Ganz Ohr!? (Musik Horchpädagogik)

Zahlreiche Lernschwierigkeiten bei Kindern und Erwachsenen werden dadurch verursacht, dass das Ohr nicht optimal hört. Doch durch gezielte Horch und Sprachschulung kann die Funktion des Gehörs verbessert werden.

«Es ist das Ohr, das die Dunkelheit durchdringt, nicht das Auge», sagen die Massai in Ostafrika. Dieser Satz ist doppeldeutig: Nicht nur, wenn es dunkel ist, sondern auch dann, wenn wir im Dunkeln tappen, nehmen wir über das Ohr oft mehr Informationen auf als über den Sehsinn. Schliessen Sie doch für einen Moment die Augen. Tauchen Sie ab in die Geräuschwelt. Was hören Sie? Das Zwitschern der Vögel? Den Lärm der nahen Strasse? Ihre spielenden Kinder? Das Rauschen Ihrer eigenen Ohren? Ist es nicht spannend, einmal ganz bewusst zu horchen? Horchen ist nämlich, im Gegensatz zum Hören, ein willentlicher Akt, der psychologischen Gesetzen folgt. Hören geschieht unbewusst, rein physiologisch, Horchen dagegen tun wir aktiv.
Was aber, wenn Töne nicht richtig wahrgenommen werden? Wenn Kinder zwar hören, aber nicht verstehen? Oder gar ganz auf Durchzug schalten - also gar nicht richtig hinhören können oder wollen?

Wissen beginnt mit Zuhören
Kommunikation besteht zu 50 Prozent aus Zuhören. Die Kunst des Zuhörens kann Kindern jedoch nicht mit ein paar Tricks vermittelt werden. Das Vorbild der Erziehungspersonen wäre wichtig. Allerdings hören immer mehr Menschen schlecht zu - auch Lehrpersonen oder Eltern. Oft wird unterschätzt, wie schwierig es ist, Sprache aus anderen Geräuschen herauszu filtern. Ständig herrscht ein mehr oder minder störender Lärmpegel: In der Schule, im Kindergarten, am Arbeitsplatz und sogar zu Hause. Alle reden gleichzeitig. Dazu läuft das Radio, der Fernseher, die Stereoanlage, die Waschmaschine, der Mixer. Draussen lärmen Autos, Züge, Flugzeuge, Rasenmäher und die Betonmischer auf den Baustellen! Wir alle werden heute von Lärm und anderen Stress erzeugenden Reizen regelrecht überschwemmt. Kein Wunder, sind wir vielfach unkonzentriert.
Bewusste Stille erleben wir viel zu selten. Manche Menschen fürchten sich sogar davor und lassen den Fernseher dauernd laufen, um sich nicht allein zu fühlen. Stille ist aber nicht das Gegenteil von Klang, sondern Ausgangspunkt für konzentriertes Hören. Alle Übungen und musischen Tätigkeiten rund um Stille und Klang, einschliesslich Musik und Gesang, lehren uns, gezielter hinzuhören. Diese Zeit ist gut investiert, ganz besonders bei Kindern. Denn horchbereite Kinder sind motivierter, konzentrierter und lernen schneller. Die Bedeutung und Wichtigkeit von Singen und Musizieren kann gar nicht stark genug betont werden.

Lärm hindert die Sprachentwicklung
Das passive Hören wird in der Fachsprache als akustische Wahrnehmung, das aktive Zuhören als auditorische Wahrnehmung bezeichnet. Die akustische Wahrnehmung bildet die Grundlage, aber erst mit Hilfe der komplexen auditorischen Wahrnehmung können Kinder Sprache erwerben.
Das Sprachsystem kann man sich vorstellen wie eine Poststelle: Ankommende Informationen müssen schnell geordnet und sortiert werden, damit sie gelesen und verarbeitet werden können. Und umgekehrt müssen die eigenen Informationen richtig verpackt und adressiert werden, damit sie auch ankommen. Damit das später reibungslos funktioniert - zum Beispiel auch im Lärm eines Kindergartens oder der Schule - wird innerhalb der ersten drei bis fünf Jahre das gesamte Regel und Ordnungssystem aufgestellt. Wenn diese Zeit verpasst wird, gelingt das nicht mehr vollständig. Leider fällt Eltern manchmal erst beim Einschulungstest auf, dass das Kind deutliche Probleme mit dem Sprachverstehen oder Sprechen hat.
Das kann weitreichende Konsequenzen haben: Denn alles, was gelernt werden muss, wird zu mindestens 70 Prozent durch Sprache vermittelt. Wenn Kinder Sprachprobleme haben, werden deshalb in fast allen Fächern Probleme in der Schule entstehen. Zuhören und Sprechen bereits im Kleinkindalter zu fördern, hilft deshalb grundsätzlich dabei, Wissen zu erwerben.

Training fürs Ohr
Wenn ein Kind beim Lesen und Schreiben Mühe hat, schickt man es zur Legasthenie-Therapie. Wenn es schlecht hört, ist es ein Fall für den Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten. Lispelt oder stottert es, übt es bei der Logopädin. Dass diese und andere Schwächen ihren Grund in einer mangelnden Fähigkeit zum Horchen haben können, hat der französische Hals, Nasen und Ohrenarzt Alfred A. Tomatis (1920 bis 2001) entdeckt. Während Jahrzehnten erforschte er die Wechselwirkung von Gehör, Psyche, Stimme und Sprache. 1947 machte er die bahnbrechende Entdeckung, dass die Stimme nur jene Frequenzen enthält, die das Ohr hört. Als Erster erkannte er, dass das Ohr nicht nur ein Tor zu Aussenwelt ist, sondern auch der Schlüssel zu jenen tiefen Schichten unserer Seele, die schon im Mutterleib entstehen. Er wies nach, dass der Fötus im Mutterleib schon mit vier Monaten hört. So können Störungen während der Schwangerschaft am ungeborenen Kind bereits die Basis für psychisch bedingte Krankheiten und seelische Verkrampfungen legen. Aufgrund dieser Erkenntnisse entwickelte Professor Tomatis die HorchPädagogik, auch AudioPsychoPhonologie (A.P.P.) genannt, nach der heute weltweit über 150 Institute arbeiten. Um die Horchfunktion verbessern zu können, erfand Tomatis das sogenannte «elektronische Ohr».

Dieser technisch ausgefeilte Apparat wird zwischen Tonband und Kopfhörer geschaltet und bewirkt, dass beim Hören von Tönen die Muskeln des Mittelohres gespannt und entspannt, also richtiggehend trainiert werden. Während dieses Trainingsprogramms lauschen die Patienten über spezielle Kopfhörer einem spezifisch für sie zusammengestellten Horchprogramm, das aus MozartMusik, gregorianischen Gesängen und - wo möglich - der Mutterstimme besteht. Diese Mischung wird je nach individuellem Problem so gefiltert, dass bestimmte Frequenzbereiche hervorgehoben werden und das Ohr neu zu hören beginnt. Vor allem hohe Frequenzen haben eine dynamische Wirkung aufs Gehirn; für ihre Wahrnehmung befinden sich im Innenohr viel mehr Sinneszellen als für tiefe Frequenzen. Deshalb werden dem Ohr bei dieser Horchkur vor allem hohe Frequenzen serviert - eine Tonmischung, die sich zum Teil recht schrill anhört. Das kann einen zwar zu Beginn der Kur etwas seltsam anmuten, doch erholt sich dabei nicht nur das Ohr, sondern auch das Gehirn und das ganze vegetative Nervensystem. Die Wirkungen auf Körper und Psyche stellen sich schnell ein. Die Erfolge sind erstaunlich, vor allem bei Lernproblemen (z.B. Legasthenie), Sprachstörungen, Balanceproblemen, Depressionen und Ängsten, psychosomatischen Krankheiten, Schlafstörungen, Verspannungen, Migräne und Autismus. Einzige Nebenwirkung: Die Behandlung kann ans eigene Portemonnaie gehen, da nicht alle Krankenkassen einen Beitrag aus der Zusatzversicherung für Alternativmedizin leisten. 

Therapie gelingt im Schlaf
Zu den dankbarsten Kunden der TomatisInstitute gehören Eltern von Kindern, die sich nur schwer konzentrieren können, die schnell ermüden, nervös oder ablenkbar sind, die eine schlaffe oder verkrampfte Haltung haben, deren Frustrationstoleranz niedrig ist sowie Kinder mit Lese und Rechtschreibeschwächen. Wie beispielsweise Marco (12): Bei ihm wurde in der 2. Klasse eine Legasthenie diagnostiziert. Er mochte weder lesen noch schreiben. «Grammatik ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln», seufzt seine Mutter. «Daran änderte auch jahrelange Therapie wenig.» Klar, dass durch die dauernden Misserfolge Marcos Selbstbewusstsein angeschlagen war. Die Schule bot kaum Unterstützung. Erst als Mutter und Sohn die Horchkur entdeckten, veränderte sich vieles zum Positiven. «Erst nervte mich diese Tonmischung ziemlich», erzählt Marco. «Ich höre lieber HipHopMusik. Mozart mag ich nicht besonders. Erst recht nicht, wenn er so seltsam klingt. Und noch schlimmer waren die gregorianischen Choräle. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Einmal bin ich sogar unter meinem Kopfhörer eingeschlafen.» Dies ist durchaus im Sinne des Erfinders: Die Therapie gelingt auch im Schlaf. Und tatsächlich, bereits nach der ersten Phase konnte Marco konzentrierter arbeiten und begann, Bücher zu lesen. Nach der zweiten Phase verbesserte sich sogar sein Französisch. Die Mutter, durch Marcos Kur selbst ruhiger geworden, erzählt: «Marco ist ausgeglichener, zufriedener. Dadurch ist die familiäre Situation entspannter. Die ganze Familie hat neue Lebensqualität gewonnen.»

Vorbeugen, statt nicht mehr heilen können…
Wer den Wert seines Gehörs kennt, wird es sorgfältig behandeln und schützen. Denn Menschen, die einmal einen Gehörschaden erlitten, leiden für immer. Nicht nur der Hörgenuss schwindet: Durch die verminderte Hörfähigkeit fällt die Kommunikation schwer oder wird am Ende gar verunmöglicht. Warnsignale aus unserer täglichen Umwelt verstummen ebenso wie das morgendliche Vogelgezwitscher. Die Welt wird taub und leer, höchstens ein Tinnitus (Pfeifen und Rauschen) sorgt für eine dauernde Lärmkulisse. Leider können Hörschäden am Innenohr nicht behoben werden. Im Gegensatz zur Heilung sind Vorbeugemassnahmen jedoch erhältlich und erschwinglich. 

erstellt von Christina Bösiger