Lebensmittelallergien Genuss mit Risiko

Es gibt etwa 4000 Substanzen, die Allergien auslösen. Viele von ihnen sind in Lebensmitteln enthalten.

Severin war etwa halbjährig und wurde voll gestillt, als seine Leidenszeit begann. Juckende Ekzeme breiteten sich auf Gesicht und Körper aus. Der Kleine musste praktisch dauernd vom Kratzen abgehalten werden. Er wurde unruhig, litt heftig, die Schlafphasen wurden kurz und unregelmässig. Die Diagnose Neurodermitis brachte zwar Gewissheit, aber keine Aussicht auf eine schnelle und wirksame Therapie. Severins Mutter, Franziska Ledergerber Kilchmann, erklärt: «Die homöopathische Behandlung zusammen mit einer Bio Resonanz-Therapie führten innert weniger Monate zu einer Besserung. Zwar bezeichnete ein Arzt die Behandlung als 'Zauberzeug', aber unserem Sohn hat es geholfen.» Dass die Besserung im Alter von drei bis vier Jahren eintrat, deckt sich auch mit den Erfahrungen der Schulmedizin, denn das Immunsystem des kindlichen Darms kann nachreifen. Inzwischen ist Severin sechs Jahre alt, hat ein leichtes Asthma und ist «nur noch» gegen Fisch allergisch.
So individuell ein Besserungsprozess ist, so individuell zeigt sich auch das Krankheitsbild. Anzeichen einer Allergie oder einer Unverträglichkeit (siehe Kasten) können Schwellungen von Lippen, Zunge, Wangen- oder Rachenschleimhaut sein, ein pelziges Gefühl im Mund, rote, juckende Hautausschläge, Ekzeme, wässriger Schnupfen, Atembeschwerden, Ohreninfektionen, tränende Augen, Durchfall, Erbrechen, Übelkeit oder gar ein allergischer Schock nach der Einnahme eines bestimmten Nahrungsmittels.
Kinder und Erwachsene gehören bei Anzeichen von Allergien zum Arzt oder zur Ärztin. «Sobald störende, ungewohnte Beschwerden auftreten, ist ein Arztbesuch sinnvoll. Es gibt bestimmte Substanzen, gegen die man stark reagiert und die auch lebensgefährlich sein können. Deshalb ist es wichtig zu wissen, worauf man allergisch ist», rät die Allergologin Dr. Christiane Pichler, «es gibt Hauttests, die schnell eine Aussage erlauben, wogegen der Körper Immunglobulin E-Antikörper gebildet hat oder wogegen eben nicht. Ausserdem gibt es Bluttests, die ebenfalls diese IgE-Antikörper nachweisen. Die Interpretation dieser Daten sollte dann ein Allergologe vornehmen, da ein positiver Hauttest nicht gleichbedeutend ist mit einer Allergie».
«Zum ersten Mal tauchten die Flecken bei der letzten Schwangerschaft auf. Natürlich waren die roten Flecken und die Ausschläge unangenehm, aber nicht sehr schmerzhaft. Am meisten hat mich dabei gestört, dass ich nicht wusste, warum sie immer wieder kamen», schildert Irene Vanzella den Beginn ihrer Allergie. «Es war dann beim Guetslibacken für Weihnachten, als ich das erste Mal das Gefühl hatte, dass meine Ausschläge etwas mit Nüssen zu tun haben könnten. Ich liess mich dann testen, dabei stellte sich heraus, dass ich tatsächlich allergisch auf Nüsse reagiere».
Für Irene Vanzella war das Problem mit der Diagnose wie bei allen Allergikern nicht beseitigt, aber doch erträglicher. «Seit ich weiss, dass es an den Nüssen liegt, kann ich mit der Allergie leben». Sie versucht Nüsse zu vermeiden kein leichtes Unterfangen, denn in vielen Nahrungsmitteln sind Nüsse drin. Mit ihrer Nussallergie ist Irene Vanzella nicht alleine, sie sind einer der Hauptauslöser von Nahrungsmittelallergien. Nicht ganz typisch ist ihr Fall insofern, als die Nahrungsmittel-Allergie erst in reiferen Jahren akut wurde. Häufig nehmen Allergien in fortgeschrittenem Alter eher ab. Allerdings kann eine Allergie von heute auf morgen und in jedem Alter ausbrechen.
Ist die Diagnose gestellt, sucht man nach Heilung oder nach Therapiemöglichkeiten. Die beste Therapie ist das Meiden der Auslöser, denn wird ein Nahrungsmittel für zwei, drei Jahre konsequent aus dem Menüplan gestrichen, besteht wenigstens bei Kindern eine grosse Chance, dass die Allergien verschwinden. Bei Erwachsenen kann auf diese Weise etwa ein Drittel der Betroffenen die Allergie loswerden.
Doch das Meiden bestimmter Nahrungsmittel, die fast überall und oft auch versteckt vorkommen, wie beispielsweise Milch, Eier, Soja, Nüsse oder Weizen, ist sehr schwierig. Interessengruppen von Betroffenen setzen sich deshalb vehement für eine Deklaration aller Zutaten eines Nahrungsmittels ein. Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Hypo-Sensibilisierung, dabei wird der Organismus langsam an den allergieauslösenden Stoff, das Allergen, gewöhnt. Dies hat sich vor allem bei Milchallergien bewährt. Zwar keine Heilung, aber zumindest Hilfe bei einem schweren Allergie-Anfall bietet ein vom Arzt verschriebenes Notfall-Set mit Antihistamin und Cortison.
Eine eigentliche Prävention gibt es nicht, aber Stillen während mindestens sechs Monaten senkt das Allergierisiko bei Kindern nachweislich. Besteht eine familiäre Veranlagung, empfiehlt es sich, dem Kind mögliche allergene Lebensmittel wie Fisch, Kuhmilch oder Eier erst nach dem ersten Lebensjahr zu geben. Zudem sollte jeweils nur ein neues Lebensmittel aufs Mal eingeführt werden. Bei Verdacht auf eine Lebensmittelallergie empfiehlt es sich, ein Esstagebuch zu führen.

Was ist eine Allergie?
Bei einer Allergie stuft das Abwehrsystem an und für sich harmlose Stoffe als
gefährlich ein und bildet nach dem Eindringen der allergenen Substanz grosse Mengen von Abwehrzellen, die sogenannten Antikörper vom Typ Immunglobulin E, kurz IgE. Diese Antikörper binden sich zuerst an sogenannte Mastzellen. Von den Mastzellen aus wollen die Antikörper nun die Allergene einfangen und zerstören Doch stattdessen bringen die Allergene die Mastzellen zum Platzen. Mastzellen enthalten kleine Bläschen, die mit verschiedenen Substanzen «gemästet» sind, unter anderem mit dem Entzündungsstoff Histamin, welcher die allergischen Symptome hervorruft. Von einer Kreuzallergie spricht man, wenn eine bestehende allergische Reaktion, z. B. auf Birkenpollen, auch allergische Reaktionen gegen Äpfel hervorruft; in den Pollen und den Äpfeln sind dieselben Bausteine enthalten. 

Oft wird von Allergie gesprochen, wenn es sich um eine Nahrungsmittelunverträglichkeit handelt. Diese führt wohl zu ähnlichen Symptomen, aber sie löst keine Immunreaktion aus. Bei Erdbeeren oder Tomaten beispielsweise wird das Histamin direkt freigesetzt. Es gibt aber auch Lebensmittel, die Histamin enthalten wie zum Beispiel Käse, Wein, Fischkonserven, Sauerkraut, Glutamat. Nahrungsmittelunverträglichkeiten können auch aus einem Enzymmangel entstehen, wie z.B. bei der Milchallergie. 

 
Interview mit Dr. Christiane Pichler, Allergologin am Inser-Spital in Bern.   
 
Haben Allergien in den letzten Jahren zugenommen?
Dr. Pichler: Allergien haben effektiv in den letzten Jahren zugenommen, es ist nicht so, dass wir sie jetzt besser diagnostizieren können. Pollenallergien beispielsweise stiegen seit 1926 von einem Prozent auf jetzt rund 15 Prozent.

Gibt es genaue Zahlen oder seriöse Schätzungen, wieviel Prozent der Bevölkerung in der Schweiz unter Allergien leiden? Unter welchen?
Die letzte Studie in der Schweiz (1998) ergab, dass 30% der Schweizer Bevölkerung einen positiven Hauttest haben, ungefähr die Hälfte davon reagiert allergisch, hat also Beschwerden. Bei Kindern liegt der Anteil ein wenig höher. Die Zahlen sehen für Europa und die USA ungefähr gleich aus. Die häufigste Allergie ist die Gräser-/Roggenpollenallergie, gefolgt von einer ganzjährigen Allergie, der Hausstaubmilbenallergie. Platz drei belegt die Allergie gegen die Birkenpollen. 

Wie hoch ist der Anteil an Nahrungsmittel-Allergien?
Ganz schwere Allergieformen sind selten, sie liegen bei ungefähr einem Prozent. Aber 7 Prozent der Schweizer und Schweizerinnen haben im Zusammenhang mit ihrer Pollenallergie eine Nahrungsmittelallergie, eine sogenannte Kreuzallergie. Die Natur verwendet gemeinsame Bausteine, vergleichbar mit dem Legosystem. Wenn ich durch Einatmen von Birkenpollen auf einen bestimmten Baustein reagiere, gibt es auch eine Unverträglichkeit beim Essen von Nahrungsmitteln, die diesen Baustein enthalten. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist die Ursache für eine Nahrungsmittel-Allergie am häufigsten die Kreuzreaktion auf Inhalationsallergien. Der Anteil bei Kindern, die an Allergien leiden, liegt etwas höher, bei ungefähr 10 Prozent. Bei Kleinkindern ist wahrscheinlich die Unreife des Magen-Darmsystems die Ursache für Allergien. 

Gibt es bestimmte Faktoren wie Umwelt, Lebensmittelzusatzstoffe, Gen-Food oder Stress, die Nahrungsmittel-Allergien auslösen?
Über die Ursachen von Allergien wird geforscht. Fest steht, dass die erbliche Veranlagung eine Rolle spielt. Nachgewiesen ist ferner, dass der westliche Lebensstil, zum Beispiel die Architektur, das Wohnen, die Tierhaltung oder das Rauchen für viele Allergien mitverantwortlich sind. Umweltprobleme sind nach heutigem Wissensstand nur indirekt Auslöser, man weiss, dass Dieselabgase die Pollen in der Luft «agressiver» machen, ansonsten bewirkt Luftverschmutzung nicht mehr Allergien. Additiva in Nahrungsmitteln, also die Stoffe, die mit E-Nummern deklariert werden, können sehr selten eine Unverträglichkeit hervorrufen, jedoch keine Allergien. E bedeutet essbar, das heisst, die Zusätze sind gut verträglich. Bisher sind keine Fälle von Allergien bekannt, die durch genveränderte Lebensmittel ausgelöst wurden. Stress oder andere psychische Faktoren wirken nicht allergieauslösend, höchstens verstärkend.

Wieso lösen ausgerechnet Eiweisse sehr oft Allergien aus? Kann man sie ersetzen?
Eiweisse pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sind tatsächlich häufig allergieauslösend. Kinder brauchen aber für ihre Entwicklung und ihr Wachstum Proteine. Man sollte daher bei Kindern nie ohne ärztliche Abklärung und Diätberatung diese oder eine andere wichtige Nahrungsmittelgruppe über eine längere Zeit vom Menüplan streichen. Das Weglassen von Milch und Milchprodukten beispielsweise führt über eine Mangelernährung zu Entwicklungsstörungen.


Die häufigsten Allergieauslöser
 
Bei Kindern

  • Kuhmilch
  • Hühnereier
  • Weizen
  • Erdnüsse
  • Soja
  • Fisch

Bei Erwachsenen

  • Kuhmilch
  • Äpfel, Baumnüsse
  • Sellerie, Rüebli
  • Erdnüsse
  • Schalentiere
  • Fisch

Die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie hängt unter anderem auch von den Essgewohnheiten ab: So kommen beispielsweise in Nordamerika häufiger Erdnussallergien vor, in Mittelmeerländern oder Skandinavien finden sich wiederum mehr Fischallergien, in Japan mehr Soja- und Reisallergien. Was oft und viel zu sich genommen wird, kann eher eine Allergie hervorrufen als ein selten konsumiertes Nahrungsmittel.

Häufige Kreuzreaktionen finden sich bei:
Birken-, Erlen- und Haselpollen/Nüsse, Äpfel, Kirschen, Pfirsiche, Aprikosen, Beifusspollen/Sellerie, Karotten, Fenchel, Anis, Dill, Paprika, Koriander, Gräserpollen/Tomaten, Melonen, Erdnüsse, Hausstaubmilben/Meeresfrüchte, Schnecken, Latex/Avocados, Bananen, Kiwis, Papayas, Feigen, Spinat, Kartoffeln, Tomaten.


Nützliche Adresse
Aha, Schweizerisches Zentrum für Allergie, Haut und Asthma
ahaswiss.ch

erstellt von Trudi Infanger