Arena: Mathe - nur für Jungs?

Das Wichtigste gleich vorneweg: Mädchen sind ebenso gut in Mathe wie Jungs! Allerdings hat eine Sonderauswertung der letzten PISA-Studie* ergeben, dass Mädchen im Alter von 15 Jahren im Durchschnitt schlechter rechneten als Jungs, dies jedoch zu Schulbeginn nicht so war. In dieser Arena suchen wir mit Expertinnen und Experten nach Erklärungsansätzen.

Fakt ist: Beim Pisa-Schwerpunkt Mathematik holten sich die Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz einen Spitzenplatz. Ihre Kompetenzen liegen hier weit
über dem Durchschnitt der OECD-Staaten und sind auch besser als jene der meisten Nachbarländer. Allerdings kam hier zutage, dass in den meisten untersuchten Ländern die Knaben bei den mathematischen Leistungen über jenen der Mädchen waren. Im Durchschnitt der OECD machte die Differenz 12
Punkte aus. Mit 20 Punkten Unterschied gehörte die Schweiz zu den Ländern mit den deutlichsten Geschlechter-Differenzen. Was sagen Schweizer  Expertinnen und Experten zu diesen Resultaten? Ist hierzulande vielleicht die hohe weibliche Präsenz an der Primarschule für die Geschlechterrollenorientierung mitverantwortlich? Liegt es am Selbstbewusstsein der Mädchen und wenn ja, wie könnte dieses gestärkt werden? Wie könnte das Interesse für Mathe als spannendes Fach gefördert werden - so gefördert, dass sowohl Jungs als auch Mädchen in einem späteren Zeitpunkt mathelastige Studien beginnen? Welche Ziele müssten zur Verbesserung der Chancengleichheit verfolgt werden? Die Leistungslücke zwischen den Geschlechtern lasse sich nur durch die gängigen Mann-Frau-Klischees und entsprechenden Vorurteile begründen, schreibt beispielsweise die OECD. Doch weshalb geistert die Einschätzung, dass Mädchen mit Mathe auf Kriegsfuss stehen, heute noch in so vielen Köpfen herum? Denn wenn Mädchen glauben, sie rechneten schlecht, dann schwächeln sie auch eher. Zu diesem Schluss kamen auch die Wissenschaftlerin Nicole Else-Quest und ihr Team von der amerikanischen Villanova Universität.

Die Wissenschaftlerinnen haben in einer grossen Meta-Studie (eine Studie, die andere Studien auswertet) die mathematischen Leistungen von Mädchen und Buben verglichen und festgestellt, dass die Vorurteile über Mädchen und Mathe und die wissenschaftlichen Daten auseinanderklafften. Insgesamt waren nämlich die Unterschiede nur sehr gering - allerdings waren Jungs wesentlich überzeugter von ihren Fähigkeiten und dadurch auch deutlich motivierter gut abzuschneiden als Mädchen. 



«Die Annahme eines
männlichen Mathematikgens
ist ein Hirngespinst.»
Prof. Dr. Elsbeth Stern, Institut für
Verhaltenswissenschaften, ETH Zürich



 

Gene und Umwelt sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander.
Jedes Merkmal, jedes Verhalten, das ein Lebewesen zeigen kann, muss in den Genen verankert sein. Menschen können anders als Vögel oder Fledermäuse nicht ohne Hilfsmittel fliegen, weil die Gene, welche den Körperbau steuern, dies nicht vorsehen. Hingegen sieht das menschliche Genom den aufrechten Gang vor, der sich in den ersten Monaten des zweiten Lebensjahres weitgehend von selbst einstellt. Auch ermöglichen die menschlichen Gene, welche die Hirnentwicklung steuern, Aufgaben zur Integral- und Differentialrechnung zu lösen, aber das stellt sich nicht von selbst ein, sondern bedarf der systematischen Instruktion. Mathematik, so wie sie heute in unseren Schulen gelehrt und gelernt wird, ist ein relativ junges Inhaltsgebiet. Geometrie haben immerhin schon die alten Griechen betrieben, aber Arithmetik und Algebra kam deutlich später. Die Römer haben mit ihrem umständlichen Zahlsystem wenig zur Mathematik beigetragen. Gaius Julius Cäsar - für viele noch immer der Prototyp eines echten Mannes -  hätte die Aufgabe CIV : XXVI = nicht lösen können, während für die Mehrheit der Primarschülerinnen die Aufgabe 104 : 26 = leicht zu lösen ist. Nach allem, was wir wissen, hat sich der genetische Bauplan, der die Entwicklung des menschlichen Gehirns steuert, vor etwa 40 000 Jahren entwickelt, also sehr lange bevor auch nur Ansätze einer kulturellen Mathematik erkennbar waren - dies geschah erst vor etwa 3000 Jahren. Es ist zwar richtig, dass mehr Jungen als Mädchen im Spitzenbereich der Mathematik zu finden sind, aber die Mehrheit der Jungen tut sich mit der Schulmathematik genauso schwer wie die Mehrheit der Mädchen. Vor diesem Hintergrund ist die Annahme eines männlichen Mathematikgens ein Hirngespinst. Hingegen ist gut belegt, dass es mehr mit dem Selbstbild als mit den geistigen Fähigkeiten zu tun hat, dass weniger Mädchen als Jungen in den Spitzenbereich der Mathematik vordringen. Junge Frauen schneiden bei ein und demselben Test schlechter ab, wenn er als Test für mathematische Hochbegabung ausgegeben wird statt als einfacher Leistungstest. st folgert daraus, dass Mädchen in Mathe ebenso gut abschneiden wie Jungs, solange sie ermutigt werden und positive Vorbilder erleben können. Hoffen wir also, dass durch diese Erkenntnisse auch Mädchen an ihre mathematischen Fähigkeiten glauben!

 


«Der Stellenwert von
Mathematik in der
Gesellschaft muss
verbessert werden.»
Roland Keller, Dozent für Mathematikdidaktik
und Lehrmittelautor,
Pädagogische Hochschule Zürich

 



 

Mädchen und Jungen lernen gleich gut Mathematik - sofern dies der Unterricht zulässt.
Das war nicht immer so. Vielleicht haben Sie in Ihrer eigenen Schulzeit erlebt, dass im Mathematikunterricht häufig eine Rechnung nach der anderen schweigend gelöst werden musste. Damals waren die Mädchen tatsächlich benachteiligt. Sie konnten insbesondere ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten nicht entfalten. In der Zwischenzeit hat sich die Vorstellung von gutem Mathematikunterricht grundlegend verändert. Moderne  Unterrichtsformen, neue Lehrmittel und nicht zuletzt der Lehrplan 21 beinhalten bewusst Elemente, die es Mädchen und Knaben gleichermassen ermöglichen, erfolgreich Mathematik zu lernen. In der Mathematik können die Kinder viel erforschen und entdecken. Mathematik betreiben heisst nicht nur «Rechnen», sondern auch Erkunden, Gestalten, Beschreiben und Argumentieren. Dabei kommt dem Austausch eine zentrale Rolle zu. Kinder lernen von- und miteinander. Mathematik Lernen ist ein aktiver und ganz besonders auch ein sozialer Prozess. Wenn Mädchen heute trotzdem schlechtere Leistungen zeigen als Knaben, muss man die Ursachen im Umfeld der Kinder suchen. Beispielsweise bei den Erwartungen der Eltern oder beim Bild von Mathematik der Lehrperson. Leider gibt es immer noch Lehrpersonen, die (trotz besseren Wissens) Mathematik als langweiliges, abstraktes Schulfach ansehen und mit überholten Konzepten arbeiten. Zusammen mit der Tatsache, dass Mathematik in der Schweiz grösstenteils als nicht «sexy» angesehen wird, erhalten viele Kinder ein veraltetes Bild von Mathematik - z.B. die Vorstellung, dass Mathematik für Mädchen nicht so wichtig ist. Hier könnten wir viel von anderen Ländern lernen. Um dies zu tun, muss am Stellenwert der Mathematik in der Gesellschaft gearbeitet werden. Das kann nicht allein in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen geschehen. Hier müssten insbesondere auch Bildungspolitiker mitdenken und lernen, vermehrt auf die Meinung von Fachleuten zu hören.




«Die Unterschiede
lassen sich vor allem
durch das mangelnde
Selbstvertrauen vieler
Mädchen erklären.»
Prof. Dr. Elisabeth Moser Opitz,
Lehrstuhl Sonderpädagogik, Bildung
und Integration (SBI), Zürich


 

Untersuchungen zeigen, dass Schweizer Mädchen überzufällig schlechtere Mathematikleistungen zeigen als Jungen. Obwohl die Unterschiede gering
sind, sind sie vorhanden. Paul Möbius, ein Neurologe, hat in seinem Buch «Über die Anlage der Mathematik » um 1900 folgende Erklärung dafür geliefert. «Es ergibt sich also die Betrachtung, was die tägliche Erfahrung lehrt, dass die Weiber in der Regel ohne Anlage für Mathematik sind.

In gewissem Sinne kann man sagen, das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen» (Möbius 1900, 84). Die Forschung zeigt heute, dass Möbius mit seiner Erklärung  falsch lag. Die Unterschiede in den Mathematikleistungen von Jungen und Mädchen lassen sich vor allem durch das mangelnde Selbstvertrauen vieler Mädchen erklären. Und dieses mangelnde Selbstvertrauen wiederum entsteht, weil den Mädchen von der Umwelt vermittelt wird, dass «Mathe nichts für Mädchen ist». Brauchen Mädchen deshalb einen besonderen Mathematikunterricht? Nein! Mädchen und Jungen brauchen Lehrpersonen und Eltern, die ihnen unabhängig vom Geschlecht zutrauen, dass sie etwas können - dass sie auch Mathematik können. Hier ist es wichtig, dass die Erwachsenen ihre eigenen  Geschlechterrollen reflektieren. Wenn eine Lehrperson oder ein Elternteil davon ausgeht, dass Mathematik eher etwas für Jungen ist, dann wird dieses «Mathematikbild» an die Schülerinnen und Schüler vermittelt. Das wurde durch mehrere Studien nachgewiesen. Weiter ist wichtig, dass Mathematikunterricht so gestaltet wird, dass er Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Interessen anspricht. «Gebt den Kindern spannende mathematische Probleme zu lösen», hat ein Kollege einmal gefordert. Spannende Probleme meint nicht, dass speziell «Mädchen- und Jungenthemen» ausgewählt werden sollen (Kunst und Alltag für die Mädchen, Beruf und Technik für die Jungen), sondern es geht um ein breites Themenangebot, durch das sich jedes Mädchen und jeder Junge angesprochen fühlt.




«Chancengleichheit
bedeutet, dass sich
Mädchen und Jungen gemäss
ihren Begabungen
verwirklichen können.»
Silvie Durrer, Direktorin Büro für
die Gleichstellung von Mann und
Frau EBG, Bern

Studien zeigen, dass die unterschiedlichen Leistungen von Mädchen und Jungen in den naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie
nicht auf kognitive Ursachen wie beispielsweise unterschiedliche Begabung zurück zu führen sind. Ausschlaggebend sind vielmehr motivationale Faktoren. Geschlechterstereotype spielen dabei eine wichtige Rolle. In unserer Gesellschaft schreibt man naturwissenschaftlich-technische Fähigkeiten nach wie vor hauptsächlich Männern zu, während Frauen entsprechende Kompetenzen abgesprochen werden. Sie widersprechen gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit. Im Jugendalter werden Geschlechtsstereotypebesonders wirksam, wenn es darum geht, die geschlechtliche Identität auszubilden und zu festigen. Es erstaunt daher nicht, dass die Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen in den  naturwissenschaftlichen Fächern in diesem Zeitraum zunehmen. Diese Differenzen schlagen sich später auch in der Berufswahl nieder: Frauen sind in technischen Berufen in der Schweiz nach wie vor stark untervertreten.

Chancengleichheit bedeutet, dass sich Mädchen und Jungen unabhängig von ihrem Geschlecht und tradierten Rollenvorstellungen gemäss ihren Begabungen und Interessen verwirklichen können. Wie also können Mädchen für naturwissenschaftliche Fächer wie Mathematik begeistert werden? Wichtig ist, dass in der Vermittlung des Schulstoffs die Interessen und ausserschulischen Erfahrungen von Mädchen und Jungen gleichermassen berücksichtigt werden. Rechenaufgaben mit Bezug zum lebensweltlichen Kontext von Mädchen sind hierfür ein Beispiel. Die Motivation für ein Schulfach variiert zudem je nach dessen Bedeutung für die persönliche und berufliche Zukunft. Wird Mädchen die Relevanz von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen für aktuelle gesellschaftliche Probleme aufgezeigt, steigt auch ihr Interesse daran.* Was ist PISA?Das Programme for International Student Assessment (PISA) ist die internationale Schulleistungsstudie der OECD. Die Studie untersucht, inwieweit Schülerinnen und Schüler gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit die Kenntnisse und Fähigkeiten für eine volle Teilhabe an der Wissensgesellschaft erworben haben. Mehr Infos und Resultate finden Sie hier!

erstellt von Christina Bösiger