Wild Wild "Woodster"

Es gibt Materialien, die man nicht an erster Stelle mit einer Harley in Verbindung setzen würde. Holz zum Beispiel. Der Ostschweizer "Tüftler" Silvan Derungs nahm genau dies als Basis für den intensiven Umbau einer 1200-er XLH Sportster. Auch wenn sich im Ergebnis eine alte Holzscheune einer Bergregion widerspiegelt, ist keine Alphütten-Romantik erkennbar. Im Gegenteil: Die "Woodster" besticht durch einen geschliffenen Auftritt und würde sich durchaus auch gut vor einem Western-Saloon machen. Tradition trifft auf modernste Technik: Ein wahrer Männertraum.

Es ist absurd, aber irgendwie denkt man beim Anblick der "Woodster" an die verstaubten Strassen einer verlassenen Wild-West-Stadt. Während man auf ihr den Ortseingang passiert, weht hinter einem klischeemässig ein rollender Busch vorbei, und irgendwo schlägt zur Mittagsstunde eine Turmuhr zwölf Mal. Eine Maschine für echte Männer eben. Auf das geschilderte Bild angesprochen kann Silvan Derungs ein Lachen nicht verkneifen: "So habe ich das bisher noch gar nicht gesehen. Witzig, welche Assoziationen die Maschine weckt." Seine Gedanken kreisten bei der Entwicklung denn auch eher um die europäischen Bergtäler als um irgendwelche Geisterstädte im Amerika der Vergangenheit. Schon beim Kauf der Harley mit Jahrgang 1995 war für den Ostschweizer klar, dass er sie einem intensiven Umbau unterziehen würde. Derungs wollte dem Gefährt eine Optik verpassen, die es so noch nicht gab.

Holz am Bike

Solche Aufgabenstellungen liegen ihm. Der gelernte Schlosser studierte Innenarchitektur und gründete anschliessend mit zwei Geschäftspartnern die Firma "einfall7" mit Sitz in Oberbüren im Kanton St.Gallen. Dort ist seine Kreativität bei architektonischen Fragestellungen und im Möbelbau gefragt. Seiner zweiten Leidenschaft, der Umgestaltung von Autos und Bikes, geht er seit Jahren – wann immer er Freiraum findet – nach. Das anfängliche "Herumtüfteln" wurde im Laufe der Zeit zu einem intensiven Hobby. "Ziel ist es immer, etwas zu erschaffen, was es in dieser Art noch nicht auf den Strassen gibt. Von Form über Materialien bis zur Farbgebung", so Silvan Derungs, der bei dieser Tätigkeit unter dem Künstlernamen "artsilvan" auftritt.

Einzelanfertigungen von Teilen bis hin zu verschiedenen Airbrushes macht er selbst. Die notwendigen Maschinen dafür stehen in der Firmenwerkstatt. Dort wurde auch die Idee der "Woodster" geboren. Zur späten Stunde diskutierte Silvan Derungs mit seinem Geschäftspartner Samuel Huber über alle möglichen Materialen, deren Verwitterung und den Alterungsprozess. Fachsimpeln könnte man es nennen. Doch das Gespräch schweifte ab, und man fragte sich schliesslich, wieso eigentlich die meisten Harleys auch nach einem Umbau einen ähnlichen optischen Auftritt vorweisen. Die Antwort war schnell gefunden: Die meisten Kreativen setzen hierbei auf die immer gleichen Materialien. Es kam zur Aussage, die als erster Herzschlag des Projektes bezeichnet werden kann: "Holz am Bike. Eine Sportster mutiert zur ‚Woodster’".

Optische Visionen

Nach einer kurzen Recherche im Internet, um sicherzustellen, dass er sich nicht mit etwas bereits Realisiertem auseinandersetzt und der Holzwurm dereinst auch wirklich nur in seinem Bike nisten kann, machte sich Derungs an die Ausführung. Das Ziel des Designers war, die Optik einer alten Holzscheune in einer Bergregion in dem Gefährt widerspiegeln zu lassen. Holzschindeln, die an ein Dach erinnern. Kupferteile, die an die Spenglerarbeiten der Entwässerung anlehnen. Massive Holzteile, die Balkenlagen interpretieren. Und dies alles in einem authentischen Farbton, den die entsprechenden Materialien normalerweise erst nach Jahrzehnten durch Verwitterung und starke Sonnenbestrahlung erhalten würden.

Reduktion aufs Wesentliche

Erster Arbeitsschritt war die Demontage sämtlicher Teile ohne konkreten Nutzen. Die Maschine wurde gewissermassen auf das wesentliche Gerüst reduziert. Ebenso kürzte Silvan Derungs den hinteren Teil des Rahmens, womit die "Woodster" nun nur noch von einem Passagier "geritten" werden kann. Auch die Original-Stossdämpfer wurden ausgebaut und durch 10,5-Zoll progressive und mit Kupferblech überzogene Stossdämpfer ersetzt. Schritt für Schritt wurde die einstige Vision zur Realität.

Der Weg zum Endprodukt

"Der Tank wurde als erstes pulverbeschichtet, um die Korrosion des Stahls zu vermeiden", erklärt Derungs. Anschliessend wurde er in der hauseigenen Schreinerei mit Holzschindeln bestückt, die aus einem grossen Stück Eichenholz geschnitten und dann geschliffen wurden. So entstand die erwähnte Schindeln-Optik, die man so an einer Harley wohl noch nie gesehen hat. Überhaupt stecken bei der "Woodster" sehr viele Besonderheiten in den Details. Als Batterieabdeckung wurde ein Messingblech auf das Heckteil verschraubt, das sich bis in die Nähe des Tanks ausstreckt. Darüber ziert ein Sattel die Maschine, der von artsilvan gestaltet und in den USA gefertigt wurde. Ein weiterer Blickfang. Auffällig sind auch der Tacho und der Tourenzähler. Sie wurden mit einer selbst gefertigten zehn-eckigen Form – ebenfalls aus Eichenholz – verkleidet und zu Teilen mit Airbrush in einem messingähnlichen Farbton gespritzt.

"Woodster" gibt den Ton an

Vom ästhetischen Gesichtspunkt her liess Derungs praktisch keinen Stein auf dem anderen. Wirklich zur Geltung kommt aber auch das schönste Gesamtkunstwerk nur, wenn es die passenden Töne spuckt. Deshalb ersetzte Silvan Derungs die Auspuffe durch Scraming Eagle Flöten, die der "Woodster" einen richtig satten Harley-Sound verleihen. Zum Abschluss hat er zudem sämtliche Chromteile am Bike verkupfern lassen und die Holzteile mit verschiedenen Beizen behandelt, bis sie die Optik einer alten Scheunen-Fassade erhielten.

"Die gehören auf die Strasse"

Die Anzahl Stunden, die er in die "Woodster" investiert hat, kann Silvan Derungs nicht genau beziffern. "Es waren unzählige. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Das Endergebnis übertrifft meine Erwartungen, die ich an dieses Projekt hatte." Ein Projekt unter Vielen. Zusammengefasst hat sie der Ostschweizer auf seiner Website, wo sie umfassend beschrieben werden. Sämtlich darauf zu findenden Objekte hat er selbst angeschafft, umgebaut und anschliessend zum Verkauf angeboten. Wie schmerzvoll ist es, sich von einem Fahrzeug zu trennen, in das er so viel Zeit gesteckt hat? "Die Käufer sind jeweils begeistert vom Ergebnis. Sie erkennen, dass sie mit sehr viel Liebe zum Detail umgestaltet wurde. Das macht es für mich einfacher, mich davon zu trennen." Und letztlich sei es nicht Sinn und Zweck, ein Gefährt in der Garage verstauben zu lassen. Derungs: "Die gehören auf die Strasse."

www.artsilvan.ch

erstellt von Marcel Baumgartner