Schüler managen ihre Mensa

Im Oberfränkischen Münschberg betreiben die Schüler eines Gymnasiums ihre eigene Kantine. Für dieses Engagement wurden sie mehrfach ausgezeichnet.

Manchmal ist Schule ein Zuckerschlecken: Das Pudding-Dessert krönt ein gutes Menü.

"Wie sagt man?", Carolin Strößner, 17 Jahre alt, 11. Klasse, hält den Teller mit der duftenden Hähnchenbrust fest und gibt ihn nicht aus der Hand. "Wie sagt man?", wiederholt sie, bis der Junge, der vor ihr steht, begriffen hat und ein "vielen Dank" murmelt. Endlich gibt sie ihm den Teller und er kann zu seinen Klassenkameraden an den Tisch. Münchberg in Oberfranken, Mittagszeit. Mit dem Pausenläuten nach der fünften Stunde füllt sich die Schulkantine des Gymnasiums. Wo gerade noch leises Klappern von der Theke und das sanfte Gebläse des Dampfgarers eine entspannte Atmosphäre erzeugten, hat nun quirliges Gewusel und aufgeregtes Gequatsche den Raum ergriffen. "Ich habe leider nicht vorbestellt", sagt ein Zwölftklässler, "und hätte trotzdem gerne ein Essen." Ihn trifft der strenge Blick von Lehrer Elmar Hofmann, der aus der Küche heraus die Szenerie im Auge behält. Natürlich bekommt der Hungrige sein Zigeunerschnitzel, so flexibel ist man immer in der laut einem Wettbewerb des Fernsehsenders Pro7 "besten Kantine Deutschlands".

Abspühlen ist Ehrensache
Das Besondere, was inzwischen nicht nur die Pro7-Jury überzeugte, ist nicht in erster Linie die Qualität des Essens. Die ist zwar gut, die Zutaten oft auch biologisch produziert; aber ein anständiges Kantinenessen können auch andere Schul- oder Betriebsküchen herstellen. Was das Münchberger Modell so einzigartig macht, ist das Engagement der Schüler. Es ist ihre eigene, selbst verwaltete Kantine. Sie haben von der Planung der Küche vor fünf Jahren bis zum heutigen Tag ein gewichtiges Wort mitzureden. Viele Schüler kommen, wenn sie am Vormittag eine Freistunde haben, um Zwiebeln zu schneiden, den Tisch zu decken oder sonst wie behilflich zu sein. Auch wenn sich manche zu Hause um den Abwasch drücken - in der Schule ist Abspülen Ehrensache.

Wer Elmar Hofmann sucht, braucht nicht im Sekretariat nachzufragen oder im Lehrerzimmer. Hofmann, Lehrer für Deutsch und Philosophie, steht in jeder freien Stunde in der Schulküche. Mal rädelt er Karotten, mal spricht er mit Schülern, mal klärt er mit der Betriebsleiterin Gabi Ruckdeschel die Abläufe der nächsten Tage. Hofmann, Mitglied der Schulleitung, hat die Schulküche als Lernort fürs Leben ausgemacht und jahrelang für eine solche Einrichtung gekämpft.

Talente entwickeln
Es geht Hofmann und seinen Kollegen um weit mehr als hungrige Mäuler zu stopfen. Bei allen unterschiedlichen Auffassungen über Lern - methoden und Schulkonzepte - in einem sind sich Pädagogen einig: gelernt wird immer dort am intensivsten, wo Schüler eigenes Erleben mit dem Lernstoff verbinden. Nicht erst seit den verheerenden Pisa-Ergebnissen wird darum in Kultusministerien und Lehrerseminaren an Konzepten gefeilt, wie Wissensvermittlung in kreative Prozesse umgesetzt werden kann. Einfach ausgedrückt: Wer Spaß beim Lernen hat, will mehr davon.

Oberflächlich betrachtet, entsteht am Gymnasium Münchberg jeden Tag nur ein Mit tagessen. Für Elmar Hofmann aber ist es viel mehr: "Die Schüler lernen Verantwortung zu übernehmen, kreativ zu sein, sich auszudrücken, einen Betrieb zu organisieren, vom Bestellsystem im Internet bis zur Monatsabrechnung."

An diesem Montag stehen drei Gerichte auf der Speisekarte: Hähnchenbrust an Zigeunersosse, Pangasius-Filet und ein Hamburger. Alles natürlich selbst zubereitet und zu einem für diese Qualität erstaunlich niedrigen Preis von zwei bis maximal vier Euro. Dazu Salat vom Büffet, so viel man möchte, und kostenlose Getränke. Öffentliche Zuschüsse für den Kantinenbetrieb erhält die Schule nicht.

Schüler haben die Tische herbstlich dekoriert, am Eingang erinnert ein Zettel mit den wichtigsten "12 Tischsitten" an mitteleuropäische Umgangsformen: "Das Messer ist kein Hackbeil, die Gabel kein Spaten, der Löffel keine Baggerschaufel." Mehr als 150 Essen werden hier pro Tag über die Theke gereicht, meist zur vollen Zufriedenheit der "Kundschaft". Die Schüler haben ihre Kantine "Pi-Kant" genannt - auch Bildung geht eben durch den Magen.

Als kurz nach 13 Uhr der Hochbetrieb einsetzt, ist alles bis ins Detail organisiert: Am Ausgang hat sich Carolin postiert, ihre Aufgabe: der "böse Blick". Verlässt jemand den Tisch, ohne ihn abgewischt zu haben, trifft ihn Carolins strafendes Auge. Keiner, der da nicht umdreht und den Lappen nimmt. An der Industriespülmaschine stehen jetzt drei Mädchen, nachdem sie zuvor schnell selbst gegessen haben, und reinigen im Akkord Teller und Besteck. Zwei Räume dahinter sitzen drei Zwölftklässler im Büro vor dem Computer und machen die Abrechnung des Tages.

Sanierung im laufenden Betrieb

"Wenn man das Ganze als Unterrichtsfach anbieten würde, wäre es sofort tot", ist sich Lehrer Hofmann sicher. So aber funktioniert es, weil es auf Freiwilligkeit basiert und weil mit der Kantinenleiterin Gabi Ruckdeschel eine Frau gefunden wurde, die mehr ist als eine gute Hauswirtschafterin. Ruckdeschel ist die Seele der Kantine, bei ihr können sich die Schüler auch mal über die Lehrer auslassen oder von ihrem Liebeskummer erzählen.

Erst vor wenigen Wochen hat das Küchen- Team seine renovierten Räume bezogen. Die Arbeiter, die den gesamten Schulkomplex sanieren, sind nun in den nächsten Bauabschnitt weitergezogen. Die Sanierung bei laufendem Schulbetrieb verlangt von allen Beteiligten Organisationstalent. Sind Prüfungen angesetzt, werden leisere Arbeiten verrichtet und die Anlieferung von Baumaterial so organisiert, dass sich niemand gestört fühlt. Dabei ist das Gymnasium Münchberg nur eine von insgesamt vier Schulen im Landkreis Hof, die von Bilfinger Berger derzeit saniert und später betrieben werden (ÖPP). Der Landkreis als Schulträger hätte die Baukosten von insgesamt rund 45 Millionen Euro kaum selbst aufbringen können. Erst die lang fristigen Verträge, die im Rahmen des ÖPP-Projekts mit Bilfinger Berger geschlossen wurden, ermöglichten überhaupt die Sanierung.

Die Mittagspause ist vorbei, die Edelstahlflächen der Küche sind blitzblank poliert. Gabi Ruckdeschel hat nur kurz Luft geholt, dann geht es weiter in ihrem Programm: Fünftklässler haben sich zu einem Kochkurs angemeldet. Fürs Leben lernen - in Münchberg ist das keine hohle Phrase.

erstellt von Philipp Mausshardt / Bilfinger Berger Magazin