Wenn Eltern und Lehrpersonen zusammenarbeiten

Dann entsteht eine sogenannte Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Wie die praktischen Erfahrungen im Pilotprojekt «Gemeinsam stark» in Baselland zeigen, profitieren davon alle: Kinder, deren Eltern sowie die Lehrkräfte. Als gemeinsame Sprache dient das pädagogische Konzept des Systematischen Trainings für Eltern und Pädagogen - kurz: STEP.

Wie geht man mit Kindern um, die ständig den Clown spielen oder die nicht kooperieren können oder wollen? Wie bringt man Schülerinnen und Schülern bei, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten? Wie kann man Fehlverhalten umlenken, so dass die Kinder lernen, sich als einen wertvollen, auf ihre individuelle Art beitragenden Teil der Gruppe zu fühlen? «Hier setzt das bewährte pädagogische Konzept von STEP (Systematisches Training für Eltern und Pädagogen) an», erklärt die Jugendpsychologin Denise Tinguely Hardegger aus Dornach. Als langjährige STEP-Trainerin hat sie zusammen mit der Geschäftsstelle Elternbildung Baselland das Projekt «Gemeinsam stark» konzipiert, mit dem Ziel, das gemeinsame Interesse an der Entwicklung des Kindes bei Eltern und Lehrpersonen zusammenzuführen und die Zusammenarbeit auf eine Basis zu stellen. «Die traditionelle Aufgabenteilung zwischen Familie und Schule oder Kindergarten ist längst überholt», ist die Fachfrau überzeugt. «Erziehung und Bildung sind gemeinsame Aufgaben! Für das Pilotprojekt "Gemeinsam stark" erarbeiteten wir deshalb zusammen Erziehungsziele, -vorstellungen und -methoden», sagt Denise Tinguely Hardegger, «denn diese geben Kindern und Erwachsenen Orientierung, Sicherheit und fördern das Selbstwertgefühl.»

Ein zukunftsweisendes Konzept
«Der Austausch zwischen Kindergarten, Schule und Familie über das Kind ermöglicht ein umfassenderes Verständnis für das Kind», erklärt die Expertin weiter. «Die Lehrperson erfährt mehr über die Familiensituation und den Erziehungsalltag, die Eltern über die Anforderungen und die Entwicklung des Kindes. So führt ‹Gemeinsam stark› Eltern und Lehrpersonen zu einer Erziehungspartnerschaft - also zu einer gemeinsamen Verantwortung für die Erziehung der Kinder.» Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Schüler oder eine Schülerin provoziert gerne im Unterricht, macht kaum Hausaufgaben und wird vielleicht sogar handgreiflich, wenn er oder sie sich von anderen angegriffen fühlt. Gängigerweise läuft das Prozedere so ab: Die Lehrpersonen informieren die Eltern. Beim Gespräch wird klar, dass sich sowohl die Mutter als auch der Vater hilflos fühlen. Deshalb reagieren sie manchmal über und brüllen, ein anderes Mal zeigen sie sich gleichgültig. In diesem Beispiel haben Eltern und Lehrpersonen ein Problem mit dem Verhalten des Schülers oder der Schülerin. Durch wechselseitige Vorwürfe und gegenseitige Schuldzuweisung wird es nicht gelöst. Voraussetzung für eine Zusammenarbeit ist vielmehr die Anerkennung der Verantwortung auf beiden Seiten - und die Erkenntnis, dass sowohl Eltern als auch Lehrerinnen und Lehrer ein gemeinsames Ziel verfolgen: eigenverantwortliche, selbstbewusste junge Menschen zu erziehen und sie entsprechend ihres individuellen Potenzials auf das Leben vorzubereiten.

Seit 2012 ist «Gemeinsam stark» ein festes Angebot auf der Kindergarten- und Primarstufe in drei Schulgemeinden in Baselland. Weitere Gemeinden sind daran interessiert. Möchten Sie mehr erfahren?
Unter www.ebbl.ch/gemeinsamstark finden Sie die gesamte Evaluation.

Linktipp: www.instep-online.ch
Weiterbildungskurse für Eltern und / oder Lehrpersone

"Schritt für Schritt in Erziehung fit!"
STEP-Trainerinnen Denise Tinguely Hardegger und Silvia Brunner-Knobel zeigen auf, wie die Planung, Umsetzung und Auswirkungen einer gelungenen Erziehungs-und Bildungspartnerschaft im Schul- und Kindergartenalltag aussehen kann.

Kidy swissfamily: Was ist gemeint mit "Erziehungs- und Bildungspartnerschaft"?
Denise Tinguely Hardegger: Die Schule stellt die Kinder und die Eltern vor neue Herausforderungen: Die Kinder kommen aus dem vertrauten Familienrahmen in eine Klassengemeinschaft und der Tagesablauf wird von der Schule bestimmt. Aber auch die Lehrpersonen müssen sich der Herausforderung der unterschiedlichen Lebenslagen stellen. Eine Zusammenarbeit ist daher unterlässlich. Im Austausch zwischen Lehrperson und Eltern über das Kind steht das gemeinsame Interesse des Bildungsprozesses. Die Lehrperson lernt durch die Eltern die Lebenssituation und Erziehung des Kindes kennen und die Eltern erfahren, wie das Kind sich in der Schule entwickelt.

Wie kann eine "Erziehungs- und Bildungspartnerschaft" gelingen?
Denise Tinguely Hardegger: Zur Entstehung einer Bildungspartnerschaft braucht es gemeinsame Grundlagen. Zum gegenseitigen Verständnis eine gemeinsame Sprache und zur Unterstützung des Kindes gemeinsame Wertvorstellungen. Die STEP Weiterbildung stärkt die Lehrpersonen in ihrer Haltung, die Eltern für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Im STEP-Elternkurs erfahren die Eltern, wie sie ihre Anliegen und Ängste offen ansprechen und mit der Lehrperson Lösungen finden können.

Können Sie das anhand eines konkreten Beispiels aufzeigen?
Silvia Brunner-Knobel: Petra beklagt sich zu Hause von der Lehrperson nicht wahrgenommen zu werden. Die Situationen, die das Kind erzählt, überzeugen die Eltern. Allmählich sind sie überzeugt, dass die Lehrperson etwas gegen ihr Kind hat. Sie sprechen mit anderen Eltern, die teilweise ähnliche Erfahrungen oder völlig andere Erfahrungen mit der Lehrperson haben. Die Eltern erzählen ihre Sorge im Elternkurs und werden ermutigt, die Lehrperson darauf anzusprechen. Im gemeinsamen Gespräch klärt sich die Wahrnehmung des Kindes.

Auf die Aufforderung, die Hefte oder Unterlagen hervorzunehmen, reagieren immer dieselben Schüler nicht. Sie erwarten eine persönliche Aufforderung. Die Lehrperson unterrichtet weiter, zwei Schüler reklamieren, dass man sie nicht darauf aufmerksam gemacht habe. Eine davon ist Petra. Sie möchte auch bei jedem "Fingerstrecken" drankommen, stets zuvorderst und die Erste sein. Mit vielen Fragen versucht sie, die Lehrperson mit sich zu beschäftigen. Wenn es nicht nach ihren Vorstellungen geht, stört sie durch lautes Sprechen den Unterricht oder sagt kein Wort mehr und schaut die Lehrperson drohend an.

Ein Verhalten, das den Eltern wahrscheinlich auch schon zu Hause aufgefallen ist?
Silvia Brunner-Knobel: Ja, den Eltern ist dieses Verhalten aus dem Familienalltag bekannt. Petra hat gelernt, die andern müssen sich immer mit mir beschäftigen. Gemeinsam überlegen nun Eltern und Lehrperson, wie sie Petra stärken können. Die Mutter merkt, dass sie stets auf die Anforderungen von Petra eingeht und ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Sie wird Petra ermutigen, sich vermehrt selber zu beschäftigen und auch ihre Freizeit selber zu gestalten. Die Lehrperson wird mit Petra sprechen. Zudem wird sie mit Petra überlegen, wie sie sich konstruktiv beteiligen kann.

Dieses Beispiel stellt dar, wie Kinder Verhaltensweisen in der Schule und zu Hause zeigen und durch die Zusammenarbeit der Erwachsenen an Stärke gewinnen können, ihren Platz in der Klassengemeinschaft zu finden.
Denise Tinguely Hardegger: Genau! Die Kinder finden in der Schule nicht ihre vertraute Familienumgebung, die Lehrperson handelt meist anders als die Eltern. Oft beklagen sich diese Kinder zu Hause und bestätigen dadurch manchmal auch die eigenen Schulerfahrungen der Eltern. Kinder, die zu Hause eine ausgeprägte Geschwisterrivalität zeigen, können sich oft nicht konzentrieren, weil sie auch in der Schulklasse rivalisieren.
Sie erleben in den Klassenkameraden ihre Geschwister und reagieren entsprechend, sie fühlen sich bedroht, greifen an, ziehen sich zurück oder beklagen sich bei den Erwachsenen. Gerade verwöhnte Kinder können zu Hause unauffällig sein, in der Schule aber stark verunsichert und entmutigt wirken, weil sie sich wenig zutrauen. Ebenso können sie sich andere zu Diensten machen. Oder viele Ausweichmuster und Störaktionen entwickeln, um den gestellten Anforderungen zu entkommen. Im Vordergrund der Zusammenarbeit auf den STEP-Grundlagen steht das Verstehen des Verhaltens des einzelnen Kindes. Anschliessend die gemeinsame Ermutigung, damit das Kind einen konstruktiven Weg des Erfolges beschreiten kann.

Wie werden Eltern durch STEP in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt?
Silvia Brunner-Knobel: Alle Eltern möchten ihren Kindern eine gute Schulzeit ermöglichen. Sie übernehmen Verantwortung für die Hausaufgaben, setzen sich ein für ihr Kind bei Konflikten, sprechen mit anderen Eltern und den Lehrpersonen und sind oft sehr besorgt. Im STEP-Elternkurs, in der Gruppe mit anderen Eltern erfahren sie, dass es den anderen Eltern genauso geht. Die Eltern schätzen, dass sie mit Gleichgesinnten in einem geschützten Rahmen sprechen können. Zudem eignen sich die Eltern eine Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten für den Alltag mit dem Schulkind an. Eltern, welche das STEP-Elterntraining besucht haben, berichten davon, wie viel entspannter, estärkter und motivierter sie den Erziehungsalltag angehen können und wie sie gleichwertig mit der Lehrperson die Situation ihres Kindes besprechen können.

Welches ist Ihre Zukunftsperspektive bezüglich Schule und Elternbildung?
Denise Tinguely Hardegger: Die Auswertung der bereits erfolgten "Bildungspartnerschaften" in mehreren Städten und Gemeinden zeigt, dass die gemeinsame STEP-Sprache eine Grundlage für eine erfüllende Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen bietet. Die unzähligen Aussagen von Eltern und Lehrpersonen bestärken das Weiterschreiten auf diesem Weg. Wenn Eltern und die Lehrperson am gleichen Strick ziehen, ermöglichen sie dem einzelnen Schüler und der Klassengemeinschaft eine ermutigende Lernspirale. Bauen wir doch darauf, dass viele Kinder die Erfahrung mit STEP-erprobten Eltern und Lehrpersonen machen dürfen.

Zu den Personen
Denise Tinguely Hardegger aus Dornach ist Psychologin/Psychotherapeutin SBAP/ASP, Jugendpsychologin NDS, zert. Dozentin für die STEP-Lehrerfortbildung, zert. STEP-Kursleiterin
Silvia Brunner-Knobel aus Hochdorf ist ehemalige Fachlehrerin, zert. Dozentin für die STEP-Lehrerfortbildung, zert. STEP-Kursleiterin und Bildungsbeauftragte der InSTEP Lehrerakademie, www.brunner-bbt.ch

erstellt von Christinan Bösinger