Keine Lust auf gesunde Ernährung?

Mikronährstoffversorgung von Schulkindern und Heranwachsenden

Schule, Hausaufgaben, Smartphone, Spielkonsole, mit Freunden und Freundinnen treffen, Fussball und Musikunterricht – diese oder ähnliche Aspekte prägen den typischen Alltag der meisten Jungen und Mädchen in Deutschland. Wichtig wäre zudem eine gesunde Ernährung. Jedoch stehen gesunde Lebensmittel wie Gemüse und Obst bei der Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen nicht hoch im Kurs. Da Kinder rationalen Argumenten gegenüber wenig aufgeschlossen sind, entscheidet bei ihnen in erster Linie der Geschmack, ob von einem Lebensmittel mehr oder weniger gegessen wird. Einige Vorlieben und Abneigungen sind angeboren: Eine Präferenz für Süsses und wahrscheinlich auch Salziges ist von Geburt an vorhanden. Mit Ausnahme der angeborenen Präferenzen beruht der Grossteil der späteren Geschmacksvorlieben und -abneigungen auf Lernerfahrungen: Tischsitten, familiäre Esskultur und eine entspannte Stimmung am Familientisch sind Faktoren, die die Ausprägung von Vorlieben und Abneigungen beim Essen entscheidend beeinflussen.

Wenige junge Fans von Vitaminen & Co.

Was dem subjektiven Eindruck vieler Erwachsener entspricht, lässt sich auch durch Untersuchungen faktisch belegen. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) empfiehlt Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren je nach Alter und Geschlecht einen täglichen Konsum zwischen 200 und 350 g Obst und Gemüse. Die so genannte EsKiMo-Studie1 im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys KiGGS2 zeigte 2006, dass aber nur wenige aus der Altersgruppe diese Vorgabe erfüllen. Mehr als 2.500 Mädchen und Jungen wurden nach ihrem Ernährungsverhalten befragt – mit dem ernüchternden Ergebnis, dass nur 19 Prozent der 6- bis 11-jährigen Mädchen und 15 Prozent der gleichaltrigen Jungen bzw. 25 Prozent der 12- bis 17-jährigen Mädchen und 16 Prozent der Jungen dieser Altersgruppe die Empfehlungen zum Obstkonsum erreichen.

Auch bezüglich des Gemüseverzehrs stellt sich das Verhalten von Schulkindern und Jugendlichen als Problem dar. Den Untersuchungsresultaten zufolge kamen nämlich in der Untergruppe der 6- bis 11-Jährigen lediglich 7 Prozent der Mädchen und 6 Prozent der Jungen auf die empfohlene Gemüsemenge. Mit 29 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen sieht es bei den 12- bis 17-Jährigen zwar etwas besser aus, doch erreichen dabei 48 Prozent der Jungen und 37 Prozent der Mädchen nur weniger als die Hälfte der Gemüseempfehlung. Dass vitaminreiche Kost nicht hoch im Kurs steht bei den Jüngeren, wird auf internationaler Ebene bestätigt. Denn dem so genannten HELENA-Forschungsprojekt3,4 (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescents) zufolge, das von 2005 bis 2008 durchgeführt wurde, haben die Heranwachsenden in der EU insgesamt wenig Freude an Gesundem auf dem Teller. Den Ergebnissen der Untersuchungen nach, in deren Rahmen Wissenschaftler in zehn europäischen Ländern die Gewohnheiten der Ernährung und das Ernährungswissen von mehr als 3.000 Jugendlichen abfragten, verzehren gerade einmal 13 bis 16 Prozent der Jugendlichen in Europa 200 Gramm oder mehr Gemüse und Obst am Tag.

Ernährungskompetenz lernen

Für eine positive Veränderung des Ernährungsverhaltens der Heranwachsenden gilt es, unerwünschtes Verhalten eher zu ignorieren, dafür aber erwünschtes Verhalten positiv zu verstärken und den Zugang zu „gesunden“ Lebensmitteln zu erleichtern. Kinder und Jugendliche müssen bei vielen Lebensmitteln erst auf den Geschmack kommen. Dabei ist es durchaus sinnvoll, wenn Eltern zuhause wiederholt gesunde Lebensmittel in verschiedenen Zubereitungsarten anbieten. Eintönigkeit bei der Lebensmittelauswahl (und auch in der Freizeitgestaltung) kann einen gesundheitsfördernden Lebensstil als Erwachsener verhindern.5 Die Eltern als Vorbilder und das Lernen am Modell nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Auch Schulen können einen grossen Einfluss haben, da sie für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Fixpunkt sind. Dafür bieten sich unterschiedliche Schulfächer an. Erst über neues Wissen lassen sich Einstellungen und schliesslich auch Verhaltensweisen verändern.

Ernährungserziehung muss dabei weit über isolierte Einzelaktionen hinausgehen. Programme in Schulen sollten altersgerecht und geschlechtsspezifisch angeboten werden und auf die unterschiedlichen Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen Rücksicht nehmen. Auch das soziale Umfeld und andere kulturelle Ernährungsgewohnheiten sind bei Interventionsprogrammen von Bedeutung. Immerhin hat die Kultusministerkonferenz im September 2013 beschlossen, dass die so genannte „Verbraucherbildung“ an Schulen, wozu auch die Themen Ernährung und Gesundheit zählen, verstärkt berücksichtigt wird.6 Dabei sei sie in den Unterricht eines oder mehrerer Unterrichtsfächer zu integrieren und könne auch ausserunterrichtliche Aktivitäten einschliessen sowie in Zusammenarbeit mit ausserschulischen Partnern erfolgen. Dass hier ein grosser Nachholbedarf besteht, wird durch Expertenanalysen zur bisherigen Ernährungs- und Gesundheitsbildung an Schulen unterstrichen.7 Demnach hat der ernährungsbezogene Unterricht, der in der Primarstufe an den Sachunterricht gekoppelt und in der Sekundarstufe I im Fach „Hauswirtschaft“ integriert ist, längst nicht alle Schüler erreicht. Und erhöhen sich die Wahlmöglichkeiten in der Sekundarstufe, konkurrierte die Kunde von der gesunden Ernährung mit für den Heranwachsenden meist attraktiveren Fächern wie zum Beispiel Informatik.

Ein „ganzheitlicher Ansatz“ sollte zudem über das Thema Ernährung hinausgehen und weitere gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (v. a. körperliche Aktivität) einschliessen. So können gesundheitsfördernde Verhaltensweisen verstärkt und Synergieeffekte geschaffen werden. Evaluationen von Ernährungsprogrammen an Schulen zeigen, dass sich das Ernährungswissen häufig verbessert, ohne dass entsprechende Verhaltensänderungen festgestellt werden können. Um gesundheitsförderliche Ernährungsgewohnheiten auszubauen, müssen daher auch Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Lebensmitteln erlernt werden. Ein Grossteil der heutigen Produkte ist verarbeitet und wird allenfalls erwärmt. Das Kochen wird dadurch verlernt. Ein „ganzheitliches“ Ernährungsprogramm umfasst also viel mehr als nur Information über die richtige Zusammensetzung des Speiseplans.8

Die Schulkantine: Durchgefallen?

Der eher nachlässigen Ernährungsweise von vielen Heranwachsenden in der Freizeit hat auch die Schulküche bislang kaum etwas entgegenzusetzen. Eine Untersuchung9 zur Akzeptanz des Essens in Schulen, die im Auftrag von Nestlé im Jahr 2010 unter 750 Ganztagesschülern und 750 Eltern durchgeführt wurde, ergab, dass die Schüler meist ein Gericht mit Fleisch oder Nudeln, aber kaum Obst wählten. Auf die Frage, worauf die Schüler Wert legen beim Schulessen, kommt „gesundes Essen“ erst an 13. Stelle, noch hinter dem Anspruch, dass das Mahl heiss sein soll. Die Hochschule Niederrhein kommt in einer anderen Studie zu dem Schluss, dass 9 von 10 Schulküchen – untersucht wurden insgesamt 200 Einrichtungen – Mängel wie ungesunde Gerichte und verkochtes Essen aufwiesen.10 Allerdings stehen die Anbieter von Schulessen auch vor einem Dilemma: Denn zum einen muss das Essen, so möchten es die Schulen und Eltern, gesund und lecker sein, zum anderen soll es aber nicht viel kosten.

Die Entwicklungsphase verlangt eine gute Mikronährstoffversorgung

Sicher ist eine gesunde Ernährung kein Kinderspiel, wo doch auch viele (wenn nicht die meisten) Erwachsenen Probleme haben, ihren Speiseplan ausgewogen zu gestalten. Eltern wissen aus täglicher Erfahrung, wie schwer es ist, ihren Nachwuchs zu einer bedarfsgerechten mikronährstoffreichen Kost zu bewegen. Und doch ist es notwendig, wie schliesslich auch der Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) aus dem Jahr 2012 beweist: Ihm zufolge weisen zum Beispiel sowohl die männliche als auch die weibliche Bevölkerung zwischen 15 und 19 Jahren eine besonders niedrige Vitamin-D-Versorgung auf. In dieser Altersgruppe wird auch die geringste Vitamin-E-Zufuhr beobachtet. Die Jugendlichen bilden das Schlusslicht bei der Vitamin-K-Zufuhr, und die Vitamin B2-, Phosphor-, Magnesium- und Jod-Zufuhr sind im Schnitt ebenfalls niedrig. Kurz: Es besteht dringend Handlungsbedarf zur Verbesserung der Situation bei Heranwachsenden, um eine ausreichend hohe Mikronährstoffzufuhr in dieser wichtigen Entwicklungsphase zu gewährleisten.

Quellen:
1) http://www.bmelv.de/cae/servlet/contentblob/378624/publicationFile/25912/EsKiMoStudie.pdf
2) http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/Basiserhebung/Basiserhebung_node.html
3) http://www.helenastudy.com
4) http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gesundheitspolitik_international/article/494322/jugendliche-europa-essen-obst.html
5) http://www.forum-ernaehrung.at/cms/feh/attachments/6/5/8/CH0089/CMS1147948784518/eh-2-2006-04.pdf
6) http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/kultusministerkonferenz-verbraucherbildung-an-schulen-steht-kuenftig-noch-staerker-im-mittelpunkt.html
7) http://www.ernaehrung-und-verbraucherbildung.de/docs/Ernaehrung_und_Schule.pdf
8) Winkler G et al.: 10 Regeln für Programme zur Ernährungserziehung in der Schule. Ernährungs-Umschau 6: B21-B28 (2004)
9) www.nestle.de/asset-library/documents/verantwortung/nestle%20studie/nestle_studie_2010_so_isst_schule_studie.pdf
10) www.zeit.de/2013/22/schulessen-ganztagsschulen

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