Glückskind oder Pechvogel?

Ob sich Kinder zu Pessimisten oder zu Optimisten entwickeln, liegt auch in der Hand der Eltern. Wie vermittelt man Töchtern und Söhnen eine mutige und hoffnungsvolle Lebenseinstellung?

Familie Berger ist am Wandern. Mutter Irene deutet unterwegs auf ein Berggasthaus in einiger Entfernung: «Schaut, bis dorthin müssen wir noch laufen. Da gibt es etwas zu essen und zu trinken.» Der sechsjährige Severin kommentiert missmutig: «Mhhh, so weit ist das noch?» Sein achtjähriger Bruder freut sich: «Juhu, gleich sind wir dort!» Dieselbe Wanderstrecke beurteilen ein optimistisch und ein pessimistisch eingestelltes Kind sehr unterschiedlich. Die Wissenschaft erkennt in ihnen zwei gegensätzliche Persönlichkeitstypen: Sogenannte «high hopers» sind überzeugt, dass sie allfällige Schwierigkeiten in irgendeiner Weise meistern werden. Im Gegensatz dazu machen sich «low hopers» eher auf Unannehmlichkeiten und auf ihr Scheitern gefasst. Mit anderen Worten: optimistisch eingestellte Menschen empfinden sich als Mitgestalter ihres Schicksals, Pessimisten dagegen als dessen Opfer und Spielball. Wie ein wissenschaftliches Experiment zeigte, erleben Optimisten nicht weniger Missgeschicke als Pessimisten, aber sie unternehmen mehr Versuche, den Erfolg herbeizuführen. Rückschläge sind für sie weniger Grund zur Resignation, sondern Anlass, nach weiteren Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Temperament ist angelegt

Lange Zeit galt in der Pädagogik die Lehrmeinung, Kinder würden sozusagen als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommen. Ihre spätere Persönlichkeit sei das Resultat frühkindlicher Erfahrungen sowie der Erziehung. Wie man heute weiss, werden Kinder bereits mit Prägungen ihres Temperaments geboren. Rund ein Drittel zeigt vorwiegend eine positive Grundstimmung, ein weiteres Drittel ist emotional weniger ausgeglichen und öfters missgestimmt, die restlichen pendeln zwischen beiden Polen hin und her. Laut Untersuchungen hängt es wesentlich von den Einflüssen des Umfeldes und der Bezugspersonen ab, wie sich diese Anlagen entwickeln. Wirkt die Umgebung fördernd, motivierend und respektierend, so stehen die Chancen gut, dass eine Person heranwächst, die an ihre eigenen Fähigkeiten glaubt und diese realistisch einschätzen kann. Sie kann rasch positive Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und mit ihnen gemeinsame Ziele erreichen. Erlebt das Kind dagegen häufig Überforderungssituationen und wenig stabile Beziehungen, wird es auf unbekannte Personen sehr zurückhaltend reagieren und sich schnell entmutigen lassen. Es vertraut sich und seiner Umgebung weniger.

Die Entwicklung beginnt früh

Im Mutterbauch erlebt das werdende Baby Geborgenheit, ihm fehlt es an nichts. Erst nach der Geburt macht es erste Erfahrungen mit unangenehmen Reizen wie Hunger, Kälte, Lärm, intensiver Helligkeit, Bauchkrämpfen und weiteren  Beschwerden. Auf Unwohlsein haben kleine Kinder vorerst nur eine Möglichkeit der Reaktion: Wimmern und Schreien. Wird seitens der Eltern immer wieder darauf eingegangen, fühlt es sich fürsorglich betreut. Es erlebt seine Umgebung als einen positiven und sicheren Platz, an dem es umsorgt wird. Es erfährt zudem, dass seine ersten Handlungen, Weinen, wirkungsvoll sind. Es verinnerlicht, Situationen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein, sondern zu deren Verbesserung beitragen zu können.

Im Laufe seines Wachstums erweitert sich die Welt des kleinen Menschen immer mehr. Im Krabbelstadium sammelt es erste Erfahrungen mit der räumlichen Distanz von der Mutter. Dabei ist die Haltung, die sie vermittelt, nicht unerheblich: ermuntert sie das Kind, erste kleine Ausflüge zu unternehmen und dabei seine Neugier zu stillen? Oder macht sie es ständig ängstlich auf alle möglichen drohenden Gefahren aufmerksam? Wie Wissenschaftler festgestellt haben, erforschen Kleinkinder mit einer stabilen Eltern-Kind-Beziehung ihre Umgebung länger und gründlicher und gewinnen damit mehr Kenntnisse über sie. Wenig stabile und verlässliche Mutter-Kind-Beziehungen führen eher zu einem weniger mutigen und weniger neugierigen Verhalten.

Zu viel entwertende Kritik

Forscher in den USA statteten eine Gruppe von Kindern mit Aufnahmegeräten aus. Nach zwei Wochen wurden die Botschaften, die die Versuchsteilnehmer von ihrer Umgebung gehört hatten, ausgewertet. Auf den Aufnahmen waren bis zu 85 Prozent Verbote und Kritik zu hören. Diese lautete: «Du genügst den Anforderungen nicht», «du bist nicht gut genug», «du musst dich ändern».

Diese ständigen Leitsätze helfen Kindern in ihrer Entwicklung wenig, sie benötigen das Gegenteil: häufige Bestätigung sowie die Erfahrung, dass ihre Bemühungen zu Erfolgen führen.

Mädchen und Buben müssen zudem lernen, ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Gemäss Untersuchungen neigen Kinder, die häufig Misserfolge erleben dazu, unrealistisch hohe Ziele anzustreben. Dadurch erleben sie weitere Fehlschläge, eine Negativspirale setzt ein: sie misstrauen zunehmend ihren Fähigkeiten, sie sind verunsichert und fixieren sich in der Rolle von Pechvögeln. Meistens hören sie von ihren Geschwistern und von ihren Mitschülern entsprechende hämische Kommentare, die sie zusätzlich entmutigen und ihr Bild von sich selber schwächen.

An Widerständen wachsen

Eltern sollten der Versuchung widerstehen, den Kindern zu viele widrige Situationen abzunehmen. Sie brauchen die Erfahrung, dass selbst knifflige Herausforderungen gelöst werden können – gelegentlich erst beim dritten oder vierten Versuch. Auf diese Weise entwickeln sie nach und nach Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit.

Ausprobieren gelingt selten, ohne dabei Fehler zu machen oder Rückschläge zu erleben. Eltern wirken dabei als Orientierung, sie können den Kindern vorleben, wie sie selber konstruktiv mit Fehlern umgehen, ohne die Verantwortung stets anderen zuzuschieben.

Im antiken Griechenland waren es für die Stoiker weniger die Dinge, die Menschen ängstigen, viel mehr sind es die Gedanken über die Dinge. Wenn Kinder demnach erleben, wie ihre Eltern auf Niederlagen und Missgeschicke mit Humor und Fantasie reagieren, reagieren sie selber auf eigene Probleme mit weniger Angst oder Wut. Eine schlechte Note in der Schule wird für sie Anlass, selber nach Möglichkeiten für mehr Lernerfolg zu forschen, statt zu resignieren oder über die Lehrperson zu schimpfen. 

So fördern Sie den Optimismus in Ihrem Kind

  • Ermutigen Sie Ihr Kind, neue Aktivitäten auszuprobieren, vielfältige Erfahrungen helfen beim Bewältigen von Schwierigkeiten.
  • Bewahren Sie Ihr Kind nicht ständig vor dem Scheitern. Wer selten Schwierigkeiten bewältigen muss, lernt kaum, sich nach Fehlschlägen wieder aufzurappeln.
  • Übermässige Ängstlichkeit der Eltern verunsichert Kinder, sprechen Sie nicht ständig darüber, was alles schiefgehen könnte.
  • Benennen Sie bei Ihrem Kind immer wieder Stärken und Kompetenzen, die Sie an ihm feststellen. Auf diese Weise lernt es seine eigenen Fähigkeiten besser kennen und entwickelt mehr Vertrauen in sie.
  • Achten Sie auf konstruktive Formulierungen, wenn Sie Ihr Kind ab und zu kritisieren, machen Sie ihm Vorschläge, was es besser machen kann. Standpauken bringen es nicht weiter.
  • In den ersten Lebensjahren sind die Eltern ausgeprägte Vorbilder, sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, wie Sie selber im Alltag Schwierigkeiten lösen.