Wenn die Natur zum Klassenzimmer wird

Im Wald Hütten bauen, am Bach Wasser stauen oder auf dem Bauernhof Tiere streicheln. Kinder lieben es, in der Natur zu sein. Auch im Rahmen des Schulunterrichts könnte die Natur eine wichtige Rolle spielen und für positive Effekte sorgen.

Viele der Kinder können hier zum ersten Mal in ihrem Leben ein Huhn berühren oder sogar auf den Arm nehmen. Sie staunen, wie fein und weich das Tier ist. Der Besuch im Kuhstall hingegen bereitet den Kindern oft Mühe. Vor allem wegen des Geruchs. Doch schon nach kurzer Zeit stören sie sich nicht mehr daran und kommen gerne in den Stall, erinnert sich Monika Hunn aus Stetten. Sie betreibt mit ihrer Familie einen Bio-Hof, auf dem sie regelmässig Schulklassen im Rahmen des nationalen Projekts «Schule auf dem Bauernhof» (Schub) betreut. Für Kindergärtler wie auch die ersten zwei Primarschuljahre werden Schulstunden rund um die Kuh, das Korn, Huhn, Schaf oder Obst durchgeführt. Die Klassen verbringen einen halben bis zu eineinhalb Tagen auf dem Hof. «Weil die meisten Kinder noch nie auf einem Bauernhof waren, erleben sie bei uns viele Aha-Erlebnisse», erzählt Monika Hunn. Sie lernen die Tiere aus nächster Nähe kennen, erhalten ein Verständnis für die Landwirtschaft und erfahren, woher viele der Lebensmittel kommen. Die Unterschiede zwischen Kindern aus der Stadt und vom Land seien gross, sagt Monika Hunn. «Natürlich sind die Kinder vom Land den Umgang mit der Natur eher gewohnt als jene aus der Stadt. Doch inzwischen gibt es immer mehr Kinder vom Land, die in einer sterilen Umgebung aufwachsen und wenig Naturbezug haben.»

Sinne, Verstand, Gemüt und Körper

Monika Hunn arbeitet eng mit der Schule von Stetten zusammen, wo der Unterricht auf dem Bauernhof zu einem regelmässigen Bestandteil des Schulunterrichts geworden ist. «Das ganzheitliche, handelnde Lernen ist uns vor allem auf der Unterstufe sehr wichtig», betont Christina Schüpbach, Schulleiterin Kindergarten und Primarschule von Stetten. Die Kinder sollen durch diese Art von Unterricht, wo sie die Sinne, den Verstand, das Gemüt und den Körper zum Lernen benutzen, die Lerninhalte besser aufnehmen können. Dazu gehöre auch das Wissen zur Herkunft von Lebensmitteln oder die Achtung vor den Lebewesen und der Natur. «Die Schüler gehen bewusster und verantwortungsvoller mit diesen Themen um. Das Entdecken und Erleben fördert ferner ihre Selbst- und Sozialkompetenz», sagt Christina Schüpbach.

Von Lehrperson, Schulleitung und Eltern abhängig

Die Natur spielt im Schulunterricht immer noch eine wichtige Rolle, findet Kathrin Schlup, Leiterin Abteilung Umweltbildung beim WWF. «Auch wenn das regulatorische Umfeld für den naturbezogenen Unterricht schwieriger geworden ist, habe ich das Gefühl, dass wieder mehr Lehrpersonen den Naturbezug für ihren Unterricht su chen», sagt Kathrin Schlup. Ob und wie stark Naturthemen und Naturerfahrungen in den Schulunterricht einfliessen, hänge jedoch stark von den Lehrpersonen und der Schulleitung ab. Aufgrund der veränderten Erwartungen an die Schule und den Unterricht vonseiten der Eltern und der Politik hätten sich die Rahmenbedingungen für mehr Natur in der Schule nicht verbessert (siehe auch Interview mit Beat W. Zemp vom Dachverband LCH). Ungeachtet dessen erfreuen sich die Waldkindergärten in der Schweiz steigender Beliebtheit. Der Waldkindergarten ist ein Kindergarten ohne Dach und Wände; er findet zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter draussen in der Natur statt. An drei bis vier Stunden pro Tag erkunden die Kinder in ihrem individuellen Tempo die Natur. Die Idee der Waldkindergärten stammt aus den skandinavischen Ländern und gelangte über Deutschland in die Schweiz. Hier werden reine Waldkindergärten auf öffentlicher oder privater Basis angeboten, wie Sarah Kiener vom Institut für Psychologie der Universität Fribourg informiert. Regelmässige Waldtage in Kindergärten werden sowohl von den Eltern wie auch von den Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern gewünscht. Eine Befragung aller Zürcher Kindergärten ergab laut Sarah Kiener, dass rund 75 Prozent der Eltern Ausflüge in die Natur befürworten.

Selbstbewusstsein und Persönlichkeitsentwicklung

Warum braucht es überhaupt mehr Natur in der Schule oder im Kindergarten? «Wir beobachten immer häufiger Kinder, die keine Zeit haben, draussen zu spielen und mit der Natur in Kontakt zu kommen. Hier spielen das umfangreiche Freizeitprogramm der Kinder und auch gewisse kulturelle Unterschiede, die den Naturbezug weniger hoch gewichten, eine Rolle», erklärt Kathrin Schlup. Dabei sei für die Kinder der Kontakt zur Natur äusserst wichtig: Draussen zu sein, selbstständig im Park oder Wald zu spielen oder einfach die Natur zu erfahren steigere ihr Selbstbewusstsein, fördere ihre Persönlichkeitsentwicklung wie auch die sozialen Aspekte im zwischenmenschlichen Bereich. «Die Kinder erkennen ihre eigenen Grenzen, geniessen die Freiheiten in der Natur und lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Ausserdem bringt Lernen in der Natur laut Studien nachhaltigeren Erfolg, da der Lernstoff mit verschiedenen Sinnen erfasst wird», betont die WWF-Vertreterin.

Sarah Kiener beschäftigte sich in einer Studie mit der Frage, wie das Spielen und Lernen in der Natur die Lebenskompetenzen von Kindern stärken kann. An der Studie nahmen 14 Kindergartenklassen aus der Schweiz teil. Resultat: Die Waldkindergarten-Kinder wiesen nach einem Jahr im Waldkindergarten bessere Leistungen im Motoriktest auf als die anderen Kinder. Das häufige Spielen auf Bänken, Stufen oder Baumstämmen wirkte sich positiv auf das Gleichgewichtsvermögen, die gesamtkörperliche Koordinationsfähigkeit und die Sprungkraft der Kinder aus. Kinder, die unbeaufsichtigt im Garten spielen durften oder oft mit den Eltern zusammen Sport trieben, erzielten Ende Schuljahr bessere Ergebnisse in der Fingerund Handgeschicklichkeit. Bessere Leistungen zeigten die Kinder vom Waldkindergarten auch im Kreativitätstest und beim Umgang mit Konflikten. «Der Aufenthalt in der Natur allein stärkt jedoch nicht zwingend die Lebenskompetenzen der Kinder. Sie hängen in hohem Mass von der Kompetenz, Ausbildung und dem Engagement der Erzieherinnen ab», gibt Sarah Kiener zu bedenken.

Auswirkungen des Lernortes als Studienprojekt

Mit dem Wirksamkeitsvergleich von «Indoor»- und «Outdoor»-Schulunterricht beschäftigte sich Andreas Imhof von der Pädagogischen Hochschule Graubünden. Um die Auswirkungen des Unterrichts und des Lernorts bestimmen zu können, wurde eine quasiexperimentelle Interventionsstudie mit Schülerinnen und Schülern der fünften und sechsten Primarstufe durchgeführt. Sie absolvierten eine Projektwoche zum Thema Klimawandel. «Die Resultate zeigen, dass der Unterricht das Umweltwissen und die Handlungsmotivation der Schülerinnen und Schüler signifikant erhöht hat», zieht Andreas Imhof Bilanz. Hingegen zeigte sich offenbar kein Unterschied bezüglich des Lernortes: Sowohl die Indoor- als auch die Outdoor-Gruppe erhöhten ihr Umweltwissen und ihre Handlungsmotivation kurzfristig im vergleichbaren Ausmass. Unterschiede zeigten sich einzig ein halbes Jahr nach dem Projekt bei der Outdoor-Gruppe, wo die Handlungsmotivation eher zu- als abgenommen hat. «Die Resultate zeigen, dass die Handlungsmotivation durch Outdoor- Unterricht längerfristig beeinflusst werden kann – beim Indoor-Unterricht indes nur kurzfristig», sagt Andreas Imhof.

Das Kind als Teil des Lernprozesses

Fächer wie Deutsch oder Mathematik lassen sich durchaus auch in der Natur unterrichten – indem zum Beispiel beim Thema Masse ein Feld abgemessen oder die Höhe eines Baumes geschätzt wird. Das Kind wird Teil des Lernprozesses, weil es selbstbestimmt lernen kann. Ein weiterer Vorteil des Unterrichts in der Natur ist laut Kathrin Schlup, dass dadurch die Dialog- und Teamfähigkeit wie auch das vernetzte Denken der Kinder gefördert werden. «Natürlich gehört auch das Erlernen der komplexen Zusammenhänge in der Natur zu einem solchen Unterricht. Die Kinder sind interessiert daran, zu erfahren, wie ihre Mit- und Umwelt funktioniert», sagt Kathrin Schlup. Die Kinder aus Stetten erhalten durch den naturbezogenen Unterricht – so Schulleiterin Christina Schüpbach – «unvergessliche Eindrücke », wenn sie zum Beispiel den Hühnern beim Ausbrüten der Eier oder bei der Aufzucht der Küken zuschauen. Ausserdem: «Die Kinder lernen, geduldig zu sein und zu warten – ganz nach dem Vorbild der Natur. Sie übernehmen Verantwortung, sind sorgfältig und staunen, wenn zum Beispiel eine Kuh ein Grasband um Kuhfladen wegen schädlicher Darmparasiten stehen l

Projektwoche ohne Strom und Handy

Vor zwei Jahren organisierte Gina Kalt, Lehrperson im Kanton Aargau, Vorstandsmitglied bei Schule und Elternhaus Oftringen sowie Mutter einer 14-jährigen Tochter, einen Arbeitseinsatz mit Sekundarschulklasse im Tessin. Die Jugendlichen mussten ohne Strom und – noch schlimmer – ohne Handy auskommen. «Am ersten Abend hatten manche Tränen in den Augen, weil sie mit dieser Situation überfordert waren», erzählt Gina Kalt. Doch mit der Zeit habe ihnen diese naturnahe Umgebung so gut gefallen, dass sie sich an Aufgaben heranwagten, die sie vorher nicht gemeistert hätten. So wurde zum Beispiel über dem Feuer gekocht. Warmes Wasser zum Duschen gab es keines. «Nach einigen Tagen wurden die Jugendlichen ruhiger und gelassener. Mit diesem Arbeitseinsatz konnten wir ihnen etwas Einmaliges und Prägendes bieten», ist Gina Kalt überzeugt. Als Lehrperson legt Gina Kalt grossen Wert darauf, mit ihrer Klasse immer wieder das Schulzimmer mit der Natur zu tauschen. Oft wird draussen gesungen oder geturnt, selbst wenn es schwach regnet. «Der Unterricht draussen tut den Kindern gut. Und wenn einige von ihnen noch Angst vor dem Wald haben, weil sie mit ihren Eltern nie dort waren, lernen sie bei uns im Unterricht damit umzugehen. » Gina Kalt ist sich bewusst, dass die Freude an der Natur mit zunehmendem Alter der Kinder abnehmen kann. Erfahrungsgemäss seien Teenager weniger für Projekte im Wald zu begeistern als Kinder im Kindergartenoder Primarschulalter.

Für Schulen in der Stadt eine Herausforderung

Damit mehr Natur in den Schulunterricht Einzug halten kann, müssen Schulleitung und Lehrpersonen am gleichen Strick ziehen. Weiter braucht es vonseiten der Eltern die nötige Unterstützung. «Befindet sich die Schule mitten in einer grösseren Stadt, ist es schwieriger, diesen Naturbezug herzustellen. Allein schon der Weg raus aus der Stadt in den Wald ist oft länger und kostet. Für solche Herausforderungen geht es nicht ohne die Unterstützung der Schulleitung und Eltern», betont Kathrin Schlup. Oft seien die Lehrpersonen dankbar, wenn sich Eltern als Begleitpersonen für solche Projekte und Exkursionen zur Verfügung stellen. «Es braucht sicher eine gewisse Portion Mut, Selbstvertrauen und Freude am Improvisieren, wenn man den Schulunterricht in die Natur verschiebt. Doch der Aufwand lohnt sich, da ein stärkeres Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und der Lehrperson aufgebaut wird. Man ist aufeinander angewiesen. Auch die Kinder untereinander helfen sich gegenseitig.», unterstreicht Kathrin Schlup.

Naturprojekte in Städten

Mittlerweile führen verschiedene Organisationen speziell für Kinder in Städten Projekte durch, die Schulen und auch Familien den Zugang zur Natur erleichtern. Das Projekt «Gartenkind» des Vereins Bioterra beispielsweise soll Primarschulkindern ermöglichen, erste Erfahrungen im Gärtnern zu machen und so ihren Bezug zur Natur zu stärken. Im Rahmen eines Freizeitkurses bepflanzen die Kinder unter Anleitung eine Saison lang ihr eigenes Beet nach biologischen Prinzipien. Die Ernte dürfen sie mit nach Hause nehmen. So erleben die Kinder eine ganze Gartensaison: von der Aussaat im Frühling bis zur Einwinterung im Herbst. Einmal in der Woche besuchen sie ihr Beet, hegen und pflegen es und erleben so alle Abläufe und Entwicklungen des Gartens mit. Sie erfahren die Natur mit allen ihren Sinnen, was eine Grundlage für umweltbewusstes Handeln schafft. Das Projekt findet schweizweit Anklang: Mittlerweile sind es fast 70 Gärten mit 900 Kindern und jedes Jahr kommen neue Gärten dazu. In Raum Basel beispielsweise beteiligen sich unter anderem die Primarschule Wasgenring und Bruderholz am Projekt.

Ansprechperson für Natur an der Schule

Wird die Natur auch in Zukunft im Schulunterricht eine Rolle spielen? «Der Naturunterricht wird von den Lehrpersonen als wertvolle Ergänzung empfunden und daher kaum von IT-Fächern verdrängt», ist Kathrin Schlup überzeugt. Um den Naturunterricht noch besser an der Schule zu verankern, schlägt sie vor, analog zum IT-Verantwortlichen auch eine Ansprechperson für Naturthemen an der Schule zu ernennen. Dies müsse nicht zwingend eine Lehrperson sein, sondern allenfalls auch der Schulhausabwart oder Vertreter der Eltern. 

erstellt von Fabrice Müller, Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)