Bildung von Anfang an

Kleinkinder lernen, indem sie ihre Umgebung - ihre Welt - aktiv entdecken, spielen, beobachten und Fragen stellen. Dazu braucht es ein anregendes Umfeld und aufmerksame Erwachsene, die die Entwicklung der Kinder begleiten.

Das Kind kommt als "kompetenter Säugling" zur Welt - dies belegt  die entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Säuglings- und Kleinkindforschung. Ausgestattet mit funktionsfähigen Sinnesorganen und grundlegenden Kompetenzen, ist er auf Kommunikation, Interaktion und damit auf den Dialog mit Erwachsenen vorbereitet. Bereits unmittelbar nach der Geburt beginnt der Säugling seine Umwelt zu erkunden und mit ihr in Austausch zu treten. Dies gilt gleichermassen für Kinder, die mit einer Funktionsbeeinträchtigung aufwachsen und dadurch behindert oder von einer Behinderung bedroht sind.

Kinder gestalten ihre Bildung von Anfang an aktiv mit, denn der Mensch ist auf Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit hin angelegt. Bereits sehr kleine Kinder sind aktive Mitgestalter ihrer Bildungsprozesse und können ihre Bedürfnisse äussern. Kinder wollen lernen. Ihr Lerneifer, ihr Wissensdurst und ihre Lernfähigkeit sind bemerkenswert gross. Mit zunehmendem Alter und Wissenserwerb werden sie zu Experten, deren Weltverständnis in Einzelbereichen dem der Erwachsenen ähnelt. In ihrem Tun sind Kinder höchst kreative Erfinder, Künstler, Physiker, Mathematiker, Historiker und Philosophen. Sie wollen im Dialog mit anderen an allen Weltvorgängen teilnehmen, um ihr Weltverständnis sukzessive zu erweitern.

Jedes Kind unterscheidet sich durch seine Persönlichkeit und Individualität von anderen Kindern. Jedes Kind bietet ein Spektrum einzigartiger Besonderheiten durch sein Temperament, seine Begabungen, Bedingungen des Aufwachsens und seine Eigenaktivität. Es hat sein eigenes Lern- und Entwicklungstempo, kann sich in einem Bereich schneller entwickeln als in einem anderen. Kindliche Entwicklung erweist sich aus heutiger Sicht als ein komplexes und individuell verschieden verlaufendes Geschehen. Damit Kinder ihr reiches Lern- und Entwicklungspotenzial einbringen und weiterentwickeln können, sind sie auf ihre Umwelt angewiesen.

Genau da setzt die Montessori-Pädagogik an. Die Pädagogik Maria Montessoris ist geprägt durch die Sicht vom Kind aus: "Folge dem Kind, achte auf Zeichen, die dir seinen Weg zeigen." Montessori-Pädagogik bedeutet, das Kind in seiner Persönlichkeit zu akzeptieren, ihm achtungsvoll zu begegnen und es auf seinem Entwicklungsweg zu begleiten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es möglich, Kindern eine "vorbereitete Umgebung" zu schaffen, in der sie - nach ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen tätig werden können, eine Tätigkeit, die Voraussetzung ist für Entwicklung und Lernen.

Das Menschenbild Montessoris ist ganzheitlich, eine Einheit von Körper, Geist und Seele. Die Entwicklung, das Reifen zum Erwachsenen, vollbringt das Kind selbst. Das Kind soll sich von Geburt an zu einem selbst verantwortlichen, unabhängigen Menschen entwickeln können. Erwachsene sollen diese Entwicklungsarbeit so wenig als möglich stören, genügend Freiraum für die kindliche Entwicklung gewähren, das Kind in seiner ganzen Person achten. Das Kind soll so individuell wie möglich arbeiten und ganzheitlich mit allen seinen Sinnen lernen. Dem Kind soll ermöglicht werden, selbstständig und kritisch zu denken und zu handeln, eigene Entscheidungen zu treffen und verantwortungsbewusst mit Freiheit umzugehen. Das Kind soll weder überfordert noch geistig "unterernährt" sein.
 
Sensible Phasen -  besondere Zeiten des Lernens

Maria Montessori erkannte, dass jedes Kind über sogenannte sensible Phasen des Lernens verfügt. Sensible Phasen sind Zeiten, in denen der Mensch besonders offen und empfänglich (aufnahmebereit) ist, eine bestimmte Fähigkeit zu erwerben. In dieser Zeit gelingt es ohne grosse Anstrengung, mit Leichtigkeit etwas zu lernen, wenn entsprechend die Gelegenheit dazu gegeben wird. Zu einem anderen Zeitpunkt würde das Kind dasselbe mit sehr viel grösserer Mühe, willentlicher Anstrengung und weniger Freude erlernen. In jeder vorangegangenen Phase wird das Fundament für die darauffolgende gelegt.

Montessori vergleicht die sensible Phase mit einem einzelnen Scheinwerfer, der die Bühne beleuchtet. So wie in diesem Lichtkegel alles klar und deutlich gesehen werden kann und der Rest eher im Halbschatten verbleibt, beleuchtet die selektive Wahrnehmung alles, was für den nächsten Entwicklungsschritt nötig ist.

Kinder verfügen nicht kognitiv über diese Fähigkeit, kein Kind wird uns sagen: "Mami, zur Perfektionierung meines Gleichgewichtssinns muss ich  da jetzt mehrmals drüberbalancieren!". Da stellt sich die Frage, wie denn nun solche sensible Phasen zu erkennen sind. Jedes Kind ist anders und damit ist auch bei jedem Kind der Beginn einer sensiblen Phase unterschiedlich.

Die Zeit von der Geburt bis zum 6./7. Lebensjahr ist geprägt von der Entwicklung der basalen Fähigkeiten. Der Säugling, der in den neuen Monaten im Mutterleib bereits eine Fülle an Fähigkeiten erworben hat, steht am Beginn aller wichtigen Dinge, die er als Erwachsener einmal brauchen wird. Seine Sinne und seine motorischen Fähigkeiten warten darauf, jeden Tag ein wenig zu wachsen und reifen zu können. Übertroffen wird dies nur von seinem unendlichen Bedürfnis nach Liebe, Schutz und Geborgenheit, Wärme und Nahrung. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, nützt er seine Zeit zum ständigen Lernen.
 
Die wichtigsten sensiblen Phasen im Alter von 0-3 Jahren sind:
- die sensible Phase für Bewegung
- die sensible Phase für Sprache
- die sensible Phase für Ordnung

Die sensible Phase für Bewegung zeigt sich in der Entwicklung Hand-Koordination, des Gleichgewichts und des Laufens. Babys kommen mit einem grossen Bewegungsdrang auf die Welt, der ihnen angeboren ist. Er hilft ihnen, die nötigen Entwicklungsschritte (sich drehen, rollen, robben, krabbeln, sitzen, greifen...) zu bewältigen, bis das Kind mit dem Laufen schliesslich einen der grossen Meilensteine in Richtung Unabhängigkeit erreicht.

Während die sensible Phase für Bewegung mit der Entwicklung des Gesichtssinns korrespondiert, steht die sensible Phase für die Sprache in besonders engem Zusammenhang mit dem Gehörsinn. In der ersten Periode absorbiert das Kind die Sprache unbewusst, es nimmt also die Sprache unbewusst wie ein Schwamm auf. In dieser Phase ist daher nicht nur das Aufnehmen der gesprochenen Sprache durch den Gehörsinn von Bedeutung, sondern auch die visuelle Beobachtung des Sprechenden (Sprachvorbild). Das Kind ist während dieser Phase sehr offen für den Spracherwerb. Wichtig sind dabei ein gutes Sprachvorbild, also das deutliche Sprechen, sowie körperliche und geistige Gesundheit (Organ, Ohr, Nervenbahnen usw.). Auch eine Zweitsprache und Fremdsprachen lernt das Kind in dieser Zeit mit Leichtigkeit.

Die sensible Phase für Ordnung unterscheidet sich vom Erwachsenenverständnis für Ordnung. In der Montessori-Pädagogik wird zwischen der inneren und der äusseren Ordnung unterschieden:

Der Sinn für die äussere Ordnung (das Bedürfnis nach Überschaubarkeit, fest geordneter Umgebung und Tagesstruktur)

Der Sinn für die innere Ordnung (das Bedürfnis nach innerer Ordnung und Orientierung, also das innere Ordnen von äusseren Eindrücken)
Durch Rituale und Klarheit in Bezug auf Raum, Zeit und verlässliche Personen lernt das Kind, die anfänglich ungeordneten Eindrücke zu ordnen und so immer mehr von der äusseren zur inneren Ordnung zu finden. Es erfährt Halt, Sicherheit und Orientierung, die es für seine weitere Entwicklung braucht. Gerade deshalb ist es in dieser Zeit so wichtig, darauf zu achten, die Kinder an gewisse Regeln und Grenzen heranzuführen. Denn in diesem Alter sind sie besonders aufgeschlossen und dankbar für Wegweiser, die wir ihnen als verantwortungsvolle Erwachsene zeigen.

Jeder Gegenstand der Umgebung hat seinen festen Platz. Das hilft dem Kind, die Lage der Gegenstände im Raum zu erkennen und sich an die Stelle zu erinnern, wo es sich befindet. In einer klaren, räumlichen Ordnung ist es leichter, eine Beziehung zwischen den Gegenständen herzustellen. Es kann sich dadurch beim Erforschen der Umgebung zunehmend leichter zurechtfinden. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Kind damit von sich aus Ordnung hält im Sinne von ordentlich sein.
 
Im Gegensatz zum Erwachsenen, der schnell und zielbewusst arbeitet, um mit dem geringsten Aufwand und möglichst grosser Kraftersparnis ein äusseres Ziel zu erreichen, ist für das Kind die Arbeit (das Spiel) selbst das Ziel. Das Kind arbeitet, um zu wachsen und sich zu entwickeln.
  Arbeiten, die das Kind selber übernehmen kann, sollen dem Kind überlassen werden. Der Erwachsene bleibt in der Nähe, um das Kind wo nötig zu unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben: "Hilf mir, es selbst zu tun."
 
Das didaktische Montessori-Material - lernen mit allen Sinnen
Durch das Greifen des Materials gelangt das Kind zum inneren Begreifen. Das Begreifen im Gehirn wird durch Begreifen des Materials mit den Händen und allen Sinnen erlangt. Im Material wird jeweils eine Besonderheit/Schwierigkeit isoliert dargeboten, um damit einzig diese Dimension für das Kind offensichtlich herauszustellen.

Jedes Montessori-Material birgt die eine "Fehlerkontrolle". Das heisst, das Kind braucht keinen korrigierenden Lehrer, der das Kind eher entmutigt. Das Kind kann Fehler selber erkennen und korrigieren. Das Material hat einen sachlogischen Aufbau. So wird das Kind diesem Aufbau folgend in das Material eingeführt. Es kann dann selbstständig damit umgehen, erkunden, experimentieren und Neues herausfinden, so lange es möchte.

Maria Montessori revolutioniert die Erziehung
Anfang des vergangenen Jahrhunderts begann die Italienierin Maria Montessori, ihre Pädagogik zu entwickeln, sie wurde ihr Lebensprojekt. Die ausgebildete Ärztin arbeitete zunächst mit behinderten Kindern. Sie war der Ansicht, dass auch diese Kinder ein Recht darauf haben, etwas zu lernen. So vertiefte sie sich in die Pädagogik und setzte zunächst u.a. Materialien des Pädagogen Séguin ein, Schritt für Schritt passte sie diese den Bedürfnissen der Kinder an und entwickelte sie weiter.

Ihre grossen Erfolge bei diesen Kindern, die in kürzester Zeit auf dem Niveau gesunder Schulkinder waren, liessen sie an den Unterrichtsmethoden der Volksschulen zweifeln. Sie begann, ihre Materialien zu adaptieren und ihre Methode für die allgemeinen Schulen weiterzuentwickeln.

Sie bekam von der Stadt Rom die Möglichkeit, ihre Methoden in die Praxis umzusetzen: In einem römischen Arbeiterviertel entstand das erste "Casa dei Bambini". Sie arbeitete dort mit Kindern, von denen nichts erwartet wurde, ausser Arbeiter/-in zu werden. Die Fortschritte, die diese Kinder in der von Maria Montessori vorbereiteten Umgebung erzielten, waren unerwartet und beeindruckend.

Bald darauf war ihre Methode so angesehen, dass sie weltweit Kurse abhielt, in denen sie ihre Pädagogik vermittelte. Die Montessori-Bewegung nahm ihren Lauf.

Das Revolutionäre an Maria Montessoris Pädagogik war, dass sie das Kind in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellte und von diesem Blickwinkel aus ihre
Pädagogik und die damit verbundene Lernumgebung und Materialien entwickelte.

Mittelpunkt der Pädagogik Maria Montessoris ist, dass Kinder nicht die Ziele oder Vorstellungen der Erwachsenen erfüllen sollen und können, sondern dass ihnen die Möglichkeit gegeben werden muss, sich eigenständig und sozial kompetent zu entwickeln. Dabei stehen der Erwerb des Wissens sowie die Fähigkeit, sich dieses anzueignen, die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit und der sozialen Kompetenz sowie die Verantwortung für die Umwelt im Vordergrund.

*Corinne Wohler ist Montessori-Pädagogin und Leiterin der Montessori KiTa Sterndli, Cham ZG

Literaturhinweise im Buchshop bestellen

"Kinder fördern nach Montessori", von Tim Seldin,  Dorling Kinderseley
"Montessori Pädagogik/ Einführung in Theorie und Praxis", von Michael Klein-Landeck, Herder
"Maria Montessori - Zehn Grundsätze des Erziehens", Herder
"Montessori für zu Hause", von Claudia Schäfer, dtv
"Kleinkinder fördern mit Maria Montessori", von Claudia Schäfer, Herder
"Kinder sind anders", dtv

erstellt von Corinne Wohler.*