Alle anpacken, bitte!

Klar, es gibt Spannenderes als die Erledigung alltäglicher Notwendigkeiten wie Aufräumen, Putzen, Entsorgen, Kochen etc. Wie viel einfacher wärs doch, wenn alle mitanpacken würden. Doch wie motiviert man die Familie zum Mithelfen?

Eine kleine – zugegebenermassen unrepräsentative – Umfrage in meinem Bekanntenkreis zeigt, dass offenbar viele Mütter freiwillig darauf verzichten, sich von ihren Kindern im Haushalt helfen zu lassen. Die meistgenannten Gründe dafür: zu nervenaufreibend, zu mühsam oder es geht schneller und besser alleine. Da haben sie bestimmt zum Teil recht, doch glücklich sind allesamt nicht mit ihrer Rolle als Putz-, Wasch- und Hinterherräumfrau der Familie. Ausserdem: Wie sollen die Kinder als Erwachsene einen eigenen Haushalt führen können, wenn sie zu Hause nicht lernen durften, was es heisst, selbst für Ordnung zu sorgen? Deshalb: Geben Sie Ihren Kindern die Chance, im Haushalt Aufgaben zu übernehmen! Sie müssen nicht davor bewahrt werden, im Gegenteil. Auch eine kleine Familie ist eine Gemeinschaft, die dann am besten funktioniert, wenn sich alle entsprechend einbringen können. Schon die Kleinsten sollen deshalb mitwirken und Verantwortung für eine Tätigkeit übernehmen dürfen. Denn das macht sie nicht nur stolz, sondern auch selbstbewusst! Ich kann etwas! Ich bin auch wichtig! Ich werde gebraucht! Dabei ist die Art der Aufgabe gar nicht so entscheidend. Viel wichtiger ist es, frühzeitig damit zu beginnen, die Kinder beim Helfen mit einzuplanen. Denn eins ist sicher: Ein Teenager, dem jahrelang alles abgenommen wurde, wird bestimmt nicht mehr freiwillig helfen, wenn plötzlich – sei dies zu Hause, in der Schule oder in der Lehre – Engagement von ihm verlangt wird.

Kinder im Alltag motivieren
Arbeiten wie Zimmer aufräumen, Küche putzen, Tisch decken, Haustiere füttern oder Einkaufen setzten ein gewisses Mass an Planung voraus, das Erwachsene in der Regel beherrschen, da sie meist auch im Beruf ihre Aufgaben effizient und qualitativ gut erledigen müssen. Ganz anders die Kinder: Bei ihnen dominieren hauptsächlich Spiel und Spass. Beim Essen mit dem Kartoffelstock kleine Pfützen gestalten oder mit der schönen roten Tomatensauce Bilder aufs Set zeichnen interessiert sie mehr als die Tätigkeiten, die notwendig sind, um den Tisch nicht wie ein Schlachtfeld zurückzulassen. Deshalb rät Erziehungsfachfrau, Jugendcoach und Buchautorin Sarah Zanoni* gerade Eltern mit kleinen Kindern: «Nutzen Sie diesen Spieltrieb und lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Finden Sie heraus, wie sich alltägliche Verrichtungen spielerisch umwandeln lassen!» Auch eine aktive Zeitplanung oder die Strukturierung einer Aufgabe fällt Kindern noch schwer. So lassen sie Abläufe und Vorgänge meist «geschehen», denn ihnen sind die einzelnen Schritte einer Tätigkeit gar nicht als solche bewusst. Abhilfe können hier beispielsweise detaillierte Checklisten schaffen, die dazu motivieren, die Aufgabe Schritt für Schritt zu erledigen. Vielen Kindern macht es mehr Spass, die Aufgaben einer Liste nacheinander abzuarbeiten – ganz egal, ob es dabei um eine spannende Schatzsuche oder um das Aufräumen der Küche nach einem Mittagessen geht. Motivation zu einer Tätigkeit ist die eine Sache – die Qualität die andere. Wie gut eine der Anweisungen auf Checklisten befolgt wird,  hängt unter anderem vom Alter und den momentanen Interessen des Kindes ab. Primarschulkinder sind jedoch in der Lage, auch anspruchsvollere Aufgaben qualitativ top zu erledigen. «Wichtig ist, dass Eltern nicht den Fehler machen, kleinlich an einem erledigten Job herumzumäkeln, wenn die Arbeit nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit ausfällt», sagt Sarah Zanoni. Viel wichtiger sei es, dem Nachwuchs die Freude am Helfen zu erhalten. Lassen Sie sie also einfach selbstständig machen, loben Sie das Engagement. Perfektion kommt erst mit der Zeit und zunehmender Übung! 

Feste Rituale einführen
Trotzdem: Je älter Kinder werden, desto weniger Lust haben sie, freiwillig ihr Zimmer aufzuräumen oder das Bad sauber zu machen. «Nein, keinen Bock», heisst es dann oft nur gelangweilt. Das ist völlig normal und entwicklungsbedingt. Was früher Spass gemacht hat, wird nun lästig. Doch der Nachwuchs muss lernen, dass das Zusammenleben in einer Familie nur gut funktioniert, wenn alle mithelfen. Und dazu gehört es auch, Pflichten zu übernehmen. Gibt es Möglichkeiten, auch grösseren Kindern Ordnung schmackhaft zu machen? «Ja klar!», sagt Sarah Zanoni. «Am besten klappen Dinge, die wir automatisiert haben, die also zu einem eigentlichen Ritual geworden sind». Das sind immer wiederkehrende Abläufe, die so selbstverständlich in der Familie sind, dass sie nicht mehr diskutiert werden müssen. Sie sind zu «ungeschriebenen Gesetzen» geworden und den Kindern «in Fleisch und Blut» übergegangen.» Gemeint sind zum Beispiel das Schuheausziehen beim Betreten der Wohnung, Händewaschen vor dem Essen, Zähneputzen vor dem Schlafengehen, Zimmeraufräumen und ähnliches mehr. Solche Rituale klappen nur, wenn alle in der Familie sich daran halten. Ein Beispiel: Sie können Ihren Sohn nur dazu bringen, sich auf die Toilette zu setzen, wenn der Vater es auch tut. 

Typisch Jungen?
«Badputzen ist Frauenarbeit.» Bei solchen Sprüchen aus dem Munde ihres halbwüchsigen Sohnes stellen sich bei Müttern die Nackenhaare auf. Keine Panik: Auf der Suche nach ihrer Identität klammern sich Kinder ab und zu ganz gerne an Klichees. Jetzt kommt es darauf an, was Sie Ihrem Jungen vorleben. Leben Sie die Gleichberechtigung auch beim Haushalten: Papa putzt und kocht genauso wie Mama. Wichtig ist ein respektvoller Umgang miteinander. Und dass anerkannt wird, dass jeder in der Familie seine Stärken und Schwächen hat. Sarah Zanoni rät in ihrem Buch, die Erledigung der Aufgaben konsequent einzufordern. «Wichtig ist, dass die Eltern die Arbeit nicht selber erledigen, denn so lernt das Kind, dass es nur lange genug Widerstand leisten muss, um die Regel zu umgehen.» Und wie sollen Eltern also Familienregeln durchsetzen? Von Sanktionen wie Taschengeldentzug oder Fernsehverbot hält die Erziehungsfachfrau nicht viel. «Um die Erledigung der Ämtli durchzusetzen, sind ‹natürliche Konsequenzen› sinnvoller: Die Sanktion sollte einen Zusammenhang mit dem Ämtli haben. Sprich: wer seinen Teller mittags nicht abräumt, findet diesen beim Znacht immer noch – schmutzig – an seinem Platz vor. Im Übrigen gilt: Ein aufrichtiges Lob fördert die Bereitschaft des Kindes, weiterhin mitzuhelfen und stärkt sein Selbstbewusstsein!»   


*Sarah Zanoni, Pädagogin lic.phil, Mutter von zwei Kindern (7 und 10), leitet eine Praxis für JugendCoaching in Aarau www.jugendcoaching.ch