Goldmedaillen-Eltern: Wenn Ehrgeiz zu weit geht

Der nächste Roger Federer dürfte voraussichtlich jemand sein, der sehr früh den Tennisschläger in die Hand genommen hat. Oder besser gesagt: dem hat jemand den Schläger in die Hand gedrückt. Nicht nur, aber auch im Sport wird heute vermehrt die Frage gestellt: Wie viel Förderung ist gut – und wo schaden übermotivierte Eltern ihrem Nachwuchs? Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm ist der Frage nachgegangen. Und sie plädiert in der Erziehung auf Lebensertüchtigung statt die Heranbildung von «Kampfmaschinen».

FamilienSPICK

Fragt man den Trainer einer Nationalmannschaft, ganz egal, in welcher Sportart, so klingt die Einschätzung meist in etwa so: Wer es an die Spitze schaffen will, muss früh beginnen, und es ist für ein ganzes Land beklagenswert, wenn eines Tages zu wenig Nachwuchs bereitsteht. Mit anderen Worten: Eltern sind mitschuldig, wenn beispielsweise das Schweizer Ski-Team in fünf oder zehn Jahren keine Medaillen mehr holt und die ausländische Konkurrenz an sich vorüberziehen sieht. Ein Blick auf Juniorenturniere bis hin zu Plauschanlässen vermittelt oft genug ein anderes Bild: Wenn es den anfeuernden Eltern an der Seitenlinie an etwas nicht fehlt, dann am Ehrgeiz, das eigene Kind siegen zu sehen. Das ist natürlich eine Pauschalisierung, aber die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, über dem Durchschnitt stehen zu müssen, macht vor dem Sport keinen halt. Und weil man selbst meist schon zu alt ist, um die olympische Fackel tragen zu können, muss natürlich der Sohn oder die Tochter sanft in diese Richtung geschubst werden.

Fatale Beispiele

Auswüchse, die zwar nicht gerade an der Tagesordnung sind, die es aber durchaus gibt, schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen. Eines der bekanntesten Beispiele der jüngeren Vergangenheit war ein Laufwettbewerb in Linz in Österreich, bei dem es Eltern-Kind-Teams gab. Nach dem Anlass kursierten Bilder, die zeigten, wie Eltern ihre Kinder – darunter solche von drei oder vier Jahren – antreiben oder sogar regelrecht mitzerren und schliesslich förmlich über die Ziellinie schleifen im Bestreben, schneller zu sein als die anderen. Was als Plausch geplant war, endete – zumindest in der verkürzten Darstellung des Bildes – für manchen Junior mit Tränen. Der Lauf führte über 40 Meter, zu gewinnen gab es nichts Nennenswertes, aber das hinderte ehrgeizige Eltern nicht daran, das Ganze als sportliche Herausforderung zu betrachten, nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Nachwuchs. Eine weitere Folgeerscheinung von solch falsch verstandenem Ehrgeiz ist der Verlust von Werten, die man dem Kind ja eigentlich vermitteln möchte und müsste. Zum Beispiel das Stichwort Fairness. Bei Kinderfussballturnieren erlebt man auch mal einen Vater, der sein Kind antreibt, es damit nicht zu genau zu nehmen und den Gegner zu attackieren, um an den Ball zu kommen. In anderen Fällen kam es bei Spielen in Jugend-Ligen zu Handgreif lichkeiten nach Schiedsrichterentscheiden – nicht etwa zwischen den Kindern, sondern den Eltern. Die alte Faustregel, dass Sport in erster Linie Spass machen soll, tritt ausser Kraft, dem Resultat wird alles untergeordnet. Verlieren ist keine Option, und statt dem Kind den Umgang mit einer Niederlage beizubringen, sorgt man lieber für das «richtige» Resultat – koste es, was es wolle. Natürlich gibt es Kinder und Jugendliche, die das von ganz allein so sehen. Wenn diese Haltung dann aber von den Eltern auch noch befeuert wird, erreicht das Ganze neue Dimensionen.

«Sportler heranzüchten»

Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg, nennt dieses Phänomen in ihrem Blog «Goldmedaillen-Eltern». Die leidenschaftliche Joggerin nimmt selbst an Mittelstreckenläufen teil und macht dabei ähnliche Erfahrungen wie die geschilderten. Und sie hält fest, dass das laut vielen Organisatoren von Veranstaltungen «schon fast zur Normalität» gehört. Eine Studie, die Margrit Stamm zusammen mit ihrem Team ausgeführt hat, kommt ebenfalls zu diesem Schluss. «Goldmedaillen-Eltern» – bei der Professorin auch «Trainings-Eltern» genannt – wollen demnach «olympiareife Sportler heranzüchten». In einer Stichprobe innerhalb der Studie gehörten zehn Prozent zu dieser Gruppe, wobei sich die Befragung nicht auf Sport beschränkte, auch in der Musik ist Ähnliches zu beobachten. Solche Eltern fallen auch dadurch auf, dass sie sich zeitlich sehr stark engagieren und aus der Förderung der Kinder eine Aufgabe machen. Bis hin zur Hoffnung, dieser Einsatz zahle sich später in Form einer Profikarriere mit Preisgeldern wieder aus. «Deshalb zeigen sie auch kaum Angst, dass das Kind angesichts der hohen Herausforderung physische oder psychische Schäden davontragen könnte», so Margrit Stamm, «vielmehr sind sie davon überzeugt, dass es von den Erfahrungen aus dem Wettbewerb nur profitiert.»

Zunehmende Entwicklung?

Natürlich ist der Grat schmal zwischen gut gemeinter, vernünftiger Förderung und einer masslosen Überforderung. Allen Eltern einen Vorwurf zu machen, die ihre Kinder im Sportverein anmelden und dann auch regelmässige Fahrten zu Trainings und Wettkämpfen auf sich nehmen, wäre falsch. Entsprechende warnende Diskussionsbeiträge stossen deshalb nicht selten auf beleidigte Reaktionen. Aktive Eltern wehren sich gegen den Vorwurf, ihrem Kind zu schaden. Und mit Sicherheit trifft eine pauschale Auslegeordnung hier und dort auch die «Falschen».
Dennoch drängt sich die Frage auf, ob es sich hier um ein zunehmendes Phänomen handelt. Eine klare Antwort darauf gibt es nicht, denn Längsschnittstudien fehlen laut der Erziehungswissenschaftlerin. Es bleibt bei den – durchaus aussagekräftigen – täglichen Beobachtungen im eigenen Umfeld. Zu sagen ist aber, dass es umgekehrt auch keine Erkenntnisse aus Studien gibt, ob sich dieser grosse elterliche Ehrgeiz überhaupt lohnt. Die heutigen Superstars aus Fussball, Tennis oder Ski sind vermutlich fast alle früh mit ihrem Sport in Berührung gekommen, aber wie viel vom späteren Erfolg auf Massnahmen der Eltern, das vorhandene Grundtalent oder die umsichtige Förderung von Trainern zurückzuführen ist, lässt sich schwer abschätzen.

Falsche Reihenfolge

Für Margrit Stamm steht mit Blick auf die Eltern fest: «Wenn sie das Talent des Nachwuchses mit dem eigenen Ehrgeiz verwechseln, dann resultiert meist eine psychische Gefährdung.» Kommt die Wettkampferfahrung, bevor das Kind ein Gefühl von Sicherheit und Selbstbewusstsein ausgebildet hat, sehe das Kind zwar den grossen Einsatz der Eltern, begreife aber noch gar nicht, um was es dabei genau gehe. Vor der Förderung Richtung Siegermentalität muss laut der Professorin die Lebensertüchtigung stehen. Und ein übertriebener Leistungsdruck kann dieser im Weg stehen. Eltern rät Margrit Stamm, sich selbst – und nicht über den Umweg Kind – zu verwirklichen und die Erziehung entspannter anzugehen.

Redaktion: Stefan Millius