, dass ein Vitamin-B12-Mangel erst dann entdeckt wird, wenn bereits ernsthafte Schäden eingetreten sind.

Ausreichende Folsäureversorgung möglichst frühzeitig vor Beginn einer Schwangerschaft ist nicht nur wegen der Gefahr von Fehlbildungen wichtig. So wurde bei Frauen, die mindestens ein Jahr vor ihrer Empfängnis Folsäure als Nahrungsergänzungsmittel nahmen, ein auffälliger Rückgang von Frühgeburten verzeichnet. Die Untersuchungen bei über 38.000 amerikanischen Frauen zeigten eine um 50 bis 70 Prozent verminderte Quote, unabhängig von Alter, ethnischer Zugehörigkeit oder anderen Faktoren. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei extremen Frühgeburten, die um 70 Prozent abnahmen.3 Wie in den meisten anderen Industrieländern steigt auch in Deutschland der Anteil der Frühgeburten seit Jahren und liegt derzeit bei etwa 10 Prozent.

Positive Auswirkungen hat Folsäure möglicherweise auch bei Präeklampsie, einer nur in der Schwangerschaft auftretenden Erkrankung, die durch erhöhten Blutdruck (Hypertonie), vermehrte Eiweissausscheidung im Urin (Proteinurie) und Wassereinlagerungen (Ödeme) gekennzeichnet ist. Sie gilt als eine der häufigsten Schwangerschaftskomplikationen und kommt in Westeuropa bei über 5 Prozent der Schwangeren vor. Die Erkrankung kann zu verschiedenen Komplikationen bis hin zu Frühgeburten führen. Kanadischen Untersuchungen zufolge verringern Folsäuregaben während der Schwangerschaft das Risiko für Präeklampsie deutlich.4

Eine gute Folatversorgung kann sich wohlmöglich auch noch bis weit nach der Geburt auf die Kinder auswirken: Wenn Mütter frühzeitig vor der Schwangerschaft Folsäure einnehmen, zeigen ihre Kinder weniger Verhaltensauffälligkeiten als die von nicht supplementierenden Müttern. Noch im Alter von 18 Monaten sind sie weniger ängstlich, weniger aggressiv und haben weniger Aufmerksamkeitsprobleme.5

Eine gute Folatversorgung ist nicht nur in der Schwangerschaft wichtig; denn während der Stillzeit ist die Muttermilch einzige Nährstoffquelle des Kindes. Deren Folatgehalt ist direkt nach der Geburt höher als gegen Ende der Stillzeit. Da alle Wachstumsprozesse mit vermehrter Zellteilung einhergehen, sind sie auch mit erhöhtem Folatbedarf verbunden. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Mutter auch nach der Geburt auf eine besonders folatreiche Ernährung achtet und auch bis zum Ende der Stillzeit supplementiert, damit das Kind ausreichend versorgt wird.

Quellen:
1) Prinz-Langenohl et al.; (6S)-5-methyltetrahydrofolat increases plasma folat more effectively than folic acid in women than the homozygous of wild-type 677CT polymorphism of MTHFR, Br J Pharmacology 2009; 158: 2014-2021
2) Becker S et al.; Verwendung von Nährstoffsupplementen vor und während der Schwangerschaft, Ernährungsumschau 58 (2011) S. 36-41, doi:104455/eu.2011.995
3) Radek Bukowski, M.D., Ph.D. et al.; Huge Drop In Preterm Birth-risk Among Women Taking Folic Acid One Year Before Conception, March of Dimes Foundation (2008, February 1)
4) Shi Wu Wen, M.B., Ph.D. et al.; Folic acid supplementation in early second trimester and the risk of preeclampsia, American Journal of Obstetrics and Gynecology, Volume 198, Is-sue 1, January 2008, Pages 45.e1-45.e7
5) Roza SJ et al.; Maternal folic acid supplement use in early pregnancy and child behavioural problems: The Generation R Study. British J of Nutr (2009) Sept 1-8

Weitere Infos unter: www.give-ev.de

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