Kinder sollten sich Zeit zum Frühstücken nehmen!

Das Frühstück gilt als die wichtigste Mahlzeit des Tages, gerade für Schulkinder. Ernährungsberaterin Stéphanie Hochstrasser erklärt, warum das so ist, wie der perfekte Znüni aussieht und weshalb nicht alle Schulen eine Pausenverpflegung anbieten sollten.

Frau Hochstrasser, mehr Leistung durch Frühstück - stimmt das?
Untersuchungen haben gezeigt,  dass sich Kinder, die ein Frühstück zu  sich genommen haben, in der Schule  besser konzentrieren können als ihre Kollegen.

Warum gilt gerade das Frühstück als die wichtigste Mahlzeit des Tages?

Grundsätzlich ist jede Hauptmahlzeit wichtig. Ein regelmässiger Mahlzeitenrhythmus verhindert, dass das Kind in der Pause oder beim Mittagessen in ein Heisshungerloch fällt und dieses mit zu grossen Portionen oder sogar mit Süssem bekämpft. Weil in der Nacht die Energiespeicher unseres Körpers geleert und am Morgen wieder aufgefüllt werden müssen, spielt das Frühstück eine besonders wichtige Rolle.

Also sind Kinder, die frühstücken, intelligenter und dünner als andere?

Die Ernährung spielt sicher eine wichtige Rolle. Aber diesen Schluss daraus zu ziehen, scheint mir vielleicht etwas gewagt.

Woraus besteht das ideale Frühstück für ein Schulkind?

Das Frühstück beinhaltet idealerweise ein Glas Milch oder Tee, ein Getreideprodukt wie Brot oder Flocken, eine Frucht oder ein Gemüse und ein Milchprodukt, beispielsweise Joghurt oder Käse.
 
Jeden Tag das Gleiche zum  Frühstück - das finden die meisten Kinder wohl nicht so toll.  Gibt es gesunde Alternativen?
Abwechslung darf durchaus sein.  An einem Tag können es zum Beispiel auch mal ungezuckerte Flakes mit Milch und einem Glas Orangensaft sein, am anderen eine Tasse Tee mit Birchermüesli oder einem Stück Vollkornbrot mit Käse und Apfelstücken.

Wie lange sollte sich das Kind Zeit fürs Frühstück nehmen?

Es ist wichtig, dass man sich Zeit nimmt, gemeinsam an den Tisch zu sitzen. Das Frühstück sollte ohne Zeitdruck stattfinden. Wie viele Minuten das für das einzelne Kind bedeutet, ist sicherlich unterschiedlich.
 
Was, wenn das Kind am Morgen keinen Appetit hat?
Das Frühstück kann dann auch etwas später gegessen werden, wenn der Körper wacher ist und sich der Hunger bemerkbar macht. Idealerweise trinkt das Kind zu Hause ein Glas Milch oder Fruchtsaft. Das liefert bereits etwas Energie und versorgt den Körper mit Flüssigkeit. Den Rest des ausgewogenen Frühstücks nimmt es dann zum Znüni mit.
 
Und wie sieht der aus?
War das Frühstück reichhaltig, fällt der Znüni eher bescheiden aus und umgekehrt. Idealerweise besteht  ein Znüni aus wenig verarbeiteten Nahrungsmitteln wie ungezuckerten Getränken, Früchten und Gemüse, Getreideprodukten oder Milchprodukten wie Joghurt oder Käse. Der Znüni ist eine wichtige Ergänzung zum Frühstück, besonders dann, wenn das Kind nichts oder nur wenig gegessen hat. Ausserdem hilft es,  den Vormittag bis zum Mittagessen zu überbrücken und so Heisshunger beim Mittagessen vorzubeugen.

Was haben Sie selbst als Kind zum Frühstück und Znüni gegessen?

Meist Brot mit Butter und Konfi, dazu ein Glas Milch mit Kakao. Und zum Znüni oft eine Frucht oder Gemüsestängeli.

Apropos Gemüse: Was raten Sie Eltern, wenn das Kind gesundes Grünzeug verweigert?
Gehen Sie mit gutem Beispiel voran! Und versuchen Sie es immer wieder: Servieren Sie zu jeder Mahlzeit konsequent und selbstverständlich Gemüse. Bieten Sie Früchte in mundgerechte Stücke geschnitten an. Beziehen Sie die Kinder beim Kauf und der Zubereitung mit ein. Variieren Sie die Zubereitungsarten und verbinden Sie Gemüse mit anderen Komponenten - beispielsweise mit Risotto, Teigwaren oder Kartoffelstock.

Einige Familien schaffen es im Alltag nicht, sich um frisches, gesundes Essen zu kümmern.

Muss die Schule diese Pflicht übernehmen?
Kinder verbringen nur einen Teil des Tages in der Schule. Insbesondere zu den Essenszeiten sind die meisten von ihnen zu Hause. Es dürfte also schwierig sein, diese Aufgabe zu delegieren.

Sollte die Schule eine Pausenverpflegung anbieten?

Das würde ich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Denn hier spielt die Qualität der angebotenen Pausenverpflegung eine wichtige Rolle. Ist sie ausgewogen, ist das mit Sicherheit begrüssenswert. Werden hingegen lediglich energiereiche Snacks angeboten, ist davon eher abzuraten.

Warum essen unsere Kinder heute fetter und süsser als früher?

Was gegessen wird, hängt zu einem grossen Teil vom Angebot ab. Dieses hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert und ist markant gewachsen, wobei dies natürlich nicht nur fett- und zuckerreiche Snacks betrifft.

Wie wichtig ist es, dass zu Hause gemeinsam gegessen wird?
Mahlzeiten dienen nicht nur dazu, den Hunger zu stillen. Sie bieten auch die Gelegenheit, über Erlebtes zu sprechen und sich auszutauschen. Es sind Zeiten des Kontakts, aber auch Zeiten, in denen Kinder von den Eltern lernen, was ausgewogene Ernährung bedeutet.

Welche Tischrituale sind sinnvoll?

Jede Familie hat sicherlich ihre eigenen Wertvorstellungen. Sinnvoll scheint mir jedoch das Ritual, sich voll und ganz auf das Essen zu konzentrieren, also während des Essens den Fernseher auszuschalten, nicht zu spielen und auch nicht Zeitung zu lesen. Denn durch solche Ablenkungen wird das Sättigungsgefühl nur ungenügend wahrgenommen.

Wie war das damals bei Ihnen?
Ich musste von allem ein klein  wenig probieren und durfte nicht  mit vollem Mund sprechen.

Zur Person:
Stéphanie Hochstrasser ist dipl. Ernährungsberaterin FH bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). Die Dreissigjährige aus Dottikon betreut dort den Nutrinfo-Informationsdienst für Ernährungsfragen.

erstellt von Martina Kaiser