Ufzgi mit Konfliktpotenzial

Beim Thema Hausaufgaben können schon mal die Fetzen fliegen. Vor allem dann, wenn sich die Eltern allzu stark einmischen. Der Nutzen der elterlichen Unterstützung ist jedoch nicht so gross, wie viele denken.

Gianluca hat es gut. Der 15-jährige Bezirksschüler sass bis heute meist nie länger als zehn Minuten pro Tag an seinen Hausaufgaben, wie seine Mutter Sabine Meni, Vorstandsmitglied der S&E-Sektion Zofingen und Lehrerin einer Integrationsklasse, berichtet. Sein jüngerer Bruder Justin (11) hingegen, der zurzeit die fünfte Primarschule besucht, verbringt oftmals bis zu einer Stunde an den Hausaufgaben. «Ich stelle immer wieder fest, dass das Thema Hausaufgaben stark von den Kindern und Lehrpersonen abhängig ist. Manche Lehrer legen grossen Wert auf Hausaufgaben, andere finden, dass Hausaufgaben nichts bringen, wenn das Kind zu Hause damit nicht zurechtkommt.» Weil Justin lieber draussen mit seinen Freunden Fussball spielen würde, als Hausaufgaben zu machen, komme es schon hin und wieder zu Konflikten. Hilfestellung gibt Sabine Meni ihren Söhnen, wenn diese bei den Hausaufgaben nicht mehr weiterkommen. «Ich erkläre ihnen das Thema, machen müssen sie es selber. Anschliessend gehen wir die Aufgaben zusammen durch.» Nicht alle Eltern, vor allem solche aus anderen Kulturen, haben die Möglichkeit, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Sabine Meni stellt immer wieder fest, dass in solchen Familien das Hausaufgabenthema zu grossem Stress führen kann. Deshalb macht sich Sabine Meni für eine kostenlose Hausaufgabenhilfe für alle Schülerinnen und Schüler stark.

Häufiges Streitthema

Hausaufgaben geben in vielen Familien Anlass zu Streit und Machtkämpfen. Manchmal, weil reale Hausaufgabenprobleme bestehen, manchmal aber auch stellvertretend für andere Konflikte. Auf eltern.de wurden 502 Eltern von Kindern in der ersten bis zehnten Klasse zum Thema Hausaufgaben befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass in jedem Alter andere Dinge stressen. 44 Prozent der Eltern sagen, dass bei ihnen mehrmals die Woche wegen Hausaufgaben und Lernen gestritten wird, bei 14 Prozent sogar fast täglich. In der dritten bis vierten Klasse sind 23 Prozent der Schüler häufig mit den Hausaufgaben überfordert, 38 Prozent gelegentlich; der Stresspegel steigt mit dem Alter der Kinder. In jeder vierten Familie mit Kindern in der dritten und vierten Klasse gibt es fast täglich Streit wegen der Hausaufgaben, bei weiteren 37 Prozent immerhin mehrmals pro Woche. Bereits elf Prozent bekommen in diesem Alter Nachhilfe, bei weiteren 16 Prozent denken die Eltern darüber nach. Bei Schülern in der achten bis zehnten Klasse lernen nur noch 29 Prozent der befragten Eltern mit ihrem Kind. Dafür bekommt mehr als die Hälfte der Schüler Nachhilfe. Wie eine Umfrage des Online-Lernspezialisten «scoyo» ergab, erledigen nur 24 Prozent der Schüler ihre Hausaufgaben selbstständig.

Einmischung als Kontrolle

Doch wie sinnvoll ist die Mithilfe der Eltern bei den Hausaufgaben ihrer Kinder? Eine deutsch-schweizerische Studie kommt zum Schluss, dass das elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung von Sechstklässlern oft nicht zu besseren Ergebnissen führt. Befragt wurden dafür knapp 1700 Schüler und ihre Eltern über einen längeren Zeitraum. Resultat: Die Deutschnoten wie auch die Leistungsentwicklung im Lesen fielen schlechter aus, wenn die Eltern häufig mithalfen. Für Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule Bern hängt der Lerneffekt bei Hausaufgaben davon ab, ob Kinder die Unterstützung der Eltern als Hilfe oder als unliebsame Einmischung und Kontrolle empfinden. Greifen die Eltern ein, wenn die Leistungen ihrer Kinder nachlassen, sei dies doppelt frustrierend. Zum einen belasten die schlechteren Noten das Kind, zum andern signalisieren ihm die Eltern durch die verstärkte Mithilfe, dass es gute Leistungen allein nicht mehr erreichen kann. Dies führt laut Sandra Moroni zu einem Teufelskreis. Umso wichtiger sei es deshalb, zu prüfen, warum die Leistung des Kindes nachgelassen hat, und gemeinsam mit der Lehrperson nach Lösungen zu suchen – zum Beispiel, wie das Kind mehr Verantwortung für die Hausaufgaben übernehmen kann. Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein spricht sogar von einer «deutlichen Überschätzung» der elterlichen Hausaufgabenhilfe. Für Fabian Grolimund von der Akademie für Lerncoaching in Zürich ist die Unterstützung der Eltern insbesondere dann sinnvoll, wenn das Kind beispielsweise unter einer Lernschwäche oder ADHS leidet.

Wenn die Lust am Lernen vergeht

Wenn die Einmischung und der Druck der Eltern bei Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen zu gross werden, empfinden dies viele Schüler als unangebracht und demotivierend. Fachleute warnen Eltern deshalb davor, die Regie bei den Hausaufgaben zu übernehmen. «Das Kind verknüpft das Gefühl, das es bei den Hausaufgaben erlebt, mit dem Lernen an sich. Steht das Kind vonseiten der Eltern unter einem dauernden Leistungsdruck, vergeht ihm bald einmal die Lust am Lernen», sagt Fabian Grolimund und schlägt vor: «Eine wertvolle Unterstützung durch die Eltern ist, wenn sie ihren Kindern bei der Planung der Hausaufgaben helfen.» So kann die Mutter oder der Vater mit dem Kind eine feste Zeit vereinbaren, in der die täglichen Hausaufgaben gemacht werden. «Sitzt das Kind zu lange an den Hausaufgaben, besteht die Gefahr, dass es schulmüde wird und am anderen Tag in der Schule nicht mehr leistungsfähig ist», sagt Fabian Grolimund. Deshalb sei es wichtig, während der Hausaufgaben mentale Pausen einzubauen. So können zum Beispiel aus zweimal zehn Minuten 30 Minuten Lernzeit werden. Eine Ablenkung durch TV oder Computer ist allerdings kontraproduktiv. Wichtig sei weiter, dem Kind Raum zu lassen und inhaltliche Hilfe nur dann anzubieten, wenn es darum bittet. Hinweise auf Fehler können aber trotzdem gegeben werden. Aber der Ton macht die Musik, deshalb sollte er immer sachlich und vorwurfsfrei bleiben. Auch Lob gehört dazu, indem man die Arbeit des Kindes anerkennt. Das erhöht die Frustrationstoleranz. Denn die Freude am Lernen ist auf Dauer wichtiger als Freude am Erfolg.

Sich vor negativer Stimmung schützen

Kommt es trotzdem zu Konflikten zwischen Eltern und Kind, rät Fabian Grolimund, sich als Eltern für eine gewisse Zeit zurückzuziehen. «Das Kind kann sich wieder melden, wenn seine Laune besser ist. Auf diese Weise schützen sich die Eltern vor negativer Stimmung.» Wenn das Kind sagt: «Ich habe keine Lust, warum muss ich das machen?», könne man als Eltern sagen: «Das ist eine gute Frage. Frag das morgen deine Lehrerin.» Damit zeige man dem Kind: Du machst das nicht für mich. Ich bin lediglich da, wenn du Hilfe brauchst. «Oft sind die Kinder dann eher bereit, sich darauf einzulassen, anstatt gegen die Eltern zu rebellieren», stellt Fabian Grolimund fest. 

Schule und Elternhaus Schweiz (S&E): Eltern eine Stimme geben

Als Elternorganisation der deutschsprachigen Schweiz vertritt Schule und Elternhaus Schweiz (S&E) auf nationaler Ebene die Anliegen der Eltern zu Themen rund um die Schule – und dies seit über 60 Jahren. S&E Schweiz fördert zusammen mit den kantonalen, regionalen und lokalen Sektionen die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Schule, Behörden und Eltern. S&E ist Patronatsgeber des Berufswahl-Portfolios.

www.schule-elternhaus.ch 

Tipps rund um Hausaufgaben

  • Zeitpunkt: Der frühe Nachmittag ist aus verschiedenen Gründen eine gute Wahl. Kinder brauchen nach der Schule und nach dem Essen Pause, um sich zu erholen. Am späteren Nachmittag sind zudem meist andere Verpflichtungen wie Sport oder Musik geplant. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl, wann Ihr Kind besonders leistungsfähig ist. Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind eine Zeit für die Hausaufgaben und halten Sie sich daran.
  • Abfolge: Kindern sollen lernen, sich einen Überblick über die zu erledigenden Aufgaben zu machen. Am besten beginnen sie mit den schwierigeren Aufgaben und machen die leichteren als Belohnung. Man kann die Aufgaben auch aufteilen in einen mündlichen und schriftlichen Teil.
  • Arbeitsplatz: Er sollte gut beleuchtet sein (von links für Rechts-händer) und sich in einer ruhigen Umgebung befinden. Achten Sie darauf, dass der Schreibtisch frei von Spielwaren ist und die nötigen Bücher und Lehrmittel griffbereit sind. Es gibt auch Kinder, die arbeiten gerne in der Nähe der Eltern – in der Küche oder im Wohnzimmer.
  • Die Zeit: Es gilt folgende Faustregel: pro Schuljahr +10 Minuten. Das bedeutet für ein Kind in der fünften Klasse 50 Minuten Hausaufgaben pro Tag. Wichtig ist, dass es jeweils nach 30 Minuten eine Pause von fünf bis zehn Minuten einlegt, das Zimmer gut durchlüftet und sich ein bisschen bewegt. Regel-mässiges Trinken fördert die Konzentration, bei Bedarf auch Walnüsse, sie liefern Energie.
  • Hilfe: Warten Sie, bis das Kind Sie um Hilfe bittet. Leiten Sie Ihr Kind an, Probleme zu lösen. Aber lösen Sie die Probleme nicht für Ihr Kind.
  • Streit: Droht ein Streit während der Hausaufgabenzeit, sprechen Sie dies an und ziehen Sie sich zurück, bis sich das Kind wieder beruhigt hat und sich bei Ihnen meldet.
  • Erfolgsbuch: Hier schreibt sich Ihr Kind all das hinein, worauf es beim Lernen stolz ist, was gut geklappt oder was ihm Spass gemacht hat.

erstellt von Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)