Für einen Film braucht es ganz unterschiedliche Talente

Filmkids.ch ist ein Non-Profit-Verein, der sich zum Ziel setzt, Kindern und Jugendlichen alles rund ums Filmemachen näherzubringen. Der Verein Filmkids.ch gestaltet und organisiert seit 2007 Filmkurse und Lager für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 18 Jahren. Im Gespräch mit Gründerin Simone Häberling.

Simone Häberling, Sie gründeten den Verein vor zehn Jahren. Was gab damals den Ausschlag zu diesem Schritt?
Als ich das Kinder-Casting für den Kinofilm «Mein Name ist Eugen» gemacht habe, habe ich über 900 Kinder und Jugendliche, vor allem natürlich Buben, kennengelernt. Sie alle hatten Interesse an Film auf die eine oder andere Weise. Ich habe bis zum Kinostart, aber auch noch danach, wöchentlich E-Mails von Kindern und Jugendlichen bekommen, die Fragen rund ums Thema Filmemachen oder Filmschauspiel hatten. So entstand die Idee, eine Anlaufstelle zu gründen, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bietet, ihre Fragen beantwortet zu bekommen, aber auch direkt zu lernen, wie sie selber Filme machen oder Filmschauspiel lernen können. Denn für Jugendliche unter 18 Jahren gab es bisher keine solchen Aus- und Weiterbildungsangebote.

War von Beginn an eine entsprechende Nachfrage vorhanden?
Für das erste Sommerlager haben alle Cousinen meiner Mutter, die gerade Kinder im richtigen Alter hatten, in ihren Kreisen geworben, damit das Lager voll wird. Ab dann musste ich nie mehr Werbung machen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden den Weg zu uns von ganz alleine.

Das Thema «Film» dürfte Kinder und Jugendliche enorm ansprechen. Kommen sie teilweise mit ganz falschen Vorstellungen zu Ihnen?
Die meisten kommen zu uns, weil sie gerne einmal in einem Film mitspielen möchten. Die anderen Filmberufe wie Drehbuch, Regie, Kamera, Ton, Schnitt usw. kennen sie gar nicht. Wenn sie dann im Sommerlager im Team einen ersten Kurzfilm drehen, merken sie erst, was die anderen Aufgaben eigentlich beinhalten und was ihnen persönlich am meisten Spass macht.

An welche Typen bzw. Charaktere richten sich die Angebote Ihres Vereins in erster Linie?
Zu uns können alle an Film interessierten jungen Menschen kommen. Ebenso auch solche, die gerne mit einer Gruppe anderer motivierter Kinder und Jugendlicher etwas kreieren wollen. Es gibt so viele verschiedene Aufgaben bei einem Filmprojekt, dass für alle Typen etwas dabei ist.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Filmkurse einen hohen pädagogischen Mehrwert haben. Können Sie das genauer erläutern?
Film ist gerade unter Jugendlichen ein äusserst populäres Kulturgut. Visuelle Medien prägen und begleiten unseren Alltag. Audiovisuelle Kompetenz ist heutzutage von höchster Priorität für Kinder und Jugendliche. Im Umgang mit den filmischen Medien bleiben sie aber meist auf sich allein gestellt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Film kann die öffentliche Schule kaum leisten. Was wie in den Unterricht einfliesst, ist oft abhängig von den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern. Filmkids hilft mit, diese Lücke im Bildungswesen zu schliessen. Unter anderem in Zusammenarbeit mit Schule und Kultur Zürich bieten wir auch Kurse direkt an Schulen an.

Filmemachen fördert aber auch überfachliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Kommunikation. Denn um ein Filmprojekt umzusetzen, braucht es ganz unterschiedliche Talente, die sich alle für das gemeinsame Projekt einsetzen. Es muss gelernt werden, zu sagen, was man sich vorstellt, und zwar so, dass es die anderen verstehen. Beim Schauspiel lernt man sich selber zu präsentieren, was im weiteren Leben sehr nützlich sein kann. Man lernt auch den Umgang mit Stresssituationen und lernt, sich gegenseitig zu motivieren. Und die Erfahrung, dass eine eigene Geschichte auf der Leinwand zu sehen ist, macht stolz und fördert das Selbstbewusstsein.

Wie muss ich mir einen solchen Kurs vorstellen? Wird aktiv auf ein Endprodukt hingearbeitet?
Wir haben mittlerweile sehr viele verschiedene Kurse, sei es im Bereich Schauspiel oder zu einzelnen Aspekten wie Drehbuch, Kamera oder Schnitt. Als Einstieg empfehle ich aber immer das Sommerlager «Action!», denn da kann man alles ausprobieren. Und ja, natürlich gibt es immer ein Endprodukt. Im Sommerlager drehen wir immer mindestens drei Kurzfilme. Einige waren auch schon an Festivals zu sehen wie den Schweizer Jugendfilmtagen, dem Filmfestival Schaffhausen, am Thurgauer Movie Day oder am up-coming filmmakers in Luzern. Und wir haben auch schon Preise gewonnen.

Zum Zehn-Jahr-Jubiläum haben wir 2016 mit rund 70 Jugendlichen zwischen 10 und 22 Jahren einen eigenen langen Spielfilm realisiert. Der Film heisst «The Real Thing» und feierte 2017 am Neuchâtel International Fantastic Film Festival Weltpremiere. Er wird 2018 in ausgewählte Kinos kommen.

Wie realistisch ist es, dass eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer letztlich sogar für eine «richtige» Produktion engagiert wird?
Beim Schauspiel ist es am einfachsten, zu einer professionellen Produktion zu stossen, weil da immer wieder Kinder und Jugendliche gebraucht werden. Für diese «richtigen» Rollen gibt es Castings und da entscheidet dann nicht nur das Talent, sondern auch, welcher Typ für den Regisseur oder die Regisseurin zur Rolle passt. Wir haben schon einige Kinder und Jugendliche in unseren Kursen, die auch bei professionellen Filmproduktionen mitgespielt haben. Die Castings machen aber nur selten wir selber. Wir versuchen, Casting-Ausschreibungen regelmässig in unserer Facebook-Gruppe zu kommunizieren, sodass sich alle Interessierten anmelden können. Bei anderen Filmberufen wie Kamera ist es schwieriger, weil Kinder und Jugendliche ja nicht wie Erwachsene arbeiten können und dürfen. Trotzdem konnte Filmkid Noa 2017 einen Tag am Set von «Der Bestatter» als 2. Kameraassistent schnuppern. Die Crew war begeistert von ihm. Wir haben das für Noa möglich gemacht, weil er grosses Talent hat.

Gewiss mussten Sie auch schon Träume zerstören, etwa wenn ein Kind zwar will, aber nicht die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt. Gab es schon heikle Situationen?
Zum Glück müssen wir bei Filmkids keine Träume zerstören. Alle dürfen mitmachen. Die Träume werden eher durch Absagen nach Castings zerstört, aber genau da bieten wir ja Hilfe. Denn das Kind kann bei uns weiter an seinen Talenten arbeiten und weiterlernen. Sodass es dann vielleicht das nächste Mal klappt. Talent allein ist nicht das Entscheidende, ob man es in die professionelle Welt schafft – ein grosser Teil ist der eiserne Wille, dass man es wirklich will und bereit ist, dafür zu arbeiten und zu kämpfen.

Und wie sieht es mit Eltern aus, die ihr Kind allenfalls förmlich in diesen Bereich zwängen wollen?
Wir haben bisher kaum negative Erfahrungen gemacht. Es gibt Eltern, die sehr genau wissen wollen, was wir denn in den Kursen eigentlich machen – und das ist auch ihr gutes Recht. Ansonsten können wir ihnen vor allem die Sicherheit bieten, dass ihre Kinder bei uns von professionellen Schauspielern und Filmemachern unterrichtet werden, die begeistert sind, mit ihnen ihr Wissen und ihre Erfahrungen von grossen Produktionen zu teilen und die offen sind, alle Ideen und Träume der Kinder und Jugendlichen umzusetzen.

Filmkids-Produktion «The Real Thing»

Zum 10-Jahre-Jubiläum des Vereins hat filmkids.ch mit knapp 70 Jugendlichen, gecoacht von professionellen Filmschaffenden, einen abendfüllenden Spielfilm produziert. In diesem über ein Jahr dauernden Projekt haben die Jungfilmerinnen und -filmer einen Episoden-Spielfilm selber entwickelt und umgesetzt, der in fünf verschiedenen Genres – Drama, Fantasy, Comedy, Horror und Coming of Age – die Geschichte vom 16-jährigen Aussenseiter Phillip und seiner kuriosen Busreise ins Klassenlager erzählt.

Phillip ist neu in der Klasse und hat eine Schwäche für die süsse Yael. Doch er ist nicht der Einzige. Und in einer Zeit, in der alle und alles per Handy online verknüpft ist, lauert die Gefahr, den Blick auf das Wesentliche zu verlieren. So mischt Phillip in seinem Streben, Yael näher zu kommen, auf unheilvolle Weise echte und virtuelle Welten und gerät dabei immer mehr ins Abseits. Erst als er dahinterkommt, wie manipulierbar Daten von Usern sind, klärt sich sein Blick auf die Realität und es eröffnet sich ihm eine ungeahnte Chance.

Mehr Informationen unter www.filmkids.ch

erstellt von Marcel Baumgartner