Auf 19 Frauen kommt ein Mann

Ob Kinderhort, Kindergarten oder Tagesbetreuung: Männer haben in Berufen rund um Kinder Seltenheitswert. Warum ist das so, wie wirkt es sich aus, und was kann getan werden, um die «Männer-Quote» zu erhöhen? Im Gespräch mit dem Sozialpädagogen Lu Decurtins, der sich für mehr Männer in der Kinderbetreuung ausspricht und engagiert.

Mehr Männer in die Kinderbetreuung – kurz: MAKI – ist ein Projekt von MenCare Schweiz. Das ursprünglich von männer.ch lancierte Projekt erhält Unterstützungsgelder vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) sowie vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Ziel ist, männliche Jugendliche und Männer für die professionelle Kinderbetreuung zu gewinnen. Projektleiter Lu Decurtins beschäftigt sich bereits seit den 1980er-Jahren mit Väter- und Männerfragen. Der studierte Sozialpädagoge ist Mitbegründer der Beratungs- und Informationsstelle mannebüro züri und selbst Vater von drei Kindern.

Lu Decurtins, heute beträgt der Männeranteil in der professionellen Kinderbetreuung nur rund fünf Prozent. Warum wählen kaum Männer einen solchen Beruf? Steigen die Zahlen zumindest?
Der Beruf ist auf den ersten Blick für Männer nicht attraktiv. Aufstiegschancen und Verdienst sind gering. Dies widerspricht dem Rollenbild und verhindert, dass sich mehr Männer überhaupt mit der Möglichkeit eines Care-Berufs auseinandersetzen. Gesicherte Zahlen gibt es leider nicht, doch sind sie tendenziell steigend. Wir haben das Ziel, den Männeranteil in den Kitas pro Jahr um ein Prozent zu steigern. Dies dürfte ohne Massnahmen wie Projekte und Kampagnen nicht erreichbar sein.

Gibt es Länder, in denen Männer in der professionellen Kinderbetreuung bereits zum Alltag gehören? Wo steht die Schweiz im europäischen Vergleich?
Der Männeranteil in Schweizer Kitas ist in etwa so hoch wie der in Schweden oder in Dänemark. Der Schweiz voraus sind insbesondere Holland, Norwegen und Deutschland. In Deutschland kann der Erfolg des landesweiten Projekts «Mehr Männer in Kitas» bisher vor allem im Rahmen der Ausbildung festgestellt werden. In Hamburg und in anderen Städten, die regionale Grossprojekte lancierten, ist der Zuwachs an Lernenden sehr deutlich. Länder wie Belgien, Grossbritannien, Irland, Portugal oder Italien verzeichnen einen weit tieferen Männeranteil in Kitas als die Schweiz.

Die öffentliche Hand unterstützt das MAKI-Projekt finanziell. Wie funktioniert das? Fliessen die Gelder, bis ein bestimmter Prozentsatz erreicht ist?

Leider nein. Für das MAKI-Projekt erhalten wir einen Projektbeitrag über die Finanzhilfen nach Gleichstellungsgesetz. Ein beziffertes Wirkungsziel gibt es nicht. Die Aufgaben und Ziele in den Teilprojekten sind klar definiert. Erst kürzlich haben wir leider eine vorläufige Absage vom EBG bekommen. Wir hatten zusätzliche Mittel für eine ergänzende Kampagne beantragt, die Männern den Kinderbetreuungsberuf nahebringen soll. Nun müssen wir nach anderen Wegen suchen, um das Vorhaben umzusetzen.

2014 nahmen die Stimmbürger die Pädophileninitiative klar an. Welche Auswirkungen hatte das für Männer in der professionellen Kinderbetreuung?

Professionelle in der Kinderbetreuung müssen sich dem Thema «Pauschale Verdächtigungen» beziehungsweise «Generalverdacht» stellen. Die Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz sowie mit Übergriffen ist sehr wichtig. Allerdings sollte sie beide Geschlechter miteinbeziehen. Und sinnvoller, als erst auf pauschale Verdächtigungen zu reagieren, ist es, im Voraus präventive Massnahmen zu ergreifen. Etwa transparente Regeln für alle sowie eine offene Kommunikation. Wir und andere Fachstellen wie Limita beraten Kitas dabei gerne.

Gibt es Kitas, die für Männer und Frauen andere Regelnaufstellen oder grundsätzlich keine Männer einstellen?

Ja, leider gibt es immer noch Kitas, die für Männer andere Regeln aufstellen als für Frauen. Es gibt auch Kitas, die gar keine Männer im Vorschulbereich anstellen. Jemanden einzig aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit auszuschliessen, finde ich gleichstellungspolitisch bedenklich. Eignet sich jemand für eine Tätigkeit, sollte diese Person unabhängig vom Geschlecht zum Bewerbungsverfahren zugelassen werden.

Studien legen nahe, dass auch Frauen von Pädophilie betroffen sind. Und Frauen sollen für rund zehn Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder verantwortlich sein. Warum geht die Öffentlichkeit immer nur von männlichen Tätern aus?

Dieses Thema ist stark tabuisiert. Nähe von Männern zu Kindern wird immer noch aufmerksamer beobachtet als Nähe von Frauen zu Kindern. Dadurch ist der Blick auch nicht so geschärft für Grenzüberschreitungen von Frauen.

Welche Folgen hat es, wenn Mädchen und Knaben in denersten Lebensjahren primär von Frauen betreut werden?

Dies ist ein vielschichtiges Thema. Sehr vereinfacht gesagt: Es besteht ein Mangel an nahen männlichen Rollenvorbildern. Für Jungs fehlt die direkte Rollenorientierung. Stattdessen eifern sie Filmfiguren, Wrestlern und anderen Supermännern nach. Mädchen fehlt der männliche Aspekt. Geschlechterbalancierte pädagogische Einrichtungen profitieren von unterschiedlichen Sichtweisen. Auch andere Ausprägungen von Heterogenität erweitern das Spektrum der Sicht- und Verhaltensweisen. Etwa Mitarbeitende verschiedener Altersgruppen oder aus unterschiedlichen Kulturen.

Apropos unterschiedliche Kulturen: Welche Rolle spielen die Eltern bei der Berufswahl? Sind Eltern heute noch skeptisch, wenn ihr Sohn in der professionellen Kinderbetreuung arbeiten will?

Teils sind Eltern skeptisch, ja. Vor allem auch, wenn in einer Familie die herkömmlichen Rollenbilder vorherrschen. Doch viele Eltern unterstützen ihren Sohn auch, wenn sie merken, dass der Beruf seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht.

ManCare

 

Redaktion: Tamara Jhonson