Erste Hilfe zu Hause

Elternbildungskurse zum Thema Bagatellerkrankungen bei Kindern findet die Pflegefachfrau Verena Th. Gerber sehr sinnvoll. Sie weiss aus Erfahrung, dass viele Eltern unsicher sind und Angst haben, etwas falsch zu machen oder zu verpassen. In Kursen können sie ihr Wissen vertiefen.

Verena Th. Gerber (Bild: zvg)

Frau Gerber, warum haben Eltern, insbesondere bei kleinen Kindern, Angst vor Selbstmedikation?
Verena Th. Gerber: Viele Eltern sind unsicher und haben Angst, etwas falsch zu machen oder zu verpassen. Das ist verständlich, denn leider werden sie auf diesen Teil des Elternseins nicht oder nur schlecht vorbereitet. Erfahrene Vertrauenspersonen wie Grossmütter oder Tanten sind oft schlecht erreichbar oder fehlen gänzlich. Anders gesagt, es besteht ein grosser Handlungsbedarf, Eltern die Möglichkeit zu bieten, ihre Erfahrungen auszutauschen und ihr Wissen zu erweitern. Sei es, indem sie sich von Fachpersonen wie Drogisten und Drogistinnen beraten lassen, oder Kurse wie jene vom SDV besuchen können.  

Kleine Kinder können oft nicht klar ausdrücken, was ihnen fehlt. Ist es da für Laien nicht schwierig, richtig zu handeln?
Ein wichtiger Punkt bei der Selbstmedikation ist, dass die Eltern über eine gute Beobachtungsgabe und über Grundkenntnisse der Ersten Hilfe verfügen. Sie sollen auch die Grenzen der eigenen Behandlungsmöglichkeiten erkennen. Die Anregung der Selbstheilungskräfte durch sanfte Medizin wie Homöopathika, Wickel und andere natürliche Heilmittel ist jedoch meistens als Erste Hilfe empfehlenswert.  

Dabei müssen Eltern jedoch die wichtigsten und häufigsten Symptome kennen.
Unbedingt. Aber sie sollten diese auch angemessen beurteilen können und wissen, wie sie bei welchen Beschwerden reagieren sollten. Wenn zum Beispiel ein Kind bei Fieber einen heissen Körper hat, jedoch kalte Arme und Hände sowie Beine und Füsse, dann gehört das Kind sofort in ärztliche Behandlung. Fühlt sich der ganze Körper warm an und das Kind verhält sich wie gewohnt, kann mit einem Wickel oder mit Essigsöcklein das Fieber gesenkt werden.

Ruhig Blut bewahren und schnell entscheiden gilt besonders bei Unfällen. Warum verlieren viele Eltern die Nerven, wenn Blut fliesst?
Eine blutende Wunde sieht schnell einmal schlimm aus, auch wenn es nur eine leichte Verletzung ist. Unsicherheit über die Schwere der Verletzung und manchmal auch Erinnerungen an eigene Verletzungen oder Nachrichtenbilder sind andere Gründe. Viele Eltern möchten ihrem Kind auch alle Schmerzen ersparen. Doch zur Entwicklung eines Kindes gehört es auch, durch Schmerzerfahrungen die Grenzen des Körpers kennenzulernen. 

Was empfehlen Sie in solchen Situationen?

Mein Papa sagte dann immer: "Solange das Kind schreit, lebts noch." Doch Spass beiseite. In solchen Situationen heisst es tief durchatmen, handeln und gegebenenfalls Hilfe anfordern. Und - Kinder dürfen auch mal schreien, um die Anspannung loszulassen. Nur sollten sich Eltern nicht anstecken lassen. Wird das Kind allerdings apathisch, müssen sie schnell reagieren. 

Weshalb bluten Wunden so stark?

Der Körper kann so die Wunde selbst reinigen und Schmutz aus dem verletzten Gewebe schwemmen. Wegen des roten Farbstoffes sieht es schnell nach viel aus, meist hört eine Wunde aber nach zwei bis drei Minuten auf zu bluten.

Ist Nähen auch bei kleinen Wunden angebracht?
Nicht unbedingt, oft reicht ein Wundenverschlussstreifen. Legt man diesen richtig an, können die sauberen Wundränder zusammengefügt werden, ohne dass genäht werden muss. Wir zeigen zum Beispiel in den Kursen des SDV, wie man Wundenverschlussstreifen richtig anlegt. Sind Verletzungen jedoch tiefer als zwei Millimeter oder im Gesicht, sollte der Arzt die Versorgung übernehmen. Denn hier ist nicht nur Sicherheit wichtig, sondern auch die Ästhetik.  

Geben die Kurse des SDV also mehr Sicherheit beim Handeln?

Ja, das Ziel der Abendkurse ist, dass Eltern und Betreuende von Kindern ihre Möglichkeiten, aber auch Grenzen erkennen. Sie sollen anhand von praktischen Beispielen aus dem Alltag Anhaltspunkte erhalten, worauf bei der Behandlung zu achten ist. Sie wissen danach, wann sie einen Arzt aufsuchen sollten oder ihnen der Rat des Drogisten weiterhilft. Denn die Stärke der Drogerie ist einerseits ihr breites Angebot an Heilmitteln, andererseits garantiert die fundierte Aus- und Weiterbildung der Drogisten und Drogistinnen eine effiziente Beratung bei Verletzungen und Erkrankungen. 

Immer mehr Leute gehen bei Bagatellunfällen oder leichten Erkrankungen direkt ins Spital. Kann der Kurs auch helfen, die Notfallstationen zu entlasten?
Wenn es um die Gesundheit des Kindes geht, sind Eltern oft ängstlich. Dann ist es wichtig, dass sie handeln, denn nicht zu handeln, kann gefährlich sein. Hier möchten wir Entscheidungshilfen geben. Bei Unsicherheiten sollte jedoch Rat eingeholt werden, was tagsüber nicht zwingend bei der Notfallstation sein muss. Der Drogist, der Hausarzt oder der Naturarzt kennt die Kinder oft über Jahre und kann die Eltern zum Beispiel auf ungewöhnliche Symptome aufmerksam machen und so mithelfen bei der Entscheidung, ob es sich um einen akuten Notfall handelt.  

Wo liegen die Schwerpunkte der Kurse?
Eltern und Betreuende von Kindern sollen einen Einblick in die Beurteilung und Behandlungsarten von leichten Erkrankungen, Verletzungen und deren Behandlung erhalten. Bei den Kursinhalten ist uns der Bezug zum Alltag wichtig. Wir geben Tipps und zeigen Tricks, die helfen, in Zukunft schnell und sicher zu handeln. Zudem geben wir allen Kursbesuchern eine Broschüre zum Thema ab.

Verena Th. Gerber absolvierte nach ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau eine Weiterbildung zur Naturärztin und diplomierten Drogistin HF. Die 35-Jährige arbeitet bei Alpmed Naturprodukte und Gesundheitspraxis in Zweisimmen. Verena Th. Gerber hat die Kursinhalte (siehe links Abendkurse im April und Mai 2011) zusammen mit dem Schweizerischen Drogistenverband zusammengestellt.

Die Texte zum Thema Bagatellerkrankungen und Verletzungen bei Kindern wurden freundlicherweise vom Schweizerischen Drogistenverband (SDV) zur Verfügung gestellt.

erstellt von Interview und Foto: SDV