Lasst es euch schmecken, Kinder!

Eine Studie zeigt: Britische Schulkinder wissen erschreckend wenig übers Essen. Auch an Schweizer Schulen ist das Thema Ernährung in den Hintergrund gerückt. Die Eltern sind gefordert. Doch wie bringt man sein Kind dazu, Früchte und Gemüse zu essen?

Du bist, was du isst - es gibt wohl kaum jemanden, der diesen Spruch nicht kennt. Aber was essen wir eigentlich? Woraus werden Nudeln gemacht, was steckt in Fischstäbchen? Viele britische Schüler können diese einfachen Fragen nicht beantworten. Erschreckend viele. So glaubt fast jeder Dritte, Käse werde aus Pflanzen gemacht. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie der britischen Ernährungsstiftung BNF (British Nutrition Foundation). Immerhin kennt der Grossteil die Ernährungsempfehlung, wonach ein Mensch fünf Portionen Früchte und Gemüse pro Tag zu sich nehmen sollte. Allerdings gab ein Viertel der Schülerinnen und Schüler zu, dass sie am Tag zuvor keine oder nur eine Portion von dem gesunden Grünzeug gegessen hatten.
 
Pausenapfel beliebter als Pausenkiosk
Wie sieht die Situation in der Schweiz aus? Auch hier essen nur 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen die empfohlene Menge an Früchten. Grundsätzlich stehen die Eltern in der Pflicht, ihrem Nachwuchs beizubringen, gesund zu essen. Dennoch sollte auch die Schule diesbezüglich eine Vorbildrolle einnehmen. Das tut sie nur teilweise, wie eine Befragung der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt. Insgesamt 916 Schulleiter aus 22 Kantonen gaben im vergangenen Jahr Auskunft zu den Themen Ernährung und Bewegung. Das Ergebnis: Im Vergleich zur ersten Erhebung im Jahr 2009 wird im Unterricht weniger über Essen und Sport gesprochen. Nur noch ein knappes Drittel der Schulen hat die Themen explizit im Lehrplan verankert - auf Primarebene im Fach "Mensch und Umwelt". Vor vier Jahren waren es noch doppelt so viele. Auch bei den Projekten sieht es nicht besser aus: Lediglich ein Drittel der befragten Schulen hat in den vergangenen drei Jahren entsprechende Aktionen durchgeführt. Unter den zehn häufigsten ist die Pausenapfelaktion (45 Prozent), gefolgt von "Schule.bewegt" (29 Prozent) und dem Pausenkiosk (18 Prozent). Dafür wird das Wassertrinken häufiger gefördert als noch 2009 - zum einen durch die kostenlose Bereitstellung von Trinkwasser, zum anderen durch die Thematisierung im Unterricht. Erstaunlich ist die Antwort der Schulleiter auf die Frage, welchen Themen sie welche Priorität einräumen. Ernährung kam gerade mal an siebter und damit drittletzter Stelle vor Suchtprävention und ? sexueller Aufklärung. Bewegung hingegen schaffte es auf Platz vier.

Ernährung macht Schule
Ähnlich wie 2009 ist knapp ein Drittel der befragten Schulen mit kantonalen Behörden in Kontakt. Zwischen den einzelnen Kantonen gibt es derweil Unterschiede. Im Kanton Thurgau beispielsweise haben 42 Prozent der Schulen in den vergangenen drei Jahren ein neues Projekt zur Ernährung und Bewegung umgesetzt, 44 Prozent betreiben einen eigenen Pausenkiosk. Im Kanton St. Gallen hingegen sei die Nachfrage nach einem Pausenkiosk zurückgegangen, wie Franziska Güttinger vom Amt für Gesundheitsvorsorge sagt: "Ein Pausenkiosk mit einem gesunden, ausgewogenen Znüniangebot ist eine gute Sache. Leider wollen viele diesen Aufwand nicht mehr betreiben." Bei manchen Schulen sei es auch so, dass eine engagierte Lehrperson pensioniert werde, die den Pausenkiosk über Jahre hinweg aufrechterhalten habe. "Und niemand führt ihn weiter." Der Kanton unterstützt das Projekt finanziell und stellt den Lehrpersonen Ordner mit Material zur Verfügung. Ebenso werden den Schulleitern Znüniflyer für die Schülerinnen und Schüler und deren Eltern abgegeben. Nebst dem Pausenkiosk unterstützt St. Gallen im Rahmen des kantonalen Aktionsprogramms "Gesundes Körpergewicht" auch die Projekte "Purzelbaum" und "Schnitz und drunder". "Purzelbaum", das ist ein Projekt für eine gezielte Bewegungsförderung und gesunde Ernährung im Kindergarten, "schnitz und drunder" ein Beratungsangebot für eine gesunde Verpflegung in Kindertagesstätten und an schulischen Mittagstischen.

Auch im Kanton Zürich erhalten die Schulen Flyer und Broschüren zum Thema Ernährung und Bewegung. Die Regierung gibt im Rahmen des Projekts "leichter leben" auf der Homepage www.leichter-leben-zh.ch Empfehlungen für Schulen und Eltern ab, zeigt Richtlinien für eine gesunde Pausenverpflegung auf. Ausserdem werden die Schulen regelmässig auf bestehende Angebote und Projekte aufmerksam gemacht. "Da es sich aber um Empfehlungen und freiwillige Angebote handelt, wissen wir nicht genau, ob und wie die Schulen die Projekte an ihrer Schule umsetzen", sagt Gisela Polloni Rohner, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. In Bern gibt es vom Kanton finanzierte Projekte wie "Purzelbaum", "Schule bewegt" und "Znünibox". Letzteres soll gesunde Zwischenmahlzeiten in Kindergärten und Schulen fördern.
 
"Essen ohne Druck und Zwang"
Fördern sollten Eltern gesunde Mahlzeiten auch zu Hause. Aber wie? So gerne würden sie dem Nachwuchs erklären, wie gesund Salat ist und wie lecker Rosenkohl sein kann. Doch die Chancen, dass die Kinder das auch glauben, sind gering. Stattdessen wird gestampft, getrotzt, der Teller vom Tisch geschoben und der Mund vehement zugepresst. Besonders Eltern, die auf gesunde Ernährung Wert legen, leiden unter dem täglichen Kampf, ihren Kindern wenigstens ein paar Vitamine unterzujubeln, statt immer nur Nudeln ohne alles oder Kartoffelbrei mit Fischstäbchen. Sie stehen vor der Frage: Wie bringe ich mein Kind nur dazu, doch mal etwas Gesundes oder Neues zu probieren? Eine Frage, mit der sich auch Ernährungsberater ? und Psychologen auseinandersetzen. Daniela Melone, Leiterin der Elternberatung von Pro Juventute, beispielsweise. "Wir schlagen in solchen Situation vor, dass es einen Versuch wert ist, wenn das Kind die Speise zwar probiert, aber wieder ausspucken darf, wenn es sie nicht runterschlucken kann. Viele Kinder lassen sich darauf ein. Wenn es gar nicht geht und das Kind zum Probieren gezwungen werden müsste, dann raten wir davon ab, weil Essen nicht mit Druck und Zwang in Verbindung gebracht werden soll." Die Eltern stellen aber auch andere Fragen. Fragen wie: "Wir machen uns Sorgen um unsere Tochter, die angefangen hat, auf ihr Gewicht zu achten". In dieser Situation rät Daniela Melone den Eltern, ihre Tochter zu beobachten und wenn nötig das Gespräch mit ihr zu suchen. "Dabei geht es nicht darum, die Tochter zum Essen zu drängen, sondern herauszufinden, was sie dazu bewegt, weniger zu essen. Wie geht es ihr, wenn sie nicht essen möchte?  Was braucht sie?" Geht es um grundsätzliche Ernährungsfragen, hält sich Daniela Melone bei ihrer Beratung an die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung:

Was machen Eltern für Erfahrungen?
Süsses essen, aber halt massvoll - das findet auch Marianne Botta Diener, Expertin für Kinderernährung: "Es gibt keine schlechten Lebensmittel, wenn sie nicht in zu grossen Mengen gegessen werden." Als Mutter von acht Kindern betreibt sie sozusagen täglich empirische Forschung am Familientisch. Naschereien gehören ebenso auf den Menüplan. "Kinder, die ab und zu sowohl Fast Food als auch Süssigkeiten oder anderes sogenannt Ungesundes bekommen, haben es nicht nötig, heimlich zu naschen. Weil Eltern ihnen solche Lebensmittel nicht ganz verbieten, üben sie keinen besonderen Reiz auf sie aus", so Marianne Botta Diener. Auch Fast Food könne einen Platz in der gesunden Ernährung haben. Entscheidend sei das Mass: "Meine Kinder trinken zu Hause Apfelsaft und Wasser, dürfen aber durchaus in einem Restaurant eine Cola trinken, damit sie es kennen." Eine falsche Ernährung entstehe nicht durch einzelne ungesunde Mahlzeiten, sondern durch zu viele Fehlgriffe in der Ernährung, meint die Expertin für Kinderernährung. Auch Rosmarie Eggimann, Geschäftsleiterin des Trägervereins der Berner Kinderkrippe KinderHut, erlaubt ihren Kindern zwischendurch Glace, ab und zu Schokolade oder Geburtstagskuchen, "damit sie solche Produkte kennen und nicht darauf verzichten müssen". Im Mama-Blog des "Tages-Anzeigers" tönt es ähnlich. Stefan Büchi beispielsweise schreibt: "Meine Kinder sind noch klein (4,5 und 2,5 Jahre), und sie essen zum Glück von sich aus gerne Früchte und Gemüse. Ich werde es wohl wie meine Eltern machen: All das süsse Zeugs ist erlaubt, aber nicht täglich und nur in kleinen Mengen. Denn es geht bei all den zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln nicht um das Prinzip, sondern um die Menge."

Tipps

  • Viel Wasser trinken: Von Wasser kann man nie genug kriegen. Es sollte zu jeder Mahlzeit und auch zwischendurch getrunken werden.
  • Fünf Portionen Früchte und Gemüse am Tag essen: Kinder haben die Wahl, die Vielfalt von Früchten und Gemüse zu entdecken. Früchte und Gemüse  sind zu den Hauptmahlzeiten  sowie als Snack zwischendurch  zu empfehlen.
  • Regelmässig essen: Für Kinder nach dem ersten Lebensjahr bis zum Eintritt in die Pubertät wird eine abwechslungsreiche Mischkost empfohlen. Konkret bedeutet das: Häufig kleine Mahlzeiten. Kinder brauchen zwei ausgewogene Zwischenmahlzeiten.
  • Beim Essen Bildschirm aus:  Das Essen sollte nicht vor dem Fernseher eingenommen werden. Bewegung ist wichtig: Vier bis  fünf Stunden täglich. Spielen, basteln, dem Bildschirm öfters den Rücken kehren und etwas anderes unternehmen, das Spass macht.
  • Essen und Trinken schlau auswählen: Abwechslungsreich essen ist wichtig. Fett- und zuckerreiche Lebensmittel sollten nur ab und zu und in kleinen Mengen genossen werden.

erstellt von Martina Kaiser