Musik von Anfang an (Musikerziehung)

Ein Leben ohne jegliche Musik ist für die meisten Menschen undenkbar. Denn Musik berührt und bereichert uns – und zwar schon von Kindesbeinen an.

Singen und Musizieren machen Spass in jedem Alter! Beim Musik machen können Kinder ihre Gefühle ausdrücken.

Das Ohr ist das Tor zur Musik und das erste richtig ausgebildete Organ beim menschlichen Fötus. Wissenschaftler haben beweisen können, dass Säuglinge Rhythmen, Melodien, ja ganze Musikstücke erkennen, die sie vor ihrer Geburt im Mutterleib gehört haben. Und viele Mütter haben schon selbst die Erfahrung gemacht, dass ihr Ungeborenes auf bestimmte Musik reagiert. Das Singen, Summen oder Zureden der werdenden Mutter führt beim Ungeborenen zu einem guten Gefühl. Aufgrund dieses Wissens werden heute in den Intensivstationen für Frühgeborene wohltuende Klänge, Geräusche und Stimmen eingesetzt, um die bestmögliche Entwicklung dieser Kinder zu unterstützen. Forscher sind noch damit beschäftigt, ein musikalisches Gen beim Menschen auszumachen, aber alle Experten sind sich schon heute darüber einig, dass Musikalität zur Grundausstattung des Menschen gehört. Heisst das auch, dass alle Menschen von Geburt an eigentlich musikalisch sind? Ja, meint Günther Bastian, Professor für Musikpädagogik an der GoetheUniversität in Frankfurt. In allen Kulturen dieser Welt wird gesungen und getanzt und bei allen Völkern gibt es Wiegen und Kinderlieder. Musik ist also ein universelles Kulturgut.
Kleine Kinder singen in der Regel sehr gern. Gedankenverloren oder völlig in
ihr Spiel versunken, lallen schon Babys einfache, repetitive Melodien vor sich hin.
Im Verlauf der Jahre verlieren aber viele Menschen ihre ursprüngliche Beziehung zur Musik. Das liegt einerseits daran, dass auch die Musikalität, wie jede andere Begabung, geschult und gepflegt werden will und andererseits, dass manche Menschen leider schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wer als Kind vor der ganzen Klasse singen musste und danach hämische Bemerkungen zu seiner Stimme zu hören bekam, der wird nicht so schnell wieder Lust verspüren, vor Publikum zu singen. Die ersten Erfahrungen, die ein Kind mit Musik macht, egal ob Verzückung bei einem Konzert oder grosse Scham bei einem unfreiwilligen Auftritt, sind prägend. Wohl deshalb sind viele Eltern heute daran interessiert, dass ihre Kinder möglichst früh positive Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln und fördern die angeborene Musikalität ihrer Kinder mit den verschiedensten Kursen, die es in diese Richtung gibt.

Musik als Heilmittel
Obwohl es heute eine noch nie dagewesene Vielzahl von Angeboten gibt, ist die Bedeutung von Musik in der Kindererziehung aber kein neues Phänomen. Schon die alten Griechen legten grossen Wert auf die musikalischen Fertigkeiten ihrer Kinder und sahen sie als wichtigen Teil der gesamten Bildung eines freien Menschen. Und es war der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827), der die geistigen Grundlagen der neuen Musikpädagogik schuf, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit hineinreichen.
Die musikalische Früherziehung richtet sich in der Regel an Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahren und umfasst meistens Singen, eine erste Stimmbildung, Hörerziehung, Frühinstrumentalspiel und rhythmischmusikalische Bewegungserziehung. In kleinen Gruppen mit Gleichaltrigen, und oft in Begleitung eines Elternteils, werden die ersten ungezwungenen Erfahrungen mit Musik gemacht, die eine gute Vorbereitung auf den späteren Instrumentalunterricht sein können. Die eigentliche Musiktheorie mit Notenkunde, Formenlehre und den ersten musikalischen Grundbegriffen ist in diesem Alter zweitrangig und setzt meistens im Musikunterricht der Primarschule ein und mit dem Erlernen eines Instrumentes. Die Erwartungen der Eltern an die musikalische Früherziehung ihres Kindes variieren von Fall zu Fall. Während einige Eltern froh sind, wenn ihre Kinder einige Lieder zum Besten geben und einigermassen im Takt mitklatschen können, erwarten andere, dass dieser Unterricht die Begabungen ihres Kindes fördert, seine Intelligenz steigert, seine Kreativität unterstützt und dazu noch das soziale Verhalten in die richtigen Bahnen lenkt. Manche Experten, wie der Münchner Wissenschaftler Michael Schnabel, preisen die positive Auswirkung von Musik auf Kinder, die unter Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit (ADHS) oder ohne Hyperaktivität (ADS) leiden. Doch kann Musik wirklich all diese Erwartungen erfüllen?

Musik macht klug
Es gibt im Gehirn kein eigentliches MusikZentrum. Beim Musizieren werden vielmehr unterschiedliche Regionen des Gehirns aktiviert, sowohl in der linken wie in der rechten Gehirnhälfte. Ausserdem unterstützt Musik das Ausbilden von Neuronen und Synapsen, was förderlich für die Entwicklung des Kindes ist. Deshalb kann man ohne zu übertreiben behaupten, dass Musik Kinder wacher und geistig beweglicher macht. Aber Musik hat auch günstige Auswirkungen auf Erwachsene: Studien von Lutz Jäncke, Professor an der Universität Zürich, haben belegen können, dass Menschen, die bis ins höhere Alter musizieren, weniger Hirnmasse abbauen. Musik wirkt sich auch direkt auf den Spracherwerb von Kindern aus. Das scheinbar inhaltslose Lallen, Brabbeln und der Singsang von Babys ist eine Vorstufe der späteren Sprache. Kinder, die auf diesem Gebiet von ihren Eltern Anregungen erhalten, entwickeln sich in der Regel im sprachlichen Bereich schneller als andere. Musik soll auch die Konzentrations und Leistungsfähigkeit von Schulkindern positiv beeinflussen. Der Musikpädagoge Günther Bastian konnte im Jahr 2000 in einer Studie nachweisen, dass bei Kindern, die während einer Dauer von vier Jahren von einer erweiterten Musikerziehung profitieren, ein deutlicher Zuwachs beim Intelligenzquotienten zu verzeichnen ist. Das war bei Kindern, die zu Beginn einen schwachen IQ hatten, umso ausgeprägter. Auch eine Schweizer Studie, bei der ein Teil der Hauptfächerstunden durch Musikstunden ersetzt wurde, kam zum Ergebnis, dass die Leistungen der Kinder in den Hauptfächern nicht abfielen. Vor allem aber wurde festgestellt, dass der musikbetonte Unterricht zu mehr sozialer Kompetenz innerhalb der Klasse führte.
Musik ist viel mehr als nur ein Mittel, um die Intelligenz zu fördern, sie deckt auch seelische Bedürfnisse des Menschen ab. In erster Linie ist sie entstanden, um Gefühle auszudrücken und diese beim Zuhörer und bei der Zuhörerin zu wecken. Musik ist also nicht einfach mechanisches Erlernen von Theorie und von körperlichen Abläufen. Sie sollte im besten Fall auch die Seele des Menschen berühren. Bei der Entwicklung der kindlichen Musikalität ist deshalb darauf zu achten, dass Kinder nicht einfach auf die möglichst perfekte Wiedergabe von Melodien, Liedern oder Rhythmen gedrillt werden. Musik soll Freude machen, aber auch bewegen, Leid ausdrücken und Trost spenden. Das sollen Kinder von Anfang an spüren. Wer den emotionalen Wert von Musik von klein auf zu schätzen lernt, wird Musik auch als Erwachsener nicht missen wollen und in ihr eine Stütze finden. Der grosse französische Schriftsteller Victor Hugo erklärte es so: «Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.»

erstellt von Nadia Fernandez