Wenn Kinder verstummen

Daheim plaudern sie putzmunter, aber in Kindergarten oder Schule ist kein Wort aus ihnen herauszubekommen. Kinder mit Mutismus verstummen dort, wo es aufs Sprechen ankommt. Doch mit Therapien lassen sie sich aus der Reserve locken.

Die siebenjährige Anna* spielt mit ihrer kleinen Schwester. Gekicher und Geschnatter dringen aus dem Kinderzimmer. Anna scheint auszuprobieren, was ihre Stimme alles hergibt: Mal hört man kraftvolle Zurufe, mal ein empörtes «Hey». Und immer wieder Lachen in allen Tonlagen. Anna, die Stimmgewaltige. Kaum zu glauben, dass dieses Mädchen früher keinen Ton herausbrachte, sobald es eine fremde Person in der Nähe wusste. Auch dann nicht, wenn es von anderen Kindern oder Erwachsenen angesprochen wurde. Allenfalls ein Kopfnicken oder Kopfschütteln war von Anna zu bekommen. Das Antworten übernahm meistens Annas Mutter, Nicole Surer* - obwohl es ihr manchmal unangenehm war, als Sprachrohr zu fungieren. Doch sie tat es, um ihr Kind zu schützen. Sie wollte vermeiden, dass es «blöd dastand.» Wo die Ursache für Annas Verstummen lag? «Mein Mann und ich sind eher ruhige Naturen, das kann sich aufs Kind übertragen», sagt die 39-Jährige. Doch hinter Annas Schweigen steckte mehr als Schüchternheit, das wurde im Kindergarten offensichtlich. Bald war klar, dass das Mädchen nicht automatisch auftauen würde.  So wie Anna reagieren viele mutistische Kinder, wenn sie zum ersten Mal ihr «Nest» verlassen müssen. «Sie verstummen, weil sie das Fremde nicht überwinden», sagt Klaus Schmeck, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Uni-Klinik in Basel. Die Mädchen und Buben können zwar sprechen, sie tun es aber nur mit vertrauten Menschen. Aber hinter der scheuen Fassade kann durchaus ein temperamentvolles oder oppositionelles Verhalten stecken, hat Klaus Schmeck beobachtet. In vertrauter Umgebung reden mutistische Kinder ungehemmt drauflos, gegenüber Fremden hingegen sind sie mucksmäuschenstill. «Anna sprach eine Zeit lang nicht einmal mit ihrer Grossmutter», erzählt Nicole Surer. In der Schweiz ist schätzungsweise eines von tausend Kindern von Mutismus betroffen. Bei Mädchen kommt das Verstummen häufiger vor als bei Buben. Fachleute sind sich einig: Frühe Hilfe ist wichtig, um Folgen wie soziale Isolation zu vermeiden. Dabei ist Geduld gefragt. Es können Monate vergehen, bis den Kindern ein erster Ton oder gar ein erstes Wort zu entlocken ist. Und die Therapien können sich bis zu zwei Jahre hinziehen. Auch Annas erstes gesprochenes Wort liess lange auf sich warten - in der Therapiestelle für Redestörungen, eine Einrichtung des logopädischen Dienstes der Stadt Zürich. Doch sie schaffte es noch vor ihrer Einschulung, und das war ein grosser Erfolg.

Lieber beobachten als mitmachen
Überhaupt macht Anna gute Fortschritte. Im Schulunterricht antwortet sie heute ohne zu zögern. «Sie meldet sich sogar selber», erzählt Nicole Surer. Gegenüber anderen Kindern ist das Mädchen aber nach wie vor zurückhaltend: Es beobachtet lieber als mitzumachen, und es verständigt sich meistens ohne Worte. Zwar grenzen die anderen Mädchen und Buben Anna nicht aus. Sie rufen sogar an, um sich mit ihr zu verabreden. Aber dann muss die Mama noch vermitteln. Nicole Surer hofft, dass auch Anna mit der Zeit zum Telefonhörer greift und andere Kinder zum Spielen einlädt: «Es wäre gut, wenn sie ein, zwei feste Freundinnen finden könnte.»  Stumm bleiben - für die 16-jährige Angelika Maurer* heute undenkbar. Sie konnte ihren Mutismus in einer mehrjährigen Therapie überwinden. Wurde sie früher angesprochen, verkroch sie sich hinter dem Rücken ihrer Mutter. Und das ständige Drängen, doch endlich mal zu antworten, wenn sie gefragt werde, liess ihr Schweigen nur noch beharrlicher werden. Heute verabredet sich Angelika ganz selbstverständlich mit Freunden, geht allein einkaufen. Neulich war sie beim Vorstellungsgespräch, und das verlief prima: Im Herbst fängt sie die Lehre als Coiffeuse an. Klar kämen von Verwandten oder Bekannten manchmal noch Sprüche wie: «Dort musst du dann aber den Mund aufmachen.» Doch Angelika nimmt es gelassen: Natürlich wird sie reden. Sie hat keinen Grund mehr, es nicht zu tun.

*alle Namen geändert

 

Was ist Mutismus?
Kinder mit elektivem Mutismus (auch selektiver Mutismus genannt) sprechen nur in bestimmten Situationen, in anderen bleiben sie stumm oder fast stumm. Das Verstummen hat nichts mit Sympathie oder Antipathie zu tun. Eindeutige Auslöser für Mutismus gibt es nicht. Ursachen können sein: 
 

  • Schüchterne Eltern oder Familien, in denen sehr wenig gesprochen wird. Auch ein ängstliches Naturell oder eine verzögerte Sprachentwicklung kann eine Rolle spielen. Einwandererkinder sind öfter von Mutismus betroffen. Sie haben Hemmungen, sich in der fremden Sprache auszudrücken.
  • Nur selten stecken traumatische Erlebnisse dahinter, etwa Misshandlung oder ein «Familiengeheimnis», das nicht ausgesprochen werden darf.

 


Mutismus beginnt meist zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr, häufig dann, wenn die Kinder in den Kindergarten oder die Schule kommen. Wenn sie dort nach einem Monat nicht auftauen, sollten Eltern hellhörig werden. Aufmerksame Erzieherinnen und Lehrer informieren Eltern über das andauernde Schweigen ihres Kindes. Aber oft wird die Störung nicht richtig oder erst spät diagnostiziert. «Jetzt warten Sie mal ab, das Kind fremdet halt, das gibt sich mit der Zeit», hören Eltern oft. Manchmal werden die Kinder gar als zurückgeblieben abgestempelt. Ein Irrtum: Die Kinder gleichen ihr Schweigen oft mit hervorragenden Schulleistungen aus. Bei der Abklärung helfen können Kinder- und Jugendpsychiater, der schulpsychologische oder der logopädische Dienst. Spezielle Therapien bieten auch Kinder- und Jugendpsychotherapeuten an. Eltern informieren sich am besten vorher, welche Angebote von der IV finanziert werden oder wo es Zusatzversicherungen bei der Krankenkasse braucht. In den Therapien lernen Kinder auf spielerische Weise, ihre Sprache einzusetzen. Sie brummen, knurren oder imitieren Tierstimmen. Oder sie sprechen auf Kassettenrekorder und hören das Band zusammen mit dem Therapeuten an. Die Kinder merken mit der Zeit, was ihre Stimme alles kann und dass sie sich ihrer nicht zu schämen brauchen. Bei einer Therapie ist es wichtig, dass Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer zusammenarbeiten.

Wie Eltern eine Sprachstörung erkennen
Nicht jedes Kind, das wenig spricht, muss gleich in die Therapie, sagt Barbara Zollinger, Logopädin und Entwicklungspsychologin am Zentrum für kleine Kinder in Winterthur.

Wie verläuft die Sprachentwicklung eines Kleinkindes?
Barbara Zollinger: Die ersten Wörter sprechen Kinder mit etwa 12 Monaten. Sie sagen «Mama» oder «Papa», nicht nur wegen der Bedeutung, auch weil es einfach auszusprechen ist. Zwischen 12 und 18 Monaten hat ein Kind 10 bis 20 Wörter im Repertoire, es sind noch viele Lautmalereien dabei. Auch das Wörtchen «nein» kommt hinzu - es ist zentral; das Kind entdeckt, dass es mit Sprache etwas bewirken kann. Zwischen 18 und 24 Monaten kommt es zum ersten Wortschatz-Spurt. In kurzer Zeit lernt das Kind 50, bald schon 200 Wörter und bildet erste Wortkombinationen. Zwischen zwei und drei Jahren werden die Sätze länger, die Wörter richtig aneinander gereiht. Kinder entdecken die Fragewörter - und lassen nicht locker, bis sie Antworten haben. Beim Wortschatz legen die Kinder nochmals zu, sie bauen ihn auf über 1000 Wörter aus. Am Ende des vierten Lebensjahres können sich Kinder fast korrekt in ihrer Muttersprache ausdrücken. Wobei ungefähr ein Viertel noch Schwierigkeiten hat, Laute wie «s», «sch» oder «r» richtig auszusprechen.

Woran erkennen Eltern, ob mit der Sprachentwicklung ihres Kindes etwas nicht stimmt?
Die Altersangaben können variieren. Es gibt Spätzünder, nicht jedes Kind, das wenig spricht, muss gleich zur Logopädin. Eltern sollten jedoch darauf achten, ob das Kind wirklich versteht, was man zu ihm sagt. Dabei helfen einfache Aufträge oder Fragen: «Gib mir bitte den Löffel!» oder «Wo ist deine Puppe?» Eltern können auch testen, ob das Kind Aufträge versteht, die nicht zur Situation passen: Wenn es beispielsweise am Tisch sitzt, kann man es auffordern, seine Jacke zu holen. Es gibt Kinder, die sich durchmogeln, vielleicht nur einzelne Schlüsselwörter verstehen und sich den Rest zusammenreimen. Andere haben sich Strategien zurechtgelegt: Sie sagen zu allem «ja» und tun das, was von der Situation her naheliegend ist. Hinweise auf eine Sprachstörung können darüber hinaus sein, wenn sich ein Kind nur schwer verständlich ausdrückt oder nur von den Eltern verstanden wird. Wenn es stark stottert oder in vielen Situationen verstummt. Oder wenn es in seiner Entwicklung lange stagniert.

Wie fördern Eltern die Sprachentwicklung ihrer Kinder?
Sicher nicht, indem sie pausenlos auf das Kind einreden. Bei Kindern entsteht so der Eindruck, Sprache ist wie Musik, ich werde ständig davon berieselt. Wichtig ist, die Lust am Kommunizieren zu fördern. Dazu gehört, den Kindern das Zuhören beizubringen und auch selbst gut zuzuhören, sich dafür zu interessieren, was das Kind einem sagen will. Und bei ihm die Lust zu fördern, sich auszudrücken und auszutauschen. Also nicht einfach Gegenstände
benennen, sondern sagen, wozu der Stuhl da ist. Und das Kind auffordern, etwas damit zu tun. So lernt es, Sprache mit bestimmten Handlungen zu verknüpfen.

Und wenn das Kind Fehler macht?
Fehler machen gehört zum Lernen. Nur sollte man das Kind nicht korrigieren oder auffordern, das Wort richtig auszusprechen. Besser ist, wenn Eltern das Gesagte korrekt wiederholen. Das Kind wird sich so die richtige Aussprache einprägen und mit der Zeit aneignen


Linktipps:
Zentrum für kleine Kinder: kinder.ch
Linksammlung von Fachstellen: kindersprache.ch
Interessengruppe Mutismus Schweiz: mutismus.ch 

 

 

erstellt von Vera Sohmer