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Wenn die Eltern schwierig werden...

Die Pubertät stellt Jugendliche und Eltern vor grosse Herausforderungen. Was passiert in dieser oft spannungsreichen Lebensphase? Wie sollten Eltern mit Konflikten und Problemen umgehen?

«Ich bin ernsthaft fertig wegen meiner Eltern. Es gibt keine Woche, wo wir nicht eine Auseinandersetzung haben. Ich bin 17 und werde demnächst 18. Doch meine Eltern behandeln mich noch immer wie 12. Nichts als Verbote. Nicht länger als bis Mitternacht in den Ausgang. Keine Übernachtungen bei meinem Freund usw. Es ist für mich unverständlich, wieso meine Eltern mich so behandeln. Sie wollen mich wohl vor schlechten Sachen behüten, dabei sperren sie mich ja geradewegs ein. Ich denke, ich bin ein vernünftiger Mensch und habe schon feste Pläne für meine Zukunft. Wenn ich nicht noch zur Schule ginge, könnte ich sicher auf eigenen Beinen stehen. Durch die ganzen Verbote meiner Eltern habe ich mich verändert. Und ich fühle mich längst nicht mehr als kleines Mädchen...» So schildert eine Schülerin auf einer Online-Plattform für Jugendliche, wie sie den Umgang mit ihren Eltern erlebt. «Mini» erzählt: «Ich bin 16 und kiffe ab und zu. Meine Mutter hat mich nun gestern das erste Mal deswegen geschlagen. Ansonsten hat sie mich noch nie geschlagen. Sie hat einfach immer herumgemeckert, wenn sie mich im Zimmer beim Grasrauchen erwischt hat. Am liebsten hätte ich zurückgeschlagen, was glaubt die denn.»

Körperliche, geistige und seelische Veränderungen
Stress mit den Eltern ist für viele Jugendliche ein Dauerthema in der Pubertät. Margot Kummer, Eltern- und Erwachsenenbildnerin VEB der Jugendfachstelle in Münsingen, kennt die Herausforderungen, die die Pubertät für Jugendliche wie auch für die Eltern mit sich bringt. Warum sind die Spannungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen in dieserPhase des Lebens besonders gross? «Die Kinder erleben in der Pubertät prägende Veränderungen auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene. Das ist für die Jugendlichen alles andere als einfach, weil sie gewisse Reaktionen gar nicht kontrollieren bzw. steuern können.» Auf körperlicher Ebene sind die Jugendlichen laut Margot Kummer dem sogenannten Hormonsturm ausgeliefert und erleben gleichzeitig grosse Veränderungen im Gehirn. Auf geistiger Ebene ist die Pubertät oft von einer Sinnsuche begleitet. «Das Kind lernt, die Zukunft in das Denken und Handeln mit einzubeziehen, über abstrakte Themen zu sprechen, Hypothesen aufzustellen und Schlüsse daraus zu ziehen », schildert Margot Kummer. Weiter möchten die Jugendlichen erfahren, wer sie sind und wie sie auf andere wirken. Ihr Umfeld mit Freunden und Gleichgesinnten gewinnt immer mehr an Bedeutung - zulasten der Familie. Neue Anschauungen und Eindrücke prasseln auf die Jugendlichen ein und prägen ihre Entwicklung. Neue Werte verdrängen jene der Eltern. «Eltern sollten deshalb versuchen, ihre Kinder loszulassen, auch wenn es um Werte und Meinungen geht. Ansonsten besteht die Gefahr einer völligen Ablehnung des Elternhauses», gibt Margot Kummer zu bedenken.

Die Folgen der Leistungs- und Konsumgesellschaft
Aber nicht nur die Eltern, auch die Gesellschaft macht den Jugendlichen das Leben nicht immer leicht. Die hohen Erwartungen und Anforderungen der heutigen Leistungsgesellschaft setzen die Jugendlichen unter Druck. Dies kann laut Margot Kummer bis zur totalen Verweigerung führen. «In unserer Gesellschaft gehen für die Jugendlichen zunehmend Freiräume verloren. Dabei brauchen sie die Möglichkeit, selber Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen. Leider sind heute viele Jugendliche überbehütet oder unterbetreut.» Wenn Kinder und Jugendliche den Anforderungen der Gesellschaft, die stark von Leistungsdenken und Konsum geprägt ist, nicht genügen, haben sie es schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, stellt Margot Kummer immer wieder fest. Hinzu kommt: In vielen Medien - die im Leben der Jugendlichen eine zentrale Rolle spielen - wird dieses Konsum- und Leistungsdenken täglich kommuniziert.

Schimpfen bringt nichts
Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. Für die Eltern ist die Pubertät ebenso eine Herausforderung wie für die Jugendlichen. Was es bedeutet, zwei Jungs (15 und 17) durch die Pubertät zu begleiten, erlebt derzeit Karin F. «Manchmal erkenne ich vor allem unseren jüngeren Sohn nicht mehr wieder. Er hat sich in den letzten Jahren stark verändert, sodass ich ihn immer häufiger nicht mehr verstehe, sprich, seine Gedanken nur noch mit Mühe nachvollziehen kann», erzählt Karin F. Das Leben ausserhalb der Familie sei für ihn plötzlich wichtiger als die eigeneFamilie, die gemäss der Mutter an Stellenwert und Einfluss verloren hat. Für regelmässige Reibungen zwischen Eltern und Söhnen sorgen der Ausgang am Wochenende, die Mediennutzung, Geld sowie der Konsum von Alkohol und Cannabis. «Vor allem unserjüngerer Sohn hat schon früh damit begonnen, die Grenzen auszuloten, manchmal auch ausserhalb der Legalität», erzählt Karin F. Dabei habe sie gemerkt: «Schimpfen bringt nichts. Besser ist es, mit ihnen darüber zu sprechen und sich für sie zu interessieren. Dann schafft man mit etwas Glück die Basis, um über die eigenen Ängste und Eindrücke zu sprechen. Meist enden die Diskussionen dann in einer vorübergehenden Kompromisslösung. Wichtig ist mir, dass die Schule und der Beruf nicht unter dem Verhalten meiner Söhne leiden. Das habe ich ihnen immer klar kommuniziert.»

Dialog innerhalb der Familie
Nicht alle Eltern reagieren gleich auf das Verhalten ihrer pubertierenden Kinder. Diese Erfahrung macht auch Margot Kummer: «Es gibt sehr engagierte Eltern,die sich dafür interessieren, wie andere Eltern mit den Herausforderungen der Pubertät umgehen, und sich dieser Herausforderung bewusst stellen. In diesem Sinne ist Elternsein ein Beruf, der jedoch in unserer Gesellschaft leider zu wenig unterstützt und getragen wird.» Wie sollten Eltern denn mit den Reibungen, Problemen und Fragen umgehen, denen sie während der Pubertät ihrer Kinder tagtäglich begegnen? «Es braucht einen Dialog innerhalb der Familie darüber, wohin der gemeinsame Weg als Eltern und Kinder gehen soll. Dieser Auseinandersetzung sollte man grosses Gewicht geben», rät Margot Kummer. Weiter sollten die Eltern stets die Rolle als Erzieher wahrnehmen, auch wenn es mal strub zu- und hergeht. Denn: Wer die Erziehung und Kommunikation zu den Kindern abbricht, wer sich nur noch anschweigt, verliert den Draht zu den Jugendlichen. «Diesen Draht sollten die Eltern bereits vor der Pubertät pflegen. Es sollte klar sein, was der Familie wichtig ist und welche Spielregeln einzuhalten sind.» Zu diesen Spielregeln gehören zum Beispiel banale Dinge wie das Einhalten der gemeinsamen Essenszeiten oder das Aufräumen der Zimmer. Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, den Jugendlichen das Recht zu geben, ihr Zimmer so zu pflegen und zu gestalten, wie es ihnen wohl darin ist. «Auf diese Weise gibt man eine gewisse Verantwortung an sie ab, kann aber auch Grenzen setzen. Ich empfehle den Eltern jeweils, sich auf vier bis fünf Werte zu beschränken. Diese gilt es, innerhalb der Familie zu kommunizieren und zu leben. Auch die Eltern müssen sich folglich daran halten », betont Margot Kummer.

Austausch mit anderen Eltern
Im Alltag mit ihren beiden Söhnen hat Karin F. gelernt, wie wichtig eine klare und respektvolle Kommunikation untereinander ist. «Ich hüte mich davor, den Chef rauszuhängen. Doch ich möchte ihnen auch kommunizieren, welche Verantwortung sie haben und welche die Eltern haben.» Dankbar ist die Mutter auch für den Austausch mit anderen Eltern. Dies gebe ihr einen gewissen Rückhalt und die Möglichkeit, die Herausforderungen rund um die Pubertät auch mal mit anderen Augen zu sehen. «Es ist schön, wenn man seine eigenen Erfahrungen einbringen kann und von anderen Eltern hört, dass sie Ähnliches durchmachen », sagt Karin F.

Linktipps
www.pubertaetverstehen.ch
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Pubertät als Forschungsthema
Wissenschaftler sind dem Phanomen auf der Spur, das das Leben von Teenagern und ihren Eltern so radikal auf den Kopf stellt: der Pubertat. Forscher am Aachener Klinikum haben Hunderte von Teenagern fur ein wissenschaftliches Experiment gewinnen konnen und in einen Hochleistungsscanner gelegt. Die entscheidende Erkenntnis, die die Forschung in Bezug auf die Pubertat erbracht hat, ist, dass sie langer dauert, als bisher gedacht. Die Hirnreifungsprozesse dauern scheinbar vom 15. bis zum 25. Lebensjahr, so Professor Michael Schulte-Markwort vom Universitatsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gefuhl und Verstand scheinen dabei in der Zeit der Reife nicht langer im Team zu arbeiten.

Der Bauch bestimmt den Rhythmus
In der Pubertat ubernimmt das Gefuhl das Kommando. Die jungen Wilden tun, was sie wollen, und sind partout nicht davon zu uberzeugen, was ihre Eltern fur richtig halten. Der Bauch bestimmt den Rhythmus des Lebens. Die Hirnforscher glauben, dafur eine Erklarung gefunden zu haben: Die neuronale ≪Baustelle≫ im Cortex ist namlich nur ein Faktor, der das Verhalten von Teenagern erklart. Ein stark erhohtes Wachstum von Nervenzellen findet auch im Emotionszentrum tief im Innern des Gehirns statt. Dort laufen die Prozesse noch rasanter ab, sodass das Zusammenspiel von Vernunft und Gefuhl noch weiter aus der Balance gerat, am weitesten im Alter von 14 bis 15 Jahren.

Langsame Jungs

Auch das Gehirnwachstum verlauft bei Madchen und Jungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Das mannliche Gehirn hat sein Wachstum zu einem noch spateren Zeitpunkt abgeschlossen als das weibliche. Das erklart teilweise auch, dass bestimmte Reaktionen bei Jungen noch impulsiver oder noch weniger kontrolliert sind als bei Madchen. Den Experten gelingt es immer besser, das ≪Auf und Ab≫ der Pubertat mit ihren ≪kleinen Unterschieden≫ zu verstehen. Die Jugendlichen konnen nicht anders - eine Erkenntnis, die dazu beitragen soll, sie besser zu verstehen. www.brainbus.ch 

erstellt von Fabrice Muller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz