Let`s talk about Sex - auch in der Schule

Sexuell aufgeklärte Kinder und Jugendliche entwickeln ein besseres Bewusstsein für ihren Körper und gehen selbstbestimmter mit ihrer Sexualität um. An Schweizer Schulen soll Sexualkunde zukünftig flächendeckend angeboten werden.

Wenn die Kinder mit konkreten Fragen rund um Liebe und Sexualität ankommen, tun sich immer noch viele Eltern und Lehrpersonen schwer. Kinder und Sexualität ein Thema, das bewegt und bei dem allzu oft Funkstille herrscht. Oftmals fehlt den Eltern das korrekte Wissen, zudem ist es vielen Müttern und Vätern unangenehm, über Sexualität und alles, was damit zusammenhängt, zu sprechen.

Idealerweise findet im Elternhaus die sexuelle Aufklärung statt. Dies ist jedoch leider oftmals nicht der Fall. Eine Studie, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Deutschland vor drei Jahren durchgeführt hat, zeigt auf, dass am häufigsten die Mutter die wichtigste Ansprechperson ist. Auch beim Thema Verhütung hat sich seit den 80er-Jahren einiges getan: Heute werden doppelt so viele Mädchen und Jungen von den Eltern zu Verhütungsfragen beraten. Der positive Effekt bleibt nicht aus. Die Jugendlichen verhüten häufiger als noch vor 25 Jahren. Trotzdem findet der erste Geschlechtsverkehr in der Hälfte aller Fälle ungeschützt statt, wie eine Umfrage des Bundesamts für Gesundheit BAG von 2004 zeigte.

Naiv und hemmungslos?
Ein offener Dialog über die «natürlichste Sache der Welt» würde zudem dazu beitragen, Mythen rund um das lockere Verhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu korrigieren. Medien vermitteln oft ein eher undifferenziertes Bild von Jugendlichen. So schrieb das Magazin «Der Spiegel» einen Bericht über «hilflose Lehrer und abgebrühte und ahnungslose Schüler». In Fachartikeln für Eltern findet man die Klage über die heutige Naivität der Jugendlichen im Umgang mit Sexualität. Auch kann man lesen, dass junge Menschen häufig ihren Sexualpartner wechseln. Dazu gesellt sich die neuste (deutsche) Statistik über die angestiegenen Schwangerschaften von Teenagern, die in der Schweiz selten vorkommen. Aufklärung tue darum not, vor allem in den Schulen, auch deshalb, weil Eltern das oft gar nicht leisten könnten, so das Fazit.

Sind Jugendliche heute wirklich so schlecht aufgeklärt, gar schlechter als eine Generation davor? Leben sie ihre Sexualität ungehemmt und naiv aus, ohne über Konsequenzen nachzudenken? Und welche Rolle kann die Sexualaufklärung hier leisten?

Sexuelle Aufklärung für Kinder und Jugendliche ist nötig. Darüber herrscht auch hierzulande Konsens unter Fachleuten. Die Befürchtung, eine frühe sexuelle Aufklärung führe auch zu frühen sexuellen Aktivitäten, konnte übrigens nicht belegt werden. Ganz im Gegenteil: Je mehr Wissen vermittelt wird, desto selbstsicherer geht das Kind mit seiner Sexualität, mit seinem Körper und seinen Gefühlen um. Aufgeklärte Jugendliche treten in der Gruppe selbstbewusster auf und sind in der Lage, selber zu entscheiden, zu welchen Schritten sie bereit oder nicht bereit sind. Und nicht zuletzt schützt Wissen und Selbstvertrauen auch vor sexuellen Übergriffen und so manch unüberlegter Handlung.

Jugendliche denken meist, sie seien gut aufgeklärt, allerdings stellen Sexualpädagogen/Sexualpädagoginnen bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen oder bei Schulbesuchen immer wieder fest, dass Jungen und Mädchen weniger gut Bescheid wissen, als sie denken. Sie wissen viel, aber nicht richtig. «Ein differenziertes Hintergrundwissen fehlt oft», stellt Lilo Gander von der Fachstelle für Sexualpädagogik «Lust und Frust» fest. «Es geht vor allem darum, Interpretationen, Halbwissen und Mythen zu korrigieren.» Viele sind falsch informiert über Fruchtbarkeit («Wenn man die Tage hat, kann man nicht schwanger werden») und Verhütung («Beim ersten Mal passiert nichts») oder auch über sexuell übertragbare Krankheiten («Ich sehe jemandem an, ob sie oder er HIV-positiv ist»).

Die Allgegenwart von Sexualität in Fernsehen, Internet und Zeitschriften verleite zudem viele Erwachsene dazu, zu glauben, man müsse gar nichts mehr erzählen, ergänzt Lilo Gander. Das Wissen der Jugendlichen habe sich vielmehr verlagert. «Wenn ich etwa Jungen frage, was ein Gang-Bang ist, wissen sie das sofort: Gruppensex. Aber mit dem Thema «Eisprung wissen sie gar nichts anzufangen», sagt Lukas Geiser, Sexualpädagoge bei «Lust und Frust».

Die Themen, die bei der Sexualerziehung angesprochen werden, gehen weit über das Biologische und Körperliche hinaus (siehe Interview). Lilo Gander: «Es geht vor allem auch um das Wahrnehmen von eigenen Bedürfnissen und Wünschen und das Erkennen von Grenzen bei sich und seinem Gegenüber. Das ist zentral für eine befriedigende Sexualität und das Leben von Beziehungen».

Verantwortungsvoller Umgang
Das düstere Bild, das vor allem Medien über unseren Nachwuchs malen, wollen die Sexualpädagogen allerdings nicht so stehen lassen. Gander: «Jugendliche sind nach wie vor interessiert, wie man eine Beziehung knüpft, flirtet etc. Auch wissen sie, dass Kondome vor HIV und Schwangerschaft schützen. Ein Grossteil der Jugendlichen kann zwischen gezeigter Sexualität (wie etwa im Internet) und ihrer Vorstellung über das erste Mal gut differenzieren».

In einer Studie der Jugendzeitschrift «Bravo» über Liebe, Körper, Sexualität, bei der Anfang 2009 etwa 1230 Jungen und Mädchen befragt wurden, zeigte sich ebenso, dass Jugendliche heute in vielen Dingen nicht so anders ticken als ihre Eltern. Da findet sich die gleiche Sehnsucht nach Romantik und Liebe, der gleiche Wunsch nach Bindung und Nähe, auch wenn heute bereits die Elfjährigen mit Schwärmereien nach Hause kommen und das Händchen-Halten früher anfängt. Die ersten intimen Erfahrungen wie intensives Küssen, Petting und Sex machen die Mädchen und Jungen hingegen nicht wesentlich früher. Das erste Mal erleben die Hälfte der Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren. Diese und andere Untersuchungen zeigen, dass die meisten Jungen und Mädchen durchaus in der Lage sind, differenziert und verantwortungsvoll mit ihrem Körper umzugehen. 

erstellt von Lioba Schneemann