Hilfe, mein Kind ist ein Opfer von Gewalt!

Der Umgang mit Gewalt stellt Eltern und Lehrpersonen oft vor grosse Herausforderungen. Gewaltprävention und frühzeitiges Eingreifen können Schlimmeres verhindern.

Was ist Gewalt? Wann beginnt sie, wo sind die Grenzen? «Gewalt beginnt schon im Kleinen, sprich dann, wenn zum Beispiel jemand bewusst ausgeschlossen wird», erklärt Thomas Richter vom Schweizerischen Institut für Gewaltprävention (SIG) in Balsthal. Auch Mobbing  und verbale Angriffe gelten als Gewaltakt. «Wir definieren in der Präventionsarbeit Gewalt wie folgt: Alles, was wehtut - sei es am Körper oder im Herzen - ist Gewalt; eine weitere Form von Gewalt sind Vandalismus oder Diebstahl, sprich Gewalt an privaten und öffentlichen Gütern. Von Mobbing sprechen wir, wenn jemand in kurzen Abständen immer wieder systematisch ausgeübten Gewalttaten ausgeliefert ist und sich nicht selber aus der Situation befreien kann.» Während körperliche Gewalt und aufgedeckte sexuelle Übergriffe heutzutage klar als Gewalttaten betrachtet und auch geahndet werden, finden andere Formen von Gewalt, wie etwa Mobbing, noch zu selten Beachtung. Dabei kommt laut Thomas Richter gerade Mobbing in sehr vielen Schulklassen vor und kann die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sehr negativ beeinflussen.

 Höhere Sensibilität
Die Strafurteilsstatistiken zeigen eine klare Zunahme von Gewalttaten, die durch Jugendliche ausgeübt und angezeigt wurden. Die Fachleute sind sich nicht einig, inwieweit auch die Anzeigebe-reitschaft und die Aufklärungsquote der Polizei zugenommen haben. Darum besteht nach wie vor keine Einigkeit darüber, ob bzw. in welchem Ausmass die Jugendgewalt in den vergangenen Jahren tatsächlich zugenommen hat. Unbestritten ist aber, dass die vorhandenen amtlichen Statistiken (siehe Statistik unten) nur einen Teil des Problems sichtbar werden lassen und eine erhebliche Dunkelziffer besteht.

 

Persönliche Faktoren
Die Ursachen von Gewalt unter Kindern und Jugendlichen sind vielfältig. Hier spielen zum Beispiel die persönlichen Faktoren eine Rolle, zu denen unter anderem mangelnde Konfliktfähigkeit, Selbstkontrolle und fehlendes Einfühlungsvermögen gehören. «Oftmals schlagen jene Kinder und Jugendlichen zu, die selbst zu Hause von ihren Eltern geschlagen werden. Auch die Art, wie die Erziehenden mit Konflikten umgehen, wird meist von den Kindern übernommen», berichtet Thomas Richter. Weiter sorge ein unkonsequenter Erziehungsstil, bei dem den Kindern keine Grenzen gesetzt werden, zu einer fehlenden Orientierung. Wichtig ist, dass die Erziehenden Gewalt konsequent ablehnen und sanktionieren. Die Schule ist für präventive Massnahmen sehr geeignet, weil alle Kinder und Eltern erreicht werden können.

 Ausgrenzung und berufliche Perspektiven
Auch gesellschaftliche Gründe führen zu mehr Gewalt. Fehlende Normen und Werte in einer individualistischen Gesellschaft mit wenig Zivilcourage sind der Gewalt laut Thomas Richter ebenfalls förderlich. Ein grosses Gewaltpotenzial geht von randständigen Gruppen aus, die schlecht integriert sind. In vielen Ländern, so auch in der Schweiz, sind davon vor allem Ausländer betroffen. Viele Buben wachsen heutzutage immer seltener mit ihrem Vater auf und haben auch in den Bildungseinrichtungen immer weniger mit Männern zu tun. Ihnen fehlt der Kontakt zu einem realistischen Männerbild. Deshalb entwickeln sie ihre eigenen Männlichkeitsideale gestützt auf Stars und Helden, die weit weg von der Realität liegen und oft eine Gewalt befürwortende Haltung einnehmen. Thomas Richter rät den männlichen Bezugspersonen, zu ihren Schwächen zu stehen, damit die Knaben vom Druck eines unrealistischen Männlichkeitsbildes befreit werden. Fehlen den Jugendlichen die beruflichen Perspektiven - z.B. bei der Lehrstellensuche, entlädt sich ihr Frust nicht selten in Gewalttaten. «Je mehr der erwähnten Risikofaktoren bei einem Kind bzw. Jugendlichen zusammenkommen, desto mehr neigt ein Mensch zu Gewalt», stellt Thomas Richter fest. So sind zum Beispiel Killerspiele alleine meistens nicht gewaltfördernd. Wenn jedoch noch andere Risikofaktoren dazukommen, können sie das «Zünglein an der Waage» spielen.

 Gesprächskultur pflegen
Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagieren, wenn ihre Kinder oder Schüler mit Gewalt konfrontiert werden? «Es ist wichtig, dass mit den Kindern eine Gesprächskultur gepflegt wird, in der diese ihre Probleme ansprechen können», rät Thomas Richter. Die Eltern sollten möglichst früh einschreiten, wenn ihr Kind von Gewalt betroffen ist. Die Kinder ihrerseits müssen lernen, mit Konflikten umzugehen und Zivilcourage zu zeigen. Wichtig ist laut Thomas Richter die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen. Neben der Diskussion über die Schulleistungen sollte regelmässig auch die Befindlichkeit des Kindes thematisiert werden. «Im Idealfall bilden Eltern und Lehrpersonen ein Team, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, wenn das Kind Opfer von Gewalt ist. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Lehrpersonen als Fachkräfte respektiert werden.» Eltern sollten bei Problemen an der Schule den Dienstweg einhalten und sich zuerst an die Lehrperson wenden. Erhalten die Eltern von den Lehrern keine Unterstützung, ist die nächste Instanz einzuschalten. «An den Schulen herrscht heute ein grosser Leistungsdruck. Die kopflastige Arbeit steht im Vordergrund. Dabei gehen weiche Faktoren wie Sozialkompetenzen gerne unter und werden oft von den Lehrpersonen auf freiwilliger Basis behandelt.» Thomas Richter ist der Ansicht, dass Gewaltprävention in jeder Schule betrieben werden sollte, auch wenn wenig (körperliche) Gewalt vorkommt - denn sie fördert entscheidende Konfliktkompetenzen.

Statistik zur Jugendgewalt
Wie die Statistik zur Jugendgewalt des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes EJPD von 2007 zeigt, sind die Zahlen bei der Körperverletzung und Drohung in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Die Gesamtzahl der Jugendstrafurteile wegen Gewaltdelikten hat in den Jahren 1999 bis 2006 von 1231 auf 2370 Verurteilungen jährlich zugenommen. Markant sind die Steigerungsraten insbesondere bei bestimmten Gewaltdelikten: So stieg beispielsweise die Zahl der einfachen Körperverletzungen von 289 im Jahr 1999 auf 636 im Jahr 2006. Setzt man die Anzahl der Verurteilungen zur Anzahl der Angehörigen der entsprechenden Wohnbevölkerung in Beziehung, so akzentuieren sich laut EJPD die Unterschiede: Bei verschiedenen Delikten werden jugendliche Ausländer mit Wohnsitz in der Schweiz um ein Mehrfaches häufiger straffällig als Schweizer ihrer Altersgruppe. ejpd.admin.ch (Stichwort Jugendgewalt)

 Mehr Infos und Kursangebote auf schule-elternhaus.ch

erstellt von Fabrice Müller