Geliebtes Musiktalent

Unser Kolumnist, der Wiener Heilpädagoge Gerhard Spitzer, denkt diesmal über «musikalische Motivationen» nach.

Natürlich wollen unzählige Eltern ihren Kindern einen möglichst kreativen Lebensweg bereiten. Das geht, denken die meisten, am besten durch pfiffige Auswahl eines «passenden» Musikinstruments. Fällt die Wahl der Eltern aber
vielleicht nicht ganz so passend aus, gerät das geliebte Kind bald in einen weniger musikalischen als vielmehr in einen stressigen Kreativ-Rhythmus. Zwei aktuelle Fälle belegen das …

Tastendruck

Der Vater des neunjährigen Dominik spielt gerade eine ziemlich eindrucksvolle Melodie für seinen Buben: «Wir zahlen dir nun schon ein ganzes Jahr lang deinen Klavierunterricht! Jetzt gehst du dort auch hin!» Dominik wirkt nicht weniger verschnupft: «Aber diese Fingerübungen sind doch nur was für Tschumpel! Und wozu soll ich überhaupt …?» Der Worte sind genug gewechselt …

Flötentöne

Als Nächstes dürfen wir Melanies Mutter zuhören, während sie im Anschluss an ein Kinderkonzert begeistert flötet: «Na also, ich habs doch gewusst: mein Meitli wird mit der Flöte genauso gut wie ich früher!» Doch als ich die Achtjährige nachher selber kurz befrage, ob sie sich denn für die Querflöte tatsächlich genauso begeistern könne wie ihre Mutter, verzieht die kleine Beinahe-Virtuosin bloss gequält das Gesicht. Auch hier: keine weiteren Worte notwendig.

Für Sie, liebe Freunde meiner Kolumne, sicherlich eine einfache Komposition: Wo im einen Fall elterlicher Dauerdruck steht, sind im anderen möglicherweise eigene, nicht vollständig erfüllte musikalisch-kreative Wünsche auf die Tochter projiziert worden. So weit, so klar.

Zuständigkeiten

Doch wie wählt man «richtig» aus? Oft höre ich dazu Folgendes: «Mein Kind muss doch ein Instrument lernen! Und für die richtige Auswahl sind wir als Eltern doch schliesslich zuständig!» Ganz spontan antworte ich dann meistens: «Nein, liebe Eltern, sind Sie nicht! Der einzig Zuständige für sein eigenes lebenslanges all-inclusive-Musik- Instrument-Package ist Ihr Kind selbst!»

Schon wieder völlig klar: Die ganze Partitur kann nur dann wirklich harmonisch werden, wenn Ihr Kind sich zu einem bestimmten Instrument von Herzen hingezogen oder sogar völlig «vereinnahmt» fühlt. Forscher nennen daskindliche Hingabe oder auch intrinsische Motivation.

Achtung! Musiker!

Doch wie lässt sich diese Hingabe entdecken und wie kann man diese von einer augenblicklichen Laune unterscheiden? Einige Ansätze dazu finden Sie wie immer in meinem Tipp-Kasten. So viel aber schon vorweg: Es gibt ganz sicher keine «unmusikalischen» Kinder! In jedem steckt ein Musiker. Achten Sie bei Ihrem Kind auf Signale, die plötzliches Interesse anzeigen, wenn beispielsweise im Radio ein einzelnes Instrument erklingt. Vielleicht ist ja sogar mal ein besonderes Leuchten in den Augen Ihres Lieblings zu sehen.

SIE WERDEN ES MÖGEN.

erstellt von Gerhard Spitzer

Anzeige
ANZEIGE