Hilfe, mein Kind will zum Casting!

Vom harmlosen Teenie-Band-Poster an der Zimmerwand bis zum fixen Wunsch, selber Weltstar zu werden, ist es oft nur ein kleiner Schritt. Hindern Sie ein wirklich begabtes Kind auf keinen Fall daran, Karriere zu machen! Aber in neun von zehn Fällen ist dieses Risiko leider verschwindend klein – genauso klein wie das Gesangstalent. Deshalb hier exklusiv: ein nicht allzu ernst gemeinter Ratgeber, wie Sie Ihrem Kind den Wunsch ausreden, an einer Casting-TV-Show teilzunehmen.

Ist Ihr Kind ein Talent?

Es gibt ehrgeizige Eltern, die von sich aus alles tun, um ihre Sprösslinge zu Ruhm, Ehre und Reichtum zu führen. Im 21. Jahrhundert finden Kinder und Jugendliche allerdings meist selbst zur entsprechenden Motivation. Castingshows sind nach wie vor gleich dutzendfach im TV-Programm zu finden, und sie funktionieren nur, weil sich viele Bewerber selbst für begabter halten, als sie es in der Realität sind. Als Eltern steht man vor einer Herausforderung: Wie schütze ich mein liebes, intelligentes, ganz tolles, aber leider absolut unmusikalisches Kind davor, sich vor der TV-Nation zum Affen zu machen?

Tipp 1: Überraschende Konfrontation
Die Natur hat das toll eingerichtet: Wir sind meist überraschend gnädig mit uns selbst. Wenn wir gerne weltberühmte Sänger werden wollen, werden unsere Ohren uns vorgaukeln, dass wir das Talent dazu haben. Und Familie und Freunde sind zu nett, um die Wahrheit zu sagen. Nehmen Sie die Gesangseinlagen Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes deshalb heimlich auf und spielen sie diese dann ab, wenn es niemand vermutet – beim Konfirmationsessen oder bei einer Geburtstagsfeier. So unvorbereitet werden die Reaktionen des unfreiwilligen Publikums viel ehrlicher ausfallen – und der Nachwuchs begreift, dass da nichts Gutes entsteht. 

Tipp 2: Blossstellen
Klingt unfair, ist es aber auch. Bereiten Sie Ihrem Kind einen unglaublich peinlichen Moment, beispielsweise,­ indem Sie es auf dem Pausenplatz überraschen und vor ­allen seinen Freunden etwas Unsägliches tun – beispielsweise einen Teddybären zücken und sagen, Sie hätten ihn extra schnell in die Schule gebracht, weil es ohne diesen doch nicht alleine zur Toilette könne. Ihr Kind wird Sie temporär hassen. Aber nun können Sie ihm erklären, dass bei einem schlechten Auftritt vor laufender Kamera diese kleine Peinlichkeit noch übertroffen wird – und nicht nur die gesamte Schule, sondern obendrauf der gesamte deutsche Sprachraum lachen wird. 

Tipp 3: Wetten
Geben Sie Ihrem Kind eine faire Chance mit einer Wette. Schafft es die gestellte Aufgabe, werden Sie sämt­liche Unkosten für ein halbes Dutzend Castings übernehmen und das Kind persönlich überall hinfahren. Verliert das Kind, muss es die Sache mit dem Berühmtwerden vergessen. Und nun zur Wettbewerbsfrage: Bitte zähle fünf ehemalige Castingshow-Gewinner auf, die man heute noch kennt und die es zu etwas gebracht haben. Bingo! 

Tipp 4: Worst-of-Zusammenschnitt
YouTube ist voll von missglückten Castingauftritten. Denn die Sendungen leben ja nicht etwa vom Können der Handvoll Bewerber, die tatsächlich einen Ton treffen, sondern vom Unterhaltungswert der Versager. Schneiden Sie daraus ein «worst of» deutschsprachiger Castingsendungen zusammen – inklusive der vernichtenden Kommentare von Dieter Bohlen und Co. und spielen Sie das Ergebnis Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter vor. Zeigen sich diese unbeeindruckt, weil «ich das doch viel besser kann als diese ­Pfeifen», dann spielen Sie auch noch die Sequenzen ab, in denen die Gescheiterten vor dem Auftritt eben genau das auch von sich geglaubt und behauptet haben. 

Tipp 5: Selber mitmachen
Zeigen Sie sich zum Schein begeistert von der Idee Ihres Kindes – so begeistert, dass Sie behaupten, gleich auch selbst teilnehmen zu wollen. Kaufen Sie sich ein Glitzer­kostüm, gelieren Sie sich eine famose Schlager-Tolle ins Haar, kaufen Sie sich eine Gitarre und üben Sie zu Hause ebenso lautstark wie misstönend. Schwärmen Sie Ihrem Kind vor, wie Sie schon bald gemeinsam im TV-Studio vorfahren und in die Kamera sprechen werden – sodass alle mitkriegen, dass hier Vater/Mutter und Kind am ­gleichen Wettbewerb teilnehmen werden. Schon bald wird Ihr Kind IHNEN die ganze Sache ausreden und noch so gerne auf einen Auftritt verzichten. 

Tipp 6: Schlechtes Beispiel vorführen
Heuern Sie den Bettler um die Ecke für eine klein­e Showeinlage an. Für ein verhältnismässig üppiges Honorar soll er Ihnen beim «zufälligen» Zusammentreffen erzählen, dass sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen ist, bis er sich zur Teilnahme an einem Casting entschied. Peinlicher Auftritt, Verlust des Jobs, die Familie wendet sich ab – es bleibt nur noch die Schlafstelle unter der Brücke. Wahnsinn, was da für eine Kettenreaktion entstehen kann! Alles erfunden natürlich, aber fährt nachhaltig ein. 

Tipp 7: Botschafter engagieren
Teuer, aber effektiv: Bezahlen Sie einen der Helden Ihres Kindes, also einen bekannten Sänger oder eine Sängerin, für eine kurze Videobotschaft, in der der Promi dem Kind den Weg über ein Casting ausredet. Besser eine Band gründen, im Keller üben, am Dorffest auftreten und so ­weiter: Wenn Sie das Ihrem Nachwuchs predigen, hört der nicht mal hin, wenn es das androgyne Wesen von ­«Tokio Hotel» macht, klappt es garantiert, denn dieses ist glaubwürdig. 

Tipp 8: Kleineres Übel suchen
Überzeugen Sie Ihr Kind, sich langsam nach oben zu arbeiten und vor der ersten richtig grossen Show erst mal am Talentwettbewerb in Schwamendingen oder ­einem Agglo-Jugend-Contest teilzunehmen. Hoffen und beten Sie, dass Ihr Sprössling dort gnadenlos abschmiert und machen Sie ihm danach klar, dass demnach der Kampf gegen 20 000 andere Kandidaten doch eher schwer wird. Und noch peinlicher. 

Tipp 9: Ab ins Ausland!
Wenn sich Sohn oder Tochter den Wunsch wirklich überhaupt nicht ausreden lassen, dann recherchieren Sie ein wenig und spendieren dem Kind einen Flug ins Ausland. Castingshows gibt es nämlich von Afghanistan («Afghan Star») bis Ungarn («Megasztar»). Wenns dort schiefgeht, erfährt es zu Hause wenigstens keiner.

Tipp 10: Gehen lassen
Ja, Sie haben richtig gelesen. Wenn alles nichts hilft, dann unterstützen Sie Ihr Kind eben, so gut es geht, holen mit einer Gesangslehrerin und einer geschickten Songauswahl heraus, was möglich ist und hoffen das Beste. Bis auf eine Handvoll wirklich dramatischer Beispiele sind bislang noch alle Castingteilnehmer relativ unbeschadet – und vielleicht um eine Lektion reicher – aus dem Ganzen hervorgegangen. Wir drücken die Daumen!

 

 

erstellt von Stefan Millius