Gibt es die perfekte Erziehung?

«In Erziehungsfragen gibt es zahlreiche Eckpfeiler, an denen sich Eltern orientieren können», sagt die Zürcher Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Irina Kammerer. Ein Gespräch über verschiedene Erziehungsmethoden, Grundwerte und Elternbildungskurse.

Dr. phil. Irina Kammerer

Kidy swissfamily: Elternkurse boomen, TV-Sendungen wie «Die Super Nanny»  erreichen hohe Einschaltquoten und auch in den Buchhandlungen finden Erziehende massenhaft Ratgeber zum Thema «Erziehung». Das lässt den Schluss zu, dass es heutzutage ohne Nachhilfe fast unmöglich ist, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein. Müssen Eltern perfekt sein?
Dr. Irina Kammerer: Nein, dieser Schluss ist nicht korrekt. Aber es ist eine Tatsache, dass eine grosse Nachfrage nach Literatur und Ratgebern besteht – das ist tückisch. Genau diese grosse Auswahl und Vielfalt an möglichen Erziehungsratgebern verunsichert viele Eltern. Sie denken, dass es wohl ohne Ratgeber gar nicht möglich ist, ihr Kind zu erziehen.

Gibt es eine intuitive Elternvernunft, auf die sich Eltern beim Erziehen verlassen können?
Beim Erziehen geht es grundsätzlich immer darum, sowohl die eige-nen Bedürfnisse als auch die des Kindes zu spüren. Eltern sollten ih-ren Vorstellungen nachgehen und gleichzeitig die Kinder in ihrer au-tonomen Entwicklung unterstützen. Das kann bedeuten: Eltern legen ein Ziel fest – zum Beispiel «Die Hausaufgaben sind jeweils vor dem Abendessen gemacht». Dann geben sie den Kindern die Freiheit, selbst Ideen zu entwickeln, wie sie dieses Ziel erreichen können.

Welche Regeln sollten Eltern und andere Erziehende beherzigen, wenn sie Kinder erziehen?
Es gibt zwei wesentliche Grundpfeiler in der Erziehung:
Erstens: Liebe, Wärme, Geborgenheit, Zeit, «Positivität»
Zweitens: Grenzen, Regeln, Strukturen, konsequentes Verhalten.

Was halten Sie von den immer populärer werdenden Elternbildungskursen? Welche Kurse sind empfehlenswert – oder worauf sollen Eltern bei der Wahl eines entsprechenden Kurses achten?
Grundsätzlich sind Elternbildungs- und Erziehungskurse eine sinnvolle und gute Sache, denn sie ermöglichen den Eltern, sich mit ihrer grossen Aufgabe und den damit verbundenen Freuden und Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und ihr Verhalten zu reflektieren. Überall werden wir ausgebildet, weitergebildet – ausser im Elterndasein und Kinder erziehen – das sollte man einfach können. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern die Möglichkeit erhalten, Kurse zu besuchen oder Beratungen in Anspruch zu nehmen. Ein guter Elternkurs stellt Handwerkszeug zur Verfügung, erörtert Gesprächs- und Kommunikationsstile und zeigt auf, wie man bei Problemen anders, besser reagieren kann als bisher: Welcher Weg passt zu unserer Familie, um Nein zu sagen, uns abzugrenzen, mit Aggressionen umzugehen? Natürlich vermittelt ein guter Elternkurs auch einfach Wissen und Raum für Austausch: Manches, was Eltern für problematisch halten, ist normal in einem bestimmten Alter. Von anderen Eltern zu hören, dass auch sie Probleme haben, ist wichtig. Viel häufiger als man denkt, kehren Eltern ihre Probleme unter den Teppich.
Standardisierte, wissenschaftlich fundierte Elternkurse, wie zum Beispiel «Triple-P-Kurse», «Starke Eltern – starke Kinder» oder «Step» vermitteln diese wichtigen Grundpfeiler. Auch an unserer Beratungsstelle am psychotherapeutischen Zentrum des psychologischen Instituts der Universität Zürich bieten wir Erziehungsberatung für Eltern an.

Die Anforderungen an Eltern sind hoch. Demgegenüber steht, dass heutige Eltern vielfach weniger Zeit für ihre Kinder haben – beide Elternteile arbeiten, die Kinder müssen nicht selten alleine funktionieren. Oft herrscht der Anspruch, dass die Schule resp. die Lehrpersonen für die Erziehung da seien. Diese sind damit meist ebenfalls überfordert, da sie mit ständig sich verändernden Bildungsinhalten, Integrationsproblemen und grossen Klassen zu kämpfen haben. Wer soll in solchen Fällen die Erziehung übernehmen?
Erziehung ist grundsätzlich Sache der Eltern. Optimal ist auf jeden Fall, wenn Schule und Eltern zusammenarbeiten. Es gibt in der Schweiz verschiedene Schulen, die diese Zusammenarbeit ernst nehmen und proaktiv angehen. Momentan arbeiten wir beispielsweise an einem spannenden Schulprojekt mit: Dieses bietet zu verschiedenen Themen eine Auseinandersetzung zwischen Eltern und Schule an. Es geht darum, sich zu einem Thema gemeinsame Gedanken zu machen, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen darin zu erkennen und gemeinsam Verantwortung wahrzunehmen. Ein Hand-in-Hand-Gehen von Elternschaft und Lehrpersonen ist das Beste für die kindliche Entwicklung. Das Kind erlebt, dass die Erwachsenen am selben Strick ziehen – zum Wohl der Kinder.     

erstellt von Christina Bösiger