Sicher unterwegs

Der Weg in den Kindergarten oder in die Schule ist mehr als nur eine Strecke von A nach B – hier schliessen Kinder Freundschaften und entdecken die Welt. Umso wichtiger ist deshalb Verkehrserziehung – von Anfang an!

Täglich werden im Schweizer Strassenverkehr vier Kinder verletzt. Strassenverkehrsunfälle sind die häufigste Todesursache bei Kindern. 30 Prozent aller Kinderunfälle geschehen auf dem Schulweg. Interessant ist, dass gleich viele Kinder zu Fuss wie als Mitfahrende im Auto verunfallen, obwohl die Kinder mehr Zeit zu Fuss im Strassenraum unterwegs sind. Positiv ist, dass seit den letzten 20 Jahren die Zahl der Unfälle und die Unfallschwere kontinuierlich abnehmen. Neben all den technischen Verbesserungen an Fahrzeugen und Infrastruktur – beispielsweise durch verkehrsberuhigende Massnahmen – sind zwei Faktoren für die sinkende Anzahl verletzter oder getöteter Kinder verantwortlich: Die Kinder halten sich weniger im Freien auf als früher, und sie werden vermehrt von den Eltern begleitet.

Kinder sind anders
Kinder reagieren anders, sind empfindlicher und verletzlicher als Erwachsene. Die Kenntnis über die Besonderheiten unserer Kinder ist daher Grundlage der Schulwegsicherung und einer kindergerechten Verkehrsplanung. Typische Verhaltensweisen von Kindern sind u. a., dass sie im Durchschnitt langsamer unterwegs sind als Erwachsene und dabei aber auch abrupt Richtung und Gehgeschwindigkeit ändern können. Sie verfügen über einen hohen Bewegungsdrang und sind stark von ihren Gefühlen beeinflusst. Ausserdem sind sie spontan und manchmal ungeduldig. Es kann vorkommen, dass sie ohne Beachtung des Verkehrs die Fahrbahn überqueren. Sie sind zwar unterwegs aufmerksam, jedoch lässt ihre Konzentration mit der Zeit nach. Aufgrund ihrer geringeren Körpergrösse haben Kinder auch eine andere Perspektive als Erwachsene und können nicht über fahrende oder parkende Autos hinwegschauen. Und weil ihr Körperschwerpunkt  höher liegt als bei Erwachsenen, können sie schnell die Balance verlieren. Auch die Wahrnehmung ist bei Kindern noch anders als bei Erwachsenen: Bis zum 10. Lebensjahr ist es vielen von ihnen nicht möglich, die Geschwindigkeit und Entfernung von Fahrzeugen einzuschätzen. Sie können sich schwer räumlich orientieren, zum Teil links und rechts noch nicht voneinander unterscheiden. Kinder verstehen nicht, dass ein  Auto nicht sofort anhalten kann und einen Bremsweg benötigt. Neben all diesen entwicklungsbedingten Besonderheiten der Kinder sind die strukturellen Bedingungen der Wohnumfelder wichtig: Wer sich bereits als kleines Kind unbegleitet im Wohnumfeld bewegen kann und sich an den langsam fahrenden Motorfahrzeugverkehr gewöhnen konnte, ist rascher fähig, den Weg in den Kindergarten oder in die Schule selbstständig zu gehen. 

Verkehrserziehung beginnt im Elternhaus
Kinder lernen am besten, wenn sie etwas selbst ausprobieren und unmittelbar erfahren dürfen. Sie lernen auch gut, wenn vertraute Personen wie die Eltern oder Grosseltern das richtige Verhalten vormachen und die Versuche der Kinder, etwas richtig zu machen, lobend kommentieren. Einige wichtige Regeln lassen sich aufstellen: Am Anfang reicht es, sicheres Verhalten im Strassenverkehr im Alltag nicht kommentarlos zu praktizieren, sondern es immer wieder zum Thema zu machen. Das Kind wird aufgefordert, gemeinsam mit den Eltern zu handeln. Es soll nach und nach zu selbstständigem Handeln aufgefordert und genau über seinen Leistungsstand beobachtet werden. 

Stehen bleiben als Grundübung
Von den ersten Schritten des Kindes an sollten Eltern im Strassenverkehr immer und überall da, wo Gefahren drohen könnten, stehen bleiben. Zweijährigen kann man schon erklären, warum man stehen bleibt und schaut. Dreijährige sollte man selbst in beide Richtungen schauen und dabei ihr eigenes Verhalten kommentieren lassen. Je älter das Kind wird, desto mehr kann ihm die Entscheidung zur Überquerung überlassen werden. An gefahrlosen Quartierstrassen kann das Queren der Fahrbahn geübt werden. Wenn das Kind am Trottoirrand angehalten hat, muss es zuerst nach links schauen. Von dort droht die grösste Gefahr. Dann mehrmals deutlich nach links und rechts, bis es sicher ist, dass die Fahrbahn frei ist. Zum Schluss noch einmal kurz nach links schauen und dann die Fahrbahn zügig – ohne zu rennen – geradeaus überqueren.  

Planen und üben ist das A und O
Der Weg zum Kindergarten oder in die Schule sollte von den Eltern und dem Kind gemeinsam geplant und festgelegt werden. Gewählt werden sollten insbesondere verkehrsarme Strassenzüge mit Geschwindigkeitsbeschränkungen, die gleichzeitig auch gute Sichtverhältnisse gewährleisten. Gut organisierte Gemeinden oder Schulen bieten Schulwegpläne an. Ausserdem ist es die Aufgabe der Gemeinden, ganze Quartiere schulwegsicher zu machen. Nach der Planung und Festlegung einer sicheren Route ist es wichtig, dass Eltern und Kinder den ausgesuchten Weg vor Beginn des Kindergartens oder der Schule mehrmals gemeinsam in beiden Richtungen begehen. 

Gut sichtbare Kleidung tragen
Die Zahl der Verkehrsunfälle auf Schulwegen steigt jeweils von Oktober bis Februar an. Bei Dunkelheit, Dämmerung und schlechten Wetterverhältnissen werden Kinder leichter übersehen. Helle Kleidung, das Sicherheitsdreieck sowie Reflektoren an Schulthek und Kleidung helfen, dass Kinder auch in der Dämmerung gut erkennbar sind. 

Aufgaben der Schulwegsicherung
Ziel der Schulwegsicherung muss es sein, dass Kinder den Schulweg möglichst ohne Angst und ohne Gefährdung zurücklegen können. Die Angst veranlasst jedoch viele Eltern, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren, nicht mehr draussen spielen zu lassen oder vermehrt zu begleiten. Diese Reaktion der Eltern ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, führt aber im Gesamteffekt nicht zu mehr Sicherheit: Kinder brauchen die Freiheit des Aufenthalts im öffentlichen Raum und auf dem Schulweg für die persönliche Entwicklung. Es ist belegt, dass Kinder, die nicht alleine ins Freie können, im Sprachverhalten, der Motorik, der Konfliktfähigkeit, der Selbstständigkeit und der Anzahl der Sozialkontakte zurückbleiben – verglichen mit Kindern, die selbstständig ins Freie können. Der Stundenplan im Kindergarten oder in der Schule diktiert einen fixen Tagesablauf. So bleibt dem Kind der Schulweg als einer der Freiräume, die es braucht:  Es unterliegt keiner direkten Eltern- oder Lehrerkontrolle. Schliesslich schliessen Kinder auf dem Schulweg auch Freundschaften und entdecken die Welt. Sie werden selbstständig und beweglich, lernen Situationen richtig einzuschätzen und bekommen Vertrauen in die eigene Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Sorgen wir als Eltern also dafür, dass unsere Kinder sicher zur Schule und sicher wieder nach Hause kommen!  

Kreative Lösungen für Schulwege
Die Eltern können die Schulwege zu Fuss selber organisieren: Dies ist mit wenig Aufwand möglich und in der Praxis vielfach erprobt. Die Kinder werden dabei unterstützt, den Schulweg in einer kleinen Gruppe gemeinsam zurückzulegen. Anfänglich werden die Kinder durch eine erwachsene Person begleitet. Voraussetzung ist die Selbstorganisation der Eltern. Diese Massnahme eignet sich vor allem, um die ersten Monate der Schulzeit abzudecken. Der Begleitservice kann dann schrittweise ausgedünnt werden und fällt mit der Zeit ganz weg. Wo die Selbstorganisation der Eltern nicht funktioniert, besteht die Möglichkeit, einen Pedibus – einen Autobus auf Füssen – einzurichten. Dieser funktioniert wie ein Schulbus. Er steuert nach festem Fahrplan bestimmte signalisierte Haltestellen an und führt die «zusteigenden» Kinder zur Schule und zurück. Auch der Pedibus ist als Übergangslösung zu betrachten. Die Broschüre «Sicher zu Fuss – sicher nach Hause» von Fussverkehr Schweiz beschreibt die Organisation eines Pedibus im Detail. Sie ist kostenlos downloadbar über www.fussverkehr.ch 

Altersgerecht üben
Die nachfolgenden Altersangaben sind als grobe Orientierungshilfe zu verstehen – jedes Kind ist unterschiedlich in seiner Entwicklung.

Ab 2 Jahren: Auf dem Trottoir gehen. Die sicherere Seite des Trottoirs ist innen – an Häusern und Gärten entlang. 
Ab 3 Jahren: Am Trottoirrand halten. Unterschiede zwischen Fussgängerbereich und Fahrbahn klarmachen. 
Ab 4 Jahren: Die Strasse überqueren. Ausschliesslich übersichtliche und wenig befahrene Strassen queren. 
Ab 5 Jahren: Am Fussgängerstreifen und Lichtsignal queren. Weg in den Kindergarten üben und im Wohnquartier allein unterwegs sein. 
Ab 6 Jahren: Zwischen Sichthindernissen die Strasse queren. 
«Kinder bis 10 Jahre können den Verkehr noch nicht zuverlässig einschätzen.»
«Kinder schliessen auf dem Schulweg Freundschaften und entdecken die Welt.»

Tipps für die Autofahrer

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erstellt von Pascal Regli