Burn-Out-Boy - Ein Kind im Online-Stress

Unser Kolumnist Gerhard Spitzer denkt diesmal über die exzessive Nutzung von Smartphone & Co nach.

FamilienSPICK 15/2017

Sabrina, Mutter des elfjährigen Philipp aus Zürich, ist mit ihrem Sohn augenscheinlich unzufrieden: «Mein Bub ist irgendwie ständig aufgedreht! Kaum auszuhalten. Er kann sich auch auf nichts so richtig konzentrieren! Keiner Tätigkeit widmet er sich länger als ein paar Minuten … Hat mein Liebling vielleicht ADHS oder so?»

Beschleunigung, die Erste

Daheim bei Philipp scheint ganz allgemein grosse Hektik zu herrschen. So weit, so stressig. Nach aufmerksamer Beobachtung fällt mir aber ein scheinbar zentrales Element in Philipps Welt besonders ins Auge: Der Bub besitzt ein eigenes Smartphone! Seit seinem sechsten Lebensjahr übrigens! «Das ist doch nichts Ungewöhnliches», insistiert Sabrina. «Doch!», finde ich, «ist es!» Denn diese alberne Kamera mit Handy-Funktion ist bei dem kleinen Wirbel-wind offensichtlich im Dauereinsatz. Ganz abgesehen von den unaufhörlichen Wisch-und-Weg-Bewegungen am «Tatsch-Skrien» und dauergeöffneten «Mir-ist-ja-so-fad-im-Kopf-Games» sind da noch seine zahlreichen Online-«Freunde», die Philipp wie einen gestressten Manager während eines Gutteils seiner Tagesfreizeit fernschriftlich oder mündlich ans Smartphone fesseln. «Was machst du gerade?» – «Ach! Ich häng hier so rum!»

Beschleunigung, die Zweite

Aber da hats noch einen weiteren Beschleunigungsfaktor: Sabrina und ihr offenbar liebstes Hobby, Kontrollanrufe! Wann immer die beiden räumlich voneinander getrennt sind, scheint ihr ein winziger und deshalb für andere unhörbarer Natel-Sender in ihrem Kopf zu befehlen: «Ruf deinen Buben an! Frag nach, ob es ihm gut geht! Erteile ihm rasch ein paar Aufträge!» Quasi ein Dauer-Stalk im Denksystem.
Der nette Synapsen-Stalker hat jedoch augenscheinlich Erfolg, denn Sabrina zieht ihre Kontrollanrufe in regelmässigen Abständen von zwei Stunden durch: «Hallo, mein Spatz, was machst du denn gerade …?»; «Hast du auch brav gegessen?»; «Denk an deine Schularbeiten!» Ein kleiner Junge auf dem allerbesten Weg zum grossen Burn-out, vielleicht auch in Richtung Frühpension. Ja, ich weiss! Ich überzeichne! Aber daran werden Sie, liebe FamilienSPICK-Freunde, sich ein wenig gewöhnen dürfen.

Entschleunigung für Philipp

Auch Sabrina soll sich an mich gewöhnen und bekommt deswegen ein paar kleine Anstupser wie diesen hier: «Meinen Sie wirklich, dass es hilfreich ist, wenn Sie Ihr Kind ständig online – frei übersetzt: ‹an der Leine› – haben?» Klar habe ich für die junge Mutter wie auch für Sie alle noch ein paar weitere Tipps zur Entschleu-nigung:

Top-Tipps

  • Statten Sie Ihr Kind so spät als möglich mit einem eigenen Smartphone aus. Diese Geräte sind übrigens Hochleistungs-Computer, keine Spielzeuge!
  • Entspannen Sie sich, wenn Sie «getrennt» voneinander sind. Ständiges «sich Sorgen machen» bringt kaum Entspannung in die Beziehung.
  • Denken Sie daran, dass nicht nur Kinder instinktiv eine Abwehrhaltung einnehmen, wenn sie das Gefühl haben, ständig «kontrolliert» zu werden.
  • Üben Sie mit Ihrem Kind eine vernünftige Nutzung von Smartphone & Co. Idealfall: Das Natel schweigt die meiste Zeit über und wird bloss zum «Helfer» in letzter Not.
  • Wenn es Sie schon heftig stört, dass Ihr Kind zu oft sein Smartphone in der Hand hält, achten Sie doch bitte einige Zeit genau darauf, wie oft Sie selbst es tun.
  • Schaffen Sie ein Umfeld für gegenseitiges Vertrauen, nicht für die Notwendigkeit gegenseitiger Kontrolle.